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»Wenn Gott wirklich existierte, müsste man ihn umbringen.« Michail Bakunin

Mit Hand und Fuß oder: Bei einem Computerjob brauchst Du körperlich anstrengende Hobbys

Dieses Essay baut auf meinem Essay „The Punk Rock Good Life“ auf. (Zur deutschen Übersetzung hier entlang) 

Die Hausbesetzer in Amsterdam waren nicht gerade begeistert von mir.

Gebäude „Kosmos“, Koningsplein 1,  in Amsterdam. An der Ecke von Koningsplein und Singel 1890–1891 errichtetes GESCHÄFTSGEBÄUDE mit BÜROS und einer KONCIERGEWOHNUNG nach einem Entwurf im Neobarockstil von Th.G. Schill und D.H. Haverkamp im Auftrag der Direktoren der Versicherungsbank „Kosmos“. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss, die Büros – der Versicherungsbank „Kosmos“ selbst – waren im ersten und zweiten Stock untergebracht und die Hausmeisterwohnung befand sich im dritten Stock.

Das besetzte Kosmos in Amsterdam

Foto: Bas Koffie

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Räumungswelle stand bevor – die Hausbesetzer in Amsterdam leisteten immer so heftigen Widerstand, dass die Polizei aus dem ganzen Land anrücken musste, um auch nur eine einzige besetzte Wohnung zu räumen; daher wurden mehrmals im Jahr mehrere besetzte Wohnungen an einem einzigen Tag geräumt. Die Räumungswelle stand bevor, und die Hausbesetzer machten sich bereit.

Wenn du nicht sofort auf der Seite der Hausbesetzer stehst, dann lass mich dir Folgendes sagen: In den 1980er Jahren hatte die Immobilienspekulation ein Drittel von Amsterdam leer stehen lassen, während die Menschen dringend Wohnraum brauchten; also begannen Hausbesetzer, leerstehende Gebäude zu nutzen, um sich selbst und andere unterzubringen. Niederländische Hausbesetzer waren stolz darauf, ihre Räume zu verschönern, statt nur in Elend zu leben, und ich habe noch nie eine Gemeinschaft von Menschen getroffen, die sich so sehr für die Eigenreparatur von Wohnungen engagierte und dazu fähig war.

Sogar die Regierung stimmte zu, dass die Hausbesetzung ein gesellschaftliches Gut war, und jahrzehntelang war es legal, jedes Gebäude zu besetzen, das seit mehr als einem Jahr leer stand und für das der Eigentümer keine Pläne hatte.

Aber die Regierung tat das nicht aus reiner Herzensgüte. Die Hausbesetzungen kamen zuerst, und die Regierung eilte hinterher. (So laufen übrigens alle gesellschaftlichen Veränderungen ab.) Selbst in einer Zeit legaler Hausbesetzungen wussten die Hausbesetzer, dass sie ihre Gebäude verteidigen mussten. Würden Räumungen jemals einfach werden, wäre es mit den Hausbesetzungen vorbei.

Jede Räumung war also ein wildes Spektakel aus Farbbomben (von den Hausbesetzern) und Wasserwerfern sowie Tränengas (von der Polizei). Die Leute erzählten mir Geschichten von Farbbomben-Katapulten auf den Dächern. Die Leute erzählten mir Geschichten davon, wie die Polizei einmal den Haupteingang aufgab, einen Schiffscontainer mit Polizisten füllte und ihn mit einem Kran hochhob, um im dritten Stock einzubrechen – nur damit die Hausbesetzer den Container mit einer langen Holzstange im Kreis herumwirbelten.

Übrigens stellten sie ihre Farbbomben so her, dass sie Luftballons in Wachs tauchten, sie dann entleerten, um eine hohle Hülle zu erhalten, die sie mit Farbe füllten und anschließend mit mehr Wachs versiegelten. Falls du neugierig warst.

Die Leute hatten mir eine wilde Geschichte nach der anderen erzählt – von versteckten, federbetätigten Falltüren, von leeren Bierfässern, die bereitstanden, um das Treppenhaus hinunterzufallen, von den Home Alone-Streichen, die ihre Lebensweise bewahrten und Immobilienjäger davon abhielten, ihre Stadt erneut zu zerstören. Sie erzählten mir diese Geschichten und waren ziemlich enttäuscht von mir, als wir uns auf die Räumungswelle vorbereiteten und ich erklärte, dass ich so gut wie keine handwerklichen Fähigkeiten hatte. Vor allem wusste ich nicht, wie man schweißt. Was für ein Mensch weiß denn nicht, wie man schweißt, fragten sie sich.

Leute wie ich, lautete die Antwort. Ein amerikanischer Kunsthochschulabbrecher, der Fotografie studiert hatte. Ich wusste nicht, wie man schweißt.

Mein Vater war tatsächlich eine Zeit lang professioneller Schweißer gewesen, und ich hatte als kleines Kind ein- oder zweimal in unserer Garage mit dem Lichtbogen geschweißt, aber es war ein kniffliger Vorgang, und aus welchem Grund auch immer war ich nicht von Natur aus mit handwerklichem Geschick (oder, was noch wichtiger ist, mit Liebe zum Detail) gesegnet, also blieb es nicht dabei. Na ja, eigentlich blieb es mir viel zu sehr im Gedächtnis. Das ist ein Witz über das Lichtbogenschweißen … Lichtbogenschweißen ist ein kniffliger Vorgang: Wenn man zu wenig Druck ausübt, entsteht keine Schweißnaht, und wenn man zu viel Druck ausübt, schweißt man den Schweißstab mit dem Werkstück zusammen.

An der Kunsthochschule fragte mich mein Bildhauerlehrer: „Du warst doch der Junge, der nicht entlang der gepunkteten Linien schneiden konnte, oder?“ Was stimmte. Später nahm mich mein Zeichenlehrer beiseite und sagte mir:

„Es ist keine Schande, abzubrechen, wenn die Kunsthochschule nichts für dich ist.“

Also nein, die niederländischen Hausbesetzer waren von mir genauso wenig beeindruckt wie mein Zeichenlehrer damals.

Zehn Jahre später baute ich mir eine Hütte und lebte darin. Heutzutage verbringe ich den Großteil meiner Freizeit damit, Dinge zu basteln. Zum Schweißen bin ich noch nicht zurückgekehrt, aber es steht auf meiner Liste und ich glaube, ich werde es lernen können. Als Kind spielten sich die meisten meiner Hobbys am Computer ab. Videospiele, digitale Kunst. Computer reparieren. Spiele mit einfachen Programmierprogrammen wie ZZT entwickeln. Schreckliche Cyberpunk-Geschichten über einsame, introvertierte Teenager schreiben. Layout – ich war der Designer für das Jahrbuch meiner Schule und, falls es dich interessiert, habe ich meinen Abschluss als Chefredakteur sowohl des Jahrbuchs als auch der Literaturzeitschrift gemacht.


Es wird dich nicht überraschen, dass ich nicht besonders sportbegeistert war. Ich bin viel mit dem Fahrrad herumgefahren, da ich kein Auto hatte, aber alles, was ich zum Spaß gemacht habe, hatte mit einer Tastatur und einem Bildschirm zu tun. (Ich bin unendlich dankbar, dass ich vor der Zeit der Smartphones und vor World of Warcraft aufgewachsen bin).

Ein paar Jahre, nachdem ich das College abgebrochen hatte und per Anhalter herumgereist war, besorgte ich mir einen Laptop, den ich mitnehmen konnte. Ich reiste mit einem großen Wanderrucksack, einer Ziehharmonika in einem schweren Holzkasten und einer Laptoptasche. Ich war nicht gerade ein Ultraleicht-Wanderer. Aber ich habe diesen Laptop gut genutzt. Ich betrieb anarchistische Websites. Ich betrieb einen Zine-Vertrieb, der noch heute existiert. Ich schrieb furchtbare Cyberpunk-Geschichten über einsame, introvertierte Twens. Ich machte Musik. Während des halben Jahres, das ich in Amsterdam lebte, nahm ich ein ganzes furchtbares Industrial-Album auf. Ich half beim Layout eines Hausbesetzer-Magazins und lernte dabei von einer Österreicherin Punk-Grafikdesign. Ich tat all die Dinge, die schon bald zu meinem Lebensunterhalt wurden (ich gestaltete Buchinnengestaltung und E-Books für AK Press – das war etwa ein Jahrzehnt lang meine Haupteinnahmequelle).

Aber ich habe auch schon früh eine Entscheidung getroffen, für die ich jeden Tag dankbar bin. Ich beschloss, dass, da ich am Computer arbeitete, alle meine neuen Hobbys körperlich sein mussten.

Deshalb habe ich nie 3D-Design gelernt. Deshalb programmiere ich nicht. Deshalb habe ich nie einen dieser RPG-Generatoren benutzt, um zu versuchen, mein eigenes Videospiel zu entwickeln. Ich habe nichts gegen diese Dinge. Ich habe mich in all das mal reingeschnuppert, und ich glaube, es würde mir sowieso leichter fallen als körperliche Hobbys, aber ich darf es einfach nicht.

Stattdessen arbeite ich mit Holz. Ich spiele Instrumente (schlecht, aber es macht mir Spaß). Eine Hütte zu bauen oder einen Schuppen zu dämmen, ist für mich das, was Spaß macht. Ich kann einen Baum fällen, wenn es keine allzu knifflige Aufgabe ist. Mit Gleichstromsystemen komme ich ganz passabel zurecht. (Dass ich früher ein Computerfreak war, zeigt sich, wenn es darum geht, ein Auto zu reparieren – ich bin besser in der Elektrik als in der Mechanik, ganz anders als alle anderen, die ich kenne).

Ich bin in all dem nicht von Natur aus begabt. Ich verbringe Stunden damit, über Ampere, Watt und Volt zu lesen, über Holzarten und darüber, wie man ein Fenster abdichtet. Mein YouTube-Algorithmus ist ein Chaos, aber er weiß, dass ich tatsächlich einschlafen möchte, während ich mir ein Video anschaue, in dem jemand einen Keller ausbaut oder darüber spricht, welche Ausrüstung er mitgebracht hat, um den Pacific Crest Trail zu wandern.


In Asheville, North Carolina, gibt es eine Reihe von genossenschaftlich geführten Wohnwagenparks. Sie gehören den Bewohnern selbst, werden aber von einer Gruppe namens Poder Emma organisiert („Emma“ ist der Name des ländlichen Viertels, daher bedeutet der Name auf Spanisch „Power Emma“). Die Finanzierung erfolgte über Seed Commons. Ich halte Poder Emma und Seed Commons für zwei der wichtigsten Bausteine einer revolutionären Infrastruktur in diesem Land, und so sehr ich das Hausbesetzen auch geliebt habe, finde ich genossenschaftliches Eigentum noch besser.

Eines Tages gab es eine Arbeitsaktion in einem dieser Wohnwagenparks. Jemand entkernte gerade seinen Wohnwagen, um ihn neu aufzubauen, also tauchten ein paar Dutzend von uns auf, um zu helfen. Ich brachte meinen Pick-up mit, um Müll abtransportieren zu können, und bekam Komplimente dafür. „Der war nicht billig“, gab ich zu. (Ich hatte mir einen Kredit für einen gebrauchten Pick-up aufgenommen, kaum dass ich meinen ersten festen Job bekommen hatte, bei dem ich Computerarbeit für Seed Commons erledigte) .

„Na ja, wenn du ihn für die Arbeit brauchst, dann brauchst du ihn eben für die Arbeit“, antwortete jemand.

Ich musste ihnen gestehen, dass ich am Computer arbeitete. Aber ich kam mir kein bisschen wie ein Angeber vor, weil ich diesen Tundra hatte – ich lebte autark in einer Hütte, die ich selbst gebaut hatte, und ich hatte mir den Pick-up zugelegt, weil ich es satt hatte, mir Fahrzeuge auszuleihen oder zu versuchen, Bauholz aus dem Fenster meines winzigen Hybrid-Sedans zu quetschen. Ich habe diesen Pick-up benutzt, um Kies zu transportieren, ich habe ihn benutzt, um einen Holzhäcksler abzuschleppen, und ich habe ihn benutzt, um mit meinem Hund und einem Bett im Laderaum durch das Land zu reisen.

Dieser Moment in diesem Wohnwagenpark war für mich irgendwie sehr bedeutsam, weil er mein gespaltenes Leben deutlich machte. Ja, ich verdiente meinen Lebensunterhalt am Computer (indem ich Förderanträge schrieb, die zur Finanzierung von Gemeinschaftsprojekten beitrugen), aber ich hatte mir tatsächlich ein Leben aufgebaut, das auch meinen Körper und meine Hände einbezog. Es ist kein Arbeits-Truck, aber auch kein „Asphaltprinz“.

Auch wenn der Großteil der Umbauten, die ich selbst daran vorgenommen habe, elektrischer Natur ist. Wie die violetten Lichter im Fußraum und die USB-Steckdose. Genau wie in meiner alten Hütte habe ich bei der Solaranlage und dem Mobilfunk-Signalverstärker bessere Arbeit geleistet als bei der Verkleidung und dem Anstrich.

Denn wenn man ein „Innenkind“ nach draußen schickt, wird es Kabel verlegen.

Und das ist in Ordnung.


Hausbesetzen nach niederländischer Art (wo man den Ort aufwertet, anstatt ihn herunterzukommen) hat unglaublich viel mit Eigentum (vor allem genossenschaftlichem Eigentum) gemeinsam. Bei beidem geht es darum, Verantwortung für deinen Raum zu übernehmen.

Eine Welt voller Vermieter und Mietwohnungen ist aus tausend Gründen schrecklich. Vor allem wegen der Tatsache, dass Vermieter ihren Mietern Reichtum abziehen. Aber auch, ähnlich wie bei der Arbeit an nicht-genossenschaftlichen Arbeitsplätzen, lehrt dich das Mieten nicht, Verantwortung für deinen Raum zu übernehmen.

Ich habe nur etwa ein halbes Jahr in Amsterdam verbracht, aber es war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Und eine Erkenntnis, die ich daraus mitgenommen habe, war, dass man auch für vorübergehende Räume Verantwortung übernimmt. Wo auch immer du lebst, solltest du diesen Raum verbessern. Zwei spanische Lesben wohnten weniger als zwei Wochen in unserem besetzten Haus und bauten dort ein Hochbett, wobei sie dicke Ankerbolzen ins Mauerwerk schraubten. Als sie gingen, zog ich in dieses Zimmer ein, und ihre Verbesserungen hielten jahrelang – bis die Polizei die Tür aufbrach und alle mit vorgehaltener Waffe hinaustrieb, auf Geheiß des inhaftierten Mafiabosses, dem das Gebäude gehörte.

Die Gesellschaft beraubt uns unseres Verantwortungsbewusstseins, und indem wir Verantwortung für unsere Umgebung und unsere Gemeinschaften übernehmen, gewinnen wir unsere Freiheit und unsere Würde zurück.


Manchmal denke ich, der Höhepunkt meines Lebens war, bevor ich diesen Job bei Seed Commons antrat: Ich saß auf der Veranda meiner selbstgebauten Hütte, schnitzte Löffel mit einem Hakenmesser und hörte dabei Hörbücher. Ich war unglücklich und pleite, es herrschte Pandemie und ich war einsam, aber ich habe auch jede Menge Löffel geschnitzt und vermisse das.

Und wenn ich jemals zurückkehren würde, könnte ich ein uraltes holländisches Haus viel besser gegen die Polizei verbarrikadieren. Obwohl ich wahrscheinlich immer noch jemanden bräuchte, der mir das Schweißen beibringt.

Quelle: „With Our Hands and Our Bodies or: if you work on a computer for a living, do physical hobbies“ von Margaret Killjoy, 08. Juli 2026

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Lärm-Demo gegen Investorentreff SuperReturn2026

Das Foto zeigt eine Szene der Kundgebung: 2 Aktivisten halten ein Transparent mit der Aufschrift "Gemeinsam gegen Verdrängung und #Mietenwahnsinn".
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
Am Donnerstag, den 11. Juni 2026, zog nachmittags eine kleine aber bunte und laute Demonstration durch die alte West-Berliner City rund um Zoo und Breitscheidplatz. Sie war der Abschluss einer Aktionswoche gegen das Finanzinvestorentreffen SuperReturn im Hotel InterContinental.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Dort treffen sich seit 1997 jedes Jahr Private-Equity-Firmen, Finanzinvestoren, Vermögensverwalter, Versicherungen und Co aus aller Welt. 6.000 Kongressteilnehmende sind mit einem Anlagevermögen von über 50 Billionen US-Dollar auf der Jagd nach der Super-Rendite (Super Return). 20% sollte diese schon betragen, die Anlageobjekte – ob Immobilien, Gesundheit, Waffen oder fossile Energien – sind dabei egal.

Lief das Treffen bisher weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit, gibt es seit letztem Jahr Aktionen verschiedener Initiativen und NGOs. So waren Klimagruppen mit Aktionen zivilen Ungehorsams, Workshops und Mahnwachen die ganze Woche präsent. Zur Demonstration am Donnerstag hatte ein Bündnis mobilisiert. In ihrem Aufruf forderten sie eine gerechtere Gesellschaft „mit konsequenter Besteuerung großer Vermögen, demokratisch entschiedenen öffentlichen Investitionen in Soziales, Wohnen, Gesundheit und Bildung, sowie Abkehr von fossilen und zerstörerischen Geschäftsmodellen.“  Die Kurzfassung auf dem Schild einiger Aktivist*innen von „AuA“ (Alt und Aktiv) ist da schon etwas prägnanter: „Eat the rich“.
– Andreas, Berliner MieterGemeinschaft –

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21. Juni 2026: Sommerfest und 16 Jahre Linkes Zentrum Lilo Herrmann!

Das Foto zeigt aufgebaute Pavillons anläßlich des 1. Mai 2026. Unter dem Pavillon sind Bierzeltgarnituren aneínander gereiht
Pavillons zum 1. Mai 2026 erwarten die Gäste
Ganze sechzehn Jahre sind vergangen, seitdem wir 2010 einen baufälligen Gebäudekomplex in der Böblinger Straße in Stuttgart-Heslach gekauft haben. Nach über zweijähriger intensiver Renovierung, das meiste davon in Eigenarbeit, haben wir 2012 das Linke Zentrum Lilo Herrmann eröffnet.

Unser Haus war schon in der Umbauphase ein Gegenpool zum kapitalistischen Wahnsinn. Ein Ort für Versammlungen, politischen Austausch, ein Ort für Debatte, Streit und Aktion, ein Ort der Gegenkultur.

Ein Ort für alle, die sich mit dem Unrecht dieser Welt nicht arrangieren, sondern für eine bessere Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen.

In den vergangenen 16 Jahren haben viele unterschiedliche Menschen das Lilo geprägt und unzählige Stunden in sein Bestehen investiert. Als Ort von der Bewegung für die Bewegung war und ist das Lilo Ort der Solidarität, Zuhause mehrerer junger Generationen, Dreh- und Angelpunkt für viele große Mobilisierungen und immer wieder auch im Fokus der Herrschenden und ihrer Schergen.

Viel Zeit ist seit der Eröffnung des Lilos vergangen. Die Welt hat sich verändert, und das nicht gerade zum Besten.
Wir wollen kein Trübsal blasen, denn immer dann, wenn die Verhältnisse zu tanzen beginnen, entwickeln sich Räume für widerständige Politik. Das Lilo wird auch in den nächsten 16 Jahren ein Raum für alle sein, die diese Räume mit progressiven Ideen & Praxis füllen wollen. Ein Ort im Widerspruch zum Zeitgeist.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Wir wollen 16 Jahre Linkes Zentrum feiern & möchten alle dazu herzlich einladen.

Am Sonntag, den 21. Juni 2026, organisieren wir ab 14 Uhr ein großes Straßenfest. Euch erwarten verschiedene Essensstände, ein politisches Programm, eine große Spielstation für Kinder, diverse Infotische, eine Plakatversteigerung, Hausführungen und vieles mehr. Wir freuen uns auf euer Kommen!

Mehr dazu beim Linken Zentrum Lilo Herrmann.

Berlin: Protest gegen Tag der Immobilienwirtschaft

Das Foto von © neukoellnbild zeigt mehrere Personen an einem Transparent mit dem Text: "Stop - Wohnen darf keine Ware sein!" Eine Person trägt eine Papptafel mit dem Text "Unser Zuhause ist nicht Euer (Bild eines Scheißhaufens) Eigentum". Eine weitere Person trägt eine Plakattafel mit dem Mobiplakat zur Demo am 5.9.
Foto: © neukoellnbild via Umbruch Bildarchiv
Am 19. Mai traf sich die Immobilienlobby im Berliner Admiralspalast zum sogenannten „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Der ZIA steht dabei exemplarisch für eine Branche, die wie keine andere für steigende Mieten, Verdrängung und Gentrifizierung steht und sich frecherweise zugleich als Teil der Lösung inszeniert.  Während drinnen Vertreter*innen von Konzernen, Fonds und Politik über den Wohnungsmarkt diskutierten, demonstrierten vor dem Admiralpalast Aktivist*innen vom Bündnis gegen Mietenwahnsinn und anderen stadtpolitischen Gruppen. Der Protest ist Teil der Mobilisierung für eine große Demo vor den Wahlen am 5. September unter dem Motto: Her mit den Wohnungen – runter mit den Mieten.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Neukölln: Keine Zwangsräumung der Familie SC!

Das schwarzweiss Foto von © neuköllnbild zeigt Protestierende vor einer Geschäftsstelle der Covido GmbH, Transparente mit dem Text "Stop Zwangsräumungen!", sowie "Wohnen darf keine Ware sein!".
Foto: © neuköllnbild via Umbruch Bildarchiv
Seit 2013 beschwert sich Familie SC aus der Erkstrasse in Neukölln bei ihrem Vermieter über Schimmel und eine defekte Heizung in ihrer Wohnung. Aber nichts wird repariert. Es ist nicht nur ärgerlich, wenn auf einmal das Licht oder die Waschmaschine ausgeht. Schimmel ist gesundheitsschädlich. Für eine Familie mit zwei kleinen Kindern (4 und ein Jahr alt) eine herbe Belastung.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Covivio Immobilien GmbH, mit 17000 Wohnungen allein in Berlin, übernimmt 2020 das Mehrfamilienhaus. Statt die angemahnten Reparaturen vorzunehmen droht sie der vierköpfigen Familie in Neukölln mit Räumung, weil sie den Schimmel in ihrer Wohnung nach jahrelangen Beschwerden selber beseitigt hat. Das Bündnis Zwangsräumung verhindern schaltet sich ein: Sie schreiben Briefe und fordern, der Familie zumindest einige Wochen Räumungsaufschub zu gewähren. Covivio antwortet formal und mit einer Ablehnung. Deshalb gibt es am 7. Mai eine Kundgebung vor dem Covivio-Büro in der Sonnenallee 160. Dreißig Leute sind dazugekommen, aus dem Haus, über dem Büro, werden den Demonstrierenden Daumen-hoch-Gesten gezeigt. Covivio ist bei seinen Mieter*innen offenbar wenig beliebt. Aber anstatt Gesprächsbereitschaft zu zeigen, schließt Covivio ihr Büro.

Nach 4 ungültigen Versuchen konnte Covivio beim fünften Mal die Kündigung gegen Familie SC gerichtlich durchsetzen. Ende Mai droht die Zwangsräumung und die Familie hat keine neue Wohnung in Aussicht. Ihr droht Wohnungslosigkeit. Das Bündnis fordert, dass die Kündigung zurückgenommen wird oder der Familie aus dem Bestand der Immobiliengesellschaft eine neue Wohnung zur Verfügung gestellt wird.

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Berlin: Revolutionäre 1. Mai- Demonstration 2026

Fronttransparent der Demo mit dem Text "gegen die Gesamtscheiße - Die Zukunft gehört uns!" und einem Roten Stern mit Antifaflaggen auf der linken Seite getragen von verschiedenen Personen, dahinter eine Masse von Menschen am späten Abend.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Unter dem Motto „Gegen die Gesamtscheiße“ startete die diesjährige revolutionäre 1. Mai-Demonstration unter der Beteiligung mehrerer 10.000er Teilnehmer*innen vom Oranienplatz in Kreuzberg. Marxistische Jugendgruppen, Pali-Solidaritäts-Bewegung und ein großer Antifablock bildeten den Anfang. Ein sich schon am Mittag bildener „Menschenteppich“, durch verschiedenste angemeldete und auch nicht angemeldete Party- und Feierangebote in großen Teilen von Kreuzberg erschwerte den Start und einen geschlossenen Demozug. Stundenlange Verzögerungen waren die Folge. Ein Teil der Demo schaffte es die Route einzuhalten, der andere Teil blieb erstmal stecken. Ab dem Görlitzer Park wurde der Antifa-Block von einem dichtem Bullenspalier begleitet. Am Rande der Demo wurden Nazi-Influencer vertrieben, es gab zahlreiche Solidaritätsgrüße von Balkonen und der Bordsteinkante. Gegen 23.00 Uhr erreichte die Demonstration den Abschlußkundgebungsplatz am Südstern. Dort ließen es sich die Bullen nicht nehmen, Teile des Antifablocks anzugreifen, durch Geschlossenheit konnte dieses abgewiesen werden. Was bleibt von diesem Tag? 10.000de waren auf der Straße, organisiert und auch weniger organisiert, und ein Gefühl, das Mensch nicht allein ist mit der Gesamtscheiße um uns herum.

„Wir feiern das Leben, die Rebellion und die Befreiung. Weg damit: Wehrpflicht, Militarisierung und Kriegsregime. Feminizide, Männlichkeit und Patriarchat. Nationalismus, Faschismus und AfD. Wasserprivatisierung, Autobahnausbau und Klimakatastrophe. Regierende Bürgermeister, Zäune und nächtens geschlossene Parks. Autoritarismus, Dogmatismus und scheinbar einfache Wahrheiten. Angriffe auf Rojava, Krieg in der Ukraine und Genozid in Gaza. Racial Profiling, »kriminalitätsbelastete Orte« und neue Polizeigesetze. Finanzielle Kürzungen, Demontage des Sozialstaats und der restliche Monat am Ende des Geldes. Gefangennahme von Cilia Flores mit Ehemann, von Antifaschist*innen und unserer langjährigen Nachbarin Daniela Klette. Private Wohnungsunternehmen, steigende Energiekosten und hohe Mieten. Merz, Pistorius und alle anderen da oben. Alles Würg!

Wir finden das Leben viel zu interessant, um es für all das herzugeben. Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen, wie es einst Karl Marx formulierte, und dazu werden wir beitragen. Wir spielen nicht mit, wir rebellieren, wir widersetzen uns. Wir verweigern uns den auferlegten Pflichten. Wir desertieren aus diesen Verhältnissen. Wir brechen aus und nehmen uns am Ersten Mai die Straße. Denn wenn schon die Gegenwart verloren ist, so wollen wir doch die Zukunft erobern.Mit Zehntausenden werden wir am Abend des 1. Mai in Berlin zur jährlich größten Manifestation der radikalen Linken zusammenkommen. Uns eint unsere Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Widerspruch zum Herrschenden, das kein Versprechen mehr für uns hat. Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit.“

(aus: Aufruf des Antiautoritären Blocks)


Eine gute Übersicht mit Infos zur Demo und allen anderen Aufrufen findet ihr auf der Seite von erstermai.nostate.net/

Weitere Ereignisse zu diesem Thema
Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)Links

Stuttgart: 1. Mai Straßenfest im Stadtteilzentrum Gasparitsch

Das SharePic zeigt die Eckdaten zum 1. Mai Fest mit den Angaben aus dem Textbeitrag

Programmübersicht für das 1. Mai Fest im und am Stadtteilzentrum Gasparitsch:

Ablauf
ab 14 Uhr: Festbeginn
  • Kaffee & Kuchen, Fingerfood
  • Popcorn
  • Quiz
  • Info- und Aktionsstände
  • Kinderprogramm
  • Kurzvorstellungen der beteiligten Initiativen & Organisationen
  • Live-Musik

16 Uhr: Kurz-Lesung von Geschichten zum Thema Frauensolidarität (vom Frauenkollektiv Stuttgart)

17 Uhr: Stadtteildemonstration (vom Fest aus): Dort kämpfen, wo das Leben ist! Gegen Krieg, Sozialabbau und Rechtsentwicklung! (von der Organisierten Autonomie)

ab 18:30 Uhr: warmes leckeres Essen
bis 18:30 Uhr: Quizabgabe

19 Uhr: Quizauflösung

ab 19:30 Uhr: Live Musik mit

ab 22 Uhr: Aftershow-Party mit

  • Jens O Matic
  • Markus Railroad (Early Reggae, Ska, Latin, Cumbia)

Quelle und mehr Informationen

Solidarität mit der Habersaathstraße

Das Foto von © heba zeigt das Transparent mit dem Text "Abriss war gestern schon Scheiße" mit dem "Roten Rathaus" im Hintergrund.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
In der Habersaathstraße 40-48 wird seit Jahren versucht, Menschen mit Drohungen und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Seit vier Monaten leben die Mieter:innen ohne Heizung und Warmwasser. Leerstehende Wohnungen werden im Auftrag des Vermieters demoliert, Türen eingetreten, Sanitäranlagen zerstört. Schlägertrupps im Haus – Angst gehört für die Bewohner:innen zum Alltag.

„Das geht uns alle an!“ Der Berliner Mieterverein, das Bündnis gegen Verdrängung & Mietenwahnsinn, das Bündnis gegen Zwangsräumungen und andere organisierten am Samstag, den 28. März eine Soli-Demonstration für die Habersaathstraße. 400- 500 Menschen kamen zur Unterstützung und um Druck zu machen, das die Bewohner*innen der Habersaathstraße nach dem langen Winter endlich sicher in ihren Wohnungen bleiben können. Kein Abriss! Mieter:innen schützen! Bezahlbare Wohnungen retten! Rekommunalisierung jetzt!

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Nach der Auftaktkundgebung vor dem Roten Rathaus führte die Demo quer durch Berlin-Mitte zur Novalisstraße 13 zur Zwischenkundgebung. An der immer noch von Abriss bedrohten ehemaligen CHARITE Papageienplatte in der Habersaathstrasse 40-48 wurde die Demo mit großem Hallo und Musik von Judith’s Krise, dem Resonanzchor und Kiezchor zur Abschlusskundgebung empfangen. In den Beiträgen zur Geschichte und aktuellen Situation in der Habersaathstraße findet auch ein Thema Gehör, das auf öffentlichen Kundgebungen sonst eher Tabu ist. Annegret Taube von „Leerstand Hab Ich Saath“ spricht über die hohe emotionale Belastung, die diese Kämpfe bedeuten. Hier ihr Beitrag.

„Ich komme jetzt schon einige Jahre und immer gerne hier ins Haus, um ein bisschen zur Hand zu gehen wo ich kann. Ob bei Reparaturen von Türen, Lampen, Spülkästen oder zerschlagenen Fenstern, ob zur Gartenpflege oder zum aufwischen des letzten Wasserschadens und vor allem auch um emotionalen Beistand zu leisten in diesem psychisch, physisch und emotional so belastenden Kampf um das eigene Zuhause.
Nie, Daniel, vergisst du nach einem langen gemeinsamen Arbeitstag dich für meine Hilfe zu bedanken. Aber wer sollte hier eigentlich wem danken? Wer hilft hier eigentlich wem?
Helfe ich Miriam, Ibrahim oder Daniel darin ihren Wohnraum nicht zu verlieren, weil ich ein bisschen bei der Instandhaltung helfe, ein bisschen Fürsorge leiste?
Ist es nicht viel mehr umgedreht: Dadurch das ihr immer noch diese fünf Häuser vor dem Abriss verteidigt, mit allen Strapazen, die das bedeutet, kämpft ihr auch für meine Chancen auch in Zukunft noch einen irgendwie bezahlbaren Wohnraum zu finden. Und heute ist eine Wohnung schneller verloren als eine neue gefunden, dieser Erfahrung bin ich Anfang des Jahres selbst knapp entkommen. Das hier geht uns also alle an!
Wenn diese Wohnungen erhalten bleiben, wenn das Recht auf Wohnen über Pichottas Traum vom Abriss siegt, hat das nicht nur einen positiven Einfluss auf den Berliner Mietspiegel insgesamt. Es sendet auch ein Signal an andere Eigentümer*innen mit ihren verbrecherischen Entmietungsmethoden, ist auch ein Mut-machendes Signal an andere Menschen in Mietenkämpfen und bestenfalls hilft es sogar gegen die Arbeitsverweigerung mancher trüben Tasse im Bezirksamt, die mit ihrer Untätigkeit, ihrem schwachen Willen und fehlendem Mut diese kriminellen Eskalationen wie sie in der Habersaathstraße 40-48 seit Jahren geschehen, erst ermöglichen. Ja, dieser Kampf hier geht uns alle etwas an!
Für unser Zuhause müssen wir selber kämpfen, das ist in dieser Stadt längst bekannt. Die Bewohner*innen der Habersaathstraße 40-48 sind ein besonders beeindruckendes Beispiel, denn
hier kämpfen Menschen seit bald 20 Jahren und sie tun es ausgesprochen erfolgreich! In diesem Sinnen möchte ich die Gelegenheit nutzen einmal ausdrücklich Danke zu sagen an alle
Bewohner*innen der Habersaathstraße 40-48. Besonders bedanken möchte ich mich bei den Langzeitmieter*innen der IG Hab für ihre unglaubliche Ausdauer, für ihre Hartnäckigkeit und
Widerstandsfähigkeit, für die längst nicht mehr zu zählenden Stunden an harter Arbeit, die du Daniel seit Jahren investierst diesen Wohnraum nicht nur für dich, sondern für so Viele zu erhalten und das unter Umständen, für die mir früher die Fantasie gefehlt hätte. Danke an euch alle, die ihr euch dem eskalierenden Wohnungsmarkt nicht ergebt! Sondern euch widersetzt und für den Erhalt dieser Häuser einsteht und damit nicht nur das eigenen Zuhause schützt, sondern auch mein Zukünftiges.

Das war der angenehme Teil meines Beitrags.
Jetzt möchte ich über die andere Seite politischer Arbeit sprechen, die viel weniger Beachtung findet, von der öffentlich nur selten gesprochen wird, die nicht kämpferisch und laut auf
Kundgebungen und Soliveranstaltungen von allen gefeiert werden kann. Ich denke, viel zu selten sprechen wir über die hohe emotionale Belastung, die diese Kämpfe auch bedeuten. Vielleicht tun wir das im kleinen vertrauten Kreis, in dem man sich traut von seiner Verzweiflung und von seiner Angst zu sprechen. Auf öffentlichen Veranstaltungen, in großen Plenas, auf Bühnen einer Kundgebung oder in Texten, die wir schreiben, kommt dieser Teil oft nicht vor.
Nicht anschlussfähig für ein Demopublikum was vor allem motiviert werden möchte?
Psychische und physische Belastungen und ihre Folgen sind in den letzten Jahren auch ein erheblicher Teil des Kampfes um die Habersaathstraße 40-48 geworden. Sie sollten auch Beachtung finden. Wer die Geschichte dieses Haus hören möchte, soll auch von dem Schaden hören, den dieser lange harter Kampf an unseren Seelen angerichtet hat.
Mit der emotionalen Belastung die der existenziellen Kampf um den eigenen Wohnraum auch bedeutet meine ich: Die Angst zu scheitern, das Gefühl vor lauter Überarbeitung den Sinn nicht mehr zu kennen, viel zu viel Arbeit für zu wenige Hände, die doch schon so müde sind von aller Schufterei. Die Last von zu viel Verantwortung, auch seinen Mitstreiterinnen gegenüber. Ich meine damit auch die Wut darin nicht angehört zu werden, über sogenannte innere Konflikte nicht sprechen zu sollen und sich von den eigenen Leuten im Stich gelassen zu fühlen. Ich meine auch die Last, die Angst der Anderen mit aushalten zu müssen und die, am eigenen Anspruch bei allem trotzdem verständnisvoll zu bleiben, letztlich doch zu scheitern.
Solidarität mit erhobener Faust auf der Straße ist leichter als in Solidarität mit denen, die vom Kampf kaputt gegangen sind sich zu verbünden. Wenn wir aber von einer besseren Welt für alle träumen, wie wir sagen, dann geht auch das uns alle an.

Wer glaubt, siegreiche Häuserkämpfe führen nur die mit einer starken Psyche, mit einem stabilen gesunden Umfeld, mit einer guten Work-Life-Balance und der viel gelobten Selbstfürsorge, der täuscht sich. Nein. Diese Häuser erhalten Menschen, von denen Viele massiven Schaden an ihrer Seele erlitten haben, durch das was hier passiert. Diese Häuser erhalten die oft Gebrochenen und wieder Zusammengeflickten, die psychisch Instabilen, die Traumatisierten. Wenn wir nach unserem Befinden gefragt werden, kann es passieren, dass wir viel zu viel reden, zu emotional zu wenig sachorientiert, wir vergreifen uns im Ton, wir haben Schlafstörungen, Haarausfall, dünne Nerven und trinken Tee gegen nervöse Unruhezustände – auch so sind die Kämpfer*innen der Habersaathstraße 40-48 und siehe da die Häuser stehen noch! Der Maschinenraum in diesem Haus läuft aber manchmal klappert, quietscht und keucht er eben gewaltig.

Der Maschinenraum in diesem Haus läuft aber manchmal klappert, quietscht und keucht er eben gewaltig.

Ich frage mich oft, wie solidarisch diese Welt, auf die wir hoffen ist, wenn wir uns so wenig trauen öffentlich zuzugeben, dass diese Kämpfe zu führen für viel von uns auch bedeutet kaputt zu gehen, auszuscheiden, damit allein zu bleiben und schließlich vergessen zu werden.
Um ehrlich zu sein habe ich schon lange genug von kämpferischen Parolen, die schnell verklingen, nichts wissen wollen von unseren Belastungen, die da aber auch eben sind. Parolen, die mich vor allem daran erinnern, dass ich bloß tapfer weiter machen soll. Ich habe auch genug von guten Ratschlägen zur besseren Abgrenzung und Selbstfürsorge. So ein Projekt wie dieses zu erhalten, bedeutet für die, die das hier vor Ort tun oft, über die eigenen Grenzen zu gehen. Auch weil schon viele gegangen sind, auch wenn das immer niemand hören will.
Ein Mieter sagte mal zu mir: Dieses Haus ist auch ein Gefängnis. Wir leben in einem permanenten Ausnahmezustand.

Dieses Haus ist auch ein Gefängnis. Wir leben in einem permanenten Ausnahmezustand.

Lieber noch als manche Kundgebung es oft war, ist mir jeder Arm, der mir gereicht wird, um zu heulen über die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit, die wir hier oft empfinden, ist mir jedes ernst gemeinte ‚Wie geht es euch?‘, was einen Moment hilft sich weniger allein in diesem Kampf zu fühlen.
Ich wünsche mir, dass wir anfangen uns von der Kehrseite unseres Aktivismus genauso selbstbewusst zu berichten, wie von den gewonnenen Kämpfen. Das wir uns trauen öffentlich zu
sagen ‚Ich kann nicht mehr, es ist zu viel‘ und auch das geht uns alle etwas an. Ich wünsche mir die Stärke, gemeinsam auch laut und öffentlich „Schwach“ sein zu können und das als neue Praxis der Selbstfürsorge anzuerkennen.
Ich habe hier nicht nur gelernt wie unbeschreiblich schön es sich anfühlt etwas gemeinsam zu bewegen. Ich habe hier aber auch schmerzlich lernen müssen: Soziale Kämpfe haben für manche Menschen etwas Zerstörerisches. Ich möchte das das nicht vergessen wird. Es gehört genauso zur Geschichte dieser Häuser.
Diese Rede wird deshalb auch keine ermutigende Pointe haben. Denn unsere seelischen Schmerzen, die wir bei allem immer mit uns tragen, all die Tränen die um und in diesen Häusern schon geweint wurden hatten sie auch oft genug nicht.

Ich wünsche mir, dass die schmerzliche Seite beim Widerstand leisten nicht mehr so oft vergessen wird, das Menschen sich in diesen so emotional belastenden Kämpfen weniger allein fühlen und das sie ermutigt werden darüber zu sprechen. Ich bin froh über unseren Zusammenhalt.“
Annegret Taube

Weitere Hintergrundinformationen gibt es auf der Seite EINE PLATTE WILL BLEIBEN und auf der Seite DAS GEHT UNS ALLE AN

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This Saturday: All Out for No Kings Day 3!

Die Grafik zeigt eine durchgestrichene Krone sowie den Text "No Kings - No illegal Wars"
Die Grafik zeigt eine durchgestrichene Krone sowie den Text "No Kings - No illegal Wars"
Masked secret police are terrorizing our communities. An illegal, catastrophic war is putting us in danger and driving up our costs of living. Attacks on our freedom of speech, our civil rights, and our freedom to vote are happening on a daily basis. Costs are pushing families to the brink. #Trump is acting like a tyrant. But this is America, and power belongs to the people - not to wannabe kings or their billionaire cronies.

This Saturday, March 28th, we will show up together to demand, No Kings!


Please plan to join what promises to be the largest democracy, human rights, and peace demonstration in U.S. history. More than 3,000 events are planned.

FIND A NO KINGS EVENT NEAR YOU!

As President Trump escalates his attempts to control us, it is on us, the people, to show that we will fight to protect one another and our country. If he believes we will roll over and allow him to take our freedoms, he is mistaken. We are coming together on March 28 across issues, ages, races, and religions, because we know we can overcome this repression when we unite.



(In #Germany also in #Munich / #München #Nuremberg / #Nürnberg #Frankfurt #Wiesbaden #Düsseldorf #Bremen & #Hamburg)

#NoKings! #NoWars! #NoNukes! #NoICE


DAS GEHT UNS ALLE AN: Mieter:innen der Habersathstraße 40-48 unterstützen!

Das Plakat zeigt die Gebäude der Habersathstraße sowie stilisierte Abrissbagger sowie die Eckdaten zur Solidemo aus dem Textbeitrag. Dazu die unterstützenden Organisationen.
Plakat zur Demo
AUFRUF ZUR SOLI-DEMO FÜR DIE HABERSAATHSTRAßE 40-48 IN BERLIN MITTE

Entmietung mit Kälte, Gewalt und Zerstörung – mitten in Berlin, mitten im Winter.

KOMMT ZUR SOLI-DEMO Soli-Demo

Samstag, 28.03.2026
13:00 Uhr
Treffpunkt: Vor dem Roten Rathaus
Die Route der Demonstration wird rechtzeitig bekannt gegeben.

WORUM GEHT ES?

In der Habersaathstraße wird seit Jahren versucht, Menschen mit Drohungen und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Seit vier Monaten leben die Mieter:innen ohne Heizung und Warmwasser. Leerstehende Wohnungen werden im Auftrag des Vermieters demoliert, Türen eingetreten, Sanitäranlagen zerstört. Schlägertrupps im Haus – Angst gehört für die Bewohner:innen zum Alltag.

Das ist brutale Entmietung. Es reicht!

DIE FAKTEN
  • Seit 4 Monaten: keine Heizung, kein Warmwasser
  • Seit Jahren: Schikanen, Zerstörung und Gewalt gegen Mieter:innen
  • 120 bezahlbare Wohnungen sollen abgerissen werden
  • 3 Kündigungswellen gegen die Mieter:innen – gerichtlich für ungültig erklärt
  • Beschlüsse der BVV-Mitte zum amtlichen Eingreifen liegen vor
  • Aber: Das Bezirksamt Mitte bleibt untätig

WARUM DAS UNS ALLE BETRIFFT

Was hier passiert, ist kein Einzelfall. Es ist Teil eines Systems, das bezahlbaren Wohnraum zerstört und Menschen verdrängt. Wenn wir das hinnehmen, wird es überall Schule machen.

Heute trifft es sie – morgen uns alle.

DIE GUTE NACHRICHT

Gemeinsam können wir das stoppen.

Öffentlicher Druck wirkt. Solidarität wirkt. Die Soli-Demo ist ein klares Signal gegen Verdrängung, gegen Abriss und für bezahlbaren Wohnraum in Berlin.

UNSERE FORDERUNGEN

KEIN ABRISS! MIETER:INNEN SCHÜTZEN! BEZAHLBARE WOHNUNGEN RETTEN! REKOMMUNALISIERUNG JETZT!

AUFRUF VON

Bündnis gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung
Bündnis Zwangsräumungen verhindern
UfO – Union für Obdachlosenrechte
Berliner Mieterverein e.V.

KOMMT ALLE!

Wohnraum ist keine Ware – der Abriss intakter Wohnungen ist keine Option.

SOLI-DEMO | SAMSTAG, 28.03.2026 | 13 UHR TREFFPUNKT: VOR DEM ROTEN RATHAUS




Aktuelle Berichterstattung zum Kampf der Mieter:innen um ihre Wohnungen:

rbb Abendschau: Eigentümerterror gegen Mieter der Habersaathstraße
rbb Inforadio: Mieter kämpfen weiter um ihre Wohnungen 
tagesspiegel: Umkämpftes Haus in der Berliner Haberssathstraße

Quelle: Berliner Mieterverein
cronjob