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»Jede Gesellschaft bekommt die Revolution, die sie verdient.« Michail Bakunin

Schwarzer Freitag im August?

Dow Jones Industrial Average 1929
Quelle: Wikipedia
Die Aktienkurse stürzen senkrecht. Seit den kleineren Crashs von vor 14 Tagen sind insgesamt über 2000 Punkte verloren gegangen. Und zwar, ohne dass sich die bescheidensten Zwischenerholungen zeigten.Die Zeitungen brachten das keineswegs alle auf der ersten Seite. Die verinnerlichte Moral verbot Panikmache. Zwischendurch Hilfserklärungen. Jemand hätte am Vormittag bei den Verkaufsorders auf die falsche Taste gedrückt - deshalb das Ganze. Nachdem sich bis Abend nichts gebessert hatte, war es mit diesem Trost auch wieder vorbei.

Das Neue bei diesem Mal: es ging überall bergab. Zum Vergleich: als nach dem glücklich erzielten Zusammenbruch der UDSSR und der Ostländer 1990 ff. alle skandinavischen Märkte in die Knie gingen, da florierte zur gleichen Zeit das okkupierende Westdeutschland. Global glich sich alles wieder aus. Davon kann dieses Mal keine Rede sein.

Dass es keinen besonderen Anlass für dieses Mal gab, gerade das zeigt die katastrophale Lage am deutlichsten an. Kein Bankenkrach. Kein neues KKW - Malheur. Man rechnet nur einfach nicht mehr mit einem weiteren Aufschwung in nächster Zeit. Will aussteigen. Wenn es nur - außer jenem aus dem denkbar unproduktiven Gold - einen Steg an ein sicheres Ufer gäbe. Wurde die gleiche Krise- immer noch die gleiche wie 2008- noch über grenzenloses Schuldenmachen- und Bürgen nicht behoben, aber ins Unsichtbare geschoben, so kann sich inzwischen jeder, der nicht fingeramputiert sein sollte, ohne mechanische Hilfsmittel ausrechnen, dass die Methode nicht unbegrenzt fortgeführt werden kann.

Und - wie England zeigt - dass der Glauben ans Rückzahlenkönnen simuliert werden muss durch Sparbeschlüsse rigoroser Art. Die an den unteren vollzogen werden. Mit den unvermeidlichen Auflehnungen. Und entsprechender Rückschlagmethode gegen die Uneinsichtigen. Die Krise kann dieses Mal nicht schnell zu Kriegen führen in den Kernräumen des Kapitals, aber zu einer Abart kontinuierlichen Bürgerkriegs - zunächst noch über die Polizei. Das Heer steht immerhin eingriffsbereit.

Wird aber alles so schlimm kommen wie 1929 und in den folgenden Jahren? Oder wird es bei einer Delle, bei einem Knick bleiben, wie man besinnlich lächelnd am Brokerstammtisch nach getaner Ausradierung des und der Überflüssigen sagen wird?

Einen Fehler von damals haben die Staaten dieses Mal nicht wiederholt. Den nämlich, die eigenen Wechselkurse so zu senken, dass für den heimischen Export ein Wettbewerbsvorteil herausspringen sollte. Das nämlich hatte bis 1932 den freien Weltmarkt faktisch zerstört und führte allenfalls noch zu nationalen Tauschgeschäften. Diese Entwicklung erwies sich als schlimmer als die Krise an der Börse.

EU hat immerhin das verhindert. Der Vorteil wird durch einen Nachteil weitgehend zunichte gemacht: das Klüngeln der vermeinlich noch Mächtigen- Deutschland/Frankreich- die immer hektischer zusammen herumfuhrwerken, um möglichst vielen europäischen Randstaaten Diktate aufzuerlegen. In Kauf genommen dabei mehr oder weniger empörte Massenbewegungen, die dann wieder unter rechtem Beifall niedergeschlagen werden können.

Die letzte Gluckensitzung Merkel-Sarkozy hat wenig gebracht. Undankbar ließen sich die deutschen und französischen Börsianer am tiefsten fallen- und hätten doch Aufmunterung und Vorbild sein sollen. Immerhin. In der allgemeinen Panik lässt sich wohl doch noch einiges durchsetzen.

Allgemeine Haltung: Weiterwursteln. Obama noch für seine letzten vier Jahre. Merkel kriegt vielleicht auch noch einen Barmherzigkeitsbonus. Auch einen Sarkozy wird man mit zusammengebissenen Zähnen ertragen. Cameron, Berlusconi und der spanische Präsidentenimitator freilich müssen durch noch ärmere Darsteller ersetzt werden.

Damit wäre viel Zeit "gekauft", wie man merkantil sich zu äußern pflegt. Viel Zeit für die Reste der organisierten arbeitenden Leute, die es vielleicht doch einmal müde werden, die Haut immer straffer zusammengezogen zu kriegen.Und die in den härter werdenden Tagen vielleicht doch einmal Versuche machen, sich mit Gewerkschaften in anderen Ländern zusammenzuschließen -gegen den alle bedrohenden Druck. Und mehr noch sich zusammenzuschließen mit all den Jugendlichen, die - wie jetzt in England - zur Schauschlachtung anstehen, um in einem Jahr - nach Amnestie - gerührt der Allgemeinheit und der allgemeinen Sauerei wieder zurückgegeben zu werden.

Das Erschütternde an der gegenwärtigen Krise liegt nicht darin, dass die Oberen brutal, hartherzig und weitplanerisch sind. Das waren sie immer. Das Erschütternde liegt darin, dass es so wenig Empörung dagegen gibt. Und so geringe Einigkeit in der Abwehr. Bald kommt der Papst. Und keinen wird interessieren, was er uns zu predigen hat. Aber alle- wer dieses Mal wieder nicht aufsteht. Oder - wer die längstabgerissene Mauer in Berlin nicht vorschriftsmäßig so schlimm findet, wie linke Tugendwächter das unentwegt tun. Folge: Der Karren holpert weiter seinen bösen Gang.

Tugendbolde im Panikgalopp!

Man ist fassungslos in Schleswig-Holstein! Ein fast vierzigjähriger mit einer sechzehnjährigen. Dass es so etwas gibt. Und wie bedauerlich, dass es wirklich nicht strafbar ist.

Um so gewichtiger die Haue, die so einer kriegen muss. Hat er sich denn gar nicht überlegt, wie so eine Beziehung in zwanzig Jahren aussehen wird? Wie soll der ein Land regieren, der sich selbst so wenig am Zügel hat.

Und so weiter. Nicht wenige nehmen nach der ersten Mitentrüstung an, dass es bei den moralisch erregten CDU-Kollegen nicht einfach um Sittlichkeit ging, sondern um Angst vor den Wahlen. Wenn "die andern" so etwas herausbekämen!

Das ist aber nicht das Hauptproblem. Erschütternd die Technik, sofort tausend Miterregte zu finden durch den Appell an Vater-oder Muttergefühle! "Was täten sie, wenn ihre Tochter freudig bewegt von einem Treffen im Hotel zurückkäme - mit einem Vierzigjährigen?" Keine Antwort! Aber viele Auskünfte. Nämlich die aus zirka hundert Serien-Sendungen, in denen das ein immer anregendes Thema ist. Natürlich auch dort ohne Lösung.

Der Trick besteht einfach darin, ein Problem völlig auszubeinen aus den allen vertrauten sonstigen Zusammenhängen. An die Kollegen in der Fremde, die bei lockereren Zusammenkünften auch nicht immer erst fragen: "Mein Fräulein, haben sie Abitur? - Warten wir doch lieber noch die zwei Jahre!" Und so weiter. Die bekannten Lebenszusammenhänge werden einfach ausgeklammert.

Nicht viel anders bei dem letzten Zentralangriff auf die "Junge Welt". Sie hat sich für die Erbauung der Mauer ausgesprochen. Und keinen Seufzer gespendet für all die Erschossenen. Selbst eine Luc Jochimsen (LINKE) ist darauf hereingefallen. Im ersten Teil ihrer Mitteilung im Blog wiederholt sie fast wörtlich, was "Junge Welt" geschrieben hatte - im zweiten Teil erregt sie sich gesundheitsgefährdend über das Rot im Titel und die Soldaten auf der ersten Seite der Print-Ausgabe. Ab jetzt kann sie so einem Blatt keinen Cent Unterstützung mehr zukommen lassen.

In diesem - von WELT und anderen - sofort aufgegriffenen Fall wird der für moralische Wallungen unerlässliche mentale Akt besonders sichtbar: er besteht im bewussten Vergessen. Vergessen der unbestreitbaren Tatsache, dass alle Staaten nicht anders sich halten können als über Gewalt. Vergessen ganz konkret der Befestigungs-Abwehr- und Erschießungsmaßnahmen an den heutigen europäischen Grenzen. (Manchmal durch mittelbares Ertränken gemildert. Da muss sich niemand die Schuld geben lassen.)

Lasse ich diese Grundbedingung weg, kann mir freilich jeder Mauertote leid tun. Ich darf dann nur nicht vergessen, welche Opfer damals eine freiwillige Selbstaufgabe der DDR gefordert hätte. Die Zeiten waren 1961 noch nicht so, dass eine Übernahme des bis dahin feindlichen Staates durch den Westen über Erpressung und Bestechung so leicht durchführbar gewesen wäre wie 1989.

Ich bin alt genug, um mich zu erinnern, wie 1961 -leise, ganz leise-verschiedene meinten, es sei schon ganz gut, dass die DDR nicht völlig ausgepowert werde durch die Abzocker von Fachkräften im Westen. Derweilst schrieben die Oberschüler sittlich erregt in ihren Aufsätzen nur von der "Schandmauer". Und wenn ich das schüchtern ankringelte und vor "ungedeckten Gefühls-Schecks" warnte, waren sie vaterländisch beleidigt. Dabei ging es mir in jenen frühen Jahren einfach um "Sprachehrlichkeit". Keineswegs um Sozialismus.

Insgesamt haben wir uns also den vorgeschriebenen Gefühlen hinzugeben. Und bringen, wie Claudius vorschrieb, gehorsam unser Tränlein dar. Und vergessen erwartungsgemäß darüber, was es sonst noch gibt auf der Welt.

Schirrmachers neuester Dreh: Zurück zu Thatcher und Erhard!

Schirrmacher ist immer für eine Überraschung gut. Schon in den Anfängen seiner Karriere, als er Christa Wolf aus dem Schaufenster fegte. Dann als er den langjährigen Hausschreiber Walser des Antisemitismus verdächtigte. Und jetzt, als er in der Sonntagsausgabe der FAZ (14.8.2011) der LINKEN die Ehre zu geben scheint: Sie hätte die längste Zeit durchgeblickt. Er stützt sich dabei auf einen entsprechenden Aufsatz des englischen Thatcher-Biographen Moore, der sich freilich viel enger auf den Murdoch-Skandal bezieht. Lag der Fehler der Rechten nach Moore darin, dass sie zu lange die Sauereien Murdochs und seiner Verlage duldeten, so greift Schirrmacher ganz anders ins Volle.

Wenn man seinen Gedanken nachvollzieht, dann haben die Linken in einem Punkt recht: die Rechts-Regierung - vor allem der CDU - ist unfähig, ihr Unglück zu erkennen und zu erklären.

Das Unglück: Die Wirtschaft - konkret die Banken - regieren sprachlos unsere Welt. Kein Trost kommt von oben.

Dann freilich regnen Erinnerungstäuschungen herein. Erhard verklärt sich nicht nur im letzten Buch Wagenscheins, sondern auch bei Schirrmacher. Wäre es zu seiner Zeit denkbar gewesen, dass alles sich vollzog, ohne ein klärendes Wort? So fragt uns Schirrmacher rhetorisch!

Oh ja - nur klärte es nichts. Im letzten Regierungsjahr der CDU vor der ersten großen Koalition erschien Rüdiger Altmanns "Formierte Gesellschaft" (1965), in welchem - unter wohlwollendster Anteilnahme des damaligen Bundeskanzlers - wie heute versucht wurde, dem auseinanderlaufenden Kapitalismus Streben einzuziehen: gegen Gier, gegen Besinnungslosigkeit usw. Schon damals heftig angegriffen.

An welche Linken eigentlich denken die beiden - Moore und Schirrmacher - wenn sie von deren "Recht" sprechen? An Labour und SPD gewiss nicht. Man muss nur ihrer Majestät Opposition gesehen haben, wie sie unterwürfig und ehrerbietig Camerons Vernichtungen beistimmte. Da gab es null Aussage, nur Beipflichtungen. -An die PARTEI LINKE ist wohl noch weniger zu denken. Von ihr erwartet im Augenblick kaum jemand universale Analysen.

Zu denken wäre wohl am ehesten an Linke vom Schlage und der Richtung eines Lukacs. In "Zerstörung der Vernunft" zeichnete er nach dem zweiten Weltkrieg recht präzise nach, wie das Bürgertum erkenntnislos seiner eigenen- zerstörerischen - Tätigkeit folgte. Lucacs' auf das Proletariat bezogenem "Sie wissen es nicht, aber sie tun es" müsste und musste für die Bourgeoisie ein entsprechendes antworten:"Sie tun es, aber sie wissen nicht, was sie da anrichten".

Entsprechend jetzt Schirrmachers Rückbezug auf den Biographen Thatchers, der in dieser angeblich den Inbegriff des Sozialen und zugleich Wirtschaftlichen und Werte-Erhaltenden gesehen haben soll. Dass Murdoch auch diese energische Niederboxerin der Gewerkschaften unterstützte, gibt Moore offen zu. Dass sie auf ihre Weise genau die Politik Reagans in den USA unterstützte, die die Grundlage der heutigen Verhältnisse schuf, erkennen weder er noch Schirrmacher.
Die Klage und Anklage, dass "von oben" kein klärendes Wort herabkommt zum heutigen Elend, liegt nahe. Bleibt aber billig.

Wenn einmal durchgesetzt ist, dass Wirtschaft ihren Weg geht, über uns weg, ob es uns gefällt oder nicht - was ist dann noch zu sagen? Dieser Weg muss von allen Überlegungen frei gehalten werden. Auch möglichst von Kommentaren. Er muss vernünftiger Überprüfung entzogen bleiben. Sonst kommen alle "draus", die diesem Weg zu folgen entschlossen sind. Durch dick und dünn.

Wie wird der nächste Dreh aussehen müssen, um den Laden noch einmal zu retten, den gerade die FAZ so lange schon mitbetreibt?

Merkel redet ja. Wenn sie auch nichts mehr zu sagen hat. Also kann Schirrmacher nur auf einem bestehen: Klar sagen, dass es Opfer geben muss für alle. Wie Thatcher das schon betonte. Damals noch im Namen von Freiheit gegen Gewerkschaftsmacht. Das heute in dieser Form vorzubringen, wäre gewagt. Aber trotzdem nötig. Wenn von Gewerkschaftsmacht auch lange schon keine Rede mehr sein kann.

Erwartet werden kann vom großen Bußprediger also nur ein richtendes, ein vernichtendes Wort. Auf jeden Fall von oben.

Eines, das befiehlt. Das die Hacken zusammenreißen lässt. Und Richtung weist. In Wirklichkeit wird hier nicht Untergang vorausgesagt, sondern das Machtwort gegen den Untergang erfleht. Wenn sonst schon nichts mehr hilft.

Englische Riots: Ein Makarenko mitten im Kapitalismus - wäre er möglich?

Nach allem, was bisher herüberdrang an Nachrichten über die Aufstände in England stehen zwei Umstände fest: Regierung und Polizei versuchen es sozialdarwinistisch mit dem Krieg gegen die Unteren. Bis hin zur angedachten Ewigwegsperrung, ja Vernichtung. Und umgekehrt: die Aufständischen selbst bleiben bis jetzt der Atomisierung unterworfen wie große Teile der gesamten Arbeiterklasse in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus. Sie sind zur Selbstorganisation noch nicht fähig. Damit geht es ihnen nicht anders als den Insassen der französischen banlieues vor ein paar Jahren oder den Trägern der erschütternden Bewegungen in den USA der siebziger Jahre. Z.B. in Los Angeles.

Die Vergleiche mit den Bewegungen in Tunesien, Ägypten, Griechenland, Spanien sind in der Regel von Hochnäsigkeit getragen. Nach dem Muster: der junge Ägypter kämpfte um die Freiheit, der junge Londoner um den Flachbildschirm. Dabei wird schnell und vornehm übersehen, dass es auch in Ägypten und vor allem in Griechenland keineswegs so selbstlos und angriffsunwillig zuging, wie sich das jetzt für harmlose Gemüter abmalt. Und auch das Gemeinsame: überall gibt es besonders für Jugendliche keine Stellen. Noch weniger Aufstiegschancen. Abstrakter gesagt: Überall wurde in den Ausbildungsstätten noch modern ausgebildet, während die zugehörigen Produktionsverhältnisse sich schon außerordentlich verengten. Die Produktion wurde in der Regel auf den Status von Zulieferern heruntergedrückt. Noch abstrakter gesagt: Es handelt sich in allen Fällen um geknebelte -potentielle- Produktivkraft in der Beklemmung durch unzulängliche Produktiv-Verhältnisse.

Nur helfen solche schlauen Erkenntnisse für sich nur wenig.

Die konkrete Frage ist: Muss es bei der Atomisierung bleiben?

Aus den Tagen nach dem Bürgerkrieg in Russland 1920 ff ist uns der Bericht Makarenkos überliefert worden, der es mit mindestens so atomisierten und umhergetriebenen Wesen zu tun hatte - den Bisprorny - wie wir sie uns jetzt in England vorzustellen haben. Tatsächlich schaffte er es, durch eine besondere Zusammenfassung der Entwurzelten und Heimatlosen in kollektiver Arbeit die gleichen Leute zu Selbstbewusstsein und Tätigkeit zu bringen, die monatelang nur als Schreckgespenster in Städten und Dörfern gegolten hatten.

Wie so etwas funktionieren konnte, wurde seinerzeit in einem Artikel aus "stattweb" dargestellt. Er stammt aus der Zeit, als Ministerpräsident Koch noch Wahlen gewinnen konnte mit sozialdarwinistischen Sprüchen gegen Jugendliche, die stark an das Vokabular erinnern, das derzeit der britische Cameron bevorzugt. Dass Kochs Methode nur zeitweise half, hat er durch seinen jämmerlichen Rücktritt selbst zugegeben. Nur: sagt das schon, dass es einen Makarenko mitten im kapitalistischen Westen geben könnte?

Es ließe sich immerhin an die ehemals "befreiten Gebiete" anknüpfen, die es seinerzeit nicht nur in Berlin gab. Zusammenschlüsse wie die des Georg-von-Rauch-Hauses mit ihrem Slogan: Gemeinsam leben - Gemeinsam arbeiten - Gemeinsam kämpfen. Dass solche Gründungen - Besetzungen - aktiv gegen den jeweiligen kapitalistischen Staat verteidigt werden müssten, versteht sich von selbst. Dazu würde die Aggressivität der rebellierenden Jugendlichen sicher ausreichen und fände darin den wirklichen Hauptfeind ihrer Bestrebungen. Nicht das Angreiferische, nicht einmal das Zerstörerische für sich allein in den gegenwärtigen Bewegungen ist vor allem zu kritisieren, sondern die Unfähigkeit zum Zusammenwirken-über den Handy-Gebrauch hinaus.

Sehr wahrscheinlich wird es der geballten Staatsmacht Großbritanniens noch einmal gelingen, den Vorstädten Friedhofsruhe zu verordnen. Bis zum nächsten Mal. Vergessen wir nicht, dass es vor der jetzigen Rebellion den Aufstand der Studis gab, denen per Gebühr die Ausbildung verwehrt werden sollte. Und auch den Streik der Gewerkschaften, wie arm der auch ausgefallen sein mag. Würden all diese Bewegungen zu einem minimalen Zusammenhalt finden, würde sich allen Kämpfenden auch eine gemeinsame Perspektive eröffnen.

Krise: Die Medizin ist die Krankheit

Andrang von Sparern vor der Sparkasse der Stadt Berlin am Mühlendamm nach dem Zusammenbruch der Darmstädter- und Nationalbank, 1931
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Krise
Es wurde tagelang verboten, sie beim Fernsehen beim Namen zu nennen. Sobald am Montag - 8.8. - die Rede auf die Erscheinungen an den Börsen kam, wurde bis spät abends - erzieherisch wertvoll - wiederholt, dass man sich alles viel schlimmer vorgestellt hätte - und das, was sich wie Crash anfühlt, das sei gar keiner. Worauf dann detaillierte Mitteilungen folgten, die sämtlichen gerade aktiven Börsen genau den Fall bescheinigten, der nicht stattgefunden haben durfte. Offenbar ist  den zahlreichen Experten entfallen, dass auch die allerberühmteste Krise - die vom Oktober 1929 - sich keineswegs so vollzog, dass da ein Strich senkrecht auf der Wertetafel niederfuhr - als Blitzschlag. Sondern das Ganze verlief in Treppchenart, mit kleinen Pausen dazwischen. Sogar minimalen Aufschwüngen.

Was allerdings nichts daran änderte , dass sich nach Tagen und Wochen herausstellte, dass Milliarden immer noch umherschwirrender Geldzeichen nichts mehr im irdischen Leben entsprach: kein anfassbares Gut, keine wohltuende Dienstleistung. Einfach nichts. Alles wie weggepustet.

Damals wie heute waren die wenigsten dem bösen Zauber im Begreifen gewachsen.Es musste doch an einem liegen, der schuld wäre. Die wurden auch reichlich vorgeführt in Blitzlicht und Kommentar-Gewittern.

Als erster der Heilsbringer von vor gerade drei Jahren: Obama. Er klappte die Segensflügel an die Hosennaht und stellt kurzfristig das Umarmen ein. Ärmlicher nichts als seine zerrupften Varianten von "Yes we can". Natürlich sind seine Gegenspieler im Repräsentantenhaus  giftige kleine Kläffer. Und wahrscheinlich wird das Wesen mit den struppig gewordenen Flügeln über weitere vier Jahre eine klägliche Weitermacher-Wirtschaft betreiben. Mangels Alternative.

Aber ganz falsch die Vorstellung, ein anderer Präsident mit einer andersartigen Opposition hätte ganz andere Ergebnisse erzielen können in der jetzigen Katastrophe. Und mit den gegenwärtig gehandelten Methoden.

Entsprechend die Aufzählung anderer Schuldiger. Da musste Barroso herhalten, der offen ausgesprochen hatte, dass alles bisher angebotene Geld den Euro nicht retten könne, wenn es - wie sicher zu  erwarten - hart auf hart kommen würde. Oder die schlimmen Rating-Diktatoren. Die hatten 2008 zwar wirklich den windigsten Manövern der amerikanischen Banken noch ihren Segen gegeben - und waren auf die Nase gefallen. Nur dieses Mal? Dieses Mal wurden sie verhauen für die schlechten Noten, die sie ihren Aufsichtsobjekten gaben. Wie üblich: der Messende wird beschuldigt, wenn einem das Ergebnis der Messung nicht gefällt. Die Spekulanten mussten als nächste herhalten. So widerlich dieses Geziefer sein mag, es könnte nicht aasen, wenn keine Leichen herumlägen. Dann - sehr fein - das Aktienkäufervolk selbst. Alle unvernünftig. Der Panik verfallen. Allerdings: Warum soll es unvernünftig sein, ein sinkendes Schiff so schnell wie möglich verlassen zu wollen? Wenn es nur mehr andere sichere Frachter gäbe. Nur noch rührend die Tröstungen. In der FR riet ein Wohltäter, eine Woche lang gar nichts zu machen.Hilfsmittel dazu: kein Internet, kein Fernsehen, und - am wichtigsten - das Mittel gegen sich selbst: KEINE ZEITUNG!

In der FAZ schaute einer sehr milde von weit oben auf die braven deutschen Facharbeiter. Die kümmern sich um gar nichts, schuften weiter und schauen, dass die Lager immer schön voll stecken. Dieser Ratgeber wurde allerdings sogar vom Morgenmagazin wieder auf den Boden geholt. Dort gestanden Arbeiter in einer Fabrik für Spezialglas in Deutschland ohne weitere Ermunterung, dass sie sich Sorgen um ihre Jobs machten. Das Glas war ausschließlich  für den Export bestimmt. Vielleicht liegt diese Unbotmäßigkeit der Angesprochenen daran, dass sie sich pflichtwidrig an der Lektüre der FAZ nicht beteiligen.

Und so weiter. Alles muss herhalten, um den eigentlichen Grund nicht besprechen zu müssen. Die Geldzeichenlawine wächst.

Krise= Aufschub des eingestandenen Untergangs

Denn aller Jubel über Schirme  und andere Aushilfen gegen die Auswirkungen der Krise können eines nicht verdecken: das Übel, das beseitigt werden soll, wächst durch jeden gereichten Löffel Medizin nur noch mehr.Das Übel: Schulden. Die erzielte Wirkung in jedem Fall: Noch mehr Schulden. Ob das praktisch kostenlose Geldzufuhr über die Zentralbank in den USA bedeutet, oder erweitertes Gelddrucken durch die EZB durch Ankauf wertloser Gutscheine von Spanien und Italien. Es läuft immer auf eines hinaus - Vermehrung von Zeichen, denen auf der ganzen Welt nichts mehr entspricht, das jemand - nicht einfach haben wollte - aber tauschmäßig erwerben könnte.

Schulden weg!

Wobei der Begriff der Schuld noch einmal besonders untersucht werden müsste. Wäre einer von uns vor hundertdreißig Jahren Nachbar des fleißigen Mechanikers Benz gewesen- und hätte dem ausgeholfen mit Barem gegen Beteiligung am Gewinn: das wäre nicht nur eines der lohnendsten Geschäfte geworden, sondern auch eines, das die Produktion einer damals ganz neuen Sache mit riesigen Aussichten befördert hätte.  Trotzdem: zunächst mal in den Kontobüchern als Schuld auszuweisen.

Das Brutale in der jetzigen Schuldenbekämpfung - wohlgemerkt immer an anderen wie z.B. Griechenland - liegt darin, dass technisch überhaupt kein Unterschied gemacht werden kann zwischen Geldaufnahme zur Förderung produktiver Anlagen und Bankschuld - zur Deckung früherer Ausgaben. Wohin die Merkel-Methode des Spar-Appells "an sich" führt, lässt sich eben die Woche nächtelang an den Nachrichten aus England studieren. Schulen geschlossen, Ausbildungsräume und Treffpunkte in den ärmsten Gegenden weg, Aneignung produktiver Fähigkeiten in Lehrwerkstätten gestrichen - und schon sammeln massenhaft sich die Eintreiber einer Schuld an ihnen, den Arbeitslosen, Unausgebildeten, Herumhängern - und nehmen mit Zins und Zinseszins alles zurück.

Als Prinzip herrschte das schon immer: an den Unteren sparen, damit die Oberen weniger gehemmt sind. Als offene Praxis wurde es betrieben seit der Doppelära Thatcher und Reagan. Gerade Reagan entwickelte das System bis zur blendenden Sichtbarkeit. Mit der Absage an Keynes begann es. Die Chicago-Boys schon predigten das Sparen. An andern. Bekanntlich traf es damals die Chilenen. Nach der organisierten Zugrunderichtung der Regierung Allende.

Fürs Inland bekämpfte Reagan erbittert alle staatliche Förderung privater Unternehmen. Diese hatte bisher zu annähernder Vollbeschäftigung geführt. Zugleich allerdings den Gewerkschaften die Macht verliehen, Lohnsteigerungen zu erzwingen und sogar einen gewissen Aufstieg für die gelernten Arbeiter zu ermöglichen. Diese Gewerkschaftsmacht sollte gebrochen werden und wurde gebrochen.
Damit das Kapital aber nicht mit den Gewerkschaften zusammen unterging, erhöhte Reagan in Wirklichkeit das "deficit spending"- die Wirtschaft der nur noch durch Kredit gedeckten Ausgaben. Es wurde also nicht weniger, sondern mehr ausgegeben. Über Staats-Schulden. Nur dass all das Geld an den Betrieben der Massengewerkschaften vorbei vor allem fürs Militär und neue militärische Erfindungen hinausgeworfen wurde. Wer erinnert sich nicht gern an den jahrelang betriebenen "Krieg der Sterne", der Milliarden kostete und angeblich die Niederlage des Sowjetsystems einbrachte. Die Schulden von damals liegen der heutigen Pleite der US-Wirtschaft immer noch zu Grunde.

Export: Mühlrad des Fortschritts? Inzwischen: Mühlstein am Hals!
Die große Rettungslehre: Mehr für den Export produzieren! Griechenland, Portugal, Irland - das holt euch aus der Grube!
In den Jahren nach 1980/ 1990 - begannen die Sparkassen mit Kursen für die wissbegierige Schülerin, den gewinnorientierten Schüler. Bald kamen Jugendliche in die Schule zurück, gemästet von Gewinnen beim imaginären Investitions-Spiel, und sahen sich mit 25, spätestens 30 als Millionäre im Liegestuhl. Und schwärmten alle schon damals vom Export. Natürlich gibt es Fälle, in denen Importeur und Exporteur gleichermaßen vom Handel profitieren. Z. B. Ananas aus einem Tropenland werden immer billiger kommen als heimgezüchtete aus dem Treibhaus. Und Holz aus den finnischen Wäldern  könnte in einem Wüstenstaat produktiv verwertet werden. Nur: wie ich damals schon bescheiden anmerkte und als Supppenspucker von der vereinigten Schülerschaft verachtet wurde, wenn alle nur exportieren wollen - und niemand importieren: muss da nicht ziemlich schnell bei sehr vielen Abnehmern der Boden der Schüssel sichtbar werden? Das traurige Ende des freudigen Mahls.

Keine schnelle Hilfe denkbar!
Die Forderung von  ATTAC und vieler anderer Organisationen ist sicher berechtigt: Umverteilung von unten nach oben umkehren! Besteuerung der Reichen!

Aber das wird nicht ausreichen. Es muss hinzukommen die  Abkehr von der ausschließlichen Export-Orientierung.  So lange es mit Recht heißt, dass Europa im Keuchhusten liegt, wenn die USA Schnupfen melden, kann das Grundübel der jetzigen Form von Globalisierung nicht behoben werden. Dass nämlich immer externe Faktoren wichtiger genommen werden müssen, auf die man wenig bis keinen Einfluss hat.  Umkehrung der Orientierung nach innen! Das bedeutet natürlich nicht Verzicht auf Importe.Auch nicht auf Exporte. Aber eine Ausrichtung auf das Vorhandene. Das, was man in Deutschland selbst aus- und anbauen könnte.

Das wird sicher zunächst zur Senkung des allgemeinen Lebensstandards führen. Und - trotz aller Steuerpläne - die Unteren in der ersten Zeit schärfer treffen als die oberen. Und die Einsicht in die Notwendigkeit der Umkehr der Blickrichtung wird sich vermutlich erst durchsetzen nach Aufstandsbewegungen, die überraschender einschneiden werden als alles, was sich jetzt in Griechenland, Spanien, England ereignet. Aber es ist wichtig, sich jetzt schon darauf einzustellen. Damit dann bei uns sich allererst Erkenntnis durchsetzt, anstatt - wie jetzt in England - bloß das Knüppelgerede und der polizeiliche Telespkop-Schlagstock.

Geißler ausgewrungen - jetzt in den Müll!

Es war sicher einer der unglücklichsten Augenblicke, als man Teile der Grünen soweit brachte, über eine Frage einen Schlichter einzusetzen, in der es keine Schlichtung geben kann. Schließlich enthält eine Ja-Nein-Alternative keinerlei Elemente von möglichem Prozentausgleich- wie ein Tarifstreit. Entweder Kopfbahnhof- oder Tunnelgraberei! Wo soll da noch ein Drittes stecken, das zum Ausgleich führen könnte? Superschlau dann das Ergebnis: wenn der Stress-Test beweisen würde, dass die Bahn alles kann, was sie versprochen hat, dann müssten auch die Kritiker zustimmen. Wie ein solches Ausweichen auf die Wissenschaft hingedeichselt wird, hat Palmer -ausgerechnet in der FAZ - in den letzten Tagen schlagend nachgewiesen.

Was nichts zugunsten der GRÜNEN sagen soll - oder gegen sie - , alles aber gegen die Felsigkeit wissenschaftlicher Ableitungen. Da es in unserer Lebenszeit weder in Deutschland noch anderswo je einen Großbau gegeben hat, der im Endergebnis auch nur annähernd dem Voranschlag gleichkam, steht eines ganz unwissenschaftlich fest: In zehn oder fünfzehn Jahren wird eine dann immer noch auffindbare parlamentarische Belegschaft irgendwas lamentieren, von Inflation und unabsehbaren Steigungsbewältigungen und Wassereinbrüchen - und dass jetzt alles doppelt so teuer geworden sei, hätte kein Mensch voraussagen können. Nur ist der Unsinn dann halt schon durch Berg und Tal geboxt -und es wird uns hoffentlich Überlebenden dann gar nichts helfen, dass wir es immer schon voraus gewusst haben.

Nur als die "Schlichtung" - oder der "Kompromiss" oder die "bürgerliche Einigung" noch frisch und neupoliert wirkten, lobten genau die gleichen Leute den "alten Geißler" fürs Ausstellen der Eintrittskarte zum Baubeginn, die jetzt kein gutes Haar an ihm lassen wollen.

In "FREITAG" dieser Woche findet sich ein Konzentrat des ausgespienen Geifers.

Vergessen dabei nur noch der Beitrag des Rests der "Frankfurter Rundschau" im Umbau zur "Berliner Zeitung"- wie immer flink vornedran, wenn es jemand wegzuputzen gilt.

Geißler hatte also die Abziehwilligen bei der Diskussion um den Stress-Test gefragt "Wollt ihr den totalen Krieg?". Das hat der ehemalige Reichspropaganda-Minister Goebbels bekanntlich auch schon einmal getan. Es quoll der verfolgenden Meute dampfend der Abscheu aus dem Fletschmaul.

Hier muss man zu allererst einmal schulmännisch werden. Bekanntlich gewinnen Ausdrücke, insbesondere Sätze, ihren Aussagewert immer erst im Kontext. Das heißt im Zusammenhang dessen, was vorher gesagt wurde - und was als Fortsetzung, als Antwort logisch mitzudenken war. Dann ergibt sich ein nicht zu übersehender Unterschied: bei Goebbels ein absolutes "JA" (Jawoll, noch totaler, wenn das gehen sollte), bei Geißler ebenso ein radikales "Nein". (Nein, wir wollen nicht den radikal gesetzten Konflikt, wir wollen schließlich Einigung). Dass Geißler hier Verzicht auf den Gedanken des zu Ende geführten Klassenkampfes voraussetzt, sagt genug über ihn und seine Hörerschaft. Nur: auf gerade diesen Umstand zielte keinerlei Kritik.

Angegeifert wurde einzig und allein Geißlers Nazi-Sprache. Damit hätte sich der "alte Mann" endgültig unmöglich gemacht.

Und hier zeigt sich die Imi- und Ata - Gesinnung der vereinigten Presse-Hausfrauen. Sie stellen sich allen Ernstes vor, die allzustinkenden Auswürfe des deutschen Imperialismus könnten verschwinden, wenn man den Boden nur tüchtig von seinen Vokabeln reinbeizt. Nur keine eingetretenen Brosamen alter Zeiten und Zeitungen mehr!!

Wie unsinnig und unmöglich das ist, beweist genau die gleiche Meute, wenn sie nach "Merkels Führung" bellt - oder nach "lückenloser Geschlossenheit der westlichen Wertegemeinschaft". Der Ruf nach dem "Führer" - der "Führerin" - der Schrei nach "Festung Westen" - über Europa hinaus, dieses Mal unter Einschluss der USA - sind darin kaum zu überhören. Es gibt keine Vakuum-Reiniger für die Sprachen. Was einmal gesetzt wurde, muss offen angesprochen und bekämpft werden. Aber nicht aseptisch mit Sagrotan behandelt. Damit ist auch klar, warum der erst belobte, jetzt beschimpfte Geißler weg vom Fenster muss. Als Massenbetrüger war er allen Mitbetrügern Gold wert. Als er doch noch Versöhner werden wollte, mit einem Bodensatz von Ehrlichkeit im Hosenboden, störte er den Betrieb. Und muss jetzt weg. Die kollektive Leidenschaft für die Reinheit der deutschen Sprache nach Hitler erfüllt die Funktion eines Putzlumpens.

Hauptsache: Der "alte Geißler" hält ab jetzt gefälligst seine Klappe.

Historikerstreit: Spülwasser im Cocktailglas! Bitte Selbersaufen

Zum Buch "Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre "Historikerstreit"", herausgegeben von Matthias Brodkorb in der Reihe: Endstation Rechts 3, erschienen im Adebor-Verlag.

Um es gleich zu sagen: Überflüssiges Aufwärmen ältesten Waschwassers. Neues ist nicht zu erfahren: weder über Noltes angebliches Recht noch über Habermasens Unrecht.

Interessant dabei nur eins: die Frankfurter Allgemeine hatte seit Jahren dem einstigen Favoriten Nolte die kalte Schulter gezeigt. Nun erübrigt sie ziemlich viel Raum, um dem größten Schreihals unter den Beiträgern des Sammelbands -“ Egon Flaig -“ Platz für lärmende Breitseiten gegen Habermas einzuräumen.

Woher der Meinungswechsel?

Worauf sie bei der FAZ aus sind, muss dahingestellt bleiben.Worauf es Brodkorb ankam, dem verdienstvollen Bekämpfer aller Extremismen, vor allem des eingebildeten von links, war wohl Ansehensgewinn. Vorboxen in die erste wissenschaftliche Reihe. Deshalb sein unendlich umständlicher Andeutungsstil, dem alten Nolte peinlich abgeschaut. In der Hauptsache geht es ihm darum, dass Habermas eines drüber bekommt. Brodkorb greift nicht etwa den allerlahmsten Begriff Habermas' an: “Verfassungspatriotismus-. Hätte es den wirklich mal gegeben, also Anhänglichkeit an die rechtlich gefasste Freiheit, hätten alle 1989 aufjaulen müssen, als die wichtigsten Bestimmungen des Grundgesetzes über Bord geworfen wurden - durch Trick und Erpressung einer Volkskammer. So ohnmächtig Habermasens Zielvorstellungen vom Verfassungspatriotismus heute wirken, in einem Punkt hatte er auf jeden Fall recht. Dass nämlich Nolte und die anderen angegriffenen Historiker Hilfsbataillons darstellten im Kampf für Kohls "andere Republik". Für den Rückweg zum neuen Nationalismus, wie er sich inzwischen als quasi selbstverständlich durchgesetzt hat.

Was dem Aufwärmer kalt gewordener Streitigkeiten äußerst missfällt, ist die Weigerung des Philosophen Habermas, am Brodkorb mitzunaschen. Das wird als Charakterfehler erkannt und gemäß der Nikomachischen Ethik des Aristoteles verurteilt (Brodkorb ist wie Flaig Gräzist und zitiert anfallsweise auf griechisch). Dafür kann Brodkorb mit Nolte zusammen in wohligem Dunkel den Grundgedanken von Hitlers sekundärer Antwort auf Stalins (eigentlich Lenins-) Erstschlag ausbreiten. Kein klarer Standpunkt - alles Meinung, Fragen. Wie Hannah Arendt beim ersten Besuch in Berlin nach dem Krieg feststellte: Alle Tatsachen waren verschwunden. Es gab nur noch Meinung. Auch Nolte - in die Defensive getrieben - kennt in einem seiner letzten Bücher (Streitpunkte) nur noch Fragen. Ausgelegt auf dem Wühltisch für Nackte. Und andere Bedürftige. Im traulichen Gespräch mit Brodkorb wird alles aufgetragen. Der moniert manchmal zart, mit einem Zitatenzettel in der Hand. Und immer noch geht es um die "Singularität".

Singularität der deutschen Verbrechen


Singularität - Einmaligkeit. Warum soll es so wichtig sein, was anderswo - in anderen Ländern und Zeiten - an Schlimmem passiert ist? Und für wen? Einmaligkeit interessiert den einzelnen Menschen, weil er nur einmal lebt. Wurde ich von Mongolen im zwölften Jahrhundert gepfählt? Traf mich der Schwertschlag als Gegner der englischen Revolution? Verreckte ich im Schlamm eines Schützengrabens? - Was kann mich da kümmern, was anderen passiert? Mich trifft der Schlag auf jeden Fall unwiderruflich. Mein Bewusstsein erlischt. Für mich ist der Film aus. Wenn alles, was geschieht, in einem einzigen, unwiederholbaren Leben geschieht, dann ist nichts verrechenbar. Auf dieser Ebene läuft die Theorie Noltes (Hitler schlimmer oder nicht so schlimm wie Stalin) und anderer von vornherein ins Leere. Eine andere Bedeutung könnte "einmalig" gewinnen, wenn wir den Ausdruck in die geschichtliche Entwicklung stellen. Den Athenern Flaigs - im selben Band - kann Männerherrschaft und Frauenunterdrückung kaum vorgeworfen werden: In der geschichtlichen Umwelt gab es nichts anderes. Wenn aber nach Jahrhunderten der Aufklärung und angeblich christlicher Gesinnung ganz offiziell die Ungleichheit der Menschen - vor aller Ohren - verkündet wird, dann wird eine Entwicklung nicht nur zurückgenommen, sondern ein Versprechen gebrochen. Und nicht nur in Meinungen, sondern in Handlungen, die - lange vor Auschwitz - weithin gebilligt wurden. Den einmaligen Bruch in diesem Sinn nicht mehr geschehen zu lassen, ist dann freilich etwas, das jede und jeden angehen sollte, denen die Einheit der Menschheit - die gemeinsame Menschwerdung - am Herzen liegt.

Noltes Fall

Das in gewissem Sinn Erschütternde am Weg Noltes ist der Bruch in seiner eigenen Lehre. 1963 als sein Buch Der Faschismus in seiner Epoche herauskam, war das wirklich ein großer Wurf. Ich damals Assessor hatte mühsam mit Bracher vom Machtvakuum geredet - und damit allerhöchstens erklärt, dass die Lehre von "checks and balances" nicht funktioniert. Nolte mit seinem Buch verschaffte allererst das gute Gewissen, von einer einheitlichen europaweiten Bewegung namens "Faschismus" sprechen zu dürfen. Zugleich damit die Anerkennung, dass Antifa-Kampf gegen Faschismus international immer noch seine Berechtigung hatte. Das Unglück Noltes: Während er geistesgeschichtlich richtig die Verwandtschaft aller europäischen Faschismen herausarbeitete, und damit eine mehr oder weniger aktive Tätergruppe benannte, können Noltes spätere Beschuldigungen nicht einmal alle deutschen Nazis, sondern am Ende nur die einsame Person Hitlers betreffen. Dass Hitler die Rattenphobie aus irgendwelchen Gruselkrimis über Russland aufgeschnappt hatte, mag ja so gewesen sein - oder auch nicht. Nur: Wer hatte solche Phobien noch? Umgekehrt gedacht: Was trieb die vielen Vernichtungsbetreiber an, die keine Rattenphobie hatten und doch enthemmt mordeten? Und was ist mit den italienischen Faschisten, die zwar die Rassengesetze von Deutschland übernahmen, aber selbst nach deutschen Mit-Nazi-Urteilen es an Verfolgungseifer außerordentlich fehlen ließen?

Mit seiner Hitler-Fixierung zerstört Nolte die ehemalige Einsicht: Ja, es hatte Millionen gegeben, die Faschisten sein wollten. Auch ohne die Zentralfigur Hitler. Und die Antisemitismus-Erklärungen, die Nolte einfielen - und die Brodkorb teilweise zu teilen scheint! Gab es denn ausschließlich den östlichen Juden - den phantasierten Bolschewiken - als Feind? Man muss nur einmal die volkstümlichen Karikaturen anschauen aus der Nazizeit. In fast allen zeigt sich ein Wesen mit Doppelgesicht: Eine Hand schwenkt die Sowjet-Fahne, eine andere aber hält den Dollarbeutel hoch. Dass der Kapitalist mit dem Kommunisten - und dem Gewerkschafter - heimlich zusammenarbeiten, so sehr sie sich offen bekämpfen, gehörte zu den Grundphantasien der offiziellen Propaganda. Und passte viel besser zum Überreden einer Weltkriegsnation - "dazwischen" - als alle einseitige Beschuldigung nur der Sowjet-Union.

Das alles spielte für Nolte nie eine Rolle. Verblüffenderweise für Brodkorb auch nicht. In keinem Satz wird Noltes Rolle im ehemaligen "Bund Freiheit der Wissenschaft" erwähnt. Wer damals seine Tiraden mitbekommen hat, wird sich erinnern an Angstwut voller Ekstasen gegenüber der Studentenbewegung, nicht wie sie wirklich war, sondern wie auch sie damals vor allem als eiskalte Zerstörerin phantasiert wurde. In einem fast rührenden offenen Brief an ehemalige Schüler (Nolte war einmal Studienrat gewesen) im Merkur - aus den frühen siebziger Jahren, wie ich mich erinnere - erklärt er, dass er einer der letzten war, die die Universität noch aufgenommen hätte. Jetzt fordere Dankbarkeit von ihm, das wankende Schiff zu retten. Erst damals nahm er die Rettergebärde an, die dessen, der als letzter eine Welt der Werte zu retten hat. Erst seit der Zeit nahmen seine Schriften den angstvoll-verhetzten Zug an - und die partielle Sympathie nicht gerade für den Faschismus selbst, aber für die "Angst um die Kultur", die in dieser ganzen Bewegung angeblich wirksam geworden sein soll. Deren Angst war seine eigene.

Geisteswissenschaft reicht nicht aus

Der Ausgangspunkt der Verirrungen Noltes liegt wahrscheinlich in seinem geisteswissenschaftlichen Zugang zum Problem des Faschismus. So einleuchtend der Nachweis der geistigen Übereinstimmungen - nach Büchern, Lehrern und Lehren, Manifesten - so unzulänglich die Ursachenforschung.

Ein Begriff, den Nolte höchstens als Zitat einmal verwendet: "Imperialismus". Geht man nämlich gar nicht von den angeblich neuen Ideen aus, sondern von den durchgehaltenen Einfluss- und Eroberungstendenzen der herrschenden Klassen, stößt man sofort in Deutschland auf die "Alldeutschen" - auf Ludendorff mit seinen Anschlusswünschen gegenüber dem Baltikum und die Ukraine, auf den deutschen Wirtschaftstag 1930. Da mochten Essenzen mancher Art in den Seelenbräu geschüttet werden. Herauskommen musste immer eins: Wir brauchen das Land im Osten! In diesem grausigen Chor sang Hitler schließlich die erste Stimme. Aber es wäre beim überhitzten Kreischen eines Blähhalses geblieben, hätte die Begleitung in Bass und Sopran gefehlt. Soll das heißen, dass Eindringen in die Psyche einzelner Täter historisch auf jeden Fall verfehlt wäre? Das kann es nicht. Es muss nur von der materiellen Lage einer ganzen Schicht ausgegangen werden. Nicht: Wie ist ein unnennbares Wesen Hitler wirklich? Sondern: Wie geht der vereinzelte und verlorene mit einer Lage um, die ihn wie alle betrifft? Wie kann er - gerade er - sie so interpretieren, dass Tausende sich mitinterpretiert, miterkannt fühlen? Um nur ein Beispiel zu geben: Der Lebensweg Hitlers konnte vielen hingestellt werden als die eines besonderen Tellerwäschers zum Millionär, allerdings nicht amerikanisch gesehen als Lohn der Leistung. Sondern als Kampf, Hochstrampeln gegen finsterste Mächte, die ihn wie alle bedrohen. Ist ein Wesen einmal zu solcher Höhe hochgeprügelt worden, wird es dann seine geheimen Vorstellungen "auch noch" durchsetzen wollen, sich den Mut dazu zusprechen, sich selbst vormachen, er stelle den Inbegriff des "Volksgeistes" dar?

Das nur als Anregung zu einer ganz anderen Behandlung des Problems. Brodkorb und seine Mitarbeiter tragen nichts dazu bei.

Singuläres Auschwitz?: Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre "Historikerstreit"
EUR 14,90
180 Seiten
Adebor Verlag
ISBN-10: 3980937593
ISBN-13: 978-3980937597

Weitere benutzte Literatur

Ernst Nolte 1993: Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus. Propyläenverlag
Ernst Nolte 1968: Sinn und Widersinn der Demokratisierung in der Universität. Rombach

Die Rezension ist eine Vorab-Veröffentlichung der Anfang September erscheinenden neunten Ausgabe von kritisch-lesen.de.

Broder: Maikäfer auf dem Rücken. Sechs Beine im Hände hoch!

Nach Oslo liefen alle Experten zur Höchstform auf: die wüsten Islamisten. Als das nichts war, waren die gleichen schnell bei der Hand: ein Irrer. Den kennen wir auch schon. Als Hilfspersonal. Der Irre von Bagdad, der von Tripolis, für Ältere: der von Berlin.

Irre sehr nützlich: die gehen uns andere nichts an.Die sind halt so. Mordlust an sich. Also wegsperren und den Schlüssel wegwerfen (Schröder) Dann sind wir das Problem wieder los. Bis zum nächsten Mal.

Nach allem, was man hört,hat sich der Attentäter jahrelang aus dem umschwirrenden Gedankengut bedient,das eben von denen ausgegeben wurde, die jetzt als Irrsinnsexperten auftreten.

In einem umfassenden Artikel im Feuilleton der FAZ hat Hans Hütt den Zusammenhang ausgeleuchtet, ganz im Gegensatz zu Redakteur Hefty, der vorne im politischen Teil des Vortags treulich mit den Wölfen heult und Wahnsinn diagnostiziert.

Wie zum Beispiel auch Broder. Das hat einige Blasen geworfen in den Kloaken der "Achse des Guten".

Broder selbst bekennt, dass sein Geschreibsel an nichts schuld sein kann.Bei dem Mann in Oslo handelt es sich einfach um "Spaß am Töten". Er selber macht sich allenfalls Sorgen um Ersatzteile für seinen Oldtimer. Sonst geht ihn das Ganze nichts an.

Sogar der treue Mitarbeiter Hannes Stein fühlte sich beunruhigt.In einem früheren Augenblick der Erkenntnis schildert er recht genau die Hintergrundgedanken der Leute, die den Humus bieten für solche Attentäter. Am 19. Mai 2009 wusste er noch:

"Unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel. Die Solidarität gilt allerdings nicht konkreten Israelis -“ im Zweifel eher säkularen Juden, die am Strand Matkot spielen -“, sie gilt dem heroischen Idealbild des jüdischen Staates als einer belagerten Festung vor den Toren Europas.
Das Grundproblem bei diesen Leuten ist, dass sie nicht von Liebe (Liebe zum Westen, zur Freiheit, zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zum deutschen Grundgesetz, zum Lincoln-Memorial in Washington, zu Moses, zu Jesus, zur Strandpromenade von Tel Aviv, zu Chummus in der Altstadt von Jerusalem, zu jenem kunterbunten Durcheinander von Meinungen und Traditionen, das Amerika heißt) angetrieben werden, sondern vom Hass. Nicht von der Wut, wohlgemerkt -“ die kann ja, wie bei Oriana Fallaci, ihren eigenen Charme entfalten (hier ein schöner islamophober Text von Alan Posener). Nein, was einem auf diesen Internetseiten entgegenschlägt, das ist schwarzer, zeternder Hass. Ich habe übrigens den Verdacht, dass auch das Bekenntnis solcher Leute (nee, keine Namen) zum Christentum nicht echt ist. Die christliche Religion ist hier nur insofern gut, d.h. nützlich, als sie das Abendland mit den notwendigen Werten versorgt."

Das als Punkt fünf einer auch sonst überzeugenden Charakteristik der Sorte, die Stein so verabscheut. Nur: Welcher fleißige und leidgeprüfte Leser von "achgut" wird hier nicht punktgenau alle Züge seiner Qual-Lektüre wiedererkennen?

Da wird es wohl bald zu eng werden für Hannes Stein. Hinzukommt,dass genau einer der von ihm Angesprochenen, - Uli Sahm - es für nötig hielt, an verseuchter Stelle auszubreiten, dass die Jugendlichen im norwegischen Camp, in dem dann geschossen wurde, sich für einen eigenen Staat Palästina ausgesprochen hätten. Und der Ministerpräsident sei auch am Vortag dazugekommen, und hätte das gleiche gewollt (allerdings ohne Boykott). Wer sich von innenheraus getrieben fühlt, an dieser Stelle solche Nahrung auszuwerfen für hartlippige Mäuler, der weiß, was er tut.

Trotzdem wird Broder recht behalten. Was bedeuten seine Äußerungen anderes als: Ich schreibe ausschließlich, um Aufsehen zu erregen und Schocks zu verbreiten. Bedeuten soll alles nichts. Als Leerfuchtler wird er überleben. Wir wissen jetzt: zu sagen hat alles nichts,was er zu sagen - noch - beliebt.

SPD - Troika zum Abschleppen - Karambolageleiter Dohnanyi

Sie muss wahrscheinlich nach den Berlinwahlen nachgeholfen kriegen - die bewährte Zugmaschine Merkel. Wenn der Drei-Prozent-Hilfs-Dackel abgeschnappt hat. Jedenfalls steht eine Troika aus der SPD zum Abschleppen bereit, die sich Mut macht, anderen aber große Angst. Schließlich hat Schröder die ersten Schienbeinschläge verpasst. Seither hat Rot-Gelb die Lage weiter vermasselt. Beide zusammen: Super-Horror.

Sie denken bei den SOZIALEN wieder einmal nur an Deutschland, nicht an die Partei. Wie 1914. Man hört schon Steinbrück die Vorderzähne feilen.

Das Ganze für die Karambolage vorbereitet von Dohnanyi. Die FAS hat ihm letzten Sonntag Riesenraum zugebilligt - zum Antänzeln und Hürdennehmen - trotz klappriger Knochen.

Erstmal zum wiederaufgepeppten Schnauber. Sarrazin. Freitag abend dürfen wir ihn bei ASPEKTE wieder begrüßen - als Opfer. Die schönste Rolle, die sich ein berufsmäßiger Peitschenschwinger denken kann. Nach eigener Aussage ist er "gemessenen Schritts" - "davongeschlichen wie ein geprügelter Hund". Selbstwahrnehmungsbeschwerden. Ein schwermütiges Grunzen zog wohlig durch den Stall.

Broder hatte wieder einmal Gelegenheit, heldisch und vereinsamt vorzutreten. Und gab einen unverdienten Preis zurück. ASPEKTE hatte alles so schön abgesprochen - und erntete Undank. Starke Unlust gegenüber Dauerhetze.

Buschkowsky rückte wieder nach rechts auf und vermisste "Toleranz".

Eine Seelenverwandte des Dulders erkannte für ihn an allen Türken die Begeisterung fürs "kollektive Beleidigtsein". Was Deutschen, Franzosen, Tugendbolden generell ja total fremd ist. So lässt Sarrazin in Fremdarbeit beleidigen. Er selbst hat wie immer das reine Gewissen des Wissenschaftlers.

Sein letztes Wort allerdings beim Propheten Jesaias entliehen: Wehe uns, wenn, wie viele hoffen, Kreuzberger Zustände die Werkstatt des künftigen Deutschland sind.

Vormund Dohnanyi versucht im Beitrag sein Mündel noch zu übertrumpfen. Hatte Sarrazin seine Theorie zum jüdischen Gen zwischendurch zumindest relativiert, überbietet ihn der Hamburger leichthin. Seine Begründung allerdings überholend rassistisch: das Superintelligente komme von der Inzucht unter den Juden.

Die freilich hielt Sarrazin noch - altrassistisch - für den Grund häufiger Behinderungen - allerdings nur bei Stämmen, zusätzlich geschädigt durch islamischen Glauben. Hoffentlich wird das demnächst mal geklärt.

Wuchtig Dohnanyis anderer Vorwurf gegen Gabriel und seine Verstockten. Eine Enthüllung: Der Rassismus hatte mit uns Deutschen gar nichts zu tun. Kam von den Engländern! Eine Pointe wurde noch vergessen: Darwin war auch Engländer. Also trifft alle seine Deuter und Fehldeuter in anderen Ländern keinerlei Schuld. Gut, dass wir es wissen. Hoffentlich merkt sich ein Gabriel das auch.
Das aber nur -zugegeben- stark angeschlagene Geistesfrüchte des Hamburgers. In der Hauptlinie ist er forsch. Unverkennbar auf Frontgewinn aus. Und entschlossen imperialistisch, wie gewohnt. Dazu musste er auch niemals neu nachdenken.

Seine Theorie: die SPD ist sich immer treu geblieben. (Gemeint Noske - Ebert). Sie kämpfte einmal gegen Ausbeuter und Ausbeutung. Die gibt es heute - nur im Inland? - nicht mehr. Dagegen neue Ausbeuter: im Ausland. Diejenigen, die uns Deutschen die Angebots-Chancen mindern.

Also: Wirtschaft ist inzwischen alles. "Es ist eine Welt des Kommerzes - finito". An Schröders Schlägen ist nichts zu bedauern. Schon gar nichts zurückzunehmen.

Damit ergibt sich: Steinbrück erst in die Troika, später zum Spänehobeln. Steinmeier in Ordnung. Aber Schädelknacker Steinbrück empfiehlt sich dem deutschen Masochisten doch am meisten. Und ganz wichtig: restliche Linksfrontler unbarmherzig niederstimmen. (Ausschlüsse mitgedacht, noch nicht ausdrücklich verlangt. Steinbrückler werden auch so verstehen).

Das also die Aussichten. Wenn es nach Dohnanyi geht. Er wird die Karambolage schon hinbekommen.

Reck-Malleczewen (1884-1945): Widerstand aus Massenfeindschaft - ehrenhaft und verhängnisvoll (Zum 20.Juli)

Anmerkung zum Recycling (Erstveröffentlicht bei stattweb am 18.Juli 2008): Der Mut eines jeden, der widerstand, ist bewundernswert. Nicht immer alle seine Meinungen.

An einen ganz Vergessenen soll an dieser Stelle erinnert werden. Reck-Malleczewen, aus ostpreußischer Adelsfamilie, Offizier, Arzt, Gutsbesitzer. Am Ende in Bayern als Preußenfeind und fanatischer Anhänger der Wittelsbacher-Dynastie noch 1945 nach Dachau eingeliefert, wo er starb.

Um es vorwegzunehmen: das Hauptmotiv seines Hasses auf das Nazi-Systems war Angst vor und Hass gegen das, was ihm als wühlende und wimmelnde Masse vor Augen stand.

Sein einziges äußeres Hervortreten gegen den Nazismus, wie er ihn verstand, war das Buch “Bockelson- (1937) - über die Wiedertäufer in Münster.

Als wissenschaftlich gemeintes Geschichtsbuch, mit vielen ernsthaft untersuchten Details erschienen, mit dem geheimen Sub-Text: in dem Delirium der Wiedertäufer am Ende sollt ihr - vorweggenommen - das Ende der Hitler und Goebbels erkennen. Das Buch wurde nach gewisser Zeit verboten. Reck-Malleczewen beschränkte sich - ein anderer Klemperer - aufs Tagebuchschreiben. Nur dass ihm dessen unbestechliche Genauigkeit fehlt, trotz wesentlich größerer Informationsquellen. Er fällt auf alle Latrinenparolen hinein, wenn sie nur seinem Hasswunsch entsprechen

Die Massen also sind schuld. Mit Spengler und mit einem nicht weiter bekannten Privatdozenten unterhält sich der Tagebuchschreiber. Die Dialogpartner verstehen Masse als Produkt einer reinen Mengenvermehrung, diskutiert wie heute die “demographische Explosion-, nur dass die von diesen konservativen Denkern erbittert abgelehnt, als Unglück betrachtet wird. Die rein numerische Erklärung reicht Reck-Malleczewen nicht aus für seinen Ekel und seine Empörung. Es geht ihm peinlicherweise um dasjenige, das auch seine Feinde - die Nazis - und schon ihre Vorgänger als Entartung geißelten.

“Der große Goethe hätte sein Werk verbrannt, hätte er jene Zeit geahnt, da man auch den Herybert Menzel und den Joseph Magnus Wehner als Dichter feiern würde, Friedrich hätte bei Kunersdorf den Tod nicht nur gesucht, sondern ihn ganz bestimmt auch gefunden, hätte er jene schamlose und als deutsches Schandmal zu erhaltende Plakette vorausgesehen, die ihn Seite an Seite mit einem möblierten Zimmerherrn aus der Münchner Barerstraße zeigt- [Zimmerherr = Untermieter, einer der erbittertsten Vorwürfe des Gutshausbewohners gegen Hitler] ... Ich bin weit davon entfernt, mit dieser Verschlammung und Verschlackung hoher Begriffe nur an die Nazis und den deutschen Termitenhaufen zu denken. Ich sehe, wie fast in allen Ländern der Troglodytismus [=Höhlenmenschentum] die letzten Inseln einer Kultur bedroht und wie fast allenthalben, England in seiner stoischen Haltung vielleicht ausgenommen, die Bedrohten, als stünden sie vor einem unabwendbaren Fatum, zur Kapitulation bereit sind, die sie doch durch Bekenntnis und Martyrium jederzeit abwenden könnten! Wo es sich doch nicht mehr, wie einst im Jahre 1789, um eine notwendige Evolution... wo es sich doch schließlich nur um einen Aufstand der Entarteten handelt und wo eigene Härte und Festhalten am Geist... wo nötigenfalls selbst das Martyrium den Ansturm der Bakterien aufhalten könnte- (S.140 f, Eintrag Januar 1942)

Die Sprache des Nazi ist die seines Kritikers geworden. Nur, dass er die Nazis selbst zu den Entarteten rechnet. Aber die Kategorien bleiben die gleichen.

Das Aussichtslose einer solchen Kritik liegt offen. Das Schlimme nur: Gerade diese Art Kritik an der Vermassung überlebte 1945 sehr lange. Noch die Geschichtsbücher, die mir nach 1961 als Lehrer zur Verfügung standen, erklärten alles mit den Massen, ihrer Verführbarkeit, ihrer Neigung zum rauschhaften Zusammentreten nach dem Befehl großer Männer.

Es ist sehr merkwürdig, aber muss gesagt werden: Es bedurfte eines richtigen Purzelbaums in sozialistischere Zeiten, als auf einmal das Wort von den “Massen- im bejubelnden Sinn auftauchte - “Heran zu den Massen- usw.

Dem Reck-Malleczewen hat seine manische Verachtung der Massen natürlich auch- und nebenbei- den Blick geschärft für die komische Anmaßung derer, die sich für nordische Wikinger und Nachfahren der salischen und staufischen Ritter hielten, und dabei über den Geschmack von Emporkömmlingen nie hinauskamen. Nur hat er das Wesen dessen, was er fürchtete und verachtete, nie verstanden.

Was er an den Leuten als Massenhaftigkeit verurteilte , war keine Natureigenschaft, keine Erkrankung. Es war Folge der Atomisierung, der Auflösung aller traditionellen Bindungen. Verstärkt in der Zeit des Nazismus durch die terroristische Unterdrückung und Umlenkung jeder kritischen Kommunikation zwischen den Leuten.

Marxismus, den Reck-Malleczewen und die Theoretiker nach 1945 für einfach noch einmal ein Blubbern der morastigen Massen hielten, war und bleibt der Versuch, die Atomisierten nach ihren Interessen neu zu ordnen, sie im Kampf zu gliedern und ihnen im Verlauf der Auseinandersetzungen eine eigene neue Stimme zu verleihen.

Reck-Malleczewen blieb nach dem Krieg fast vergessen. Zwei Versuche, seine Bücher noch einmal unter die Leserschaft zu bringen, endeten umweglos im Ramsch.

Aber die Denkweise dieses Unglücklichen beherrschte die ersten Jahre nach dem Krieg. Noch das unverhohlene Misstrauen gegen Referendum oder Volkswahl des Präsidenten bei den Verfassungsdiskussionen 1949 entspringt genau dieser Massenverachtung. Die so von den anderen sprachen, erwarben damit gratis ein Elitebewusstsein. Schuld am Krieg und an der Shoah waren immer die anderen. Der verkommene Führer und die grölenden Haufen, die ihm nachliefen.

Wir haben im Rahmen von stattweb von Ernst v.Salomon gesprochen, von Best und von Meinecke. Sie alle haben eines gemein. Sie sortierten das Gedankengemenge des Nazismus, nahmen ein Stück heraus und versuchten von diesem aus, sowohl das Vergangene maßvoll zu verurteilen, und zugleich von dort eine Brücke zu bauen in die Adenauerzeit der Westbindung und der Anspruchsermäßigung, was Weltherrschaft anging. Die musste damals wieder einmal ein paar Jahrzehnte warten.

Die Massenverachtung eines Reck-Malleczewin ist zwar nicht über ihn selbst, aber als Denkweise dieser Art zu einer der schlimmsten Brücken gewesen zwischen 1945 und 1955.

Quelle: Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. 1947/1966
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