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»Wir sind Maurer, Maler, Elektriker, wir brauchen den Staat nicht, für nichts.« Lucio Urtubia

Dresden: Wegen Kündigungen? Arbeitskampf in der Neustädter Gastro

Aktivist:Innen mit Transparent "Süße Kuchen - bittere Jobs". Eine Person im Vordergrund mit "FAU - Gewerkschaft in Aktion" Weste
Foto: FAU Dresden
Die Dresdner Neustadt ist bekannt für ihre Kneipen und Bars. Das Image des Szeneviertels, wo nach dem Stadtbummel lauschige vegane Cafés und urige Bars Besucher*innen erwarten, passt in das Marketing der Stadt wunderbar hinein. Doch die Gastro-Branche ist traditionell Ort schlechter und ungesunder Arbeitsbedingungen. Da bildet auch die Neustadt keine Ausnahme wie ein neuerlicher Arbeitskampf im veganen Café „V-Cake auf der Rothenburger Straße zeigt. Neben schlechten Arbeitsbedingungen steht auch der Vorwurf im Raum, der Chef des Cafés habe sich gegenüber Mitarbeiter*innen übergriffig verhalten.

Protest gegen fristlose Kündigung

Im August 2025 organisierte die anarchistische Gewerkschaft „Freie Arbeiter*innen Union“ (FAU) eine spontane Kundgebung vor dem Café. Nach eigenen Aussagen kamen etwa sechzig Menschen zu der Aktion unter dem Motto „Süße Kuchen, bittere Jobs“ am 27. August 2025. Anlass war die fristlose Kündigung eines Mitarbeiters, sowie die sehr kurzfristige Kündigung einer weiteren Arbeiter*in, nachdem diese sich laut Gewerkschaft FAU über die schlechten Arbeitsbedingungen beschwert hätten.

Die Gewerkschaft zog gegen die fristlose Kündigung vor Gericht. Doch zur Verhandlung kam es nicht. Der Inhaber des Cafés wandelte die Kündigung kurz vor Verhandlungsbeginn in eine fristgerechte um. Die FAU Dresden kündigte allerdings an, weiterhin Proteste gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu organisieren. Ehemalige Angestellte des Cafés berichteten von „einem schlicht unerträglichen Arbeitsklima“, gegen das man vorgehen wolle.

„Gezielte Einschüchterung und systematischer Machtmissbrauch“

Im September erschien nun ein Artikel von Marvin Graewert auf der Nachrichtenplattform t-Online, der ein ganz neues Licht auf die Auseinandersetzung werfen könnte. Im Artikel werden die Erfahrungen von sechs anonym bleibenden Arbeiter*innen eines ebenso nicht näher benannten „beliebten Dresdner Cafés“ geschildert.

Der Arbeitsalltag sei geprägt worden von Annäherungsversuchen durch den Chef des Cafés, welcher immer wieder und gegenüber mehreren Arbeiter*innen anzügliche Bemerkungen und ungewollte Berührungen gemacht habe. „Er hat ständig versucht, Körperkontakt herzustellen, wahrscheinlich um das möglichst beiläufig zu normalisieren.“, wird eine Arbeiterin in dem Artikel zitiert.

Auf Ablehnung und Kritik habe der nicht namentlich bgenannte Chef heftig reagiert. So soll er in einem Fall jegliche Kommunikation sogar organisatorischer Natur für die Arbeit eingestellt und die Angestellte mit Schweigen bestraft haben. In einem anderen Fall habe er systematisch Druck ausgeübt, etwa in dem er mit Stoppuhr jede Bewegung einer Angestellten dokumentiert habe. Bis heute hätten alle Betroffenen starke psychische Belastungen von der Arbeit in dem Café davon getragen. Eine Arbeiterin verließ die Branche danach für immer.

Von derartigen Fällen war allerdings in der bisherigen Öffentlichkeitsarbeit der Gewerkschaft FAU nie die Rede gewesen. Auch auf eine Nachfrage seitens addn.me äußerte sich die Gewerkschaft nicht zur Frage, ob es zwischen ihren Protesten und dem Artikel bei t-Online einen Zusammenhang gäbe. Die Gewerkschaft verwies aber darauf, dass sexualisierte Gewalt in hierarchischen Beziehungen mit starken Abhängigkeiten besonders häufig vorkomme. Entsprechend öffneten prekäre Anstellungsverhältnisse – wie häufig in der Gastronomie – Belästigung und sexualisierter Gewalt Tür und Tor. Man habe vor kurzem eine Veranstaltung zur Aufklärung über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Dresdner Neustadt abgehalten. Dass diese ausgerechnet vor dem Café V-Cake stattfand, kommentierte die Gewerkschaft nicht.

Eine Anfrage von addn.me an den Betreiber des Cafés V-Cake blieb unbeantwortet.

Plakate kritisieren sexualisierte Gewalt im V-Cake.

An einer Fensterscheibe klebt ein Plakat mit dem Text "unerwünschter Körperkontakt? V-Cake Chef  ist Experte auf dem Gebiet"
Plakate beschuldigen den Inhaber des Cafés V-Cake.
Aufmerksame Neustädter*innen konnten in den letzten Wochen mehrfach Plakate an verschiedenen Orten vor allem in der Rothenburger Straße sehen. Verschiedene abgedruckte Sprüche nannten den Betreiber des Cafés V-Cake persönlich. Die Anschuldigung ist eindeutig: ihm werden mehrere Zitate in den Mund gelegt, die Belästigung bagatellisieren, unter anderem auch die bei t-Online auffindbare Bemerkung „Mobbing ist mein Hobby“ Auf den Artikel bei t-online verweist auch der auf den Plakaten abgedruckte QR-Code.

Der Grund für diese anonyme Form der Auseinandersetzung könnte daran liegen, dass die juristische Nachweisbarkeit vieler Anschuldigungen schwierig sein dürfte. In vielen Situationen würden die Aussagen von einzelnen Arbeiter*innen gegen die ihrer Chef*innen stehen und damit kein ausreichender Nachweis erbracht werden. Dieses Muster dokumentiert das Antidiskriminierungsbüro immer wieder. Somit sind öffentliche Äußerungen ganz egal ob wahr oder falsch schnell mit Verleumdungsklagen bedroht. Auch hier gibt das Machtgefälle zwischen Chef*innen und Arbeiter*innen den Vorteil im Zweifel den Mächtigeren.

Parkscheinautomat mit aufgeklebtem Plakat
So was kommt von so was.
Einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2019 zeigt, dass 19 Prozent aller Arbeiter*innen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erleben. Dabei sind Frauen1 fast doppelt so oft betroffen wie Männer und ein überwiegender Anteil der angegebenen Täter*innen ist männlich.

Wie sich Betroffene wehren können dokumentiert die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ebenfalls auf einer umfassenden Website.




1 Die Studie differenziert lediglich nach Männern und Frauen und beinhaltet keine anderen Geschlechter.

Quelle: addn.me

Street Art

Das Foto zeigt eine Wand mit einem Grafifti, das 3 Köpfe, die mit grimmiger Mine einen vierten anstarren, der freundlich zurück lächelt. Signiert ist das Bild mit dem Titel "Positiv' Mind" von Lefdraw (Instagram)
Foto: © Monika von Wegerer via Umbruch Bildarchiv
Woher stammt eigentlich der Name „Graffiti? Aus dem italienischen (Graffito) und beschreibt eine in Stein geritzte Zeichnung. Schon in der Antike haben die alten Ägypter Malereien und Schriftzüge auf Steine, Mauern und Gebäude gekratzt. Heute nennt sich das Street Art. Wie damals ist es ein Ausdruck gelebter Kultur mit sozialen oder politischen Botschaften. Sie beleben den sonst oft grauen und tristen öffentlichen Großstadtraum.

„Seit 2004 mache ich Fotos von Graffitis in Berlin. Die Faszination an diesen oft einzigartigen Kunstwerken habe ich auch nach 20 Jahren nicht verloren.“

(Monika von Wegerer)

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)


Berlin ist #unkürzbar

Das Foto von © Björn Obmann zeigt ein Übersichrtsfoto über die bunt gewürfelte Demo in einer Straße
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Der schwarz-rote Senat will einen massiven Kürzungshaushalt beschließen, der die Arbeit von sozialen, kulturellen, ökologischen und Jugendeinrichtungen gefährdet. Egal ob queere Jugendarbeit, Schutzräume für Frauen, Investitionen in Klima- und Hitzeschutz, Jugendarbeit, ökologische Projekte - teilweise sollen Budgets komplett gestrichen werden.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Dagegen protestierten am 10. Oktober 2025 etwa 1.500 Menschen. Auf Schildern forderten sie den Erhalt von Kultur, Soziale Arbeit, Jugendeinrichtungen und Klimaschutz. Ein #kürzbar-Block zeigte, worauf Berlin stattdessen verzichten könnte – Zaun um den Görli, A100, TVO, Olympia...

Zum ersten Mal durfte die Demo nicht wie geplant vor dem Abgeordnetenhaus starten. Begleitet wurde die Demo mit einem großen Polizeiaufgebot inklsuive Gefangenentransporter am Ende der Demo, das ebenfalls kürzbar gewesen wäre. Nach einem Bannerdrop vom Kulturforum versuchte die Polizei das große Aufgebot noch schnell zu rechtfertigen und nahm mehrere Personen auf dem Vorplatz fest, weil auf den Flyern kein Impressum abgedruckt war. Auch die Aktivist:innen auf der Dachterasse wurden festgenommen, kamen aber im Laufe des Abends wieder frei. Die Demo endete am Abend vor dem Roten Rathaus.

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

77 Jahre und zwei Jahre oder: Über Palästina

Das Foto zeigt eine Frau von hinten, die aus einem zwerbombten Wohnhaus in Richtung der Grenzmauer blickt.
Foto: Global Sumud Flotilla
Ich bin um 3 Uhr morgens aufgewacht und hab mein Handy gecheckt, weil ich nicht immer die Person bin, die ich sein will, und nicht immer die Gewohnheiten hab, die ich haben will. Ich bin aufgewacht, hab mein Handy gecheckt und gesehen, dass ein weiteres Schiff der Hilfsflotte für Palästina in internationalen Gewässern vom israelischen Militär abgefangen wurde. Ich sah, dass Menschen, die ich kenne und die ich kennen könnte, entführt worden waren und dass sie allem Anschein nach derzeit von israelischer Seite gefoltert werden.

Ich konnte nicht mehr einschlafen.

Ich gehe davon aus, dass ihr alle bereits auf die Hilfsflotten aufmerksam geworden seid, Schiffe voller mutiger Menschen aus aller Welt, aber falls nicht, dann tut dies bitte. Jedes Mal, wenn ein Aktivist entführt wird, gibt es konkrete Aufrufe zum Handeln.

Ich schreibe nicht viel über Palästina, obwohl ich in den letzten zwei Jahren fast jeden Tag darüber nachgedacht habe. Ich schreibe nicht darüber, weil ich nicht die Stimme bin, auf die die Leute in dieser Frage hören sollten. Ich mache mir Sorgen, vielleicht mehr als ich sollte, dass ich in der Diskussion zu viel Raum einnehme.

Aber ich weiß ein paar Dinge.

Ich weiß, dass es seit 77 Jahren (und länger) Völkermord und Widerstand in Palästina gibt und dass es jetzt seit zwei Jahren eine dramatische Eskalation in Gaza gibt. Es lohnt sich, diese ganze Geschichte und die Gegenwart zu verstehen, vor allem, wenn du Sympathie für den Zionismus hast oder in deinem Kopf Zionismus mit Judentum verwechselst.

Ich habe einen Teil dieser Geschichte bereits in meinem Podcast behandelt, darunter Diskussionen über die israelische und internationale Solidarität mit den Palästinensern und die lange Geschichte der Hungerstreiks. Der Zionismus war bewusst ein Siedlerkolonialprojekt (denn das waren keine Schimpfwörter für die Europäer zu der Zeit, als der Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm), und die ersten zionistischen Siedlungen in Palästina schufen eine Gesellschaft (und vor allem eine Wirtschaft), die völlig losgelöst von den bestehenden Menschen und der Kultur der Region war. Ich schreibe „die ersten zionistischen Siedlungen” und nicht „die ersten jüdischen Siedlungen”, weil Juden schon immer in Palästina gelebt haben, auch ziemlich aktiv im 19. Jahrhundert vor dem Zionismus.

Das Osmanische Reich hat religiösen Minderheiten zwar keine vollen und gleichen Rechte gewährt, aber es war wesentlich freundlicher zu Juden als Europa. Als die Juden 1492 von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden, waren es die Osmanen, die sie aufnahmen. Auch schwule Männer flohen aus Europa ins Osmanische Reich, weil die muslimische Gesellschaft Homosexualität wesentlich toleranter gegenüberstand als das christliche Europa. (Das Osmanische Reich verdient eine eigene Kritik, auf die ich in meinen Episoden über den Widerstand gegen den Völkermord an den Armeniern ausführlich eingegangen bin.

Ich glaube nicht, dass ich es so gut ausdrücken kann wie die jüdischen Antizionisten, und wahrscheinlich hast du in den letzten Jahren schon oft darüber gelesen, aber wir dürfen niemals, niemals zulassen, dass Judentum oder Jüdischsein mit Zionismus gleichgesetzt werden. Das ist genau das, was sowohl Zionisten als auch Antisemiten (und die gar nicht so seltenen antisemitischen rechten christlichen Zionisten) wollen.

Das beste Buch, das ich persönlich über die Geschichte des zionistischen Projekts gelesen habe, ist „The Hundred Years’ War on Palestine“ von Rashid Khalidi.

Ich nehme an diesem Memoirenkurs von Raechel Anne Jolie teil, weil ich abstrakt gesehen versuche, eine Art Memoiren zu schreiben, und Raechel weiß, was sie tut. Für das Schreiben dieser Memoiren habe ich alte Tagebücher und alte Texte durchgesehen und viel über das halbe Jahr gelesen, das ich in Amsterdam verbracht habe.

Als ich in Amsterdam lebte (2005 und 2006), war ich mit vielen Israelis befreundet, weil viele israelische Anarchisten in Amsterdam lebten, weil sie sich weigerten, in der IDF/IOF zu dienen. Denn die Unterdrückung der Palästinenser hat nicht erst vor zwei Jahren begonnen.

Ich mache mir Gedanken darüber, mich auf die Erfahrungen dieser Israelis zu konzentrieren, weil sie in der Diskussion nicht mehr im Mittelpunkt stehen sollten als weiße Amerikaner in Diskussionen über die Dekolonisierung, die hier in Nordamerika genauso wichtig ist. Aber man kann sich nicht aussuchen, wo man geboren wird, und für mich war es durch die Bekanntschaft mit diesen Israelis in Amsterdam ziemlich einfach zu verstehen, dass Judentum und Zionismus zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Ich kann dir von zwei jungen Männern erzählen, die beide Yoni hießen. Der eine Yoni war ein leidenschaftlicher anarchistischer Aktivist, prinzipientreu und organisiert. Als er zum Dienst in der IDF einberufen wurde, marschierte er in das Büro und sagte ihnen, dass er auf keinen Fall ein Gewehr in die Hand nehmen würde, um die Palästinenser zu unterdrücken. Er verbrachte einige Zeit im Gefängnis wegen seiner Dienstverweigerung und verließ dann das Land.

Der andere Yoni war der Typ, der mich auf Blind Guardian gebracht hat. Er liebte Chaos und Magie und erzählte mir, er sei der Schlagzeuger jeder Anarcho-Punk-Band in Israel, obwohl er Metal viel lieber mochte. Als er zum Militärdienst einberufen wurde, ging er zur IDF und sagte: „Klar, gebt mir eine Waffe. Ich will Menschen töten. Ich weiß nicht, wen ich töten werde. Vielleicht mich, vielleicht dich, aber gib mir eine Waffe.“ Die IDF entschied, dass sie den Chaosmagier Yoni nicht haben wollten.

Es wird dich nicht überraschen, dass ich mich mit Chaos Yoni besser angefreundet habe, obwohl die wichtigste Geschichte, die ich über ihn zu erzählen habe, die ist, dass ich ihm versehentlich mit einem Schlagstock auf das Ohr geschlagen habe, als wir mit der Schutzausrüstung herumspielten, die unsere Freunde von der Polizei geklaut hatten. Sein ganzes Ohr war etwa eine Woche lang lila und blau.

Ich kann dir auch von Tal erzählen. Ruhe in Frieden, Tal. Tal war eine israelische Anarchistin, die in Amsterdam lebte und jung an Krebs starb. Sie war ziemlich klein. Sie war mit einem Niederländer namens Sjoerd (ausgesprochen ungefähr „short“) zusammen, der sehr groß war. Ich fand das super witzig. Niemand sonst fand das lustig. Tal lebte in Amsterdam, weil sie nichts mit der israelischen Besetzung Palästinas zu tun haben wollte, aber sie fuhr fast jeden Monat mit Sjoerd zurück, um an den Protesten im Westjordanland teilzunehmen. Dort arbeiteten die beiden solidarisch – und als freiwillige menschliche Schutzschilde – für die Palästinenser im Westjordanland, die an einer der größten zivilen Ungehorsamskampagnen teilnahmen, die die Welt je gesehen hat, und bei jeder Gelegenheit mit Schüssen konfrontiert wurden.

Denn was man auch wissen und nicht vergessen sollte, wenn wir nun zwei Jahre dieses „Krieges“ hinter uns haben, ist, dass die Palästinenser verdammt noch mal alles versucht haben. Sie haben internationale Appelle versucht, sie haben massive gewaltfreie Kampagnen versucht, sie haben Hungerstreiks versucht, sie haben versucht, innerhalb des Systems zu arbeiten. In den 1990er Jahren, nach einem halben Jahrhundert des Kampfes, waren sie bereit, sehr, sehr erhebliche Kompromisse einzugehen, um eine Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren. Aber das Angebot, das sie erhielten (ausgehandelt von Bill Clinton), war keine Zwei-Staaten-Lösung, sondern reine und unverhüllte Unterdrückung und Unterwerfung, und ihr Kampf ging weiter.

Wie auch immer, freies Palästina.

Quelle: Margaret Killjoy, 77 years and two years or: On Palestine, 08. Oktober 2025

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Übersetzung: Thomas Trueten [authorisiert]


k9 » größenwahn » politischer filmabend: „Mi país imaginario - Das Land meiner Träume“

SONNTAG 19. OKTOBER 2025 - 19h
Am 18. Oktober 2019 kommt es in Chile zu Massenprotesten. Die Erhöhung der Metro-Preise treibt über eine Million Menschen auf die Straßen der Hauptstadt Santiago. Vor allem Jugendliche, besonders aktiv dabei die jungen Frauen, wollen das aus der Pinochet-Diktatur stammende System zu Fall bringen.

Eventuell ist eine Aktivistin vom 18. Oktober anwesend.

„Mi país imaginario - Das Land meiner Träume“

Der Flyer zum Filmabend zeigt eine Person mit Gasmaske und grüner Schutzbrille sowie schwarzem Beanie, das links und rechts mit roten und gelben Blüten geschmückt ist. Dazu die Angaben zum Film aus dem Beitrag.
Flyer zum Film (Vorderseite)
Am 18. Oktober 2019 setzt eine kollektive Revolte Chile in Brand, es ist ein Volksaufstand, Aufbruch und Hoffnung.

Der chilenische Filmemacher Patricio Guzmán, seit dem Putsch von 1973 in Frankreich im Exil, dokumentiert den Volksaufstand, der das Land im Herbst 2019 erschüttert. An vorderster Stelle: Die Frauen.

Die Rechte indigener Gemeinschaften sollen festgeschrieben werden und LGBT+- Rechte wie etwa das Recht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe. Und auch die Rechte von Flüchtlingen und Migranten. Und dabei soll es nicht bleiben.

Die Proteste zeigen die Mobilisierungskraft der Frauen, es kommt zur Uraufführung des Protestsongs gegen Gewalt an Frauen, der darauf um die ganze Welt gehen sollte: "El violador eres tú! - der Vergewaltiger bist du!" Ob in Madrid, Melbourne, Lausanne, Istanbul oder Caracas, der Song fand weltweit Nachahmerinnen.

Während der Proteste verbreitete eine Performance des Theaterkollektivs LasTesis sich im ganzen Land. Mit verbundenen Augen richteten Frauen in einer Protestaktion den Zeigefinger kollektiv auf die strukturellen Probleme, die häuslicher u. institutioneller Gewalt gegen Frauen zugrunde liegen.

Es war das Ereignis, auf das der Dokumentarfilmer Patricio Guzmán sein ganzes Leben lang gewartet hatte: anderthalb Millionen Menschen auf den Straßen von Santiago de Chile, die Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheitsversorgung u. eine neue Verfassung forderten, welche die strengen Regeln ersetzen sollte, die dem Land während der Militärdiktatur Pinochets auferlegt worden waren.

MI PAÌS IMAGINARIO zeigt aufwühlende Aufnahmen von Protesten an vorderster Stelle u. Interviews mit engagierten Aktivistenführer*innen u. stellt auf eindrucksvolle Weise eine Verbindung zwischen der komplizierten und blutigen Geschichte Chiles, den aktuellen revolutionären sozialen Bewegungen und der Wahl eines neuen Präsidenten her.

Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der junge Regisseur Patricio Guzmán zunächst in „Das erste Jahr“ die Anfänge der sozialistischen Regierung Salvador Allendes und in dem Dreiteiler „Der Kampf um Chile“ das Abdriften seines Landes in die Diktatur dokumentiert. Als Achtzigjähriger kehrte der Filmemacher aus dem französischen Exil zurück in seine Heimat und filmte begeistert, aber auch mit Sorge den Aufstand „ohne Anführer und ohne Ideologie".

Was hat nach Jahrzehnten des ungezügelten Neoliberalismus ein ganzes Land wachgerüttelt? Guzmán, der miterlebte, wie der Militärputsch 1973 die Hoffnungen seiner Generation zerstörte, gewährt hautnah Einblick in den chilenischen Volksaufstand: vom brutalen Vorgehen des Staatspräsidenten Sebastián Piñera gegen die Protestierenden über die Arbeit der Versammlung, die eine neue – inzwischen per Referendum abgelehnte – Verfassung ausarbeiten sollte, bis hin zur Wahl seines jungen, linksgerichteten Nachfolgers Gabriel Boric. Beeindruckende Aufnahmen, vor allem aus der Luft, zeugen von der Gewalt, aber auch vom kreativen Elan der Demonstrationen.

Sie werden ergänzt von den Berichten eines Dutzends Frauen, die bei der Revolte an vorderster Stelle standen.

combatiente zeigt geschichtsbewußt: revolucion muß sein! filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen
kinzigstraße 9 + 10247 berlin + U5 samariterstraße + S frankfurter allee

27. September: Rechtes Göppingen?! Es langt! 2.0

Das Foto zeigt einen Verteilerkasten mit einem Plakat auf dem der Text aus dem Beitrag steht mit grafischen Elementen und einer Faust, die ein Hakenkreuz zerschlägt illustriert.
Foto:

Stimmen aus dem Aufstand in Indonesien: Affan Kurniawan lebt weiter auf den Straßen

Ende August 2025 gab es in ganz Indonesien eine Welle von Protesten. In diesem Bericht zeigen wir ein Interview mit einem inhaftierten indonesischen anarchistischen Autor und verschiedene Statements von anarchistischen Gruppen, die seit Beginn des Aufstands an englischsprachige Medien gegangen sind.

Nach wochenlangen Protesten in ganz Indonesien gegen Sparmaßnahmen versammelten sich in der Woche vom 25. August massenhaft Demonstranten, um der politischen Elite Indonesiens Herzlosigkeit und Korruption vorzuwerfen.

Die indonesische Regierung zahlt den Abgeordneten ein monatliches Gehalt von 100 Millionen Rupiah (etwa 6.081 US-Dollar) – das ist ungefähr das 30-Fache des Mindestlohns in Jakarta, wo die höchsten Löhne des Landes gezahlt werden.1 Die Wut brach aus, als Berichte kursierten, dass die Abgeordneten zusätzlich 50 Millionen Rupiah pro Monat als Wohngeld erhielten.

Diese Nachricht kam mitten in einer Zeit hoher Inflation, neuer Sparmaßnahmen und zunehmender Armut. Gewerkschaften, Anarchisten, Studenten, Linke, Jugendliche und andere Demonstranten füllten in der Woche vom 25. August die Straßen. Sie wurden von der Polizei, die dem aktuellen Präsidenten Prabowo Subianto dient, der früher Verteidigungsminister war, hart angegangen.

Ein Demonstrant in Indonesien hält ein Schild mit der Aufschrift „Affan Kurniawan – von der Polizei getötet”.
Ein Demonstrant in Indonesien hält ein Schild mit der Aufschrift „Affan Kurniawan – von der Polizei getötet”.
Am 28. August wurde Affan Kurniawan, ein 21-jähriger Lieferant, der gerade unterwegs war, um Essen auszuliefern, von einem gepanzerten Fahrzeug der Mobilen Brigade der Nationalpolizei angefahren und getötet.

Als Reaktion auf den Mord an Affan brachen Lieferanten, Anarchisten und Jugendliche aus verschiedenen anderen Bevölkerungsgruppen in Aufruhr aus. Demonstranten plünderten mehrere Polizeistationen, brannten die Häuser von Politikern nieder und plünderten sie und setzten Regierungsgebäude in Brand.

Diese Situation zwang den Premierminister, den Gipfel der Shanghai Cooperation Organization (SCO) in China ausfallen zu lassen. Die Regierung hat angedeutet, dass sie möglicherweise einige der Vergünstigungen für Politiker und einige der Sparmaßnahmen, die den Aufstand ausgelöst haben, kürzen könnte. Präsident Prabowo Subianto hat jedoch die Repressionen verstärkt und das Militär hinzugezogen, was zu mindestens sechs Todesfällen geführt hat – darunter ein Student, der in Yogyakarta, Java, von der Polizei zu Tode geprügelt wurde, und ein Fahrradrikscha-Fahrer, der in Solo, Java, an den Folgen des Einsatzes von Tränengas starb. Die genaue Zahl der Todesopfer ist weiterhin unbekannt.

Demonstranten versammeln sich vor dem Hauptquartier der Regionalpolizei von Jakarta.
Demonstranten versammeln sich vor dem Hauptquartier der Regionalpolizei von Jakarta.
Indonesien, das bis 1949 unter niederländischer Kolonialherrschaft stand, ist nach wie vor stark polarisiert, mit enormen Unterschieden in Bezug auf Ressourcen und Macht. In den 1960er Jahren forderte die Gewalt gegen Mitglieder und mutmaßliche Sympathisanten der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) mindestens Hunderttausende Menschenleben. Die heutige anarchistische Bewegung entstand Ende der 1980er Jahre, auch dank der Bemühungen von Punkbands. Die Polizei hat 2011 eine „Anti-Anarchie”-Abteilung eingerichtet, und in mehreren Fällen wurden Personen, die als Anarcho-Punks angesehen wurden, entführt und in staatlich sanktionierten Umerziehungslagern eingesperrt. Trotzdem ist die anarchistische Bewegung trotz aller Widrigkeiten weiter gewachsen.

Angesichts der beispiellosen staatlichen Repressionen auf der ganzen Welt sind die mutigen Aktionen der Rebellen in Indonesien eine große Inspiration für alle, die die kapitalistische Weltordnung ablehnen. Demonstranten in Indonesien haben über verschiedene Formen der Unterdrückung der digitalen Kommunikation berichtet, die sich wahrscheinlich noch verschärfen werden, wenn der Konflikt weiter eskaliert. Wir hoffen, dass dieser vorläufige Bericht die Aufmerksamkeit auf die Situation lenkt und Menschen in anderen Teilen der Welt dazu ermutigt, sich zu informieren und solidarisch zu handeln.

Affan Kurniawan wird nicht vergessen werden, und seinen Mördern wird nicht vergeben werden. Solidarität mit den Mutigen, die dafür auf den Straßen sorgen.

– Anarchisten in Solidarität mit dem Aufstand in Indonesien

Ein Gespräch mit dem anarchistischen Gefangenen und Autor Bima


Bima ist ein anarchistischer Schriftsteller, Übersetzer und unabhängiger Forscher aus Indonesien, der seit 2021 inhaftiert ist. Hinter Gittern bleibt er als Mitglied einer anarchistischen Föderation aktiv. Er ist außerdem Gründer des DIY-Verlags Pustaka Catut und Autor des Buches Anarchy in Alifuru: The History of Stateless Societies in the Maluku Islands, das bei Minor Compositions erschienen ist. Ihr könnt Bima über Patreon unterstützen und mehr über eine zuvor aktive FireFund-Kampagne für ihn erfahren.

Wir haben dieses Interview mit Bima in den ersten Septembertagen 2025 geführt.

Wie möchtest du dich vorstellen?

Ich bin Schriftsteller, Gefangener und Mitglied einer anarchistischen Vereinigung, die aus Sicherheitsgründen in dieser beängstigenden Zeit anonym bleiben möchte.

Kannst du uns etwas über den Hintergrund der aktuellen Unruhen erzählen?

Diese Rebellionswelle, die Ende August 2025 begann, wurde durch die Anhäufung von Wut über verschiedene politische und wirtschaftliche Probleme ausgelöst. Es gab kein einzelnes Problem. Aber alles eskalierte aufgrund massiver Erhöhungen der Haussteuern in der gesamten Region aufgrund des Haushaltsdefizits der Regierung.

Gleichzeitig wurden die Gehälter der Parlamentsmitglieder verzehnfacht. Verschärft wurde die Situation durch oft willkürliche Äußerungen von Beamten. So sagte beispielsweise der Regent von Pati (der Politiker, der für die Aufsicht über die Kommunalverwaltung, die Politik und die öffentlichen Dienste in der Regentschaft Pati in Zentraljava, Indonesien, zuständig ist): „Die Steuern würden auch dann nicht gesenkt, wenn eine Massendemonstration mit 50.000 Teilnehmern stattfinden würde.“

Studenten konfrontieren die Polizei während einer Protestaktion vor dem regionalen Polizeipräsidium in Jakarta, Indonesien, am 29. August 2025.
Studenten konfrontieren die Polizei während einer Protestaktion vor dem regionalen Polizeipräsidium in Jakarta, Indonesien, am 29. August 2025.
Pati war die erste Stadt, in der es am 10. August 2025 mit rund 100.000 Teilnehmern zu Ausschreitungen kam. Die Proteste gegen die Steuererhöhung breiteten sich auf Bone (in der Provinz Süd-Sulawesi) und dann auf andere Städte aus. Bei einer Demonstration am 28. August in Jakarta wurde ein Lieferant einer Online-Essensliefer-App getötet, nachdem er während der Proteste von einem Polizeifahrzeug überfahren worden war. Am nächsten Tag breiteten sich die Demos auf viele Städte aus und dauern bis heute an, während ich dir schreibe.

Mindestens sechs Zivilisten wurden bisher direkt durch Polizeigewalt getötet, mehrere Häuser von Beamten wurden geplündert und ein halbes Dutzend Büros des Repräsentantenhauses wurden teilweise oder komplett niedergebrannt. Wir waren zuversichtlich, dass diese Rebellion nachlassen würde, aber die Wut der Öffentlichkeit tat das nicht.


Welche Gruppen sind an dem Aufstand beteiligt? Und inwieweit sind sie vereint?

Es gibt viele Organisationen, Netzwerke und Gruppen, die Forderungen formulieren. Man könnte sagen, dass jede Stadt sogar ihre eigenen spezifischen Forderungen hat.

Im Allgemeinen gibt es zwei „revolutionäre” Forderungen: die erste stammt von der sozialistischen Partei Indonesiens, Perserikatan Sosialis (PS), und die andere von einem losen, informellen und dezentralen Netzwerk, das die Erklärung der indonesischen föderalistischen Revolution 2025 herausgegeben hat, in der die Auflösung des Einheitsstaates und des DPR-Systems (indonesisches Repräsentantenhaus) und dessen Ersatz durch einen demokratischen Konföderalismus aus Tausenden von Volksräten zur Umsetzung der direkten Demokratie gefordert wird. Ahmad Sahroni, ein Mitglied des Repräsentantenhauses (DPR) von der Nationaldemokratischen Partei (NasDem), nannte diese Forderungen „dumm“. Das führte dazu, dass sein Haus in Nord-Jakarta am 30. August angegriffen und geplündert wurde.

Aufständische Anarchisten, Individualisten und Post-Linke konzentrieren sich auf Angriffe und Straßenkämpfe und fordern die Zerstörung des Staates und des Kapitalismus, ohne sich um eine Plattform oder ein Programm mit Forderungen zu kümmern, die einfach nur eine Reform des Bestehenden fordern.

Im Allgemeinen gibt es keine Einheitsfront, aber wir vermeiden übertriebenen ideologischen Sektierertum.

Leider gibt es auch progressive Liberale mit eher reformistischen Forderungen, wie zum Beispiel die 17+8-Forderung (ein „pro-demokratischer“ Aktivisten-Slogan, der fordert, dass reformistische Forderungen bis zum 5. September 2025 erfüllt werden). Diese Gruppe wird stark von liberalen Online-Influencern beeinflusst, die dazu aufrufen, die Proteste zu beenden. Diese Influencer gehen sogar so weit zu behaupten, dass die Demonstranten verantwortlich sein werden, wenn das Militär aufgrund des Widerstands auf den Straßen das Kriegsrecht verhängt (typische Gaslighting-Taktik der Mitte und Dämonisierung des revolutionären Widerstands und der revolutionären Organisationen). Zum Glück sind sich alle linken und anarchistischen Elemente einig, dass die Proteste eskalieren sollten. Wir wissen noch nicht, was passieren wird, da dieser Diskurs-Krieg noch immer andauert.

Ein Polizeiposten brennt
Ein brennender Polizeiposten, 29. August 2025.
Ehrlich gesagt sind zu viele Gruppen an dem Aufstand beteiligt, um eine einfache Antwort zu geben. Die gesamte linke und anarchistische Bewegung aus verschiedenen Organisationen ging auf die Straße, aber es gab keine einheitliche Front. In jeder Stadt schlossen sich progressive Elemente der Gesellschaft, ob Studenten, Gewerkschaften oder sogar Schulkinder, zu gemeinsamen Aktionen zusammen. Einige Aktionen waren spontan und entstanden als unkoordinierte Initiativen der Gemeinschaft, wie zum Beispiel die Angriffe auf Polizeiposten und -stationen, von denen einige in Flammen aufgegangen sind.

Wie tragen Anarchisten zum Aufstand bei?

Ich bin ein revolutionärer Pessimist, beeinflusst vom Diskurs des Anarcho-Nihilismus. Aber ich bin trotzdem für eine soziale Revolution, weil es keinen leeren sozialen Raum gibt. Indonesien ist der multikulturellste Archipel der Welt mit Tausenden von Ethnien und Sprachen. In einigen Regionen taucht ein Diskurs des Separatismus auf. Einige Adlige aus alten Monarchien drängen auf eine Wiederbelebung. Es gibt auch autoritäre islamische Fundamentalisten und Dschihadisten, die ein Kalifat im Land wollen. Deshalb denke ich, dass es für Revolutionäre unmöglich ist, ihr Programm nicht als Alternative zu all diesen schlechten Möglichkeiten anzubieten. Die Welle der Rebellion ist ein Zeichen für die bevorstehende große Spaltung, und Anarchisten müssen eine Rolle übernehmen. Sonst sind die Optionen schlecht. Sehr, sehr schlecht.

Was glaubst du, wird aus diesem Aufstand werden? Und wie siehst du die Zukunft der anarchistischen Bewegung in Indonesien?

Ich bin da pessimistisch. Wir haben uns in mehreren Städten etabliert, aber insgesamt sind wir relativ schwach, obwohl wir im Grunde ziemlich militant sind.

Wir sind beeinflusst vom uruguayischen Ansatz des Espesifismo, der eine zweistufige Organisation vorsieht. Das heißt, dass wir nicht nur politischen Organisationen beitreten, sondern auch Basisorganisationen wie Gewerkschaften, Studentenorganisationen, indigene Organisationen und so weiter.

Wir verwenden immer noch die klassische Definition von Revolution, aber dafür braucht es eine starke organisatorische Basis im Volk, um sie zu verwirklichen. Trotzdem wiederholen sich die jüngsten Aufstände seit 2019 wie ein routinemäßiger Zyklus. Das begeistert uns, weil es bedeutet, dass wir uns anstrengen müssen, um mit den Volksaufständen und dem Willen der Massen Schritt zu halten. Aber wir müssen wachsen und unsere Militanz verstärken, um mit der Wut der Menschen Schritt zu halten.

Ich glaube nicht, dass es Reformen geben wird, wenn es nicht zu einem gewaltsamen Sturz der Macht kommt und die Amtsinhaber Reformen versprechen. Die derzeitige herrschende Klasse hat eine aufgeblähte Koalition gebildet, die alle ihre ehemaligen Gegner umfasst und ihnen „ein Stück vom Kuchen gibt”. Bisher sind wir die einzigen Mitglieder des informellen, dezentralisierten antiautoritären Netzwerks, die die Absetzung des Präsidenten und des Vizepräsidenten fordern. Das Problem ist, dass es bisher keine Forderungen nach ihrer Absetzung gegeben hat. Daher wird eine Reform noch Zeit brauchen, und eine anarchistische Revolution ist aufgrund organisatorischer Schwächen und des Fehlens progressiver Gewerkschaften, die in der Lage wären, einen nationalen Streik zu führen, unmöglich.

Anarchist mit roter-schwarzer anarchistische Flagge unter der die One Piece Jolly Roger hängt
Anarchisten blockierten Straßen und verbrannten Gegenstände während nächtlicher Unruhen in Bandung City, Westjava, während sie rote und schwarze anarchistische Flaggen und die One Piece Jolly Roger trugen.
Die organische Forderung der Bevölkerung nach einer Auflösung des Parlaments durch den Hashtag #bubarkanDPR („Löst die DPR auf“), die Beteiligung einer vielfältigeren Masse von Menschen an den Protesten (Indonesien ist bekannt dafür, dass es den studentischen Avantgardismus von 1965 und 1998 romantisiert) und die Anwendung von Gewalt stellen jedoch einen Fortschritt dar, der vor einem Jahrzehnt noch unvorstellbar gewesen wäre. Anarchisten haben dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Trotzdem glaube ich persönlich nicht, dass die anarchistische Bewegung zu einer anarchistischen Revolution führen wird, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde. Aber sie könnte durch eine Einheitsfront, die innerhalb etablierter Gruppen arbeitet, einen großen libertären Einfluss ausüben. Zum Beispiel würde der Vorschlag für einen revolutionären demokratischen Konföderalismus, der eigentlich mit klassischen anarchistischen Vorschlägen übereinstimmt, wahrscheinlich vom gesamten Spektrum der bestehenden linken und separatistischen nationalen Befreiungsbewegungen in einigen Regionen akzeptiert werden. Vielleicht.

Die Proteste gegen das Omnibusgesetz im Jahr 2020 waren auch wichtig, aber der Aufstand in diesem Jahr ist der blutigste, der verheerendste und der mitreißendste (wir haben eine erhebliche Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft beobachtet). Er hat die Eskalation während des Sturzes des militaristischen Regimes von Suharto im Jahr 1998 noch nicht übertroffen. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies bald passieren könnte.

Leider warne ich seit gestern davor, dass wir, wenn der lang erwartete Moment kommt, nicht bereit für eine Revolution sein werden, auch wenn wir hauptsächlich mit Straßenkämpfen reagieren werden.

Weitere Stimmen aus Indonesien


Zusätzlich zum Interview mit Bima haben wir am 2. September den folgenden Bericht von Reza Rizkia aus Jakarta bekommen:
Die Welle von Demonstrationen, die am 25. August 2025 in ganz Indonesien begann, hält weiter an und hinterlässt eine Spur von Tragödien und Unruhen. Was als Protest gegen die geplante monatliche Wohnbeihilfe von 50 Millionen Rupien für Parlamentsmitglieder begann, hat sich zu einer landesweiten Bewegung mit weiterreichenden Forderungen entwickelt: die Bewertung der parlamentarischen Leistung, eine Polizeireform und ein Ende der exzessiven Gewaltanwendung durch die Sicherheitskräfte.

Am 28. August eskalierten die Spannungen, nachdem ein Motorradtaxifahrer, Affan Kurniawan, in Bendungan Hilir, Jakarta, von einem taktischen Fahrzeug der Mobilen Brigade (Brimob) angefahren und getötet wurde. Das Video des Vorfalls verbreitete sich schnell in den sozialen Medien und löste Solidaritätsproteste von Studenten und Online-Fahrergemeinschaften aus. Die Tragödie wurde zu einem Wendepunkt und führte zu einer Ausweitung der Demonstrationen sowohl in der Hauptstadt als auch im ganzen Land.

Die Gewalt griff bald auf andere Großstädte über. In Makassar setzten Demonstranten das Gebäude des Regionalparlaments (DPRD) in Brand und töteten drei darin eingeschlossene Mitarbeiter. In Solo starb ein Rikschafahrer namens Sumari bei Zusammenstößen, während in Yogyakarta der Student Rheza Sendy Pratama bei einer Demonstration vor dem regionalen Polizeipräsidium getötet wurde. Ein weiteres Opfer, Rusmadiansyah, ein Online-Fahrer, wurde von einem Mob zu Tode geprügelt, nachdem er beschuldigt worden war, ein Geheimdienstagent zu sein. Einige Berichte weisen auch auf weitere Todesopfer hin, darunter einen Berufsschüler in Pati. Insgesamt haben bis Ende August mindestens sieben bis acht Menschen bei den Unruhen ihr Leben verloren.

Die Regierung hat ihr Beileid ausgesprochen. Präsident Prabowo Subianto ordnete eine offene Untersuchung an, während der nationale Polizeichef und der Polizeichef von Jakarta sich öffentlich für die Todesopfer entschuldigten. Sieben Brimob-Beamte, die mit dem Tod von Affan Kurniawan in Verbindung stehen, wurden festgenommen und müssen sich nun vor Gericht verantworten. Dennoch scheint die Wut der Bevölkerung kaum nachzulassen.
Seit dem 2. September dauern die Demonstrationen in mehreren Regionen mit unverminderter Intensität an. In der vergangenen Woche wurden Tausende von Demonstranten festgenommen, wobei am 29. August mit mehr als 1.300 Festnahmen an einem einzigen Tag ein Höhepunkt erreicht wurde. Gleichzeitig berichtete die Allianz unabhängiger Journalisten (AJI) über Fälle von Gewalt und Einmischung gegen Journalisten, die über die Proteste berichteten.

Die Demonstrationen Ende August sind eine der größten Protestwellen der letzten Jahre in Indonesien. Angesichts der steigenden Zahl von Todesopfern, Massenverhaftungen und weitreichenden Sachschäden wartet die Öffentlichkeit nun darauf, ob die Regierung und das Parlament auf die Forderungen der Bürger mit echten Reformen reagieren werden – oder ob sie riskieren, die Krise weiter zu verschärfen.


Die rot-weiße Nationalflagge wurde eingeholt und durch die anarchistische rot-schwarze Flagge und die One Piece Jolly Roger-Flagge (mittlerweile ein beliebtes Symbol des Widerstands in Indonesien) ersetzt. Das Gebäude, das brannte, war das Repräsentantenhaus der Stadt Pekalongan in Zentraljava.

Als der Aufstand in die internationalen Schlagzeilen kam, schrieben anonyme Anarchisten mehrere Statements, in denen sie die Situation aus ihrer Sicht unter dem Pseudonym Archipelago of Fire beschrieben. Wir wollten ihre Stimmen auch hier einbringen.

25. August 2025
„Jakarta gehört nicht mehr den verdorbenen Eliten. Tausende aus allen Teilen des Landes stürmten die Hauptstadt. Dies ist nicht nur ein Protest, sondern ein kollektiver Ausbruch der Wut gegen steigende Wohnsteuern, endlose Korruption und die Militär- und Polizeihunde des Staates.

Von morgens bis abends verwandeln sich die Straßen in ein Schlachtfeld des Widerstands. Schreie, Feuer und Steine werden zur Sprache der Wut des Volkes.

„Dies ist kein Puppenspiel der Eliten, sondern rohe Wut, ungezähmt, ohne Anführer und unmöglich zu kontrollieren.“

29. August 2025
„Wütende Jugendliche erheben sich, ausgelöst durch steigende Steuern und ein repressives Militär. Es gibt keine Organisation; der Aufstand wird von jungen Anarchisten, Nihilisten und Unkontrollierbaren angeführt. Viele junge Anarchisten aus Schülerverbänden werden verhaftet. Die Schüler sind die treibende Kraft. Berichten zufolge wurden am 25. August etwa 400 von ihnen verhaftet. Die meisten Aktionen werden live in den sozialen Medien koordiniert.

„Normalerweise kontrolliert eine liberale Gewerkschaft oder Oppositionspartei die Berichterstattung, aber diesmal nicht. Selbst die Mainstream-Medien erkennen an, dass die sozialen Medien die Quelle der Berichterstattung sind. Politiker können die Narrative nicht mehr kontrollieren. Seit Jahrzehnten ist es Tradition, dass studentische Exekutivorgane normalerweise die Organisatoren solcher Demos sind, aber jedes Jahr werden diese Vermittler entlarvt. Von den Studenten selbst. Deshalb hassen NGOs, Gewerkschaften, „zivile Anarchisten“ und Studentenvereinigungen der Linken und Rechten die anti-organisatorische Fraktion.

„Scheiß auf sie alle. Wir regen die Jugendlichen dazu an, selbst aktiv zu werden.

Die Menschen lassen sich nicht mehr von ideologischen Pflichten, Normen und all diesen äußeren Werten einschüchtern.

„Letzte Nacht (28. August 2025) hat die Polizei jemanden ermordet. Es kam zu landesweiten Unruhen gegen die Steuererhöhung. In mehreren Städten waren die Unruhen spontan und selbstorganisiert. Das öffentliche Ansehen der Polizei bröckelt weiter, da die Bevölkerung die Randalierer unterstützt. Zellen koordinierten andere Dinge, und die meisten nihilistisch-aufständischen Ankündigungen dominieren die Berichterstattung.

„Anonyme Social-Media-Accounts mit Tausenden von Followern rufen zu antipolitischem Aufstand auf. Jeden Tag machen sie gute Aufrufe und Erklärungen.

Graffiti mit dem Text "Fuck the System - Fuck the State" sowie dem Ⓐ an einer Mauer
Anarchistische Graffiti, gesehen in Lamongan, Indonesien, während der aktuellen Unruhen.
„Die Gewerkschaftsvertreter kündigten an, dass sie auf die Straße gehen würden und es „keine Unruhen geben werde“, aber die Jugendlichen und Randalierer verspotten sie sofort in den sozialen Medien. Wir überlassen es den Jugendlichen. Wir können sie nur dazu anregen, noch unkontrollierbarer zu werden. Nachts ging das Internet den Bach runter. Während „zivile Anarchisten“ zu Volksräten aufrufen, rufen wir dazu auf, alles zu zerstören. Wir bieten nur die Koordination der Netzwerke und technische Fakten für Straßenaktionen. Wir organisieren niemals wirklich Menschen.

Seit Freitag, dem 29. August, haben die Anarchisten im Grunde die Kontrolle über die Berichterstattung. Die Leute reagieren landesweit auf den Aufruf, Polizeistationen und die Polizei selbst anzugreifen. Die Massenmedien haben die Kontrolle über die Informationen und Nachrichten verloren.

Unser Netzwerk ruft seit dem Polizeimord letzte Nacht immer wieder zur Rache auf, und es wird immer heißer. Die Zellen sind auf den Straßen.

Man kann den Aufstand in verschiedenen Nachrichtenkanälen sehen, obwohl alle guten Videos nur in den sozialen Medien zu finden sind.“

– Archipelago of Fire
„Das übersteigt unsere Erwartungen. Normalerweise werfen Demonstranten bei Protesten nur Steine oder zünden Reifen vor dem Büro an. Sie stürmen nie das Gebäude oder zünden es an.“

Anonyme Anarchisten in Indonesien


Supportlinks

Quelle: crimethinc: Voices from the Uprising in Indonesia, 04.09.2025

Übersetzung: Thomas Trueten


Im Kampf gegen das Vergessen: 45 Jahre Oktoberfestattentat

Warum sollten sich junge Menschen heute mit dem Oktoberfest-Attentat vom 26. September 1980 auseinandersetzen? Dieser Frage geht dieser Kurz-Dokumentarfilm der DGB Jugend München nach, der in Kooperation mit der MEDIASCHOOL BAYERN und dem Kreisjugendring München-Stadt entstanden ist.

Die Moderatorin Suli Kurban trifft die Überlebenden Hans Roauer und Renate Martinez, Adriana Bil von der DGB Jugend München, den Schauspieler Conrad Ahrens und den Musiker, Moderator und Autor David Mayonga aka Roger Rekless. Gemeinsam erörtern sie die Fragen, Warum ist es wichtig, an rechten Terror zu erinnern, und was passiert, wenn eine (Stadt-)Gesellschaft die Erinnerung an die rechten Kapitel der eigenen Geschichte zu vergessen droht? Wieso gedenkt die Gewerkschaftsjugend seit mehr als 38 Jahren dem Attentat und wieso betrifft das, was damals passierte, auch heute noch uns alle?

Loblied auf den Herbst und Rituale oder: Margaret redet über Blätter, Hunde, Geister und Priester

Dieses Wochenende bin ich auf der Another Carolina Anarchist Bookfair in Asheville, North Carolina, und habe dort einen Stand für Strangers in a Tangled Wilderness.

Strangers hat diese Woche eine ganze Reihe neuer Sachen, darunter das Hörbuch von The Lamb Will Slaughter the Lion. (Das sollte bald über Hörbuch-Apps verfügbar sein, es dauert nur eine Weile, bis es im System verfügbar ist). Ich arbeite auch an den Hörbüchern zu den Büchern 2 und 3 der Danielle-Cain-Reihe.

Außerdem gibt es jetzt zwei Rückenaufnäher. Der eine ist „Uliksi“ aus den Danielle-Cain-Büchern mit einem Motiv von Robin Savage. Der andere ist „der Rückenaufnäher, den ich auf meiner eigenen Weste trage“, inspiriert von meinen historischen Recherchen, ein Zitat von Willem Arondeus, dem schwulen Antifaschisten, der Nazi-Akten verbrannt hat und in seinem letzten Brief an die Welt schrieb: „Lasst es bekannt sein, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“ Und schließlich gibt es jetzt auf vielfachen Wunsch auch Strangers in a Tangled Wilderness-Hoodies.

Ich werde diesen Herbst und Winter weniger Veranstaltungen machen, weil ich viel zu schreiben habe. Aber hoffentlich bedeutet das, dass ich bald mehr über neue Arbeiten berichten kann.

Loblied auf den Herbst und Rituale


„Du weißt, dass du gestorben bist, wenn die Dinge um dich herum aufhören zu sterben.“

Elías Contreras, aus „The Uncomfortable Dead“

Das Foto zeigt einen Herbstwald, durch den ein mit abgefallenen Blättern bedeckter Weg führt
Herbstwald in Deutschland
Foto: Martin.Heiss
Lizenz: CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Die Blätter waren sich nicht ganz sicher, was sie dieses Jahr tun sollten, aber jetzt fangen sie endlich an, sich zu verfärben und zu fallen – obwohl das Wetter noch warm ist. Ich würde das Wetter als untypisch bezeichnen, aber „untypisch“ ist heutzutage ein ziemlich bedeutungsloser Begriff. Die Jahreszeiten bringen, was sie bringen, egal, was wir denken, dass sie bringen sollten.

Das beste Spiel der Welt ist, wenn du meinen Hund fragst, „Blätterkicken“. Das Spiel ist einfach: Ich kicke Blätter, und Rintrah springt in die Luft, um sie zu fangen. Jeden Morgen auf unserem Spaziergang bin ich vom Kicken erschöpft, bevor er vom Springen und Laufen erschöpft ist. Varianten des Spiels sind „Bachwasser-Kicken“ und „Schnee-Kicken“, die wahrscheinlich keiner weiteren Erklärung bedürfen.

Wenn die Tage kürzer werden, nehmen wir die Sonne nicht mehr so selbstverständlich hin. Da Blätter und Licht für dieses Jahr verblassen, ist es ganz natürlich, dass wir über den Tod um uns herum und den Tod, der uns erwartet, nachdenken – und es wird dich nicht überraschen, dass ich darin Trost und Schönheit finde. Es ist der Tod, der uns umgibt, der uns zum Leben führt.

Ich baue nicht viele Rituale direkt in mein Leben ein. Ich möchte gerne mehr mit Magie zu tun haben, als ich es derzeit tue. In den meisten Jahren bringe ich mich dazu, mit Freunden Kürbisse zu schnitzen. In den meisten Jahren schaffe ich es, ein paar schöne Wanderungen zu machen, während die Blätter noch in der Luft schweben. Ich nehme mir immer etwas Zeit, um mich hinzusetzen und die Blätter zu beobachten. Vor ein paar Jahren haben eine Freundin und ich ein „dumb supper” veranstaltet und beim Abendessen einen Teller für die Toten gedeckt und mit ihnen gesprochen, als wären sie im Raum.

An diesem Abend sprach ich hauptsächlich mit meiner Tante, der Katholikin, die lesbisch war und sich selbst gegenüber nicht offen dazu bekannte. Ich kann nicht behaupten, dass sie ein glückliches Leben geführt hat, und dafür mache ich meistens die Kirche verantwortlich, die ihr beigebracht hat, dass sie nicht sie selbst sein sollte. Als ich an diesem Abend mit ihr sprach, knüpfte ich an das Gespräch an, das wir an ihrem Sterbebett unterbrochen hatten, als sie mir endlich die Fragen stellte, die sie sich aus Angst nicht zu stellen getraut hatte, nämlich die zu meinem Geschlecht.

Nachdem sie gestorben war, erzählte ich ihr von meinem Leben und was ich über ihr Leben dachte und wie ihr Leben und ihr Tod mich verändert hatten. Vielleicht habe ich ihr erzählt, wie ich nach der Beerdigung zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder zur Beichte gegangen bin, in derselben Kirche, in der ich aufgewachsen war. Ich hätte meiner Tante vielleicht erzählt, wie ich den Priester dreißig Minuten lang über Theologie und Sünde ausgefragt habe, bevor ich bereit war, zu beichten. Wie ich ihm gesagt habe, dass ich mich für nichts entschuldigen würde, was mir nicht leid tut. Ich glaube, er dachte, ich meinte damit, dass ich eine Transfrau bin, aber ich meinte all die Ladendiebstähle, die ich in meiner Jugend in Geschäften begangen habe. Das bereue ich nicht. Ich habe nur wegen der Risikoanalyse damit aufgehört. Ich bereute auch nicht, dass ich nicht in die Kirche gegangen bin, dass ich mich nicht an der Hierarchie beteiligt habe, die die Welt gespalten hat, wie es alle Hierarchien tun, egal wie edel die Absichten ihrer Gründer auch sein mögen.

Es gab eine Menge Dinge, die mir nicht leid taten. Aber es gab auch einige Dinge, die mir leid taten, und ich glaube, ich habe meine Tante ein bisschen besser verstanden, indem ich zur Beichte gegangen bin und mit jemandem darüber gesprochen habe, inwiefern ich mein ganzes Leben lang versagt habe, mein bestes Ich zu sein.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich dem Priester erzählt habe, und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich meiner Tante erzählt habe, als ihr Geist auf dem Stuhl saß, vor dem ein Teller mit Ravioli stand.

Das stille Abendmahl war nicht einfach. Es ist nicht leicht, einen leeren Stuhl anzusehen und die Luft darüber wie einen alten Freund anzusprechen. Ich bin froh, dass ich es getan habe, aber es war nicht einfach.

Ich denke, die meisten Zauber, echte Zauber, die einen verwandeln, sind nie einfach.

Genau wie das Ritual, das wir alle irgendwann mal machen werden, das Ritual, das uns vom Leben in den Tod führt. Das wird nicht einfach sein. Es wird schön sein, aber obwohl ich ein Goth bin, misstraue ich der Endgültigkeit, deshalb möchte ich es so viele Jahrzehnte wie möglich hinauszögern.

Ich sage den Leuten, dass ich Magie nicht oft praktiziere, weil ich daran glaube. Warum sollte ich etwas so Mächtiges einfach so in mein Leben integrieren?

Ich denke, Leaf Kick ist nach diesem Maßstab kein Ritual, keine Magie. Leaf Kick ist einfach. Ich trete gegen die Blätter, und der Welpe (der kein Welpe mehr ist) springt in die Luft, schnappt mit dem Maul und ist glücklich.

Hunde zwingen einen, wie der Herbst, sich mit dem Tod und der Verwandlung auseinanderzusetzen, denn ich schwöre, als ich das letzte Mal hinschaute, war mein Hund ein Welpe, und wenn ich blinzele, wird er ein alter Hund sein, und wenn ich noch einmal blinzele, wird er ein weniger diskreter Teil des Universums sein und auf mich warten. Jedes Mal, wenn ich ihn so fröhlich und lebendig sehe, habe ich das Gefühl, ich könnte die Zukunft und die Vergangenheit gleichzeitig sehen. Er ist ein Welpe, ein junger Hund, ein alter Hund und ein Geist zugleich, genau wie wir alle.

Jetzt ist Herbst, weil ich geblinzelt habe und der Sommer vorbei war, und ich werde blinzeln und es wird Winter, Frühling und Sommer. Es werden alle Jahreszeiten auf einmal sein, und wir können jede einzelne genießen, bevor wir wie Blätter von den Bäumen fallen.

Quelle: In Praise of Autumn and Ritual or: Margaret talks about leaves and dogs and ghosts and priests by Margaret Killjoy, 24. September 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


10 Jahre Selbstorganisation, 10 Jahre Unabhängigkeit, 10 Jahre für die Menschen in Stuttgart-Ost: Stadtteilzentrum Gasparitsch

Der Flyer zeigt grafisch aufbereitet die Eckdaten zum Fest
Einladungsflyer (Vorderseite)
Das selbstverwaltete Stuttgarter Stadtteilzentrum Gasparitsch feiert mit einem Straßenfest nicht nur das eigene Jubiläum, sondern vor allem all diejenigen, die das Gasparitsch überhaupt erst möglich machen: die Nachbarschaft und ganz Stuttgart-Ost.

Kommt vorbei und feiern wir gemeinsam die vergangenen und kommenden großartigen Jahre im Stuttgarter Osten!

Samstag, 19. Oktober, 14-22 Uhr (+ Aftershow Party)
Stadtteilzentrum Gasparitsch
Rotenbergstr. 125, U4 Ostendplatz, U9 Raitelsberg (gegenüber der Gaststätte Friedenau)

Hier findet ihr den geplanten groben Ablauf für unser Fest… Es kann aber auch immer zu kleinen und größeren Verschiebungen kommen.

Ablauf

ab 14 Uhr:

  • Kinderprogramm
  • Kaffee & Kuchen
  • kaltes Buffet
  • Quiz
16:00 Uhr: Live-Musik mit Dave Collide (Singer/Songwriter)

ab 18:30 Uhr:
  • warmes leckeres Essen
  • bis 18:30 Uhr: Quizabgabe
ab 19:30 Uhr
  • Quizauflösung
ab 20:15 Uhr
  • Live Musik mit bellalebwohl (kantig, roh & tanzbar)
Mehr Informationen rund um das Stadtteilzentrum.

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