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»Revolutionäre gehen nie in Pension.« Fidel Alejandro Castro Ruz

kritisch-lesen.de Nr. 37: Antifa anders machen!

Antifaschistischer Protest in Edinburgh
Foto: Mohammed Abushaban
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Deutschland im Herbst 2015: Willkommensinitiativen, Prominente, kleine und große Unternehmen, die Bundeskanzlerin, die Bahn, die Bild, alle wollen den Flüchtlingen helfen. Es scheint sich etwas geändert zu haben in dieser Gesellschaft: Deutschland einig Einwanderungsland − einig? Auf den Demonstrationen der Pegida in Dresden versammeln sich nach der Sommerpause wieder Tausende, um gegen Geflüchtete und gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes zu protestieren. Beinahe täglich brennen bundesweit geplante oder bereits eröffnete Flüchtlingsunterkünfte. In Arbeiterbezirken und Reichen-Ghettos organisieren sich Menschen, damit ja keine Flüchtlinge in ihre Nachbarschaft ziehen. Ob in bürgerlichem Gewand, im Tarnanzug des „besorgten Bürgers“ oder in Neonazi-Kluft: Es läuft derzeit bei den Rechten in Deutschland. Vor diesem Hintergrund erscheinen einige Fragen, die sich Linke in den vergangenen Jahren häufig gestellt haben, zunächst abwegig: Braucht es überhaupt noch eine Antifa-Bewegung, hat sich das "Konzept Antifa" überholt, haben wir uns zu intensiv mit der extremen Rechten beschäftigt? Und doch zeigen auch die aktuellen Entwicklungen, dass sich Antifa in einer Krise befindet. Die Organisation des Selbstschutzes gegen militante Neonazis, so wichtig sie ist, war zu lange für viele Gruppen Zweck genug. Eine wichtige Erkenntnis der bisherigen Debatte über Antifa ist für uns daher, dass die Dynamik der Gesellschaft im Mittelpunkt stehen muss, die ökonomischen und sozialen Verhältnisse Ausgangspunkt antifaschistischer Politik sein sollten. Wenn wir das ernst nehmen, was wären aktuell Aufgaben, vor dem die (Post-)Antifa-Bewegung steht?

Inmitten des vermeintlich offenen gesellschaftlichen Konflikts zwischen „Flüchtlingsgegnern“ und „Unterstützern“ gibt es bereits Versuche, einen Konsens zwischen beiden Lagern zu schaffen. Die Bundesregierung beschloss im Schatten von „Willkommenskultur“ und rassistischem Protest die Asylrechtsverschärfung und erklärte Staaten, in denen offenkundig Menschen rassistisch diskriminiert werden, zu sicheren Herkunftsstaaten. Diesen Konsensversuchen gilt es entschieden zu entgegnen. Auch reicht eine antifaschistische Praxis nicht aus, die bloß die rechte, rassistische Einstellung der einzelnen Person fokussiert. Es muss auch geschaut werden, wer von Rassismus profitiert. Es gibt bereits Vorstöße, den Mindestlohn auszuhebeln, um Flüchtlinge besser ausbeuten zu können. Unter den sich formierenden Rechten sind auch Menschen, die sich selbst in einer beschissenen sozialen Lage befinden und ihre Wut in die falsche Richtung kanalisieren. Und auch die Profiteure der Fluchtgründe geraten allgemein gerne aus dem Blick: Die deutsche Rüstungsindustrie verdient weiterhin fleißig am Krieg; im nahen und mittleren Osten richten Regime ihre Waffen auf ihre Bevölkerung; Imperialisten aus Ost und West mischen kräftig mit; von den Folgen von jahrhundertelanger weltweiter Ausbeutung von Mensch und Umwelt mal ganz abgesehen.

Antifaschismus hat sich keineswegs überholt, dennoch bedarf es einer grundlegenden Erneuerung − und einer Einbettung des Antifaschismus in eine allgemeine antirassistische, klassenkämpferische, internationalistische Praxis.

Mit dieser Ausgabe wird es eine neue Rubrik geben. In „Wiedergelesen“ besprechen unsere Autor_innen Klassiker kritischer Literatur und Wissenschaft. Damit wollen wir verschüttetes Wissen wieder ans Tageslicht holen und Werke auf ihre Aussagekraft im neuen historisch-gesellschaftlichen Kontext prüfen. Den Anfang machen Christin Bernhold und Christian Stache mit dem Hauptwerk des U.S.-amerikanischen Soziologen Immanuel Wallerstein „Das moderne Weltsystem“. In den vier Bänden dieses monumentalen Opus, die im englischen Original zwischen 1974 und 2011 erschienen sind, analysiert er die Geschichte des kapitalistischen Weltsystems von seinen Anfängen Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

Die nächste Ausgabe erscheint am 5. Januar und wird sich im Schwerpunkt mit dem Thema „Flucht und Asyl“ befassen. Wir stecken schon mitten in der Produktion. Parallel grübeln wir bereits über unsere 39. Ausgabe, die im April erscheinen wird. Darin wollen wir uns der EU widmen. Für Buchtipps, Rezensionsvorschläge und weitere Hinweise sind wir offen. Schreibt uns gerne: info[at]kritisch-lesen.de.

Zur aktuellen Ausgabe

Nur kurz zum 3. Oktober

Heute mal einen aufgeklärten absolutistischen Monarchisten zum Thema Nationalstolz:

"(...) Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen. (...)"

Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena Seite 381

nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick

ARGENTINIEN
21 Jahre nach dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Buenos Aires soll ein neuer Prozess für Aufklärung sorgen.

Ein ehemaliger Siemens-Manager hat sich am Mittwoch schuldig bekannt, in Argentinien Schmiergeld für Aufträge gezahlt zu haben. Dem vorangegangen war eine zehn Jahre lange Untersuchung, die bis in die Führungsspitze des deutschen Industriekonzerns reichte.

BRASILIEN
Am 1. Oktober tritt in Brasilien für rund acht Millionen Hausangestellte eine Verbesserung des Arbeitsrechts in Kraft, über die seit 2013 zwischen Regierung, Gewerkschaften und Parlament verhandelt wurde. Die Verfassungsänderung stellt Hausangestellte und ihre Gewerkschaften jedoch weiterhin nicht mit anderen Berufsgruppen gleich.

Menschenrechtskollektiv reicht in São Paulo Klage gegen VW wegen Verwicklung in Diktaturverbrechen ein. Konzern-Historiker nach Brasilien entsandt.

CHILE
In Chile bemühen sich feministische Gruppen sowie die Regierung um die Stärkung von Frauenrechten und die Anerkennung sexueller Vielfalt. Das dauert, zeitigt aber auch erste Erfolge.

KUBA
Der 3. Oktober ist ein Tag zum Feiern. Vor exakt 50 Jahren, am 3. Oktober 1965, wurde in Havanna die Kommunistische Partei Kubas gegründet. Damit war die Vereinigung der drei Organisationen abgeschlossen, die gemeinsam die von den USA gestützte Diktatur Fulgencio Batistas beendet hatten.

Kubas Präsident kritisiert vor den Vereinten Nationen gigantische Rüstungsausgaben und baut internationale Beziehungen seines Landes aus. Raúl Castro: "Die Welt wird immer auf die Stimme Kubas zählen können"

Die Präsidenten von Kuba und den USA, Raúl Castro und Barack Obama, sind am Dienstag am Rande der 70. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York zu einem direkten Treffen zusammengekommen.

MEXIKO
Tausende demonstrieren in Mexiko am Jahrestag des "Verschwindens" der 43 Studenten. Protest gegen neoliberale Reformen und Militarisierung. Mexikos Präsident weist Forderungen der Angehörigen nach eigenständiger Ermittlungseinheit zurück.

Auch ein Jahr nach dem "Verschwinden" von 43 Studenten setzen Eltern und Hochschüler ihren Kampf fort. Eine Reportage.

VENEZUELA
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat am Sonntag nach einem Treffen mit seinem guyanischen Amtskollegen David Granger am Rande der UN-Generalversammlung in New York bekannt gegeben, dass beide Länder wieder Botschafter entsenden.

Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 2. Oktober 2015

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