trueten.de

»Ich meine dass wir keine andern Herren brauchen, sondern keine!« Bertolt Brecht

Für die „Klempner-Azubis im ersten Ausbildungsjahr“ und die Kinder, denen die Regierung 25€ Zuschlag streicht. Und für alle anderen, denen das allmählich auf den Zeiger geht.

Erich Kästner 1961 Foto: von Basch Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

„Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.“

Erich Kästner, Gesang zwischen den Stühlen, 1932.

 

 

 

Anmerkung zum Titel:


1. Mai: Sie bauen den Sozialstaat ab – Wir bauen die Gewerkschaft auf

Das SharePic zeigt alle relevanten Eckdaten aus dem Textbeitrag zu den Aktivitäten der FAU am 1. Mai

Unter dem Motto »Sie bauen den Sozialstaat ab – Wir bauen die Gewerkschaft auf.« sind wir am 1. Mai in Stuttgart auf der Straße.

Wir treffen uns um 10:00 Uhr am Stadtteilzentrum Gasparitsch und bringen gemeinsam unser Material zur Demo und zeigen bei der Auftaktkundgebung am Marktplatz Präsenz.

Ab 11:30 Uhr laufen wir gemeinsam bei der Gewerkschaftsdemo mit, beginnend am Marktplatz.

Anschließend sind wir beim 1. Mai Fest im Stadtteilzentrum Gasparitsch.

Und um 17:00 Uhr startet dort die Stadtteildemo.

Quelle: FAU Stuttgart

1000 Krisen – eine Antwort: Sozialismus! Heraus zum revolutionären 1. Mai 2026!

Das SharePic zeigt das Plakat zum revolutionären 1. Mai 2026 in Stuttgart, sowie den Verweis auf die Webseite des Bündnisses sowie einen QR Code

Broschüre "Deine Rechte im Job" wieder erhältlich

Die Titelseite zeigt neben dam Logo der FAU den Text: "Deine Rechte im Job - eine Einführung ins Arbeitsrecht und erste Schritte des Organizing"
Titelseite der Broschüre
Die Broschüre "Deine Rechte im Job" der Freien Arbeiter*Innen Union (FAU) war einige Zeit vergriffen, ist jetzt aber wieder bei den Syndikaten der FAU erhältlich. In Stuttgart gibt es über die dortige FAU die Möglichkeit, sich sein Exemplar zu den Öffnungszeiten des Stadtteilzentrums Gasparitsch dort abzuholen.

Die Broschüre gibt kurzgefasst die wichtigten Informationen zu allgemeinen Rechten bei der Arbeit wieder und hilft bei der Erstorientierung im komlizierten Geflecht von Arbeitsrecht, Betriebsverfassungsgesetz und Tarifverträgen.
Inhaltsverzeichnis der Broschüre
Inhaltsverzeichnis der Broschüre


Aber auch hier gilt: Allein machen sie Dich ein, letzlich ist jedeR Beschäftigte gefordert, organisiert die erkämpften Rechte durchzusetzen und auch zu erweitern bis hin zu einer solidarischen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. An einer Organisierung in einer Gewerkschaft wie der FAU führt letztlich kein Weg vorbei.

Der verdrängte Kapitalismus. Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Wirtschaftspolitik

Das Bild zeigt das Buchcover
Sabine Nuss, Andrej Holm, Stephan Kaufmann, Antonella Muzzupappa & Ingo Stützle
Der verdrängte Kapitalismus
Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Wirtschaftspolitik. Ein Gesprächsband von Sabine Nuss
Veröffentlichung: 21. November 2025
Seiten: 168, Broschur
ISBN: 978-3-320-02433-8
14,00€
inkl. 7 % MwSt. kostenloser Versand
"Auf die zunehmende Bedrohung von rechts werden immer drängender Antworten gesucht. Eine davon lautet in jüngster Zeit: »Antifaschistische Wirtschaftspolitik«. (...) Auslöser dieser Forderung ist die Beobachtung, dass Menschen tendenziell eher rechts wählen, wenn aufgrund von wirtschaftlichen Krisen, Inflation und der Kürzung von Sozialausgaben Abstiegsängste und Unsicherheit zunehmen. In diesem Kontext stellen sich einige Fragen: Warum wählen die Menschen dann rechts und nicht links? Welche grundlegenden Fragen werden dabei gar nicht erst angesprochen? Welche Strukturen des Kapitalismus können Aufschluss darüber geben, welche Weltanschauungen im Alltagsbewusstsein anschlussfähiger sind? Vor diesem Hintergrund diskutiert Sabine Nuss die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer »antifaschistischen Wirtschaftspolitik« exemplarisch anhand von vier Maßnahmen – mit Andrej Holm (Mietendeckel), Stephan Kaufmann (Inflation), Antonella Muzzupappa (Investitionen) und Ingo Stützle (Vermögenssteuer)."

Aus dem Klappentext zum Gesprächsband von Sabine Nuss im Karl Dietz Verlag Berlin - siehe mehr Informationen und eine Leseprobe bei LabourNet

Berlin ist #unkürzbar

Das Foto von © Björn Obmann zeigt ein Übersichrtsfoto über die bunt gewürfelte Demo in einer Straße
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Der schwarz-rote Senat will einen massiven Kürzungshaushalt beschließen, der die Arbeit von sozialen, kulturellen, ökologischen und Jugendeinrichtungen gefährdet. Egal ob queere Jugendarbeit, Schutzräume für Frauen, Investitionen in Klima- und Hitzeschutz, Jugendarbeit, ökologische Projekte - teilweise sollen Budgets komplett gestrichen werden.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Dagegen protestierten am 10. Oktober 2025 etwa 1.500 Menschen. Auf Schildern forderten sie den Erhalt von Kultur, Soziale Arbeit, Jugendeinrichtungen und Klimaschutz. Ein #kürzbar-Block zeigte, worauf Berlin stattdessen verzichten könnte – Zaun um den Görli, A100, TVO, Olympia...

Zum ersten Mal durfte die Demo nicht wie geplant vor dem Abgeordnetenhaus starten. Begleitet wurde die Demo mit einem großen Polizeiaufgebot inklsuive Gefangenentransporter am Ende der Demo, das ebenfalls kürzbar gewesen wäre. Nach einem Bannerdrop vom Kulturforum versuchte die Polizei das große Aufgebot noch schnell zu rechtfertigen und nahm mehrere Personen auf dem Vorplatz fest, weil auf den Flyern kein Impressum abgedruckt war. Auch die Aktivist:innen auf der Dachterasse wurden festgenommen, kamen aber im Laufe des Abends wieder frei. Die Demo endete am Abend vor dem Roten Rathaus.

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

InterRebellium 01. The Estallido Social

Der erste Teil einer mehrteiligen Doku-Serie, InterRebellium 01. The Estallido Social, erzählt die Geschichte aus der Sicht von anarchistischen und antikolonialen Teilnehmer*innen des Aufstands von 2019 in den vom chilenischen Staat besetzten Gebieten.

Der Estallido Social (oder „soziale Explosion“) war ein Volksaufstand in den vom chilenischen Staat besetzten Gebieten, der am 18. Oktober 2019 durch eine Fahrpreiserhöhung um 30 Pesos ausgelöst wurde. Was mit einer von Studenten angeführten Kampagne gegen die Fahrpreiserhöhung begann, entwickelte sich schnell zu einem landesweiten Aufstand, der die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterte.

Dieser Aufstand entstand aus der langen Geschichte der Revolten im sogenannten Chile. Leider, wie die Teilnehmerin Yza uns erinnert, sind lange Geschichten der Revolte oft das Ergebnis langer Geschichten der Unterdrückung. Die Unterdrückung in diesen Gebieten reicht bis vor die Gründung des chilenischen Staates zurück, bis zur spanischen Invasion und Eroberung. Aber die moderne Ära beginnt mit dem Putsch von 1973, der Augusto Pinochet als Diktator einsetzte. Jahre neoliberaler Reformen führten zu einer desillusionierten und unorganisierten Arbeiterklasse. InterRebellium verfolgt die Wurzeln des Aufstands von 2019 bis zu den Studentenbewegungen der 2000er Jahre und den feministischen Bewegungen Mitte der 2010er Jahre sowie bis zum Widerstand der indigenen Bevölkerung während der gesamten Kolonialherrschaft. Die Bewegung übernahm auch Ideen und Taktiken von gleichzeitig stattfindenden Aufständen in Hongkong und Ecuador.

Monatelang lieferten sich Tausende von Menschen heftige Straßenkämpfe mit der Polizei und dem Militär, organisierten Unterstützungsnetzwerke für die Militanten an der Front, gründeten horizontal organisierte Nachbarschaftsversammlungen, beteiligten sich an Generalstreiks und verübten Brandanschläge und Sabotageakte gegen Symbole der Macht und multinationale Konzerne.

Der Estallido wurde schließlich durch eine Kombination aus brutaler staatlicher Repression, Reformversprechen und einer neuen Verfassung sowie einer ästhetischen Verschönerung der alten Symbole der Macht mit der Wahl des jungen Gabriel Boric von der neuen Linken eingedämmt. Als die Unruhen abklangen und viele bereit waren, innerhalb der staatlichen Bürokratie zu arbeiten, konnten Boric und die neue Linke ungehindert Koalitionen mit den gleichen Kräften bilden, die vor dem Estallido an der Macht waren, sodass viele der schlimmsten Täter der staatlichen Repression in ihren Positionen blieben. Eine Handvoll politischer Gefangener aus dem Estallido sind bis heute (April 2025) noch immer in Haft.

InterRebellium wird über die globale Welle von Revolten von 2018 bis 2020 berichten. Der Titel kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „zwischen den Aufständen“. Wir finden es wichtig, diese Zeit zwischen den Wellen zu nutzen, um unsere Erfahrungen weltweit auszutauschen und die letzte Welle zu analysieren, damit wir besser auf die nächste vorbereitet sind.


Ein cooles Wochenende bei Woodland Brutality oder: Ich war zum ersten Mal bei einem Schießwettbewerb

Das Foto zeigt eine Person in einem schwarzen Hoddie mit Helm und Gehörschutz, die hinter einem Baumstamm liegt, mit einer angeschlagenen Colt AR-15 ein nicht sichtbares Ziel im Visier.
Foto: Birds Before the Storm
Letztes Wochenende hab ich zum ersten Mal an einem Schießwettbewerb teilgenommen und bin nicht Letzte geworden, was echt cool ist. Ich hab weiter und schneller geschossen als je zuvor, was auch cool ist. Ich bin nicht disqualifiziert worden (was anscheinend leicht passieren kann, wenn man noch keine Erfahrung mit Wettkampfschießen hat), was ebenfalls cool ist. Und ich habe mehrere Tage im Wald verbracht, umgeben von Transfrauen in taktischen Hosen, die unter körperlicher Belastung mühelos bewegliche Ziele treffen können. Was, wie ihr wisst, echt cool ist.

Es war der „Woodland Brutality“-Wettkampf, veranstaltet von „InRangeTV“. „A Better Way 2A“ war vor Ort und hat kostenlos Snacks verteilt. Beide Organisationen setzen sich dafür ein, marginalisierten Gruppen den Zugang zu Waffenausbildung zu erleichtern, und vertreten die radikale Idee, dass der zweite Verfassungszusatz für alle gilt.

Um das klarzustellen: Das macht Woodland Brutality nicht zu einer spezifisch „linken“ Veranstaltung. Es basiert einfach auf einer Community, die sich für Inklusion und Akzeptanz einsetzt. Mürrische alte Cis-Männer haben meine Pronomen richtig verwendet. Ein 64-jähriger Schusswaffenausbilder, der eine Etappe nach der anderen des Wettkampfs gemeistert hat, hat mir nach meinem ersten erfolgreichen Schuss auf ein sich bewegendes Ziel ein paar nette Komplimente zu meinen Fortschritten gemacht.

Die Brutality-Wettkämpfe setzen sich für Inklusion und Akzeptanz ein, aber sie sind auch bestrebt, einige der körperlich anspruchsvollsten Schießwettbewerbe zu veranstalten, die man finden kann. In der ersten Runde musste ich Reifen und Munitionskisten hin und her schleppen und zwischendurch mit Pistole und Gewehr auf Ziele schießen. In einer anderen musste ich auf einer schwingenden Plattform liegen, bevor ich mich von Barrikade zu Barrikade bewegen, einen 150 Pfund schweren Dummy ziehen und dann zur schwingenden Plattform zurückkehren musste, um zu schießen. Die optionale „Kasarda-Herausforderung“ besteht darin, einen Kettlebell immer wieder zu werfen, während man sich auf dem Weg zum Ziel bewegt und auf ein Stahlziel schießt. Diese spezielle Etappe wird separat vom Rest des Wettkampfs gewertet, da die Organisatoren nicht wollen, dass die Kraft des Oberkörpers die Wertung übermäßig beeinflusst.

Eigentlich wollte ich nur zuschauen, aber mein Freund Karl, der Gründer, hat mich sanft dazu ermutigt, mitzumachen. Ich fand, dass „sanfte Ermutigung, sich zu schwierigen Dingen zu überwinden“ die Atmosphäre der ganzen Veranstaltung geprägt hat (andere Teilnehmer zogen es vor, währenddessen angefeuert zu werden. Jedem das Seine.). Also habe ich meine Ausrüstung und Waffen in meinen Van geladen und bin durch die wunderschönen Berge von West Virginia zum Schießstand gefahren. Als ich an Schildern mit Aufschriften wie „Schusswaffen im Einsatz: Betreten verboten, Lebensgefahr“ vorbeifuhr, dachte ich mir: „Hoffentlich bin ich hier richtig.“

Ich hatte Glück, dass Karl der Erste war, den ich sah, als ich ankam. Er schoss das ganze Match mit Lever-Action-Gewehren, gekleidet in einem perfekten Outfit aus der Schlacht von Blair Mountain, mit Latzhose und Hemd. Eine schöne Hommage an West Virginia, wo vor hundert Jahren Arbeiter gegen ihre Besitzer in den Krieg zogen, die sie niederschossen.

Ich wollte mitmachen, hatte aber ein Problem: Da ich nicht weit sehen kann, war keines meiner Gewehre richtig eingestellt. Karl schleppte eine Stahlscheibe zum Ende einer der vielen Schießstände und half mir geduldig, nicht nur das Gewehr, mit dem ich antrat (ein billiges, aber zuverlässiges AR-15-Karabinergewehr mit einem Leuchtpunktvisier und ohne Vergrößerung), sondern auch mein 308er Repetiergewehr für Hirsche und das 22er Magnum-Repetiergewehr für Raubzeug, mit dem mein Vater vor meiner Geburt Murmeltiere schoss, als er aus der Marine kam und eine Zeit lang auf einer Farm lebte, einzustellen. Wer mich kennt, wird nicht überrascht sein, dass diese 22er bei weitem meine Lieblingswaffe ist. Sie ist nur nichts für Wettkämpfe.

Nachdem alles eingestellt war, machten wir uns auf den Weg zum Schießen. Die acht Etappen waren über eine etwa 1,5 km lange Schotterstraße verteilt, die durch das Gelände führt, und die meisten Leute fuhren von Etappe zu Etappe. (Die Teilnehmer der Hardcore-„Trooper“-Division des Wettbewerbs müssen ihre gesamte Ausrüstung zu Fuß tragen und dürfen während des gesamten Wochenendes außer Wasser nichts nachfüllen.)

Die allererste Etappe war die bereits erwähnte „Runde mit Reifen und Munitionskisten, bei der man zwischendurch auf Ziele schießen musste“, und ich habe sofort zwei Dinge gelernt: Erstens, dass ich mit meinem Gewehr ganz gut schießen kann, und zweitens, dass ich mehr Übung im Schießen mit einer Handfeuerwaffe auf große Entfernungen brauche. Ich habe eine Patrone nach der anderen verschossen, als ich auf zwei torsohohe Stahlziele in 40 Metern Entfernung schoss, und ich habe es nur bis zur Hälfte der Etappe geschafft, bevor der Summer ertönte und meine Zeit abgelaufen war.

Ich hatte so oft daneben geschossen, dass ich Karl meine Pistole gab und ihn bat, zu beweisen, dass das Problem bei mir lag und nicht bei der Waffe. Er schoss schnell drei Mal und traf drei Mal. Wie ich vermutet hatte, lag das Problem bei mir.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich keine Erfahrung im Wettkampfschießen habe und dass 40 Meter weiter sind, als ich jemals mit einer Handfeuerwaffe geschossen habe. Ich schieße schon seit einer Weile (ich habe vor Jahren meinen Waffenschein bekommen, nachdem Nazis mich doxxed haben und mir Fotos meiner Familie geschickt haben), aber meine ganze Erfahrung konzentriert sich entweder auf die Verteidigung der Gemeinschaft (weshalb ich mit einem Gewehr passabel bin) oder auf Selbstverteidigung durch verdeckte Trageweise (die meisten Kurse konzentrieren sich auf Schüsse aus etwa 10 Metern Entfernung, nicht aus 40 Metern).

Ich will meine Erfahrung mit Gemeinschafts- oder Selbstverteidigung auch nicht überbewerten. Ich bin ein professioneller Dilettant. Aber die Experten für Gemeinschaftsverteidigung, denen ich vertraue (wie Yellow Peril Tactical), sagen immer wieder: Wenn du besser in der Gemeinschaftsverteidigung werden willst, fang mit Wettkämpfen an. Es stellt sich heraus, dass sie Recht haben, was nicht überraschend ist. Auf den Schießstand zu gehen, still zu stehen und auf Papier- oder Stahlziele zu schießen, ist eine gute Möglichkeit, die grundlegenden Fertigkeiten nicht völlig einzurosten, aber viel weiter bringt es einen nicht.

Ich ging mit der Erwartung in den Wettkampf, zu verlieren. Ich schrieb meinen Freunden eine SMS und sagte ihnen, dass ich auf den letzten Platz aus sei. Aber eigentlich war ich nicht dort, um gegen andere anzutreten, sondern gegen mich selbst. In nur zwei Tagen Schießen habe ich meine Stärken und Schwächen entdeckt. Vor diesem Wochenende hatte ich noch nie weiter als hundert Meter geschossen. Am zweiten Tag traf ich regelmäßig und wiederholt Ziele in 400 Metern Entfernung, ohne mein Gewehr zu vergrößern. Vor diesem Wochenende hatte ich noch nie mit einer Handfeuerwaffe auf 40 Meter geschossen, und obwohl ich diese Fertigkeit sicher nicht beherrschte, bewies ich, dass ich es konnte. Ich schoss zum ersten Mal auf bewegliche Ziele, ich schoss zum ersten Mal, obwohl ich erschöpft war. Ich beendete sogar eine der acht Etappen mit Zeitüberschuss – eine Etappe, die ausschließlich mit dem Gewehr absolviert werden musste und bei der man in voller Montur unter Drähten hindurchkriechen und aus der Hocke auf ein Ziel schießen musste.

Eine der schlechtesten Schützen bei einem der härtesten Wettkämpfe des Landes zu sein, war für mich überhaupt nicht peinlich, und niemand hat mich kritisiert, als ich eine Patrone nach der anderen verschossen habe, um dieses blöde kleine Stahlziel zu treffen. Jeder weiß, warum sie da sind, und es ist nicht, um sich über die Neue aufzuregen. Wenn ich auf die Anzeigetafel schaue, gibt es jemanden mit einer fast doppelt so hohen Punktzahl wie ich (das ist schlecht, man will eine niedrige Punktzahl, da sie in Sekunden gemessen wird), und ich schaue auf diesen Namen und denke nicht: „Na ja, wenigstens war ich besser als wer auch immer das ist.“ Stattdessen dachte ich reflexartig: Diese Person dort war der mutigste Motherfucker des ganzen Wochenendes.

Ich hab gemischte Gefühle gegenüber Schusswaffen. Ich hab aus erster Hand Erfahrungen mit den Folgen von Waffengewalt gemacht, die ich lieber nicht gehabt hätte, und ehrlich gesagt ist das ein wichtiger Grund, warum ich so aus der Übung bin. Ich finde, Menschen mit Aggressionsproblemen oder Selbstmordgedanken sollten keine Waffen besitzen. Ich finde, jede Waffe sollte weggeschlossen werden, wenn sie nicht benutzt wird. Ich glaube nicht, dass „eine bewaffnete Gesellschaft eine höfliche Gesellschaft ist“, weil ich die grundlegenden statistischen Analysen, die zeigen, dass zwischenmenschliche Gewalt tödlicher ist, wenn alle bewaffnet sind, ziemlich gut verstehen kann.

Gleichzeitig glaube ich, dass das Recht auf Selbstverteidigung und Verteidigung der Gemeinschaft unveräußerlich ist, und ich glaube, dass in der modernen Welt das effektivste Mittel zur Selbstverteidigung gegen tödliche Gewalt eine halbautomatische Handfeuerwaffe mit einem ordentlichen Magazin ist. Ich denke, das effektivste Mittel zur Verteidigung der Gemeinschaft ist ein halbautomatisches „modernes Sportgewehr“. Ein AR-15. Ich denke, der sichere Umgang mit Schusswaffen ist eine Fähigkeit, die allgemein verbreitet sein sollte, auch wenn viele Menschen vielleicht keine Waffe besitzen oder regelmäßig mit sich führen möchten.

Es gibt eine Art grundlegendes Dilemma, wenn es um Schusswaffen und Sicherheit geht. Auf individueller Ebene machen Waffen uns tendenziell weniger sicher. So wie ich das verstehe, ist ein Haus mit einer Waffe statistisch gesehen für alle darin lebenden Personen weniger sicher. Besonders wenn ein Mann und eine Frau in diesem Haus leben, ist die Frau weniger sicher.

Gleichzeitig scheint der Slogan „bewaffnete Minderheiten sind schwerer zu unterdrücken“ durch die Geschichte bestätigt zu werden. Der erste Schritt zu einem Völkermord ist die Entwaffnung der Bevölkerung. Ein gängiges Argument gegen Waffen ist, dass die Regierung über Panzer und Raketen verfügt und es daher keinen Grund gibt, dass die Bevölkerung Kleinwaffen (Gewehre und Pistolen) besitzt, um sich möglicherweise gegen diese Regierung zu stellen. Das ist ... keine Ansicht, die durch die Geschichte gestützt werden kann. Kleinwaffen waren in Konflikten gegen staatliche Militärmächte absolut unverzichtbar. Die Menschen im Warschauer Ghetto brauchten Lebensmittel, Druckerpressen und Waffen. Soweit ich das beurteilen kann, haben sie ihre Energie darauf verwendet, sich diese Dinge zu beschaffen.

Es ist gut, Teil einer Gruppe zu sein, die dafür bekannt ist, schwer zu töten zu sein. Faschisten sind Feiglinge – sie wären buchstäblich keine Faschisten, wenn sie keine Feiglinge wären. Sie bevorzugen leichte Ziele. Gleichzeitig macht die Verbreitung von Waffen eine Gemeinschaft jedoch weniger sicher vor sich selbst.

Die Lösung für diesen Widerspruch besteht meiner Meinung nach darin, die Waffenkultur neu zu definieren und unseren Umgang mit Schusswaffen zu überdenken. Es gibt Gemeinschaften, in denen Waffenbesitz keine Probleme verursacht, die für die amerikanische Kultur einzigartig sind.

Einige Aspekte der Schaffung einer besseren Waffenkultur sind ziemlich spezifisch und konkret. Ich glaube nicht an Lösungen von oben (wie Gesetze, die ungleich angewendet werden und auch nicht das Verantwortungsbewusstsein der Menschen fördern), sondern an horizontale Lösungen. Waffenbesitzer sollten andere Waffenbesitzer dazu ermutigen, ihre Waffen sicher wegzuschließen und zu kontrollieren, wer Zugang zu den Waffen hat. Wir brauchen eine Kultur, in der es normal und selbstverständlich ist, dass beispielsweise nach einer schlimmen Trennung die Freunde die Waffen (oder die Läufe oder die Verschlüsse) aufbewahren, bis man sich wieder besser fühlt.

Aber die größeren Probleme rund um den Waffenbesitz sind nur die größeren Probleme rund um die Kultur. Armut und Patriarchat sind (vermute ich) die treibende Kraft hinter dem Großteil der Waffengewalt. Es gibt eine Version von Männlichkeit (auf die Gefahr hin, eine abgedroschene Phrase zu verwenden: die toxische Version von Männlichkeit), die ihren Anhängern beibringt, dass sie die einsamen Beschützer sind, dass sie letztendlich über Recht und Unrecht entscheiden und dass sie im Namen aller handeln müssen. Für solche Leute ist die Waffe ein Symbol der Macht. Der Waffenträger entscheidet, wer lebt und wer stirbt. Das ist eine verdammt schlechte Idee.

Ich werde in zwei Absätzen in einem Artikel über einen Waffenwettbewerb, den ich besucht habe, nicht das Problem der toxischen Männlichkeit lösen. Aber ich würde sagen, dass diese spezielle Form von Männlichkeit untergraben wird, wenn Männer lernen, harte Fähigkeiten mit Geduld und Freundlichkeit zu vermitteln. Ich fand Woodland Brutality besonders faszinierend, weil das Kernkonzept („geh in den Wald und schieß mit vielen Waffen in einer Umgebung, die körperlich so anstrengend ist, dass man es als ‚Brutalität‘ bezeichnen kann“) auf den ersten Blick nicht nach einer fürsorglichen und einladenden Umgebung klingt. Doch was die Mitarbeiter und die Community aufgebaut haben, ist so ziemlich das genaue Gegenteil von diesen Alpha-Wolf-Trainingslagern für Kerle, die viel Geld dafür bezahlen, dass sie im Schlamm angeschrien werden, von denen man so hört. Hier geht es darum, gemeinsam etwas Schwieriges zu tun und sich gegenseitig zu unterstützen.

Wenn ich in letzter Zeit auf dem Schießstand bin, schaue ich mich um und denke mir: „Wahrscheinlich trainiert etwa die Hälfte der Leute hier, weil sie mich und meine Freunde umbringen wollen.“ Das ist kein besonders schönes Gefühl. Bei Brutality habe ich Leute gesehen, die mich beschützen würden. Sie sehen auch nicht alle so aus wie ich ... Der durchschnittliche Teilnehmer war (meiner Einschätzung nach) ein weißer Cis-Mann. Vermutlich sind die meisten Leute nicht speziell dort, um sich für die Verteidigung der Gemeinschaft zu trainieren – sie sind dort, weil Schießen ein Sport ist, und zwar ein lustiger. Aber sie entscheiden sich bewusst für einen Ort, der queere und transsexuelle Teilnehmer ausdrücklich willkommen heißt.

Ich habe am Wochenende einigen Fremden gegenüber erwähnt, dass es schön ist, mit Menschen zusammen zu sein, die lernen, Menschen wie mich zu beschützen. Ein Mann nickte, dachte einen Moment nach und fügte dann hinzu: Wir lernen, uns gegenseitig zu beschützen. Um uns alle zu schützen. Denn es ist wahr: Ich muss auch diesen Mann beschützen. Gegenseitige Hilfe ist schließlich gegenseitig. Das sagt schon der Name.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich mir: Ich bin froh, dass wir schwer zu töten sind.

Letztendlich sind wir alle nur Fleisch und Blut, und anders als Dungeons & Dragons uns gelehrt hat, bekommt man nicht mehr Trefferpunkte, wenn man besser wird. Egal, wie schwer man sich macht, in gewisser Weise ist man immer leicht zu töten.

Aber ich bin froh, dass die Arbeiterklasse Krallen hat. Ich bin froh, dass die Menschen, die auf dem Blair Mountain gekämpft haben, den Minenbesitzern sagen konnten: Wenn ihr die Slums, in denen wir leben, mit Maschinengewehren beschießt, werden wir euch mit Jagdgewehren erledigen. Es gibt viele Theorien darüber, woher das Wort „Redneck“ kommt, aber eine der wahrscheinlichsten Erklärungen sind die roten Bandanas, die die Kämpfer am Blair Mountain um den Hals trugen, um sich gegenseitig zu erkennen. Das ist meine Lieblingsgeschichte, weil sie bedeutet, dass die ursprünglichen Rednecks eine multiethnische Koalition von Bergarbeitern waren, die beschlossen hatten, dass die Arbeiterklasse sich nicht kampflos unterwerfen würde.

Ich will aber ehrlich sein: Das meiste, was ich bei Woodland Brutality gelernt habe, hatte nichts mit der Natur der Männlichkeit oder dem Aufbau einer besseren Kultur zu tun oder damit, was es für die Arbeiterklasse bedeutet, bewaffnet zu sein. Ich habe vor allem gelernt, dass ich an meiner Pistolentechnik arbeiten muss und dass die billigen Magazintaschen an meinem Waffenhalfter nicht dafür geeignet sind, die Magazine festzuhalten, während ich durch Rohre krieche und von Baum zu Baum renne. Das letzte hab ich gelernt, weil mehr als einmal, als sich die Magazine gelöst haben, jemand sie gefunden und mir zurückgebracht hat.

Währenddessen hat Karl in seiner Blair-Mountain-Montur mit Lever-Action-Gewehren einen Schuss nach dem anderen versenkt, Schüsse, die ich mit einem modernen Gewehr mit Leuchtpunktvisier manchmal nur mit Mühe getroffen habe. Ich bin froh, dass wir auf derselben Seite stehen.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: A Pleasant Weekend at Woodland Brutality or: I entered my first shooting competition,  28. Mai 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

The Kids Are, As They Say, Alright. Oder: An die Absolventen des Jahrgangs 2025

Gestern habe ich zum ersten Mal bei einer Abschlussfeier gesprochen, der Lavender Graduation (für LGBT+-Studierende) am Warren Wilson College im Westen von North Carolina. Ich war noch nie eingeladen worden, bei einer Abschlussfeier zu sprechen, und ich war mir auch nicht sicher, ob ich jemals eingeladen werden würde. Ich bin ... nicht schüchtern, wenn es darum geht, zu sagen, wer ich bin.

Aber einige Studierende haben mich gebeten, die Festrede bei ihrer Abschlussfeier zu halten, also habe ich meinen Van gepackt und bin nach Asheville gefahren, wo ich seit dem Hurrikan im letzten Herbst zum ersten Mal wieder war. Rintrah (mein Hund) hat brav im Van auf dem Parkplatz gewartet (der Van ist klimatisiert und ich bekomme eine Benachrichtigung, wenn die Temperatur zu stark schwankt) und ich bin zum Pavillon gelaufen. Ich habe mich rundum willkommen gefühlt.

Es ist lange her, dass ich etwas erlebt habe, das mich so tief daran erinnert hat, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass Queers sich mittlerweile geoutet haben, dass es einfach zu viele von uns gibt und dass wir uns zu sehr umeinander kümmern, als dass die Faschisten uns brechen könnten.

Ich habe meine Rede in einer Raststätte auf dem Weg nach Asheville geschrieben, nachdem ich wochenlang über die Themen nachgedacht hatte, die ich ansprechen wollte. Früher habe ich keine Reden geschrieben, sondern nur Stichpunkte auf Papier gebracht. Aber dank meines Podcasts gewöhne ich mich immer mehr daran, von Skripten abzulesen und dann zu improvisieren, also habe ich diese Rede aufgeschrieben.

Ich war mir nicht sicher, wie die Leute meine Rede aufnehmen würden. Sie hatten einen anarchistischen Geschichtsnerd eingeladen, der während des Aufstiegs des Totalitarismus zu ihnen sprach, zu einer Menge, die nicht von Natur aus politisch ist. Es gibt keinen Grund, warum wir politisch radikal sein müssen, um queer zu sein.

Aber es schien gut zu laufen. Nicht alle waren begeistert davon, wie viel ich fluche, aber die Leute sind sich der Krise, in der wir alle leben, durchaus bewusst. Es ist momentan nicht besonders einnfach, den Kopf in den Sand zu stecken ... vielleicht ist das ein Silberstreif am Horizont.

Wie auch immer, hier ist, was ich ihnen gesagt habe.

An die Abschlussklasse von 2025


Hallo! Zuerst mal vielen Dank, dass ich hier sein darf. Es ist mir eine echte Ehre, hier zu stehen und zu euch zu sprechen, und ich fühle mich geehrt, dass ihr mich ausgewählt habt, um euch eine inspirierende Rede zu halten. Es wird ein Vortrag über schwere Zeiten werden. Wenn ihr eine rein positive Rede hören wolltet, hättet ihr nicht jemanden namens Killjoy engagieren sollen.

Die Sache ist die: Die Rede, die ich euch vor einem Jahr gehalten hätte, unterscheidet sich völlig von der Rede, die ich euch heute halten werde.

Die Rede, die ich euch gehalten hätte, hätte von dem Sturm am Horizont gehandelt, einem Sturm, der vielleicht kommen wird oder auch nicht, und davon, wie wir uns alle darauf vorbereiten, falls er kommt.

Stattdessen sage ich euch, dass der Sturm bereits da ist. Ich muss euch die Nachrichten nicht erzählen. Aber autoritäre Kräfte sind an der Macht und haben beschlossen, dass Transmenschen im Speziellen und queere Menschen im Allgemeinen neben Migranten das Gesicht des Bösen sind. Das sind wir natürlich nicht, und wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feinde uns definieren. Wir müssen uns weiterhin selbst definieren.

Ihr seid also in eine Welt eingetreten, die völlig anders ist als die Welt, in der ihr aufgewachsen seid. Wir stecken alle in Schwierigkeiten. Wir müssen uns alle damit auseinandersetzen, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Wir sind dazu in der Lage, und wir werden gewinnen, und es wird nicht einfach sein, aber es wird passieren. Auch weil wir „Gewinnen“ auf eine komplexe Art und Weise verstehen werden.

Ich möchte mit einer Geschichte beginnen, weil ich einen Geschichtspodcast mache und die Geschichten, die ich dabei lerne, in mir weiterleben und viel zu oft in zwanglosen Gesprächen auftauchen. Aber ich bin im Grunde auch ein Geschichtenerzähler, daher erinnere ich mich eher an die Geschichte als an die Details und werde euch heute nicht alles genau erzählen können.

Es ist eine Geschichte über schwule Künstler in Amsterdam während der Nazi-Besatzung. Der niederländische Widerstand war nicht der leidenschaftlichste Widerstand gegen den Faschismus, aber soweit ich das beurteilen kann, war er von allen von den Nazis besetzten Gebieten derjenige mit dem höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung. Ich glaube nicht, dass unsere aktuelle Situation eins zu eins mit der der Nazis vergleichbar ist (eher mit Putins Russland), aber ich denke, dass wir trotzdem einiges daraus lernen können. Vor allem, weil Westeuropa in den 1920er- und 1930er-Jahren einer der ersten Orte in der westlichen Welt war, an dem schwule Menschen wirklich begannen, sich zu outen.

Was diese Lehren angeht – da war zum Beispiel dieser Redakteur einer schwulen Zeitung. Ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber ich weiß noch, was er gemacht hat. Als die deutschen Truppen an die Grenze rückten, hat er die Namen seiner Abonnenten auswendig gelernt, Hunderte von Namen, und dann hat er die Liste gegessen. Nach dem Sturz des Nazi-Regimes hat er alles wieder aufgeschrieben, und so konnten sich die Überlebenden wiederfinden.

Die Lektion daraus ist meiner Meinung nach, dass es jetzt nicht der richtige Moment ist, sich auf Listen setzen zu lassen. Jetzt ist ein Moment für Sicherheitskultur. Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren, aber wir müssen uns vielleicht an die Umstände anpassen.

Okay, die andere Lektion ... Da war diese Gruppe schwuler Künstler. Theaterleute, Bildhauer, Modedesigner und so weiter. Und sie haben erkannt, dass dies der Moment war, ihre Fähigkeiten außerhalb ihres gewohnten Umfelds einzusetzen. Mit ihren Fähigkeiten als Drucker und Künstler fingen sie an, Ausweispapiere für Juden und andere Menschen zu fälschen, die von den Faschisten bedroht waren. Mit ihren Fähigkeiten als Schauspieler und Modedesigner haben sie ... nun ja, ein paar von ihnen haben Nazi-Uniformen genäht, sind dann zu einem Nazi-Plattenlager gegangen und haben gesagt: „Wie geht's, Nazi-Kollegen?“ Dann sind sie reingegangen und haben den Laden in Brand gesteckt und Tausende von Platten verbrannt.

Willem Johan Cornelis Arondéus
Willem Johan Cornelis Arondéus
Schließlich wurden einige von ihnen gefasst und hingerichtet. Ein Mann, Willem Arondeus, hinterließ seiner Anwältin, die selbst lesbisch war, während er auf seine Erschießung wartete, eine letzte Botschaft. Er sagte ihr: „Lasst es alle wissen, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“

Ich denke fast jeden Tag an diese Scheiße, wenn ich ehrlich bin.

Wir sind keine Feiglinge. Wir stammen nicht von ängstlichen Menschen ab. Unsere queeren Vorfahren haben gegen unglaubliche Widrigkeiten gekämpft und allein durch ihren Kampf gesiegt. Denn Faschisten wollen uns nicht nur töten, sondern uns unterwerfen. Stattdessen haben wir ihren Scheiß verbrannt. Wir haben im ganzen Land und auf der ganzen Welt randaliert, überall dort, wo es für uns illegal war, einander zu lieben.

Die Schwulenrechtler in den 60er und 70er Jahren hatten einen Slogan, der sich auf die schwulen Stoßtruppens der alten Griechen vor Tausenden von Jahren bezog: Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren. Wir werden Seite an Seite kämpfen und wir lieben uns verdammt noch mal, also werden wir gemeinsam kämpfen. Und wir sind keine Feiglinge.

Um es klar zu sagen: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist Widerstandsfähigkeit angesichts der Angst. Man muss buchstäblich Angst haben, um mutig zu sein.

Die lesbische Anwältin und andere schafften es schließlich, über die Berge in die Schweiz zu fliehen, und nahmen die Erinnerungen an Menschen wie Willem Arondeus mit sich.

Das Foto zeigt 2 Paare beim Tanzen, darunter Willem Arondeus.
Willem Arondeus (links) in Aerdenhout, 1931
Weitere Lehren, die ich aus dem Widerstand der Schwulen in Amsterdam ziehe, sind: Ja, lasst euch verdammt noch mal keine Akten über uns anlegen. Wir alle geben seit Jahren und Jahrzehnten Daten über unser Leben an Unternehmen weiter, was in Friedenszeiten fast harmlos ist (zielgerichtete Werbung ist ein bisschen nervig), aber jetzt bedeutet, dass der repressive Staat Zugang zu unglaublichen Mengen an Informationen über uns hat. Wir müssen anfangen, ihre Aufzeichnungen zu vereiteln, ohne aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden.

Eine weitere Lektion, die ich aus ihrem Kampf gelernt habe, ist, dass es unabhängig von den eigenen Fähigkeiten immer Möglichkeiten gibt, diese für die Zerstörung des Totalitarismus einzusetzen.

Die letzte Lektion, die ich aus dieser Geschichte ziehe? Wir werden uns an Willem Arondeus erinnern, aber wir werden uns an ihn wegen einer Lesbe erinnern, die zu Fuß die Alpen überquert hat. Wir sind einander verpflichtet, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um diese Bastarde zu überleben. Wir dürfen uns nicht selbst zerstören, denn wir können nicht die Arbeit der Faschisten für sie erledigen.

Ich erzähle euch diesen Scheiß, weil es gerade wieder schlecht läuft, aber es war schon einmal schlecht. Es gibt immer Höhen und Tiefen, und der Trick besteht darin, diese Höhen und Tiefen zu schätzen. Es gibt keine Siegessicherheit, wirklich nicht. Es gibt keinen statischen Zustand namens Utopie, in dem nie wieder etwas Schlimmes passiert. Um es klar zu sagen: Die Lage kann viel besser sein, und wir können sie viel besser machen. Ich möchte in meinem Bett sterben, 97 Jahre alt, nachdem ich den größten Teil meines Lebens in einer Gesellschaft ohne Gefängnisse, Polizei, Kapitalismus, Patriarchat oder anderen verdammten Mist verbracht habe. Dafür kämpfe ich. Ich werde es wahrscheinlich nicht schaffen.

Aber genauso wie es keinen automatischen Sieg gibt, gibt es auch keine Niederlage. Sie können uns einfach nicht auslöschen. Es gab schon immer queere Menschen und es wird immer queere Menschen geben. Wir sind verdammt noch mal unsterblich.

Wir können also nicht gewinnen und wir können nicht verlieren, aber wir können verdammt noch mal kämpfen und wir können die Schönheit in diesem Kampf finden, und das müssen wir auch, denn Romantisierung ist ein mächtiges Werkzeug, um komplizierte Situationen zu akzeptieren. Wir müssen verstehen, dass sowohl der Anwalt, der den Krieg überlebt hat, als auch der schwule Brandstifter, der es nicht geschafft hat, ein erfülltes Leben voller Schönheit und Sinn geführt haben.

Ich habe meinem Partner vorhin erzählt, dass ich den ganzen Slogan „Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren“ zitieren wollte, und er hat mir erzählt, dass er in einem lesbischen Archiv einen Anstecker gefunden hat, die lesbische Antwort auf diesen Slogan. „Eine Armee von Ex-Liebenden kann nicht verlieren.“

Wenn wir wollen, dass dieser Slogan wahr wird, wenn wir eine unaufhaltsame Kraft werden wollen, dann müssen wir uns gegenseitig den Rücken stärken. Wir müssen freundlicher zueinander werden. Wir müssen unseren Feinden gegenüber entschlossen auftreten und allen anderen gegenüber freundlicher sein. Wir müssen lernen, Konflikte zu deeskalieren. Es gibt Menschen, die unsere Feinde sind – Menschen, die versuchen, uns zu zerstören. Wir müssen vermeiden, uns in der Zwischenzeit gegenseitig zu Feinden zu machen.

Wir müssen nicht miteinander auskommen, uns nicht einig sein oder uns mögen, aber wir müssen lernen, unsere Probleme zu besprechen – oder einfach nur lernen, wie wir miteinander umgehen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir alle Fehler haben, große Fehler, und dass wir alle Versager sind.

Es ist eine gute Idee, zu versuchen, kein Versager zu sein, aber... erwartet nicht, dass ihr Erfolg habt. Noch einmal: Es gibt keinen sicheren Sieg. Es gibt kein „perfekt werden“. Wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben und andere zu ermutigen, ihr Bestes zu geben, aber wir lernen, einander zu vergeben, während wir uns als fehlerhafte Menschen in dieser fehlerhaften Welt zurechtfinden.

Es liegt in unserer Verantwortung, die Welt besser zu machen, aber es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt im Arsch ist. Vielleicht sollten Schuld und Verantwortung Hand in Hand gehen, aber das tun sie nicht. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir gerade im Zentrum eines Kulturkrieges stehen. Es ist nicht unsere Schuld, dass unsere Rechte angegriffen werden. Aber es liegt in unserer Verantwortung, damit umzugehen. Denn es ist unser Problem. Wir können nicht auf andere warten, die uns retten. Uns selbst zu retten ist eine Aufgabe, die wir schon einmal bewältigt haben und die wir wieder bewältigen werden. Und ich sage hier „wir“ und nicht „ihr“, denn wenn Leute, die älter sind als ihr, euch sagen wollen, dass „es an eurer Generation liegt, diese Probleme zu lösen“, dann ist das nur eine weitere Abgabe von Verantwortung. Es liegt an uns allen, gemeinsam als Gleichberechtigte zu arbeiten, um den Faschismus zu stoppen, den Klimawandel aufzuhalten und eine Welt zu schaffen, die auf Solidarität und gegenseitiger Hilfe basiert.

Als ich ein kleines Kind war, herrschte noch der Kalte Krieg, ein Kalter Krieg zwischen dem oligarchischen Kapitalismus hier im Westen und dem autoritären Sozialismus im Sowjetblock. Dieser Kalte Krieg hat alles kaputt gemacht – am direktesten natürlich alle Menschen, die dabei ums Leben kamen, aber er hat uns auch philosophisch kaputt gemacht. Er hat die Menschen davon überzeugt, dass es eine riesige Kluft zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft gibt. Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden ... entweder ist man ein Individuum und liebt den Kapitalismus, oder man liebt die Gemeinschaft und muss Totalitarismus und den Verzicht auf individuelle Freiheit akzeptieren.

Das ist Quatsch. Das ist einer der gefährlichsten Quatsch, den wir je geschluckt haben. Anstatt zu suchen, wo der Einzelne und die Gemeinschaft im Widerspruch stehen, sollten wir suchen, wo sie sich überschneiden. Wir sollten uns auf die vielen, vielen Dinge konzentrieren, die beiden helfen. Als Einzelner bin ich freier, wenn ich in einer Gesellschaft mit einem starken sozialen Netz lebe. Ich kann meinen individuellen Willen in einer Gesellschaft besser ausüben als allein im Wald. Gemeinschaften wiederum sind am stärksten, wenn sie heterogen sind und viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Ideen beherbergen, die frei sind, ihren Leidenschaften nachzugehen und diese Leidenschaften dann für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen.

Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, wenn man einen großen Schritt zurücktritt und das Ganze betrachtet. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wofür wir uns begeistern können, und zu lernen, wie wir diese Begeisterung einsetzen können, um allen zu helfen, auch uns selbst. Auf diese Weise können wir Beziehungen der Freiheit aufbauen (denn um es klar zu sagen: Freiheit ist eine Beziehung zwischen Menschen, kein statischer Zustand). Auf diese Weise können wir ein erfülltes Leben führen, egal ob dieses Leben kurz oder lang ist – möge es lang sein.

Wenn man jedoch etwas näher heranzoomt, wird die Aufgabe, die vor uns liegt, etwas konkreter: Wir müssen den Totalitarismus zerstören, bevor er sich festsetzt und uns alle vernichtet. Wir müssen überleben, wenn möglich, und wenn nötig, kämpfen bis zum bitteren Ende. Wir müssen dafür sorgen, dass für immer festgeschrieben wird, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind – ein Grundsatz, an dem niemand mehr zweifeln wird.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Kids Are, As They Say, Alright or: to the graduating class of 2025,  08. Mai 2025
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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Alles raus zum 1. Mai!

Als Motiv von Il Quarto Stato wird eine aus der Dunkelheit ins Licht hervorschreitende Masse von Landarbeitern abgebildet; ein Demonstrationszug von Menschen beiderlei Geschlechts und fast jeden Lebensalters, der dem Betrachter frontal (auch konfrontativ), fordernd und selbstbewusst entgegenzumarschieren scheint (sinnbildlich „aus dem Schatten der Vergangenheit und der Geschichte in die erleuchtete Gegenwart“). Dessen vorderste Linien nehmen die gesamte Breite des Gemäldes ein. Ein Ende des Menschenstroms, der sich bis zum in der Dunkelheit angedeuteten Horizont zu erstrecken scheint, ist nicht auszumachen.  Im Zentrum und Vordergrund sind drei auf dem Originalgemälde lebensgroß dargestellte Personen (zwei entschlossen wirkende Männer und eine in klagender Mimik seitlich herbeitretende, vom Hochrenaissance-Maler Raffael inspirierte madonnenhaft erscheinende Frau mit männlichem Kleinkind auf dem Arm) als hervorstechende bzw. anführende Einzelpersonen mit individuellen Zügen zu erkennen; wohingegen die einzelnen Menschen der unmittelbar dahinter folgenden Menge oft nur schemenhaft erscheinen – sozusagen noch in der Anonymität der Masse verborgen und mit ihr verschmelzend.
Der vierte Stand“ (1901) von Giuseppe Pellizza da Volpedo zählt zu den bekanntesten Darstellungen des modernen Proletariats.
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