Wir setzen unserer Kategorie Blogkino heute die Reihe mit Filmen des expressionistischen Kinos mit dem Stummfilmdrama Opium aus dem Jahre 1919 fort. Das Stummfilmdrama von Robert Reinert mit Eduard von Winterstein, Werner Krauß und Conrad Veidt in den Hauptrollen handelt - wie der Titel schon vermuten lässt - von einem Forscher, der gegen Ende seines Forschungsaufenthalts in China, bei dem er sich intensiv der Untersuchung der Wirkung der Droge Opium gewidmet hat und nun von einer neuen Sorte desselben erfährt. Um seine Forschungen zu vervollständigen begibt sich Professor Gesellius zu diesem Etablissement. Dessen Besitzer, Nung-Tschang, erzählt dem Europäer folgende Geschichte: Nung-Tschangs Ehefrau hatte einst eine heimliche Affäre mit einem Europäer gehabt und brachte daraufhin ein uneheliches Kind zur Welt. Außer sich vor Zorn, ermordete Nung-Tschang daraufhin seine Frau und nahm das Kind zu sich. Der europäische Ehebrecher wurde von ihm als menschliches Versuchsobjekt missbraucht, um an ihm die Wirkung seines speziellen Opiums zu erforschen...
Der Film war wegen seiner großen Aktualität 1918/19 ein großer Publikumserfolg.
Quellen / weitere Informationen
Morgen: Aktionstag in Paris - weltweite Solidaritätsaktionen mit dem Widerstand gegen das neue französische Arbeitsgesetz
• Mardi 14 Juin 2016 à 13h: Manifestation nationale à Paris contre la Loi travail
• Übersicht über weltweite Solidaritätsaktionen mit dem Widerstand gegen das neue französische Arbeitsgesetz

Revolution an der Tanzbar: Rise against - No more Heroes
Heute von Rise Against: No more Heroes aus dem Album Appeal to Reason
20. Juni, Stuttgart: Wiedereinweihung des Lilo-Herrmann-Gedenksteines

Lilo Herrmann 1909 -“ 1938
am Jahrestag ihrer Hinrichtung, Montag, den 20. Juni 2016, 18 Uhr
Bei der Uni Stuttgart (Stadtgarten, zwischen den beiden Hochhäusern K1 und K2 -“ Keplerstr 11 und 17 des Uni-Bereichs Stadtmitte).
Lilo Herrmann, Studentin der technischen Hochschule Stuttgart, kämpfte als junge Mutter mutig gegen die Nazis. Sie wurde im Dezember 1935 verhaftet und 1937 vom “Volksgerichtshof- zum Tod verurteilt.
Am 20. Juni 1988, dem 50. Jahrestag ihrer Hinrichtung zusammen mit Stefan Lovász, Josef Steidle und Artur Göritz -, wurde der Gedenkstein vom Stadtjugendring aufgestellt. Geschaffen wurde er von den Bildhauern Herbert Goeser und Joachim Sauter. Auch die VVN-BdA war aktiv beteiligt. Mitglieder, die Lilo noch persönlich gekannt hatten (und ihrem Schweigen vor der Gestapo viel verdankten) nahmen an der Einweihung teil. Karola Bloch (1905-1994) -“ ehemals “Rote Studentin- in Berlin -“ hielt damals eine Ansprache. 2000 wurde der Gedenkstein mit Farbe beschmiert, gesäubert und neu eingeweiht.
Im März 2016 wurde er erneut mit einem Hakenkreuz besudelt. Die Universität erstattete Anzeige. Unter Leitung des Universitätsbauamts wird der Gedenkstein in einer Werkstatt fachmännisch in Ordnung gebracht. Die Kosten müssen durch Spenden erbracht werden.
Zum Jahrestag der Hinrichtung Lilo Herrmanns wollen wir den restaurierten Gedenkstein in einer Gedenkfeier wieder der Öffentlichkeit übergeben und laden dazu im Namen aller, die zur Wiederherstellung beigetragen haben, herzlich ein. Eingeladen sind alle, denen daran liegt, dass dieser Stein ein würdiger Gedenkort im Herzen der Stadt bleibt. Auch für alle, die in der Nazizeit von der TH Stuttgart vertrieben und ausgegrenzt, von den Nazis gequält, verjagt oder ermordet wurden. Und zugleich ein Bezugspunkt für alle, die sich im Sinne Lilo Herrmanns gegen alte und neue Nazis engagieren.
Die Universität hat inzwischen durch ihr Archiv ihre Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet. Es gibt viele neue Erkenntnisse -“ auch über Lilo Herrmanns Verbindungen zur TH Stuttgart nach 1933. Neben den Redebeiträgen beteiligt sich die Hornbläsergruppe des Universitätsorchesters mit einem musikalischen Beitrag. Nach der Einweihungsfeier lädt die GEW Stuttgart zu einem kleinen Imbiss ein. Es werden Vorkehrungen getroffen, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter stattfinden kann.
Spenden zur Restauration: Unter Sichwort „Lilo Herrmann“ VVN-BdA: DE62 6005 0101 0002 1197 48
Quelle: VVN-BdA Baden-Württemberg
Überraschungsbesuch beim "Tag der deutschen Immobilienwirtschaft"

Um ca. 18 Uhr suchte eine Gruppe von 20 Aktiven des Bündnis Zwangsräumung Verhindern, darunter viele akut von Zwangsräumung und Wohnungsnot betroffenen, die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom auf. Mit kreativ gestalteten Schildern, lauten Parolen und buntem Sprüche-Konfetti drückten die Protestierenden gegenüber Teilnehmenden des "Tages der deutschen Immobilienwirtschaft" ihren Unmut aus.
Nach kurzer Zeit tauchten immer mehr Menschen vor dem Gebäude auf, blockierten die Straße und versuchten den Konferenzteilnehmer*innen ins Gebäude zu folgen, was zunächst auch gelang. Der sehr ruppig vorgehende Sicherheitsdienst verhinderte schließlich, dass die Protestierenden weiter in das Gebäude gelangen konnten.
Im Anschluss zogen die mittlerweile ca. 200 Protestierenden zum Berliner Stadtschloss, in dem ab 18.30 Uhr die Abschlussveranstaltung des Immobilientages stattfinden sollte. Sie richteten vor dem durch die VeranstalterInnen kurzfristig geschlossenen Haupteingang am Schloßplatz eine Sitzblockade ein. Am Schlossplatz veranstaltete die Kampagne Berlin für Alle eine weitere Kundgebung, die sich ebenfalls gegen die Berliner Wohnungs- und Stadtpolitik richtete und den Unsinn des Baus eines Schlosses in Zeiten der Wohnungkrise thematisierte.
Der Aktion werden weitere folgen, kündigt das Bündnis an: "Ob Wohnungslose, Zwangsräumungsbedrohte oder MieterInnen - wir werden auch in Zukunft dort auftauchen, wo mit Wohnen Profit gemacht wird und wo die politischen Entscheidungen getroffen werden."
Bericht Zwangsräumung verhindern via Umbruch Bildarchiv Berlin
Weitere Informationen:
- wiwowo.zwangsraeumungverhindern.org
- twitter.com/wirkommenalle
- Video: Wir wollen Wohnungen!
- berlin,zwangsräumungverhindern.org
Was mir heute wichtig erscheint #406
Uninteressant: Heute jährt sich zum 30. Mal der Hamburger Kessel, mit dem die Polizei 850 AKW GegnerInnen stundenlang einkesselte und der vom Bundesverfassungsgericht für illegal erklärt wurde, siehe die Berichte der taz, des Spiegel siehe auch hier, des NDR und auf Nadir. Wie das so mit der Polizei ist, interessiert die das einen feuchten Dreck, diese kesselt weiterhin fröhlich vor sich hin. Vor allem natürlich, wenn es gegen Linke geht. Oder für das, was die Bullen dafür halten.
Update: The Amnesic Incognito Live System (Tails), eine auf Debian basierende Linux-Distribution, welche darauf abzielt, die Privatsphäre und Anonymität des Nutzers zu schützen ist in seiner Version 2.4 erschienen.
Endlosschleife: Rechtsanwältin Beate Böhler will Bewegung in den Fall Oury Jalloh bringen. Der Flüchtling aus Sierra Leone verbrannte im Januar 2005 im Polizeirevier Dessau (Sachsen-Anhalt). Er war, auf einer feuerfest umhüllten Matratze liegend, an Händen und Füßen angekettet. Böhlers Vorwurf an die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau: Sie ignoriere Beweise dafür, dass ein Dritter das Feuer gelegt haben muss. "Der Kreis der Tatverdächtigen ist überschaubar, gegen sie muss endlich ermittelt werden", sagte die Rechtsanwältin im Gespräch mit jW.
Umkämpft: Ganze 13 % (doch so viele!) befürworten laut Umfrage das geplante „Arbeitsgesetz“ in Frankreich in der vorliegenden Fassung. Ein ausführlicher Beitrag von Bernard Schmid zu den Ereignissen in Frankreich im Vorfeld der Großdemonstration am 14. Juni. Warum diese Proteste hierzulande praktisch unter den Tisch fallen?
Reformiert: "Der BND soll künftig auch im Inland Daten aus ganzen "internationalen Telekommunikationsnetzen" abschnorcheln und Passwörter abfragen dürfen, geht aus einem Gesetzentwurf hervor. Umstrittene Praktiken würden so legalisiert." Mehr dazu bei heise. Neztpolitik hat den Gesetzentwurf bereits veröffentlicht.
Treffpunkt: Die antifaschistische Erholungs- und Bildungsstätte Heideruh bei Buchholz in Niedersachsen wird 90 Jahre alt. Der Trägerverein lädt deshalb zu einem Sommerfest am 30. Juli in Heideruh ein.
Folgenlos: Wie nicht anders zu erwarten war, wurden im Fall Clausnitz die Verfahren gegen zwei Polizeibeamte wegen Körperverletzung im Amt inzwischen eingestellt. Mehr bei den alternativen Dresden News.
Unabhängig: Die Basken stimmen über Unabhängigkeit von Spanien ab - In 34 Gemeinden wurde am Sonntag über die Unabhängigkeit entschieden und 95% stimmten dafür. Beitrag von Ralf Streck.
Mall of Shame: Zwei Jahre Kampf und immer noch kein Lohn

Die letzte Gerichtsverhandlung gegen die Subunternehmen steht an. Nach mehreren Insolvenzanmeldungen in der undurchsichtigen
Verantwortungskette der sub- und sub-sub-sub-Unternehmen auf der Baustelle der Mall of Berlin, haftet für die ausstehenden Löhne der Investor, Harald Huths HGHI GmbH.
Die Basisgewerkschaft FAU Berlin befindet sich seit November 2014 in einer Auseinandersetzung mit zwei Subunternehmen um ausstehende Löhne für Bauarbeiter aus Rumänien, die im Frühjahr und Sommer 2014 auf der Baustelle der Mall of Berlin - seitdem auch als „Mall of Shame“ bekannt - gearbeitet hatten. Am kommenden Freitag, den 10. Juni, wird vor dem Arbeitsgericht die voraussichtlich letzte Verhandlung gegen die Subunternehmen stattfinden.
Es geht um eine von insgesamt zehn Klagen, von sieben ehemaligen Bauarbeitern, gegen die dubiosen Subunternehmen openmallmaster GmbH und Metatec Fundus Gmbh & Co. KG. Fast allen Klagen wurde bereits vor Gericht Recht gegeben, aber bis heute hat keiner der Arbeiter den Lohn gesehen, der ihm zusteht. Metatec hat Insolvenz angemeldet, kurz nachdem sie vor Gericht zum Zahlen verurteilt wurde. Auch openmallmaster GmbH hat sich bisher ihrer Verantwortung entzogen - vor Monaten wurde gegen den Geschäftsführer ein Haftbefehl gestellt, weil dieser die Vermögensauskunft nicht abgegeben hat.
Die Arbeiter wurden ohne schriftliche Verträge zu rechtswidrigen Niedriglöhnen beim Bau der Mall of Berlin beschäftigt, welche durch die inzwischen auch insolvente Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH als Generalübernehmerin unter Investor Harald Huth betreut wurde. Dabei erhielten sie nicht einmal die ihnen zustehende Summe der Niedrigstlöhne, und wurden sogar körperlich bedroht als sie ihren Lohn forderten. Sie organisierten sich im November 2014 in der FAU Berlin.
Bis heute musste der Investor Harald Huth keinerlei Konsequenzen aus den Skandalen um die „Mall of Shame“ sehen. Er ist weiterhin mit in der Öffentlichkeit teilweise umstrittenen Bauvorhaben in Berlin aktiv und wurde auch durch den Politikbetrieb unbehelligt gelassen. Huth gab sich bis zuletzt unwissend und gleichzeitig unwillig, für die ausstehenden Löhne einzustehen. Allerdings haftet der Investor laut Gesetz für ausstehende Löhne, wenn die Subunternehmen und die Generalübernehmerin nicht zahlungsfähig sind.
Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Berlin, Magdeburger Platz 1, 10.6.2016 ab 11 Uhr, Raum 227.
Mehr Informationen.
Quelle: Pressemitteilung
Blogkino: Der Student von Prag (1913)
Heute beginnen wir in unserer Reihe Blogkino eine Reihe mit Filmen des expressionistischen Kinos. Den Aufschlag macht ein deutscher Gruselfilm von Stellan Rye und Paul Wegener aus dem Jahr 1913. Er gilt als der weltweit erste Autorenfilm und Kunstfilm: "Der Student von Prag": Der Student Balduin verkauft sein Spiegelbild für 100.000 Gulden an den Scharlatan Scapinelli, um mit diesem Geld am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, seinen sozialen Stand zu erhöhen und um so von einer Aristokratin erhört zu werden. Er verschmäht die ehrliche Liebe einer anderen und wird zum Schluss selbst Opfer des makabren Handels. Tja, das Kleinbürgertum. Recht so.
Wir zeigen die vom Filmmuseum München rekonstruierte Fassung mit englischen Untertiteln und der von dem Liszt-Schüler Josef Weiss komponierten und vom Orchester Jakobsplatz München eigens aufgeführten Filmmusik.
Das gestohlene Leben
Über mehrere Monate haben Schülerinnen und Schüler der 7.-10. Klasse der Corrie-ten-Boom-Schule mit ihren Lehrerinnen Frau Bliese und Frau Pirschel ein Stück über die Geschichte einer jungen Frau eingeprobt, die von den Nazis als "Halbjüdin" diskriminiert wurde. Ihre Mutter war Jüdin, ihr Vater war kein Jude. Es ist die Geschichte von Vera Friedländer und ihrer Familie. Viele ihrer Angehörigen wurden deportiert und in Auschwitz, Theresienstadt und anderen Orten ermordet. Vera Friedländer begleitet die Proben bis zu ihrer Aufführung und macht mit den Schülern Ausflüge zu Orten ihrer Geschichte. 1945 hat sie als 16-jährige bei Salamander in der Köpenicker Straße 6a in Kreuzberg gearbeitet, als unbezahlte Zwangsarbeiterin in einem Schuh-Reparaturbetrieb.
"Ich war 14 Jahre alt, als ich begriff, in welcher Gefahr die große Berliner jüdische Familie war, zu der ich gehörte. Das war 1942. Da rollten die Deportationszüge. Im Januar war auf der Wannsee-Konferenz bestimmt worden, wie die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ zu organisieren sei und um wie viele Juden es sich handelt. Im Jahr darauf waren alle Sternträger der Familie verschwunden. Im Herbst 1944 versuchten die Nazis, die „Mischehen“ zu trennen, um die letzten Juden und die Nachkommen dieser Ehen in Vernichtungslager zu schaffen. Die „Mischehe“ war nach Nazi-Recht auf ungewisse Zeit geschützt. Mein Vater, der kein Jude war, wurde vor die Wahl gestellt, sich scheiden zu lassen oder in ein Lager zu kommen. Er wählte das Lager. Und ab Januar 1945 musste ich Zwangsarbeit im Reparaturbetrieb von Salamander leisten. Wir drei, meine Eltern und ich, überstanden diese Zeit und wurden im Mai befreit.
Darüber habe ich mit Schülerinnen und Schülern der Corrie-ten-Boom-Schule gesprochen, als sie mein Stück „Späte Notizen“ für eine szenische Lesung probten. Es gab viele Gespräche und viele Fragen, denn es fiel den Jugendlichen schwer, die eigentlich unbegreifliche Vergangenheit zu verstehen. Besonders das Problem der Zwangsarbeit beschäftigte sie. Wir gingen gemeinsam zur Köpenicker Straße und ich zeigte ihnen, wo ich täglich zur Zwangsarbeit erscheinen musste. Hier war ich mit Polen, Serbinnen, Franzosen, deutschen Jüdinnen tagsüber eingesperrt. Wir wurden von SS bewacht, zur Arbeit angetrieben und manchmal auch misshandelt. Ich konnte den Jugendlichen etwas vermitteln, was sie nicht in Geschichtsbüchern finden." (Vera Friedländer im Mai 2016)
Zum Film und weiteren Informationen: "Das gestohlene Leben" (49 Min., Mai 2016, Umbruch Bildarchiv)
Die Dokumentation enstand im Rahmen eines Projektes von David Friedländer e.V. in Zusammenarbeit mit der Corrie-ten-Boom-Schule über Zwangsarbeit und jüdisches Leben 1945 in Berlin. Gefördert durch Aktion Mensch.
Streifzüge durch das jüdische Esslingen - Ein antifaschistischer Stadtrundgang

Gerhard Voss ist Pfarrer im Ruhestand und profunder Kenner der jüdischen Geschichte und Kultur der Stadt.
Nachfolgend einige Stationen unseres antifaschistischen Rundgangs, der Einblicke in die jüdische Geschichte nicht nur der Stadt Esslingen gibt.
In Esslingen gab es bereits im Mittelalter eine große jüdische Tradition. So erschien im Jahre 1290 die erste datierte Handschrift deutscher Juden in Esslingen. Es handelt sich hierbei um einen Machsor, eine Sammlung von jüdischen Gebetbüchern.
Den Kaisern unterstanden die Juden einer Schuldknechtschaft. Da ihnen selbst das Tragen von Waffen erboten war, mussten sie sich christlichem „Schutz“ ergeben und dafür hohe „Judensteuern“ zahlen.
Wie in anderen Reichsstädten auch, beglichen die Kaiser auch in Esslingen ihre städtischen Schulden oft dadurch, dass sie die „Judensteuern“ der Stadt überließen, Rückzahlungen an jüdische Gläubiger unterbunden oder Vermögen pfändeten. Im Unterschied zu anderen Reichsstädten durften sich die jüdischen Einwohner aber gegen Zahlung von Sonderabgaben immerhin bei den Zünften organisieren oder im Rat der Stadt bei innerjüdischen Streitigkeiten als Schiedsrichter auftreten.

Für eine lange Zeit mehr oder minder friedliche Koexistenz zwischen Christen und Juden spricht, dass die Maler die Juden zwar mit „Judenhüten“ kennzeichneten, hierbei aber nur die religiöse Zugehörigkeit verdeutlichten. Von bösartige Entstellungen und Karikaturen, die zu jener Zeit in den berüchtigten und u.a. am Magdeburger Dom heute noch sichtbaren „Judensau“-Darstellungen gipfelten, ist hingegen nichts zu sehen.
Auch wurde in den Glasgemälden in den Esslinger Kirchen auf klassische Elemente christlichen Judenhasses, so die Kenntlichmachung der Juden als „Christusmörder“ verzichtet. In der Szene der Geißelung Christi tragen die Folterknechte keine dieser „Judenhüte“.
Lediglich in einem Fenster in der Stadtkirche wird in den allegorischen Figuren der glanzvollen Ekklesia (Die Kirche) und der (gegenüber dem Erlöser) blinden Synagoge, ähnlich wie im Straßburger Münster, ein deutlicher Gegensatz zwischen Christen- und Judentum hergestellt.

Zugleich ist der Hafenmarkt Schauplatz des ersten antijüdischen Pogroms in Esslingen am 27. Dezember 1348.
Dies ist im Kontext der großen Pestepidemie der Jahre 1347-1352 zu sehen. Dass die Beulenpest durch Ratten und Mäuse über Flöhe auf den Menschen übertragen wird, wurde nicht erkannt. Ebenso fehlte das Verständnis dafür, dass mangelnde Hygiene die Verbreitung der Krankheit begünstigt.
Vielmehr wurden völlig irrationale Erklärungen herangezogen:
So behauptete ein italienischer Geistlicher im April 1348, dass die Pest in Indien ausgebrochen sei, nachdem es dort „Frösche, Schlangen, Eidechsen, Skorpione und viel giftige Tiere“ geregnet habe.
Vielfach wurde die Pest als Gottesgericht gedeutet, was zu einem Zulauf für Geißler- und Flagellantenzüge führte, welche in ganz Süddeutschland, der Schweiz und in Österreich zu antijüdischen Pogromen hetzten oder diese selbst durchführten.
Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann beschreibt in seinem Roman „Die Seuche“ eindrucksvoll die abergläubischen und widersprüchlichen Deutungsversuche wie auch die antijüdischen Gewaltexzesse der Geißlerzüge in der Schweiz: „Dauernd sagst du etwas anderes. Einmal fliegt die Krankheit durch die Luft, dann kommt sie über die Straße. Einmal sind die Juden schuld an ihr, dann wieder will Gott uns strafen.“

Erhoben wurde dieser zunächst in Chambéry in Savoyen. Juden hätten mit Zaubermitteln Brunnen und Quellen der Christen vergiftet. Behördliche Boten der französischen Stadt trugen dieses Gerücht nun nach Zürich, Basel, Bern, Freiburg im Breisgau und Straßburg. Von dort gelangte es in fast alle Städte des Heiligen Römischen Reichs.
Pogromwellen in ganz Süddeutschland waren die Folge. In den Oberrheinstädten aber auch in kleineren Reichsstädten wie Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen, wurden 1348 und in den Folgejahren sämtliche jüdischen Einwohner auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Zu Esslingen bemerkt eine in Latein verfasste Chronik, dass am 27. Dezember 1348 „die Juden in ihrer Synagoge (am Hafenmarkt) und in ihren Häusern“ verbrannten. Die Chronik lässt zu den tatsächlichen Geschehnissen zwei Deutungen zu. Entweder wurden die Juden von einem fanatisierten Mob verbrannt oder die Juden begingen unter dem Druck der Zwangstaufen, ähnlich wie aus Mainz in 1349 berichtet, Selbstverbrennungen.
Die christlichen Bürger der Stadt bereicherten sich danach an den Gütern und dem Vermögen der Juden. Der irrationale Vorwurf oder Vorwand der Brunnenvergiftung hatte also einen materiellen Kern. Konnten sich durch die Ermordung der jüdischen Bürger viele doch auch der Zinszahlungen an ihre Gläubiger entledigen.
Im Faschismus war der Hafenmarkt erneut Ort der Gewalt gegen die jüdischen Einwohner Esslingens. Bei allen Deportationen nach Riga, Theresienstadt und in die Vernichtungslager hier der Sammelpunkt. Der Esslinger Verein Denk-Zeichen veranstaltet jährlich am 9. November am Hafenmarkt eine Gedenkfeier. Die Namen aller jüdischen Esslinger Opfer des Faschismus werden dabei verlesen.
Erst 1365 durften sich Juden wieder in Esslingen niederlassen, v.a. deshalb weil die Stadt auf die „Judensteuern“ nicht verzichten wollte. In der Folgezeit waren sie zahlreichen Schikanen ausgesetzt.
Im Jahre 1530 wurden die Esslinger Juden erstmals ghettoisiert. Diese „Judengasse“ wurde 1937 von den Faschisten, um jegliche Erinnerung an die jüdische Geschichte auszulöschen, in Schmale Gasse umbenannt, wie sie bis heute heißt.
Da von den Faschisten als Lagerplatz missbraucht, sind auf dem alten jüdischen Friedhof in der Beutau nur noch wenige Grabsteine zu sehen. Die meisten wurden zerstört. Der Friedhof wurde im Jahre 1807 geweiht und 1874 wegen Platzmangels und wegen der bezüglich der jüdischen Bestattungsvorschriften ungünstigen Bedingungen aufgegeben.

Äußerlich unbeschadet, die örtlichen faschistischen Funktionäre fürchteten bei Brandlegung wohl ein Übergreifen auf andere Altstadthäuser, wurden die Innenräume der Synagoge am Morgen nach der Pogromnacht, am 10. November 1938, völlig zerstört. Die gesamte Inneneinrichtung, der Thoraschrein mit seinen wertvollen Schriftrollen wurden zerstört; Kultgegenstände vernichtet oder geraubt. Das Haus wurde zu einem HJ-Heim umgebaut. Nach der Befreiung diente es kurze Zeit für Angehörigen der US-Armee wieder als Synagoge, in späteren Jahren wurde es als Jugendhaus und Kunstgalerie genutzt. Seit 2012 ist das Gebäude nach 73 Jahren wieder Synagoge und wird von der neugegründeten jüdischen Gemeinde für Gottesdienste, Veranstaltungen und Treffen genutzt.
Einige andere Orte sind für Geschichte des jüdischen Esslingen von Bedeutung. Zu nennen ist besonders das ehemalige Israelitische Waisenhaus, geleitet von dem weithin beachteten Pädagogen Theodor Rothschild, der 1944 im KZ Theresienstadt umkam.
Auch lohnt ein Rundgang zu den mittlerweile 40 Stolpersteinen in Esslingen, die dem Gedächtnis der jüdischen, kommunistischen und „Euthanasie“-Opfern des Faschismus gewidmet ist.
Die Esslinger VVN-BdA führt mit ihrem Kameraden Gerhard Voss gerne weitere Stadtführungen durch das jüdische Esslingen an. Bei Interesse bitte melden.
Dem antifaschistischen Rundgang durch das jüdische Esslingen soll bald eine Führung durch das rote / gewerkschaftliche Esslingen folgen.
Jens David
Fotos: Johannes Beck
Literatur:
Bergdolt, Klaus (2006): Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes, Verlag C.H. Beck, München.
Hartmann, Lukas (1992): Die Seuche, Diogenes Verlag, Zürich.
Hirsch, Rudolf / Schuder Rosemarie (1999): Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte, PapyRossa Verlag, Köln.
Schild, Thomas R. (2003): Jüdisches Esslingen. Einladung zu einem Rundgang, 3. Aufl. 2015, Verlag Medien und Dialog Klaus Schubert, Haigerloch.