Zum Tod von Fritz Güde: Kämpfen und lernen
Ein Nachruf von Sebastian Friedrich
Der Lehrer, Publizist und kritisch-lesen.de Mitbegründer Fritz Güde ist am 5. Juli 2017 im Alter von 81 Jahren gestorben.
Nach Schulabbruch, Gelegenheitsjobs und anschließendem Dann-Doch-Noch-Schule-Nachholen habe ich ab Sommer 2006 den Zivildienst in Karlsruhe absolviert. Bei der Suche nach politischer Betätigung drückte mir ein enger Freund eine Ausgabe der Stattzeitung für Südbaden in die Hand. Es ging darin um linke Geschichte, lokale Kultur und konkrete Kämpfe vor Ort. Ich fand gut, was ich las, und besuchte einen von der Stattzeitung organisierten Vortrag in Offenburg. Kurze Zeit später schrieb ich meine erste Rezension für stattweb.de, der Online-Ausgabe der Stattzeitung. Wenig später war ich als Redakteur dabei. Den Vortrag in Offenburg hielt Fritz Güde. Er wurde mir von meinem Sitznachbarn als „so etwas wie der theoretische Kopf der Stattzeitung“ vorgestellt. Fritz, ein rundlich-älterer Herr mit ein wenig wirrem weißen Haar und lustiger Stimme, brachte den Anwesenden mit badischem Dialekt die guten und weniger guten Stellen in Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ näher.
Fritz wurde am 22. August 1935 in Wolfach/Baden geboren, wo sein Vater -“ der spätere Generalbundesanwalt und danach noch CDU-Bundestagsabgeordnete Max Güde -“ Amtsrichter war. Nach einem Studium der Germanistik, Romanistik und der Geschichtswissenschaften wurde Fritz Lehrer. Im Zuge der 68er Jahre politisiert, trat er in den frühen 1970er Jahren dem Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) bei. 1974 war er als einer der ersten von Berufsverboten betroffen. Das Stuttgarter Kultusministerium suspendierte ihn nicht nur vom Schuldienst an öffentlichen Schulen, sondern verstand es auch, eine Anstellung an Privatschulen in Baden-Württemberg zu hintertreiben. Vorgeworfen wurden Fritz die Mitgliedschaft im KBW, die Mitarbeit im Komitee gegen die Berufsverbote und die politische Entrechtung im öffentlichen Dienst sowie der Verkauf der KBW-Publikation Kommunistische Volkszeitung. Sein Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. 1977 beurteilte das Verwaltungsgericht Karlsruhe das Berufsverbot als rechtens und verfügte die Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, obwohl Fritz schon nach wenigen Monaten wieder aus dem KBW ausgetreten war. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hob jedoch dieses Urteil ein Jahr später auf und erkannte lediglich auf eine Gehaltskürzung für seine Zeit der KBW-Mitgliedschaft. Obwohl ihm damit der Weg zurück an die staatlichen Schulen in Baden-Württemberg wieder geebnet war, blieb er zunächst aus freien Stücken Lehrer an der Hermann-Lietz-Schule in Hohenwerda/Hessen, die ihn im Jahr 1977 eingestellt hatte. Danach war Fritz für einige Zeit Lehrer an einem staatlichen Gymnasium im baden-württembergischen Freudenstadt. Schließlich war er bis zu seiner Pensionierung noch mehrere Jahre an der katholischen Heimschule Lender in Sasbach/Baden tätig.
Der Wille zum Weitermachen
Fritz blieb immer politisch aktiv, auch als sich der KBW 1985 auflöste. Anders als viele andere ehemalige KBW-Mitglieder ging Fritz nicht zu den Grünen. Allerdings begann er seit deren Erstausgabe für die Kommune zu schreiben, die 1983 -“ also noch zu KBW-Zeiten -“ als Nachfolge-Publikation der Kommunistischen Volkszeitung gegründet wurde. Er beendete dieses Engagement 1987 und ließ es 1992 nur kurzzeitig nochmals aufleben. Im Laufe der Zeit hatte sich die Kommune zu einem Organ des Realo-Flügels der Grünen entwickelt -“ eine Entwicklung, die Fritz ablehnte. 1995 wurde er Redaktionsmitglied der Stattzeitung für Südbaden beziehungsweise von stattweb.de, wo wir schließlich ab Ende 2006 zusammenarbeiteten.
Schnell entwickelte sich ein enges Verhältnis zwischen uns. Er, fast auf den Tag genau ein halbes Jahrhundert älter als ich, wurde mir eine Art politischer Mentor. Lange Telefonate und Mailkorrespondenzen über Lenin, Gramsci, vor allem über Tucholsky, Brecht und Benjamin, aber auch über Foucault waren an der Tagesordnung. Es gab keine Frage, die ich ihm nicht stellen konnte, keine, auf die er Ad-hoc mit einem fundierten Beitrag ragierte. Andersrum berichtete ich ihm von Debatten, Organisierungsversuchen und Aktionen an den Unis und auf den Straßen in Berlin, wo ich ab 2007 lebte.
Gemeinsam mit den anderen Redaktionsmitgliedern entschieden wir, stattweb.de im Juli 2010 einzustellen. Am Schluss waren wir einfach zu wenige, um die globalen Widersprüche bis auf den Grund des gelebten Lebens in der Region Südbaden durchsichtig zu machen, wie wir in unserer Auflösungserklärung schrieben.
Fritz und ich beschlossen, eine linke Seite für Buchrezensionen aufzubauen. Die Idee von kritisch-lesen.de kursierte bereits zu stattweb.de-Zeiten in unseren Köpfen. Mit dem Ende der Seite sammelten wir weitere Redakteur_innen und gingen das Projekt an. Wir fanden uns im Februar 2011 in einen eiskalten Raum am Stadtrand von Frankfurt am Main wieder. Sechs Menschen saßen an einem Tisch und diskutierten über Sinn und Form von kritisch-lesen.de, das einen Monat später online gehen sollte. Fünf der Anwesenden waren unter 30 Jahre alt, einer, Fritz, feierte ein paar Monate zuvor seinen 75. Geburtstag. Seine Sehkraft war zwar eingeschränkt, doch Geist und Wille, weiterzumachen, waren fit und ungebrochen.
Dieser Wille zum Weitermachen zog sich durch sein politisches Leben. Trotz der Repression, trotz der vielen Genossinnen, die sich nach den erlittenen Niederlagen abwandten vom Versuch der Umwälzung, trotz des Siegeszugs der Dystopie auf Kosten der Utopie im Bewusstsein ehemals revolutionäre Aktivistinnen ab Ende der 1970er Jahre, trotz massivem Klassenkampf von oben und trotz geschichtlicher Entwicklungen, die die Ausgangslage für Linke weltweit und vor allem in Europa immens erschwerten, blieb Fritz seinen politischen Überzeugungen treu − ohne allerdings dogmatisch an ihnen festzuhalten. Viele seiner einstigen Mitstreiter_innen zogen sich aus − persönlich durchaus verständlichen − Gründen zurück oder machten während ihres Marsches durch die Institutionen zu lange Rast. Auf der Suche nach Erkenntnis wälzte sich Fritz indes durch Schutt und Scherben der Revolutionsversuche, schob sie hin und her. Es ging ihm darum, die begangenen Fehler und Niederlagen im besten Sinne des Wortes zu überdenken. Er war der Ansicht: Das Material, aus dem etwas Neues geschaffen werden kann, besteht weitgehend aus Trümmerstücken.
Diese Trümmerstücke aufzubereiten, darin sah er seine publizistische Aufgabe. Anlässlich seines 80. Geburtstages brachten Patrick Schreiner, Thomas Trüten und ich gemeinsam das Buch „Umwälzungen“ heraus. (Rezension in kritisch-lesen.de #39) Darin versammelten wir 26 Beiträge, die Fritz zwischen 1984 und 2012 in den Zeitschriften Kommune und Stattzeitung für Südbaden sowie auf den Webseiten trueten.de, stattweb.de und kritisch-lesen.de veröffentlicht hatte. Das Buch zeigt die enorme Bandbreite der Themen auf, mit denen sich Fritz beschäftigt hat. Es geht in den Aufsätzen um Kurt Tucholsky, Erich Fried, Gottfried Benn, Christa Wolf, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, um Auseinandersetzungen mit Faschismus- und Imperialismustheorien, französischem Rap und erzkonservativen Familienserien aus den USA.
Die Kämpfe nicht zweimal verlieren
Ich erinnere mich an einen Satz, der häufig fiel, wenn ich mich mit Fritz über Grundsätzliches unterhielt. Sinngemäß lautet er: „Wir dürfen die Kämpfe nicht zweimal verlieren-. So richtig habe ich die Tragweite dieses Leitsatzes erst verstanden, als ich mich für „Umwälzungen“ noch einmal intensiv mit Fritz-™ Texten und mit Walter Benjamin auseinandersetze. Denn Fritz-™ Blick auf Geschichte und Gegenwart orientiert sich an den Überlegungen des Philosophen und Literaturkritikers. Im Mittelpunkt für Fritz steht Benjamins letzter großer Aufsatz: „Über den Begriff der Geschichte“, den dieser in den Jahren 1939 und 1940 niederschrieb. Bruchstückhaft reflektiert Benjamin darin nicht nur seine politischen Überzeugungen, sondern die Desillusionen und die Niederlagen der Linken. Benjamin wendet sich gegen ein Geschichtsverständnis, das nur Fortschritt kennt. Damit konnte Fritz viel anfangen.
Wie viele Genossinnen seiner Generation war es der Verfall der DDR, der sich einbrannte. Bei aller Kritik am Arbeiter- und Bauernstaat, sahen viele Linke in ihm zumindest einen Versuch des Sozialismus − und damit einen Bezugspunkt. Für Fritz geriet ein lineares Verständnis von Fortschritt und Geschichte allerdings schon vor 1989 ins Wanken. Mit Blick auf die 1970er schrieb er einmal, man habe mit vollem Mund das Fortschrittsbrot in der Mundhöhle gewälzt − „damit nur ja keine einzige Erkenntnis herauskommt“. Es war die Zeit, als der KBW die Proteste gegen Atomkraftwerke entdeckte und sich den zum Teil konservativen Bäuerinnen und Bauern anschloss. Die Genossinnen damals kämpften, so entnehmen wir es Fritz Ausführungen, in Hoffnung auf einen roten Garten Eden. Fritz schreibt in einer Rezension zu Henning Bökes Maoismus-Buch: „Beim KBW war die subjektive Anstrengung, so nötig sie war, so überwältigend, dass sie nur ertragen werden konnte im Licht der Voraussage: In soundsoviel Jahren, zuletzt wohl zehn, hat die Revolution gesiegt-. Als sich die Ernüchterung einstellte, ging der Glaube an das nahende Paradies verloren. Manchen öffnete dies die Augen und einen Weg zur Erkenntnis, bei anderen führte die Ernüchterung dazu, die Augen für immer zu verschließen und sich von allen Umwälzungsversuchen zu verabschieden. Nicht so Fritz, mit Blick auf seine Erfahrungen als Aktivist schrieb er in der Maoismus-Rezension:
„Es muss im Bewusstsein der Niederlagen der Kampf angetreten werden, im schärfsten Blick auf die Entstellungen, die bisherige Revolutionäre sich antaten, um ein Jahr oder fünf Jahre oder gar zehn weitermachen zu können. Gerade nicht im fahlen Schein der guten Vorsätze, wir würden im Neujahrs-Schnee anders an die Sache herangehen. Nein, in der Gewissheit, dass unsere Züge nicht weniger entstellt, unsere Hände nicht weniger schmutzig sein werden als die jener, die uns vorangegangen. Aber mit dem kleinen Unterschied, dass wir aufeinander achten wollen, aufpassen, wann es mit uns so weit ist, dann die Narben und Wunden nicht verstecken und zudecken, sondern offen ins Licht halten. Licht der Diskussion, der Überlegung, unter Umständen sogar in der Konsequenz der Notwendigkeit des Rückzugs, ja des Aufhörens-.
Die Narben und Wunden ersetzen die Gebrauchsanleitung zur Revolution: Wir haben sie, die uns Vorausgegangenen haben sie − und auch die, die uns nachfolgen, werden welche haben. Wir müssen sie offenlegen und zur Sprache bringen, nicht verdecken und verschweigen. Wir müssen auch über den Schmerz reden, darüber, wie es sich mit ihnen lebt.
In Eingedenken der Geschundenen, Gedemütigten, Geschlagenen
Das Zentrale, das ich von Fritz lernen durfte: Wenn wir nach den Ursachen der Wunden fragen, können wir aus ihnen lernen. Voraussetzung dafür ist es, sich in Beziehung zu setzen, aber nicht zu einem noch nicht einmal in groben Linien am Horizont erkennbarem El Dorado, sondern in Beziehung zu den Geschundenen, Gedemütigten, Geschlagenen.
Dabei reicht es nicht, sich zu erinnern, vielmehr geht es um das Eingedenken, wie Benjamin es nennt, darum, sich unversöhnlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie als unabgeschlossen zu begreifen. Doch das Vorausgegangene ist weit weg. Ein historisierender Zugriff vermag vielleicht die Ursachen der Narben und Wunden einigermaßen zu ergründen, doch der Schmerz ist dadurch kaum fühlbar, der Weg zur wirklichen Erkenntnis damit versperrt. Wie das Vorausgegangene begriffen und erfahren werden kann, hat Fritz Mitte der 1980er Jahre in einem Aufsatz skizziert. In seinem Beitrag „Ort, Weg, Bewegung“ führt er aus, wie sich nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich auf das Unabgegoltene und Unerfüllte bezogen werden kann:
„Aufmerksamkeit auf die Spuren, die die einstmals Lebenden in den Orten unserer augenblicklichen Tätigkeit gezogen haben. Es käme weiterhin darauf an, Handlungen zu erfinden, die Verbindung mit den Taten der Toten erlaubten, selbst wenn diese sich in ihnen nicht notwendig wiedererkennen könnten-.
Hier kommt der Begriff Heimat ins Spiel. Heimat verstand Fritz keineswegs als Ort, in den man hineingeboren wird. Vielmehr kann Heimat begriffen werden als ein Ort, über den wir an das Geschehene anknüpfen können. Mit dem Bezug auf Heimat dürften nicht die bestehenden Unterschiede und Antagonismen derjenigen, die an diesem Ort leben, verdeckt werden. Heimat ist, wie Fritz in dem Aufsatz verdeutlichte, kein Ort, der den Streit ausspart. „Es ist vielmehr der einzige, wo er unmittelbar erfahren werden kann-. Heimat heißt auch, die Orte nicht aus ihrem Zusammenhang zu reißen, wie Fritz deutlich macht: „Sollte es Kommune überhaupt einmal geben, wird sie dann aber auch inmitten der -šschon bewohnten-™ Gegenden entstehen müssen: innerhalb, nicht außerhalb der alten Gemeinschaften, als Fortführung der Geschichte, nicht als Losreißung von ihr-.
Aussicht schaffen
Eine kritische Beschäftigung mit der Tradition, der Geschichte der Bewegung, in der man sich verortet, heißt auch anzuerkennen, genau Teil dieser Tradition zu sein. Es hilft nicht weiter, wie innerhalb der hiesigen Linken weit verbreitet, alle Verbindungen zu kappen und abzuschlagen, sich auf einen Mythos weniger Heiliger zurückziehen, die scheinbar widerspruchsfrei gehandelt haben und diejenigen zu verdammen, die geschlagen wurden − und geschlagen haben. Was wir von Fritz-™ Ausführungen lernen: Auch wenn uns ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit zum Eingedenken gewiss keinen Masterplan zur Verfügung stellt, so können wir gewiss Spuren ausfindig machen, denen wir nachgehen können.
Was wir auch lernen könnten, hat Fritz als Mitautor im Gründungsmanifest von kritisch-lesen.de auf den Punkt gebracht. Was bedeutet mit all dem Ausgeführten „Kritik“? Es bedeutet kritisch-sein im Bewusstsein des Zeitverlaufs. Im Selbstverständnis des Online-Magazins vom März 2010 heißt es dazu:
„In diesem Sinne wollen wir uns zwar auf die vielen Annahmen von früheren Analysen beziehen, jedoch keine davon schlicht auf heute anwenden, ohne die Veränderungen zu beachten und mitzudenken. Die Vorstellung, im Schnellzug der Geschichte zu sitzen, die Zukunft gewiss in der Hand zu haben, führte und führt ins Elend. Wer meint, im Voraus zu wissen was sein wird, ergibt sich! -šKritisch-™ erhält somit einen entscheidenden weiteren Sinn: Die Erfahrungen aus den Niederlagen der Vergangenheit sind zu bewahren, zu reflektieren -“ und weiterzugeben. Wir wollen nicht auf einem Gleis ohne Weichen eingreifen, sondern im Rundgang durch das Umfeld von herrschenden und linken Begriffen und Deutungen. Auf diese Weise wollen wir das Trümmerfeld der Gegenwart offenbaren als eines, in welchem die Produktionen und Überreste von Gewiss- und Sicherheiten zerstört werden müssen, um den Blick ins Freie zu schaffen. Somit wollen wir dem Begriff Kritik den Geschmack des Nörgelns, des grämlichen Sofahockertums nehmen, das sich mit nichts abfinden mag. Kritik in diesem Sinn verstehen wir als Breschenschlagen, als Aussicht schaffen, als Sich-Umblicken in einer Gegend, die altbekannt und doch völlig neu auftreten kann-.
Daraus ergab sich für Fritz in der Praxis, sich mit neuen Diskussionen auseinanderzusetzen, anstatt allzu schnell müde abzuwinken. So ist eine Debatte, auf die sich Fritz von Anfang an eingelassen hat, die um den „kommenden Aufstand“, der 2010 erschien und selbst in den bürgerlichen Feuilletons für einiges Aufsehen gesorgt hat. Vor allem die Betonung, es gebe keinen linearen Verlauf der Geschichte, imponierte Fritz ebenso wie die optimistische und kämpferische Perspektive. Dagegen kritisierte er eine entscheidende Auslassung bei der Schrift des „Unsichtbaren Komitees“:
„Der gegenwärtige Aussichtspunkt in der Höhe muss aber als einer verstanden werden, der einen unendlichen Scherbenhaufen zur Grundlage hat. Die einzig wahre Erkenntnis der verschiedenen Postmodernen muss auch hier festgehalten werden. Es gibt keinen linearen Fortschritt. -šEs hat erst angefangen / wir werden immer mehr-™ bleibt kurz flackernde Empfindung, keine Erkenntnis-.
Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch in vielen Rezensionen, in denen er sich mit dem französischen Poststrukturalismus befasst, würdigt er die französische Denkrichtung für den Bruch mit dem linearen Geschichtsbild. Doch dies allein reicht nicht aus. Das Vergangene reicht in Gegenwart und Zukunft. Die Kontinuität macht vor dem Bruch nicht halt. Sich den Brüchen zu stellen, forderte Fritz, denn sie erlaubten den Blick „auf den trotz allem noch sprechenden Mund, den schmerzenden Leib, alles Stöhnen und Geschrei des lebendigen Lebens“, wie er einmal schrieb.
Fritz' Werk verweist darauf, die lange Liste der linken Niederlagen als eine Liste anstehender Aufgaben zu verstehen. Noch schlimmer als die Niederlagen selbst wäre es, diese Niederlagen und ihre Erfahrungen zu vergessen. Zum einen muss sachlich aus den Fehlern gelernt werden. Aber nicht nur das: Eingedenken bedeutet nicht nur, eine auf Verständnis und Erkenntnis abzielende Analyse zu betreiben, sondern die Kämpfe der Vorausgegangen zu erfahren. „Die Kämpfe nicht zweimal verlieren“ bedeutet: Erkennen, Begreifen und Nachempfinden.
Genau das, Kopf und Herz zusammenzubringen, zu kämpfen und zu lernen, standhaft und beweglich zu bleiben, habe ich von Fritz gelernt. Mein Genosse und Freund ist am 5. Juli im Alter von 81 Jahren gestorben.
83. Jahrestag der Ermordung von Erich Mühsam

In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 wurde der Dichter, Bohemian, Aktivist der Münchner Räterepublik und Anarchist Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg von der SS ermordet.
Aus diesem Anlass die "Internationale" in seiner Fassung:
Die Internationale
(Nach dem französischen Original)
Erwacht, im Erdenrund ihr Knechte!
Erwacht aus Hunger, Qual und Fron!
Im Erdkern grollen eure Rechte,
zum Endkampf auf, zur Rebellion!
Räumet auf mit eisernem Besen!
Sklaven all, erwacht! erwacht!
Sind wir bis heute nichts gewesen,
jetzt wollen wir die ganze Macht!
Leuchtend glühn die Fanale!
Zum Kampf! Der Würfel fällt!
Die Internationale
erstürmt, befreit die Welt!
Wir brauchen keines Gotts Verzeihen,
wir brauchen keines Kaisers Rat.
Das Volk muß selber sich befreien.
Sei einig, Proletariat!
Mag der Reiche selber Diebe greifen,
mag er selber Kerker bann!
Laßt uns die eignen Äxte schleifen.
Das Eisen glüht, jetzt laßt-™s uns haun!
Leuchtend glühn die Fanale!
Zum Kampf! Der Würfel fällt!
Die Internationale
erstürmt, befreit die Welt!
Vom Staat und vom Gesetz betrogen,
in Steuerfesseln eingeschnürt,
so wird uns Gleichheit vorgelogen
vom Reichen, der kein Elend spürt.
Lang genug ertrugen wir die Knechtung.
Länger fügen wir uns nicht.
Erkämpft statt Pflichten bei Entrechtung
das gleiche Recht bei gleicher Pflicht!
Leuchtend glühn die Fanale!
Zum Kampf! Der Würfel fällt!
Die Internationale
erstürmt, befreit die Welt!
Laßt los die Hebel der Maschinen!
Zum Streik heraus aus der Fabrik!
Dem Werk der Zukunft laßt uns dienen,
der freien Räterepublik!
Nieder mit der Vaterländer Grenzen!
Nieder mit dem Völkerkrieg!
Der Freiheit Morgenfarben glänzen.
Die rote Fahne führt zum Sieg!
Leuchtend glühn die Fanale!
Zum Kampf! Der Würfel fällt!
Die Internationale
erstürmt, befreit die Welt!
New Book by Mumia Abu-Jamal: Have Black Lives Ever Mattered?
"A must-read for anyone interested in social justice and inequalities, social movements, the criminal justice system, and African American history. An excellent companion to Michelle Alexander's The New Jim Crow and Ava DuVernay's documentary 13th." -”Library Journal, Starred Review
"I was fortunate to grow up in a community in which it was apparent that our lives mattered. This memory is the antidote to the despair that seizes one of my generation when we hear the words 'Black Lives Matter.' We want to shout: Of course they do! To you, especially. In this brilliant, painful, factual and useful book, we see to whom our lives have not mattered: the profit driven Euro-Americans who enslaved and worked our ancestors to death within a few years, then murdered them and bought replacements. Many of these ancestors are buried beneath Wall Street. Mumia Abu-Jamal's painstaking courage, truth-telling, and disinterest in avoiding the reality of American racial life is, as always, honorable."-”Alice Walker
"Prophet, critic, historian, witness . . . Mumia Abu-Jamal is one of the most insightful and consequential intellectuals of our era. These razor-sharp reflections on racialized state violence in America are the fire and the memory our movements need right now."-”Robin D. G. Kelley, author of Freedom Dreams: The Black Radical Imagination
"Mumia Abu-Jamal's clarion call for justice and defiance of state oppression has never dimmed, despite his decades of being shackled and caged. He is one of our nation's most valiant revolutionaries and courageous intellectuals."-”Chris Hedges, Pulitzer-prize winning journalist and author of Wages of Rebellion: The Moral Imperative of Revolt
"This collection of short meditations, written from a prison cell, captures the past two decades of police violence that gave rise to Black Lives Matter while digging deeply into the history of the United States. This is the book we need right now to find our bearings in the chaos."
-”Roxanne Dunbar-Ortiz, author of An Indigenous Peoples' History of the United States
In December 1981, Mumia Abu-Jamal was shot and beaten into unconsciousness by Philadelphia police. He awoke to find himself shackled to a hospital bed, accused of killing a cop. He was convicted and sentenced to death in a trial that Amnesty International has denounced as failing to meet the minimum standards of judicial fairness.
Mumia Abu-Jamal is author of many books, including Death Blossoms, Live from Death Row, All Things Censored, Writing on the Wall, and Jailhouse Lawyers.
"[Mumia's] writings are a wake-up call. He is a voice from our prophetic tradition, speaking to us here, now, lovingly, urgently."-”Cornel West
"He allows us to reflect upon the fact that transformational possibilities often emerge where we least expect them."-”Angela Y. Davis
Publisher City Lights Publishers
Format Paperback
Nb of pages 144 p.
ISBN-10 0872867382
ISBN-13 9780872867383
105. Todestag von Voltairine de Cleyre

"Die Vorstellung, Menschen könnten nicht zusammenarbeiten, wenn sie keinen Antreiber haben, (...) widerspricht sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch den beobachtbaren Tatsachen. In der Regel machen die Bosse die Verwirrung nur noch schlimmer, wenn sie sich in ein Problem einmischen, das bei der Arbeit auftaucht, wovon jeder Handwerker den praktischen Nachweis schon einmal erlebt hat." (Aus: Anarchismus, 1901)
Heute vor 105 Jahren starb die bedeutende Anarchofeministin, Antimilitaristin, Poetin und Freidenkerin Voltairine de Cleyre (* 17. November 1866 in Leslie, Michigan; - 20. Juni 1912 in Chicago).
Ich hatte vor Jahren von ihr den Text "Anarchismus" von 1901 verlinkt.Aus Anlass ihres Todestages heute das den Straßenbauarbeitern des Fairmount Parks gewidmete Poem:
The Road Builders
("Who built the beautiful roads?" queried a friend of the present order, as we walked one day along the macadamized driveway of Fairmount Park.)
I saw them toiling in the blistering sun,
Their dull, dark faces leaning toward the stone,
Their knotted fingers grasping the rude tools,
Their rounded shoulders narrowing in their chest,
The sweat drops dripping in great painful beads.
I saw one fall, his forehead on the rock,
The helpless hand still clutching at the spade,
The slack mouth full of earth.
And he was dead.
His comrades gently turned his face, until
The fierce sun glittered hard upon his eyes,
Wide open, staring at the cruel sky.
The blood yet ran upon the jagged stone;
But it was ended. He was quite, quite dead:
Driven to death beneath the burning sun,
Driven to death upon the road he built.
He was no "hero", he; a poor, black man,
Taking "the will of God" and asking naught;
Think of him thus, when next your horse's feet
Strike out the flint spark from the gleaming road;
Think that for this, this common thing, The Road,
A human creature died; 'tis a blood gift,
To an o'erreaching world that does not thank.
Ignorant, mean and soulless was he? Well,-”
Still human; and you drive upon his corpse.
-” Philadelphia, 24 Juli 1900
„Wer keine Tränen vergießen wird, der wird zumindest schwitzen.“ Über Gisela Elsner
Am 2. Mai wäre die Schriftstellerin Gisela Elsner 80 Jahre alt geworden.

Die Inszenierung der Veranstaltung berührte, das ist wahr, die meisten dermaßen peinlich, daß sich bedingt durch die Bedrücktheit fälschlicherweise der Anschein von Trauer einstellte. Wäre nicht das wie der Prunk unpassende Ehepaar gewesen, ein Polizist und eine hochschwangere Hausschneiderin, die letzten überlebenden Erben, die sich von keinem der Würdenträger den Platz hinter dem gläsernen Sarkophag streitig machen ließen, so würde man heute noch all diese ausgeklügelten Ehrerweisungen der Spontaneität ihrer Anhänger, zumal der zahlreichen Mitglieder der internationalen Elsner-Gesellschaft, zuschreiben, die sich weniger durch ihr Konzept als vielmehr durch ihre werbeträchtige Rührigkeit auszeichnen.“
Im Gegensatz zu dieser spektakulären Inszenierung verlief die tatsächliche Beisetzung von Gisela Elsner in aller Stille. Die zitierten Passagen stammen aus ihrer Erzählung „Die Auferstehung der Gisela Elsner“ und wurden in dem 1970 veröffentlichten Sammelband „Vorletzte Worte -“ Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf“ veröffentlicht.
Nach ihrem Suizid im Mai 1992 war die einstige Starautorin der bundesdeutschen Literaturszene eine Vergessene. Von „langatmigen Äußerungen der Presse über ihr Leben“ konnte schon Jahre vor ihrem Tod keine Rede mehr sein. Von der Kritik war sie zunehmend missachtet, im Literaturbetrieb an den Rand gedrängt worden.
„Schreibende Kleopatra“ wurde sie von Kritikern oft genannt. Von Kritikern, die nicht verstanden, dass ihre schwarzen Perücken und ihre Vorliebe für teure Kleider auch Teil einer Selbstinszenierung waren. Eine Selbstinszenierung, die eine parodistische Reaktion auf ein Bild von Weiblichkeit und von ihrer Person war. „Sexy thing“ nannte sie ein englischer Autor bei der Verleihung des „Prix Formentor“ für ihren Debütroman „Die Riesenzwerge“. Vielleicht war ihre exzentrische Erscheinung auch ihr bewusster Ausdruck dessen, dass es, wie Adorno sagte, „kein richtiges Leben im Falschen“ gebe.
Gisela Elsner wurde am 2. Mai 1937 in Nürnberg geboren. Sie wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf: Ihr Vater Dr. Richard Elsner war Generalbevollmächtigter der Siemens AG.
Ein Leben lang haderte die Schriftstellerin mit ihrer Herkunft:
„Obwohl ich, seitdem ich 16 Jahre alt war, meine Eltern immer wieder anflehte, bei Siemens, wo es mein Vater bis zum Vorstandsmitglied brachte, Akkordarbeit verrichten zu dürfen, weil ich jene kennenlernen wollte, für die ich aus Haß auf meinen Vater und die gehobenen Kreise in zunehmendem Maße Partei ergriff, genehmigte man mir nur einen Posten in der Werksbibliothek, den ich ablehnte, weil ich den Arbeitern nicht jene Werke anpreisen und ausleihen wollte, die von übergeordneter Stelle für sie ausgewählt worden waren.“
1954 lernte sie auf einem Studentenball ihren späteren Ehemann, den Schriftsteller Klaus Roehler, kennen. Aus dieser Zeit stammen auch ihre ersten literarischen Gehversuche. Bereits mit 18 Jahren,1955, erschienen Texte von ihr in der Literaturzeitschrift Akzente und in der FAZ.
Im August 1958 heiratete sie Klaus Roehler. Die Ehe wurde fünf Jahre später „schuldhaft“ geschieden, weil Elsner „ehewidrige Beziehungen“ unterhalten habe. Dadurch verlor sie auch das Sorgerecht für ihren 1959 geborenenen Sohn Oskar.
Einen ersten Text zur literarischen Aufarbeitung des Faschismus, einem ihrer zentralen literarischen Themen, legte Gisela Elsner 1960 mit „Der Sonntag eines Briefträgers“ vor.
Sie beschreibt darin einen Postbeamten, der sinnlos, aber von „Pflicht“ und „Verantwortungsbewußtsein“ erfüllt, selbst sonntags arbeitet. Diese Arbeit besteht darin, Unmengen von Briefen im Kamin zu verbrennen:
„Auch sonntags versiegt der Strom von Briefen nicht, der mir zufließt. (...) Berge von Briefen verkohlen sonntags in seinen Flammen (...).“
Elsner kannte die Aufzeichnungen des ebenso „pflichtbewussten“ Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Unschwer ist ihr Text als Anspielung auf die „willigen Vollstrecker“ (Goldhagen) des faschistischen Massenmords und auf die Verbrennungsöfen in den Vernichtungslagern zu verstehen.
1964 veröffentlichte Elsner ihren international gefeierten Debütroman „Die Riesenzwerge“. Der Roman beschreibt aus der Sicht des etwa fünfjährigen Lothar Leinlein Episoden aus seinem und dem Leben seiner Eltern, des Oberlehrers Leinlein und seiner Frau Luise. Elsner beschreibt kühl und analytisch die Vorgänge, zoologisch fast ihre Figuren.
Mit grotesken Mitteln legt sie eine autoritär geprägte Nachkriegsgesellschaft, die sich dem Konsum der sogenannten Wirtschaftswunderjahre hingibt, bloß.
Das Motiv des Essens, im Sinne von „Fressen und gefressen werden“, zieht sich durch das ganze Buch:
Der Roman beginnt mit dem Satz „Mein Vater ist ein guter Esser“. Es folgt eine minutiöse Beschreibung einer Mahlzeit in der Familie.
Die Verteilung des Essens drückt das Machtgefüge in der autoritären Kleinfamilie aus. Der Vater ist der Vielfraß, seiner Frau und seinem Sohn bleibt nur ein geringer Teil über. Der Sohn wird später schließlich noch von einem Bandwurm befallen.
Fressen und gefressen werden; Elsner drückt damit auch die gesellschaftlichen Verhältnisse aus. So beschreibt sie eine gierige Meute von Restaurantbesuchern, die sich gar über die Goldfische des Aquariums und zuletzt über Vater Leinlein hermachen und ihn auffressen.
Vater Leinlein selbst hatte vorher bereits Luises ersten Mann verspeist. In seinem Antrag an Luise spricht er von der Heirat als „Wiedergutmachung“.
Dies ist eine der vielen Anspielungen Elsners auf Verdrängen und Vergessen des faschistischen Massenmords.
In einer Beschreibung einer katholischen Prozession erzählt Elsner von einem der Teilnehmer, dem Kriegsversehrten Herr Kecker; ein Täter, der sich mit seinen Krücken und mit seinem Beinstumpf als Opfer inszeniert.
Während der Prozession lässt er sich vor aller Augen auf einer Bahre tragen. Er und seine Opferinszenierung werden so zum eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens. Die Träger beschimpft er als Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. Das Kapitel endet:
„Frömmlinge, die! Inquisitorengesocks!“, hörte ich den Herrn Kecker schreien.
Mich ausquetschen wollen! Mich! Kein Sterbenswörtchen werden sie erfahren. Mich bringt man nicht zum Reden! Nicht so leicht! Auch nicht mit solchen Methoden! Eher beiß ich mir die Zunge ab! Eher reiß ich mir die Zunge raus!“ Dann rannten die Träger ums Eck.“
Nach ihrem zweiten Roman „Der Nachwuchs“ von 1968 begann Elsner, sich von ihrem bisherigen großen Vorbild Franz Kafka zu lösen.
Kafka, in ihren „jungen Jahren (..) ein konkurrenzlos dastehender literarischer Gott“, attestierte sie später einen „verderblichen“ Einfluss, seiner Prosa „entrückte Weltferne“.
Demensprechend stellte Elsner ab Ende der 1960er Jahre ihr eigenes Werk vom Kopf auf die Füße.
Sie wechselte von der grotesken zu einer realistischeren Schreibweise; vom Absurden und Parabelhaften zur Gesellschaftssatire.
Mit dem Roman „Das Berührungsverbot“ (1970) versuchte sich Elsner 20 Jahre vor Elfriede Jelineks Roman „Lust“ in einer Art Anti-Porno. Es war ihre Reaktion auf die Welle der sexuellen Befreiung, die sie für keine wirkliche Befreiung hielt.
Der Roman beschreibt eine Gruppe von Ehepaaren, die sich im Partnertausch versuchen. Dieser Versuch scheitert und mündet in Gewalt.
Als gebildete Marxistin wandte sich Elsner in ihren Satiren zunehmend auch ökonomischen Themen zu. In ihrem 1977 erschienenen Roman „Der Punktsieg“ beschreibt sie einen Großunternehmer, der für die SPD Wahlkampf macht. Das politisch-ökonomische Programm eines „sozialen Unternehmertums“ entlarvt sie als unmöglich.
Gisela Elsner ordnete sich als Schriftstellerin den Bedingungen des Literaturbetriebs nicht unter. Sogenannte Frauenliteratur, Psychologisieren, Subjektivität und Innerlichkeit lehnte sie ab.
Weil sie als Frau über Dinge schrieb, die andere Schriftstellerinnen nicht schrieben, also über die herrschenden Zustände, sah sie sich schon in ihren frühen Jahren Angriffen der Kritik ausgesetzt. Elfriede Jelinek in einem Essay über ihre Kollegin: „Gisela Elsner steht mir als Schriftstellerin sehr nahe und sie geht mir sehr nahe; in der Verzweiflung über die Verachtung des weiblichen Werks finde ich mich wieder (...) Sie (die Frau) darf die Wirklichkeit bedienen, aber sie darf sie nicht beschreiben, so wie sie ist.“
Die Wirklichkeit beschrieb Elsner mit ihrem unverwechselbaren Stilmittel langer Schachtelsätze voller Redundanz und Wiederholungen.
Mit ihrer fordernden und geradezu folternden Syntax verstand sie es, Macht-, Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse in ihrer ganzen Stupidität und Brutalität darzustellen.
Nach ihrem letzten Erfolg „Abseits“ von 1982, der Roman war im deutschsprachigen Raum ihr absatzstärkstes Buch, geriet Gisela Elsner selbst ins literarische Abseits. Ihr Werk, das laut Selbstauskunft in 20 Sprachen übersetzt worden war, wurde von Verlagen und Kritik verkannt.
In ihrem Spätwerk befasste sich Elsner wieder verstärkt mit dem Faschismus, so unter anderen in dem Roman „Heilig Blut“, für den sie in Deutschland keinen Verleger fand.
„Heilig Blut“ handelt von vier älteren Herren, allesamt alte Nazis, die jedes Jahr einen mehrtägigen Jagdausflug in den Bayerischen Wald unternehmen. Diesmal jedoch ist einer dieser Herren, Herr Gösch, erkrankt und schickt seinen Sohn, den „jungen Gösch“ mit.
Die Atmosphäre ist von stetig wachsender Feindseligkeit geprägt. Die Herren Hächler, Lüßl und Glaubrecht werden unter anderem mit „kehlige(m) Gelächter“ als menschliche Wölfe dargestellt.
Nachdem nun aus einer Forschungsstation in der Nähe von Heilig Blut zwölf echte Wölfe ausbrechen, beginnt eine Jagd mit erwartbar tödlichem Ausgang.
In ihrem Roman verknüpft Elsner die katholische Blut-Verehrung mit dem Blut- und Boden-Kult der Faschisten. Sie entlarvt damit den irrationalen Charakter einer mörderischen Ideologie.
Das Manuskript von „Heilig Blut“ wurde von Elsners Hausverlag Rowohlt abgelehnt. Mit der Autorin befreundete Redakteure und Mitarbeiter der DKP-nahen Literaturzeitschrift „kürbiskern“ bemühten sich daraufhin um Vermittlung in der Sowjetunion.
1987 erschien der Roman in der Übersetzung der Germanistin Nina Litwinez zusammen mit weiteren Erzählungen im Band „Chailigbljut“ im Moskauer Raduga Verlag.
In einem Interview mit der DKP-Zeitung Unsere Zeit vom September 1987 erklärte Elsner zu diesen Vorgängen trocken:
„Im Falle meines antifaschistischen Romans 'Heilig Blut' habe ich, etwas jenseits der Legalität, die Weltrechte für diesen Roman an den größten sowjetischen Verlag verkauft. Das Buch erscheint demnächst in der UdSSR, wo man es für mein bestes Buch hält, während es hier von drei Verlagen als 'mißlungen' abgelehnt wurde. Was daran mißlungen war, sagte man mir allerdings nicht. Zu meiner Freude wird der Roman jetzt nicht etwa vom Deutschen, sondern vom Russischen ins Bulgarische übersetzt. Ob man ihn daraufhin vom Bulgarischen ins Sudanesiche oder Koreanische übersetzen wird, kann ich momentan noch nicht sagen“.
Erst 2007, zu Elsners 70. Geburtstag und 15 Jahre nach ihrem Tod wurde der Roman vom Verbrecher Verlag erstmals auf Deutsch publiziert.
Gisela Elsner fertigte in den 1980er Jahren einige weitere Romanmanuskripte an, die sie vielleicht aus Resignation über ihre zunehmende Missachtung von sich aus nicht bei Verlagen einreichte.
Ein besonders gelungenes Beispiel hierfür ist „Otto der Großaktionär“, der erstmals 2008 erschien.
Otto Rölz arbeitet als „sogenannter Tierbetreuer“ bei Tierversuchen in einer Schädlingsbekämpfungsmittelfabrik. Er kauft fünf Aktien „seiner“ Firma und fühlt sich als stolzer Miteigentümer. Einsparungen führen zu Arbeitszeitverkürzungen. Da das Gehalt nicht mehr ausreicht, sieht sich Otto Rölz dazu gezwungen, sich der Firma als Versuchsperson für chemische Kampfstoffe zur Verfügung zu stellen. Der soziale Abstieg Ottos ist dennoch nicht aufzuhalten. Die Aktien verlieren an Wert und müssen verkauft werden; er wird entlassen.
Der Roman enttarnt die Illusionen einer Klassengleichheit. Er stellt aber auch die Profite deutscher Großkonzerne an Waffen und historisch an der Herstellung von Zyklon B dar, das von der IG Farben ursprünglich auch als Ungeziefervertilgungsmittel entwickelt worden war. In ihrem Roman deutet Elsner dies mit dem Tierversuchstrakt an, der von den Arbeitern das „AUSCHWITZEL“ genannt wird.
In den 1980er Jahren begann eine schleichende Entfremdung zwischen dem Rowohlt Verlag und seiner einstigen Starautorin. Gisela Elsners „Marktwert“ war gesunken, die Vorschüsse für ihre Bücher wurden immer geringer.
Mit dem neuen Verlagsleiter Michael Naumann überwarf sie sich und Ende der 1980er Jahre wurde die Verlagsbindung aufgehoben.
Gisela Elsner wechselte zum Zsolnay Verlag, in dem 1989 ihr letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman „Fliegeralarm“ erschien. „Fliegeralarm“ erzählt von einer Gruppe von Kindern, die in den letzten Kriegsmonaten in den Bombenruinen von Nürnberg ein KZ nachbauen. Der Roman wurde von der Kritik völlig missverstanden.

Ab Anfang der 1990er Jahre litt Gisela Elsner zunehmend unter den Folgen ihrer Alkohol- und Tablettensucht. Es bestand die Gefahr, dass ihr wegen des Rauchens ein Bein abgenommen werden müsste. Neben den gesundheitlichen Umständen waren es sicher auch ihre finanzielle Situation und die politische Desillusionierung, die ihr zu Schaffen machten. Gisela Elsner war Kommunistin. Der DKP blieb sie mit einer kurzen Unterbrechung bis zu ihrem Tod treu. Vom Ende des Realsozialismus wurde sie schwer getroffen.
Im Juni 1990 zog Elsner nach Ostberlin. Vielleicht war ihr Vorbild dafür ihr Schriftstellerkollege und Freund Ronald M. Schernikau, der nach dem Mauerfall 1989, als viele den Weg von Ost nach West suchten, erfolgreich die Einbürgerung in die DDR beantragte. Nach nur drei Tagen kehrte sie nach München zurück.
Knappe zwei Jahre später erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch und wurde in eine Münchner Klinik eingeliefert. Wenige Tage später, am 10. Mai 1992, beging sie dort durch einen Fenstersturz Selbstmord.
Nach ihrem Tod geriet Gisela Elsner, sofern dies nicht schon davor der Fall war, zunächst in Vergessenheit.
Ihre Person wurde erst im Jahr 2000 durch den Film „Die Unberührbare“ mit Hannelore Elsner, die nur den Namen mit ihr gemein hat, wieder bekannter. Regisseur ist ihr Sohn Oskar Roehler.
Kennt man Leben und Werk der Elsner noch nicht, mag der Film faszinieren. Doch wird ihr Alter Ego hier vorrangig als nikotin-, alkohol- und tablettenabhängige, paranoide Person dargestellt. Das bedeutende literarische Werk von Gisela Elsner tritt völlig in den Hintergrund. So ist, gewollt oder nicht, im ganzen Film kein einziges Buch zu sehen.
Auch in weiteren Filmen verarbeitete Oskar Röhler die gestörte Mutter-Sohn-Beziehung und zeichnete das Bild seiner Mutter negativ. In „Die Quellen des Lebens“ tritt Lavinia Wilson als Elsner auf, in „Tod den Hippies. Es lebe der Punk“ Hannelore Hoger.
Um die Wiederentdeckung des Werks von Gisela Elsner haben sich der Verbrecher Verlag und insbesondere die Literaturwissenschaftlerin Christine Künzel verdient gemacht, die Herausgeberin der Werkausgabe ist. Seit 2002 sind zehn Bände wieder oder erstmalig erschienen, zuletzt 2016 das Romanfragment „Die teuflische Komödie“.
In einem behielt Gisela Elsner in ihrem Selbstnachruf recht:
Maßgeblich von Prof. Christine Künzel initiiert, wurde im Mai 2012 am Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg die „Internationale Gisela-Elsner-Gesellschaft“ gegründet, die regelmäßig Symposien veranstaltet und deren Mitglieder intensiv zu Leben und Werk der Schriftstellerin forschen.
Auch im Feuilleton wird Gisela Elsner wiederentdeckt; ihre wieder- oder erstaufgelegten Werke werden durchaus positiv besprochen.
Offenbar schätzt man ihr Werk heute mehr als zu ihren Lebzeiten. Und wenn es nicht geschätzt wird, wird es zumindest wieder wahrgenommen.
Vielleicht wird sich so eine weitere Prophezeiung aus ihrem Selbstnachruf bewahrheiten. Elsner abschließend in ihrer „Auferstehung“:
„Wer keine Tränen vergießen wird, soll Gisela Elsner gesagt haben, der wird zumindest schwitzen.“
Die Gisela-Elsner-Werkausgabe erscheint im Verbrecher Verlag.
Nähere Informationen zu Leben und Werk von Gisela Elsner finden sich auf der Seite der Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft.
Protestantische Werksmoral
Themenabend in Esslingen: Die Ungerührte - Die Auferstehung der Gisela Elsner
Einen besonderen Stellenwert in Gisela Elsners Werk nimmt die Aufarbeitung des Faschismus ein. Viele ihrer Bücher wurden zum Skandal.
Ab Anfang der 1980er Jahre geriet „die große böse Schwester der Jelinek“ zunehmend ins literarische Abseits.
Von Kritikern wurde sie oft auf ihre schrille, aber bewusst angelegte Selbstinszenierung mit teuren Kleidern und schwarzen Perücken reduziert; ihre Bücher wurden verrissen.
Im Mai 1992 nahm sich Gisela Elsner das Leben und geriet zunächst in Vergessenheit. Interesse an ihrer Person weckte erst wieder der Film „Die Unberührbare“, in dem ihr Sohn Oskar Roehler die letzten Monate im Leben seiner Mutter nachzeichnet. In den letzten Jahren wurde durch die Werkausgabe im Verbrecher Verlag auch wieder das Werk der Autorin bekannter.
Zum 80. Geburtstag und zum 25. Todestag von Gisela Elsner erinnert die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -“ Bund der AntifaschistInnen Kreisvereinigung Esslingen in Zusammenarbeit mit dem Buchladen Die Zeitgenossen an diese bedeutende antifaschistische Autorin. In einem Themenabend stellt Jens David Leben und Werk Gisela Elsners von ihren ersten Erfolgen über ihr „Verschwinden“ bis zu ihrer „Auferstehung“ vor.
Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 18. Mai, um 20 Uhr im Buchladen DieZeitgenossen, Strohstraße 28 in Esslingen statt. Der Eintritt ist frei.
Ein Buch für die einsame Insel in zwei Übersetzungen. Und zwei weitere Bücher.
Hintergrund: Die illustrierte Ausgabe vom 2001 Verlag
"Kapitel 1
SCHEMEN
Nennt mich Ismael. Ein paar Jahre ist's her -unwichtig, wie lang genau-, da hatte ich wenig bis gar kein Geld im Beutel, und an Land reizte mich nichts Besonderes, und so dacht ich mir, ich wollt ein wenig herumsegeln und mir den wässerigen Teil der Welt besehen. Das ist so meine Art, mir die Milzsucht zu vertreiben und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Immer wenn ich merke, daß ich um den Mund herum grimmig werde; immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht; immer wenn ich merke, daß ich vor Sarglagern stehen bleibe und jedem Leichenzug hinter hertrotte, der mir begegnet; und besonders immer dann,wenn meine schwarze Galle so sehr überhand nimmt, daß nur starke moralische Grundsätze mich davon abhalten können, mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen - dann ist es höchste Zeit für mich, so bald ich kann auf See zu kommen. Das ist mein Ersatz für Pistole und Kugel. Mit einer stoischen Sentenz stürzt Cato sich in sein Schwert; ich gehe still an Bord. Daran ist nichts Überraschendes. Von Zeit zu Zeit hegen fast alle Menschen, ob sie-™s wissen oder nicht, in etwa dieselben Gefühle für das Weltmeer wie ich.
Dort liegt nun eure Inselstadt der Manhattos, umgürtet mit Kais wie die Inseln im Indischen Meere mit Korallenriffen - der Handel umgibt sie mit seiner Brandung. Nach rechts und nach links führen euch die Straßen zum Wasser. (...)"
Herman Melville, Moby-Dick oder der Wal, Seite 33. Aus der Neuübersetzung von Michael Jendis, erschienen 2001 im Carl Hanser Verlag
Erich Mühsam zum 139. Geburtstag

Am heutigen 6. April 1878 wurde in Berlin der anarchistische Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist Erich Mühsam geboren. Er war einer der bedeutendsten politischen Journalisten und Schriftsteller in der Weimarer Republik. Seine Teilnahme an der Münchner Räterepublik brachte ihm fünfzehn Jahre Festungshaft. Er blieb trotz der Haft ungebrochen und setzte seine journalistische Arbeit fort. Sein Leben und der Mord am ihm am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg sind kaum noch bekannt.
Sein nachfolgendes Gedicht "Und wieder tritt das Leben mir" stammt aus: Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd.1: Gedichte. Prosa. Stücke, Berlin 1978, S. 32-33
Und wieder tritt das Leben mir
mit vorgestelltem Fuß entgegen,
und wieder reißt des Zufalls Gier
vom Munde mir mein Häppchen Segen.
Und wieder ist der Weg verbaut,
den meine Hände wühlend schufen.
Zum hohen Ziel, das ich geschaut,
weist mich kein Pfad, gehn keine Stufen.
Gott liebt den Menschen nicht, der frei
hinaufsteigt zu den Zukunftspforten.
Die Häscher seiner Polizei,
des Schicksals, lauern allerorten.



