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»Another fine mess you've gotten me into.« Oliver Hardy

„Sagen, was ist - und zeigen, was sonst im Verborgenen bliebe“ - Interview mit Macher*innen verschiedener linker Medienprodukte

Foto: Daniel R. Blume
Lizenz: cc-by-sa-2.0
Via WikiPedia
Interview von kritisch-lesen.de mit Macher*innen verschiedener linker Medienprodukte

Wie steht es um die Landschaft alternativer Medien? Stecken wir in einer Krise, ähnlich wie die „Großen“? Und wenn ja, wodurch zeichnet sich diese aus?

Für das Interview zum Schwerpunkt „Medien und Gegenöffentlichkeit“ haben wir uns genau dort umgeguckt: Wer macht Gegenöffentlichkeit? Im Zeitalter neuer Medien hat sich das Medienspektrum erweitert. Zu den „klassischen“ Medien wie Zeitung und Verlag kommen Internetpublikationen, Blogs et cetera hinzu. Doch während die Möglichkeiten, Medien zu produzieren, leichter geworden sind und auch Zugänge zu alternativen Presseerzeugnissen leichter erscheinen, sind linke Meinungen nicht unbedingt populärer geworden. Und die Produktionsbedingungen haben sich -“ auch durch eben diese Zugänglichkeit im Internet -“ verschärft. Zeitungen und Verlage sind einem hohen Druck ausgesetzt. Wie gehen die verschiedenen Bereiche mit diesem Druck um, und wie sehen sie ihre Stellung in der Produktion von Gegenöffentlichkeit? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir mit Personen gesprochen, deren Medien sich in mehrfacher Hinsicht unterscheiden.

Lea Susemichel hat Philosophie und Gender Studies studiert. Sie ist leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schlaege, welches seit dreißig Jahren (meist monatlich) erscheint. Sie ist auch Mitherausgeberin von „Feministische Medien: Öffentlichkeiten jenseits des Malestream“, erschienen im Ulrike Helmer Verlag.

Stefan Huth ist Chefredakteur der Tageszeitung junge Welt (seit August 2016), seit 2012 Mitglied der Chefredaktion, war zuvor Leiter des Ressorts „Thema“ und zuständig für den Bereich Geschichte. Er hat in Berlin Germanistik und Anglistik studiert.

Thomas Trüten ist Antifaschist, Gewerkschaftler, Metallarbeiter, Blogger, Fotograf und rezensiert ab und zu Bücher. Vor allem bewegt ihn die Frage, wie man es am besten anstellt, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Willi Bischof ist Verleger bei edition assemblage aus Münster. Der Verlag versteht sich als undogmatisch links und arbeitet in kollektiver Struktur. Die Publikationen decken ein

kritisch-lesen.de: Wie würdest du die Entwicklungen linker Medien in den vergangenen Jahren beschreiben?

Lea: Alternative Medien sind von der allgemeinen Medienkrise weniger betroffen, sie haben bei Auflage und Umsatz einfach viel weniger zu verlieren. Dennoch haben sich die Produktionsbedingungen durch die zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen gerade auch bei kleinen linken Medien weiter verschärft. Zum Beispiel war das Studium früher die typische Phase, um in politische (Medien-)Projekte einzusteigen und sich in endlosen Sitzungen die Nacht um die Ohren zu schlagen. Diese Zeit haben Studierende heute nicht mehr und die Älteren, womöglich mit Kindern, sowieso nicht, das merken wir auch in unserer Redaktion deutlich. Für das Weiterbestehen eines Mediums ist aber irgendwann ein Generationenwechsel nötig, auch deshalb ist es essenziell, neue Leute zu gewinnen. Inhaltlich gibt es -“ und hier spreche ich zunächst für die feministische Medienlandschaft -“ eine zunehmende Ausdifferenzierung. Die Medien bedienen entweder ihre jeweiligen Subszenen (mit akademischen Diskursen, Popkultur, Aktivismus, Queerfeminismus ...) oder teilen sich entlang ideologischer Differenzen auf, wie zum Beispiel die antideutschen linken Medien.

Stefan: Das Angebot hat sich deutlich diversifiziert, es sind auch im Printbereich interessante neue Publikationen hinzugekommen, vor allem solche, die sich mit ökonomischen Entwicklungen im Rahmen der Krise befassen. Insbesondere Internetportale und individualisiertere Plattformen wie Blogs sowie die sogenannten sozialen Medien haben die linke Medienlandschaft dynamisiert -“ auch, indem sie eine schnellere, fast bruchlose Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen. Das dialogische Element ist ein potentiell fortschrittliches, es wirkt allerdings selten zum Vorteil von Qualität und Kontinuität in der Berichterstattung. Eher traditionellem Journalismus verpflichtete Organe haben Probleme, auf die veränderten Lesegewohnheiten der jüngeren Leserinnen und Leser angemessen zu reagieren.

Thomas: Mein Eindruck ist der, dass linke Publikationen nicht nur von der Anzahl her, sondern auch bei den dabei abgedeckten Themen deutlich zugenommen haben. Diese erfreuliche Entwicklung spiegelt sich nicht unbedingt in der Wahrnehmung durch die „bürgerlichen“ Medien wider und kann auch nicht Gradmesser für deren Qualität sein.

Willi: Mein Eindruck ist, dass es die größte Entwicklung linker Medien dort gab, wo diese an eine Subkultur, eine Strömung oder eine Community gebunden sind. Sie entstehen vielfach mit ihrem Umfeld und verändern sich mit ihrer Community, richten sich dort ein. Das heißt, diese Medien sind geblieben, haben sich erweitert oder spezialisiert, oder sie haben sich sehr verändert, je nachdem, wie sich ihr (subkulturelles?) Umfeld verändert hat. Das zeigt sich auch in den Programmteilen der edition assemblage. Die vielfältigsten und meisten Publikationen entstehen hier zum Beispiel in den Schwarzen und POC-Communities und in den queerfeministischen Communities. In diesen Bereichen lassen sich ganz verschiedene Tendenzen finden. Es gibt einerseits Spezialisierungen und Radikalisierungen, und gleichzeitig verbreiten sie sich ins offen interessierte Publikum. Dieser Teil der Medien funktioniert zumeist recht gut. In der Regel reicht ihnen der Kreis an Interessierten, die sie tatsächlich erreichen. Auch ökonomisch finden diese Projekte häufig eine Nische, und es gibt häufig ökonomische Überscheidungen zu anderen Tätigkeitsfeldern (Bildung, Workshops, Seminare, (Kultur-)Veranstaltungen). Häufig finden positive und fortschrittliche Entwicklungen gerade in diesen Medien statt. (Ein Beispiel für diese Tendenzen scheint mir das Missy-Magazine im Gegensatz zur Emma zu sein.) Dort, wo Medien sich etabliert haben oder mussten (beispielweise durch ökonomische Bedürfnisse), gab es schon immer die Tendenz zur Entpolitisierung und Endradikalisierung, die sich nicht unbedingt in den Büchern oder einzelnen Beiträgen widerspiegelt, sondern auch in der eigenen Organisierung und im (internen) Selbstverständnis. Linke Projekte scheitern dann nicht an den äußeren Gegebenheiten, sondern zum Beispiel an der Privatisierung vormals kollektiver Strukturen und Dinge. Linkssein ist dann ein Mythos, der als Label wichtig für das „Geschäft“ ist.

kritisch-lesen.de: Was bedeutet Gegenöffentlichkeit heute?

Lea: Ich würde von Gegenöffentlichkeiten im Plural sprechen. So bildeten (und bilden) feministische Zeitungen nicht nur eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien, sondern auch zu anderen linken Medien, sofern diese feministische und frauenpolitische Themen marginalisieren. Auch linke Medien sollten einander entsprechend als Gegenöffentlichkeit, das heißt als kritische Korrektive dienen. Ganz grundsätzlich würde ich Gegenöffentlichkeit als emanzipatorische Medienarbeit definieren, die dem engen Meinungsspektrum des Male- und Mainstreams Alternativen entgegensetzt -“ sowohl auf inhaltlicher Ebene als auch in der Art der Auseinandersetzung. Und die so die Bandbreite dessen, was Nachrichtenwert hat, was als relevante Meldung und ernst zu nehmende Meinung gilt und was nicht, verändert und verschiebt. Hier haben insbesondere feministische Medien in den letzten Jahrzehnten tatsächlich einiges erreichen können, denn zumindest bestimmte feministische Forderungen und Themen werden inzwischen auch in traditionellen Medien diskutiert. Ich denke also nicht, dass linke Medienarbeit nur ein „preaching to the converted“ ist, dass sie wirkungslos nur im eigenen Saft schmort, wie ja oft kritisiert wird. Es findet ein Thementransfer auch in andere Medien statt, nur dauert das leider meist. Aber diese Gegenöffentlichkeiten bringen Diskurse über gesellschaftliche Gegenentwürfe nicht nur nach „außen“, sie sind auch nach „innen“ immens wichtig. Denn soziale Bewegungen sind zur Selbstreflexion und Selbstvergewisserung auf linke Medien unbedingt angewiesen, eine Widerstandsbewegung ohne eigene Medienkultur hat es nie gegeben und ist schlicht nicht vorstellbar.

Stefan: Im Kern nichts anderes als ehedem: Die Interessen benennen, die hinter herrschender Politik stehen. Sagen, was ist -“ und zeigen, was sonst im Verborgenen bliebe. Den Schleier bürgerlicher Heuchelei zerreißen und den von dieser Politik Betroffenen Möglichkeiten ihrer Überwindung aufzeigen. Über linke Kultur linkes Selbstbewusstsein und Internationalismus fördern.

Thomas: Die alte Erkenntnis, dass die herrschende Meinung die der Herrschenden ist, und dass diese angegriffen werden muss, damit die Meinung der Beherrschten zum Ausdruck kommt, bestätigt sich täglich aufs Neue. Gegenöffentlichkeit, die wirken will, muss sich deshalb immer mit den realen gesellschaftlichen Kämpfen verbinden und ist andererseits auch deren Ergebnis. Abstraktes Theoretisieren, womöglich im „Elfenbeinturm“, ist sinnlos.

Willi: Gegenöffentlichkeit kann heute nicht mehr überzeugend über vermeintliche Hauptwidersprüche (der Staat, die Bildzeitung, das Kapital...) geschaffen werden, sondern wird sich mit den vielfältigen (eigenen) Widersprüchen beschäftigen müssen. Tatsächliche und wirkungsvolle „Gegenöffentlichkeit“ deckt auch die blinden Flecken von Herrschaft auf. Das sind dann nicht selten die eigenen Privilegien.

kritisch-lesen.de: Welches sind die Herausforderungen, mit denen linke Medien zu kämpfen haben? Wie hat sich dies in den letzten Jahren gewandelt?

Lea: Als feministische Medienmacherin von „Herausforderungen“ zu sprechen, ist euphemistisch. Innerhalb des linken Medienspektrums mögen Ressourcen insgesamt knapper und die Lage noch prekärer geworden sein, bei uns war es nie anders.

Stefan: Mit dem neoliberalen Umbau der Hochschulen wurde auch fortschrittliche Forschung entsorgt. Dies hat unter anderem zur Folge, dass wenig akademischer Nachwuchs heranwächst, der Kenntnisse in Sachen Sozialismus, Marxismus und Geschichte der Arbeiterbewegung, des Widerstands überhaupt, besitzt. Grundlagenwissen erodiert, es wird -“ auch angesichts des gegenwärtigen Aufschwungs der Rechten -“ schwieriger, linke Traditionen lebendig zu halten und den Kreis der an gesellschaftlicher Veränderung Interessierten zu vergrößern. Allgemein nehmen in der Linken im Zuge ihrer derzeitigen Schwächung Verwirrung und Tendenzen zu sektiererischer Verengung zu; es gibt eine Neigung, in diesem Sinne „unbotmäßige“ Berichterstattung umstandslos zu sanktionieren. Der Vormarsch der Rechten findet auch im Bereich der Justiz statt. Es ist damit zu rechnen, dass linke Medien vor bundesdeutschen Gerichten künftig schlechtere Karten haben werden und dass die Pressefreiheit weiter eingeschränkt wird.

Thomas: Herausforderungen sind die richtige Verarbeitung und Höherentwicklung der gesellschaftlichen Erfahrungen des revolutionären Subjekts, auf das sich bezogen wird, und die Frage einer entsprechenden Perspektive einer befreiten Gesellschaft. Das sind doch im Grunde die Fragen, um die es geht. Kein linkes Medium kann sich da heraushalten, sonst gleitet es ab in Reformismus und bedient nur noch eine Subkultur.

Willi: Mein Eindruck ist, dass es nicht weniger Bücher und Projekte gibt. Auch haben sich die Möglichkeiten, Bücher zu produzieren, auf der technischen und wirtschaftlichen Ebene zum Teil sehr verbessert und sogar vereinfacht. Verschlechtert haben sich allerdings solidarische ökonomische Bedingungen bei der Herstellung und beim Vertrieb der Bücher. Es gibt kaum noch („bezahlbare“) Druckerei-Kollektive oder gar tariflich abgesicherte Druckereien. Linke, politisch gut sortierte und organisierte Buchhandlungen müssen immer häufiger prekär arbeiten oder ihre Projekte einstellen. Besonders bedrohlich und entpolitisierend ist, dass eine ganze Reihe politisch-solidarischer Infrastrukturen wie Infoläden und Büchertische auf Demos und Veranstaltungen fast völlig verschwunden sind. Viele linke Umgangsformen, sich kollektiv und solidarisch Bücher zu organisieren und die notwendigen Strukturen (vom politischen Lesezirkel, über linke Buchhandlungen bis hin zu Vertrieben und Verlagen) zu unterstützen, sind durch ein individuelles unpolitisches und unsolidarisches -“ also neoliberales -“ Konsumverhalten ersetzt worden. Vermeintlich links ist dann nur noch die (unsolidarische) Anforderung, dass alle Bücher (unabhängig von ihren Produktionsbedingungen) möglichst einfach und kostenlos heruntergeladen und kopiert werden können. Wir brauchen wieder mehr solidarische politische Strukturen, von der Herstellung bis hin zum Konsum.

kritisch-lesen.de: Den bürgerlichen Medien schlägt derzeit ein rauer Wind von rechts entgegen. Stecken die etablierten Medien in einer grundsätzlichen Krise?

Lea: Die Krise besteht darin, dass derzeit auch linksliberale Medien aus Angst vor der „Lügenpresse“-Schelte in vorauseilendem Gehorsam zentrale Qualitätsstandards und medienethische Grundregeln verabschieden. So wird beispielsweise die Herkunft von Verdächtigen genannt -“ man will sich schließlich nicht vorwerfen lassen, man verschweige etwas -“ und mediale Vorverurteilungen mit vollständigem Namen und Foto kommen längst nicht mehr nur im Boulevard vor.

Stefan: Das ist ein langfristiger Trend, der sich in jüngster Zeit nur verstärkt hat. Das Grundproblem besteht darin, dass die journalistischen Standards auch in „Qualitätsmedien“ über die Jahre kontinuierlich gesenkt, Redaktionen verkleinert wurden -“ mit der Folge, dass ein medialer Einheitsbrei angeboten wird, für den immer weniger Leute bereit sind, Geld zu zahlen. Die so entstandene „Glaubwürdigkeitslücke“ weiß die Rechte natürlich für sich zu nutzen. Der digitalen Herausforderung wird mit weiterem Abbau von Recherche-Ressourcen begegnet. Da die Ware Information infolge der Online-Konkurrenz nicht mehr ohne Weiteres der Renditesteigerung dient, orientiert man sich auf außerjournalistische Einnahmemöglichkeiten. Mit dem Ergebnis einer weiteren Verflachung des journalistischen Angebots. Ein Teufelskreis, der die grundsätzliche Krise vertieft.

Thomas: Ich würde die bürgerlichen Medien nicht über einen Kamm scheren. Die einen geben rechtem Gedankengut vollkommen kritiklos Raum, andere versuchen auf bürgerlicher Grundlage eine Auseinandersetzung mit ihm. Es gibt einige sehr ambitionierte und mutige Redakteure, die deswegen Angriffen von rechts ausgesetzt sind. Wenn ich mir die Kommentarspalten mancher Zeitungen ansehe, überfällt mich schon ein gruseliges Gefühl. Die darin zum Ausdruck kommende Haltung lässt sich aber auch nicht in den Kommentarspalten bekämpfen -“ auch wenn das nicht unwidersprochen bleiben darf -“, sondern nur organisiert, auf der Straße, in der Uni, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Das ist gerade das Aufgabenfeld linker Medien, und darüber hinaus linker Kultur. Und gerade darin besteht meiner Ansicht nach auch die Krise der etablierten Medien. Sie werden niemals in der Lage sein, mehr als Ansätze einer Kapitalismuskritik zu entwickeln oder gar eine Perspektive jenseits dessen zu zeigen, weil sie mit dem herrschenden System untrennbar verbunden sind. Es wird trotz verschiedener guter Analysen immer bei der Kritik an einzelnen Erscheinungen bleiben. Das ist ihr unlösbares Handicap.

Willi: Medien können auf Qualität oder auf Klicks setzten. Medien, die den Journalismus vernachlässigen und auf hohe Klickraten setzten, sind bereits strukturell populistisch, vereinfachend und rechts. Langfristig werden sich die meisten Medien nur durch Qualität etablieren. Nur gute journalistische Arbeit wird auch eine Vielfalt an Medien ermöglichen.

Hinter der Fassade

Horkheimer (links) mit Theodor W. Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (hinten rechts) in Heidelberg, 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro / CC-BY-SA-3.0

"Daß die Demokratie or whatever you may call it in Deutschland keine Tradition hat als verlorene Kriege und re-education, erzählen die Deutschen selber. Hinter dieser Beschönigung ihrer Rancune gegen die droits de l'homnie aber steht die Bereitschaft, in jenen fanatischen Patriotismus auszubrechen, der sich vor dem anderer Völker dadurch auszeichnet, daß er keine Idee hat, daß er in bloßer kollektiver Barbarei besteht. Nichts von Liebe ist darin, das beweist allein schon der offenkundig zum schamlosen Kitsch herabgesunkene Heimatrummel von landsmannschaftlichen pressure groups und Edelweißromanen. Nichts ist wahr als Machtgier und Aggression. Wie sollte denn ein Volk Selbstbewußtsein aufbringen, das in der jetzt lebendigen Generation auf Befehl eines zugleich schlauen und wahnsinnigen Demagogen zwölf Jahre lang den Mord als Handwerk übte, das die Nachbarn überfiel und die Welt unterjochen wollte, ein Volk, das nach der Niederlage sogleich die Feinde, weil sie jetzt die Herren waren, als Befreier begrüßte, nach dem ersten Schrecken jedoch den Haß gegen die Befreier entdeckte und mit jedem Tag, an dem es ihm auf Grund der fremden Hilfe besser geht, sich zu neuen Taten rüstet. Nirgendwo in zivilisierten Ländern ist so wenig Grund zum Patriotismus wie in Deutschland, und nirgendwo wird von den Bürgern weniger Kritik am Patriotismus geübt als hier, wo er das Schlimmste vollbracht hat. Berlin, die Wiedervereinigung, die Gebiete jenseits der Oder des zu Recht besiegten Deutschlands werden zu Stimulantien der neuen patriotischen Gesinnung, die von einem unheimlichen Willen gegen inneren, ja gegen äußeren Widerspruch sich ausbreitet. Unansprechbar, weil unreflektiert und von keinem vernünftigen Grund gestützt, vom Westen schlau die Reputation erborgend, man sei ein liberales Volk, man teile die politische Geschichte mit der freien Welt, schickt man sich an, der Freiheit den nächsten Streich zu spielen. Die Kotaus vor den Widerstandskämpfern, die offiziellen Absagen an den Antisemitismus, von den Synagogenbesuchen der Bürgermeister bis zum Schweigen bei Anne Frank, all dieses bereits kleinlaut und formell gewordene Schuldgetue hat bloß die Funktion, sich zum rechten Patriotismus wieder das gute Gewissen zu machen, sofern es nicht bloße Reklame für amerikanische Foundations ist. Der Patriotismus in Deutschland ist so furchtbar, weil er so grundlos ist."

Max Horkheimer - Notizen 1950 bis 1969 und Dämmerung

I am Troy Davis. You are Troy Davis. We will not stop fighting for justice.

Vor fünf Jahren wurde Troy Davis hingerichtet. "Der Kampf für Gerechtigkeit endet nicht mit mir. Dieser Kampf ist für alle Troy Davise, die vor mir kamen und die nach mir kommen werden. Ich bin guter Verfassung und voller Gebete und in Frieden. Aber ich werde bis zu meinem letzten Atemzug nicht aufhören zu kämpfen."

Letzte Klarheit

Theodor W. Adorno (vorne rechts) mit Max Horkheimer (links) und Jürgen Habermas (hinten rechts) in Heidelberg, 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro / CC-BY-SA-3.0

"Im Zeitungsnachruf für einen Geschäftsmann stand einmal: "Die Weite seines Gewissens wetteiferte mit der Güte seines Herzens." Die Entgleisung, die den trauernden Hinterbliebenen in der für solche Zwecke aufgesparten, gehobenen Sprache widerfuhr, das unfreiwillige Zugeständnis, der gütige Verblichene sei gewissenlos gewesen, expediert den Leichenzug auf dem kürzesten Weg ins Land der Wahrheit. Wenn von einem Menschen vorgeschrittenen Alters gerühmt wird, er sei besonders abgeklärt, so ist anzunehmen, daß sein Leben eine Folge von Schandtaten darstellt. Aufregung hat er sich abgewöhnt. Das weite Gewissen installiert sich als Weitherzigkeit, die alles verzeiht, weil sie es gar zu gründlich versteht. Zwischen der eigenen Schuld und der der anderen tritt ein quid pro quo ein, das zugunsten dessen aufgelöst wird, der das bessere Teil davontrug. Nach einem so langen Leben weiß man schon gar nicht mehr zu unterscheiden, wer wem was angetan hat. In der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts geht jede konkrete Verantwortung unter. Der Schuft wendet sie so, als ob es gerade ihm widerfahren wäre: wenn Sie wüßten, junger Mann, wie das Leben ist. Die aber schon mitten in jenem Leben durch besondere Güte sich auszeichnen, sind meist die, welche einen Vorschußwechsel auf solche Abgeklärtheit ziehen. Wer nicht böse ist, lebt nicht abgeklärt, sondern in einer besonderen, schamhaften Weise verhärtet und unduldsam. Aus Mangel an geeigneten Objekten weiß er seiner Liebe kaum anders Ausdruck zu verleihen als im Haß gegen die ungeeigneten, durch den er freilich wiederum dem Verhaßten sich angleicht. Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den richtigen Menschen."

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, (Anhang I), aus dem öffentlich zugänglichen Werk (pdf)

Blogkino: Schatten (1923)

Wir setzen in unserer Kategorie Blogkino heute die Reihe mit Filmen des expressionistischen Kinos fort mit dem 1923 von Arthur Robison gedrehten Stummfilm "Schatten". "Ein Ehemann ist von seiner Eifersucht getrieben. Er verfolgt seine attraktive Ehefrau auf Schritt und Tritt, überzeugt von ihrer Untreue. Bei einem abendlichen Dinner glaubt er, endlich den Beweis für ihre Untreue zu haben. Er beobachtet das Schattenspiel hinter einer Gardine. Seine Frau wird von Männerhänden begrapscht. Doch die Schatten täuschen ihn. In Wahrheit handelt es sich um bedeutungslose Gesten. Seine Frau wird von den Männern nicht einmal berührt. Ein anwesender Schausteller bekommt den Wahn des Ehemanns mit und weiß um die Täuschung. Mit einer Hypnose möchte er den Anwesenden die Wahrheit vor Augen führen. Er führt den hypnotisierten Gästen ein Schattenspiel vor, das ihnen ihre erotischen Wünsche und Ängste vorführen soll. Das Spiel sorgt für Klarheit. Der Ehemann erkennt, dass seine Frau ihm treu ergeben ist und ihre Kavaliere verlassen das Haus, mit dem Wissen, dass sie bei dieser Frau keine Chance haben." (WikiPedia)

Bradley Roland Will: 5. Todestag

Am Freitag, den 27. Oktober 2006, wurde Bradley Roland Will, alias Brad Will, ein US-Journalist und Kameramann, in Oaxaca bei einer Schießerei durch einen Bauchschuss getötet. Zu der Schießerei kam es, als bewaffnete Personen versuchten eine Straßensperre zu beseitigen, die von den Aufständischen der Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca (APPO) errichtet worden war, die Oaxaca mehrere Monate besetzt hielten.

Brad Will
Foto: Hinrich Schultze

Will war in Oaxaca und berichtete über den andauernden Widerstand von Lehrern und Arbeitern gegen die PRI-kontrollierte Regierung des Staats Oaxaca. Nach Berichten von IMC New York und von "La Jornada" (Mexico) wurde dem 36-jährigen Will aus einer Entfernung von 30-40 Metern von zivilen Paramilitärs in den Bauch geschossen. Er starb auf dem Weg zum Roten Kreuz.

¡Brad Will presente. Ahora y siempre!

Santa Lucia del Camino,Oaxaca 2008
Foto: contraimpunidad


Mehr Informationen:

http://vientos.info/cml/
http://mexico.indymedia.org/BradWill
http://mexico.indymedia.org/oaxaca
Spanischer Bericht bei IndyMedia Chiapas

Kein Werben fürs Sterben! Protest gegen das Bundeswehr-Gelöbnis am 30. Juli 2010 in Stuttgart

Dokumentiert: Aufruf des überregionalen Bündnisses „GelöbNix in Stuttgart“
Die Bundeswehr hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Vor 20 Jahren konnte sich kaum jemand vorstellen, dass deutsche Soldaten in Afghanistan, im Kosovo, Kongo, im Golf von Aden und anderswo kämpfen. Immer mehr Menschen in Deutschland lehnen diese Politik ab und immer weniger sind bereit, Soldat zu werden und für angebliche „deutsche Interessen“ in fernen Ländern in den Krieg zu ziehen.

Darum wirbt die Bundeswehr immer häufiger in Schulen, Ausbildungsmessen und Arbeitslosenvermittlungen ihren Nachwuchs an -“ im letzten Jahr wurden die Ausgaben zur „Nachwuchswerbung“ von 12 Millionen auf 27 Millionen mehr als verdoppelt. Auch öffentliche Gelöbnisse, wie das am 30. Juli 2010 auf dem Stuttgarter Schlossplatz geplante, sollen die Akzeptanz und das Ansehen des Militärs in der Bevölkerung steigern. Selbst in Preußen haben Gelöbnisse und Vereidigungen im Kasernenhof stattgefunden -“ es hat nur eine Zeit in Deutschland gegeben, wo öffentlich gelobt und vereidigt wurde, und das waren nicht die Zeiten der Demokratie, sondern des blanken faschistischen Terrors. Doch seit 1980 werden Gelöbnisse in Deutschland wieder öffentlich gefeiert -“ meistens unter großem Protest der Bevölkerung.

Laut Grundgesetz darf die Bundeswehr ausschließlich für Landesverteidigung eingesetzt werden -“ in der Verteidigungspolitischen Richtlinie von 1992 aus dem Hause Rühe wurde allerdings die "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt" als vitale deutsche Sicherheitsinteressen definiert. Das Weißbuch der Bundeswehr, das die Agenda des deutschen Militärs für die nächsten zehn Jahre festlegt, empfahl 2006, dass die Bundeswehr in der Lage sein soll, gleichzeitig bis zu fünf „Stabilisierungseinsätze“ mit insgesamt bis zu 14.000 Soldaten zu leisten. Bis 2010 soll sich die Armee unterteilen in 35.000 Eingreif-, 70.000 Stabilisierungs- und knapp 150.000 Unterstützungskräfte. Interventionskriege und deren Vorbereitung sind eindeutig verfassungswidrig. Wir lehnen alle Auslandseinsätze der Bundeswehr entschieden ab.

Wir wollen kein Militärspektakel in unserer Stadt!

Die Bundeswehr versucht nun zum ersten Mal seit 1999 wieder in Stuttgart ein Gelöbnis zu feiern. Dank des großen Protesten damals mied die Bundeswehr 11 Jahre Stuttgart. Jetzt sollen 33.500 Euro Mehrkosten in die Neuauflage des Spektakels investiert werden.

Die Zeremonie selbst steht den Grundwerten einer zivilen, emanzipatorischen und friedlichen Gesellschaft entgegen. Das Strammstehen, das gleichgeschaltete Marschieren, das Bewegen aufgrund militärischer Kommandos sowie die Wiederholung von Gelöbnisformeln lassen die einzelnen Personen unmündig und ihrer Individualität beraubt erscheinen. Es geht um die öffentliche Demonstration des Prinzips von Befehl und Gehorsam, um Hierarchie, um die Vereinnahmung des Individuums in eine Tötungsmaschinerie. Die Soldaten und Soldatinnen werden nicht aufs Grundgesetz, sondern auf den Staat vereidigt, unabhängig vom Inhalt der Politik, für die sie kämpfen sollen.

Über 70% der Bevölkerung lehnen derzeit den Afghanistan-Einsatz ab. Es ist wichtig, diese Ablehnung sichtbar auf die Straße zu tragen!

Wir rufen dazu auf, die Bundeswehr überall dort, wo sie öffentlich auftritt -“ also auf Bildungsmessen, in Schulen, Arbeitsämtern und eben auch bei diesem Gelöbnis -“ argumentativ zu stören und sie mit den Fakten ihrer Taten zu konfrontieren, nämlich unzähligen toten, verstümmelten, traumatisierten und unterdrückten Menschen.

Wir fordern alle zivilgesellschaftlichen Kräfte auf, sich im Vorfeld des Gelöbnis öffentlich gegen das Gelöbnis auszusprechen und mit uns am 30. Juli lautstark und kreativ zu demonstrieren. 

Nein zur Normalisierung von Krieg!

Nein zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr!

Nein zu öffentlichen Gelöbnissen!

Für eine Welt ohne Krieg!

Gegen das öffentliche Gelöbnis am 30. Juli 2010 in Stuttgart!

Quelle: Aufruf vom 12. Mai 2010
AutorIn: Überregionales Bündnis „GelöbNix in Stuttgart“



Vormerken: Landesweites Bündnistreffen

Sozialzentrum des Paritätischen Wohlfahrtverbands
Haußmannstr. 6, 70188 Stuttgart
U15 Haltestelle Eugensplatz

Frontal21 über "Stuttgart 21" - das Milliardenloch im Schwabenland

Das Projekt "Stuttgart 21", der Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, könnte zum Milliardengrab für die Steuerzahler werden, befürchten Experten. Der Bundesrechnungshof kritisiert eine Finanzierungslücke von fast 2,5 Milliarden Euro. Nach Recherchen von Frontal21 sind die Berechnungen der obersten Rechnungsprüfer den Verantwortlichen von "Stuttgart 21" bisher unbekannt. (...) weiterlesen




Frontal21, 2.3.2010



Via redblog. Siehe auch todamax.

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