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»Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!« Erich Kästner

125 Jahre Massaker bei Wounded Knee (Lakota Chankpe Opi Wakpala)

Heute vor 125 Jahren, am 29. Dezember 1890 wurden Spotted Elk, auch bekannt als Chief Big Foot und zwischen 150 und 400 Menschen seines Stammes, der Mniconjou Lakota, zumeist Frauen, Kinder und Alte massakriert.

14 Jahre zuvor wurde eben diese Armeeeinheit unter dem Kommando General Custer's von vereinigten Stämmen der Lakota, Arapaho und Cheyenne am Little Big Horn River aufgerieben.

Seit dem 23. Dezember 1990 findet in Gedenken an das Massaker ein Ritt auf derselben Route statt, die Chief Big Foots Stamm 1890 nahmen.

Beginnend im Jahr 1986 wurde jedes Jahr der Si Tanka Wokiksuye (Big Foot Memorial Ride) als Erinnerung an die tragischen Ereignisse, die Chief Bigfoot und seinem Stamm bei Wounded Knee am 29. Dezember 1890 widerfuhr, was heute als das Massaker am Wounded Knee gekannt ist.

Der Ritt ist für die teilnehmenden Menschen der Lakota, Dakota, der Nakota und weiterer Stämme ein spirituelles Unternehmen eine zeremonielle Voraussetzung dafür, die Tränen der Trauer um verlorene Angehörige und Freunde abwischen zu können. Ebenso wird damit um Stärke für die kommenden 7 Generationen, das traditionelle Leben weiterführen zu können, gebetet.

Damit verbunden erhoffen sich die Teilnehmer, dass es nie wieder zu einem Wounded Knee kommt...

Warnung vor Selbstschüssen

Erich Kästner 1961
Foto: von Basch
Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

Wie aktuell der Bezug des heute leider allzuoft auf seine Kinder- und Jugendliteratur reduzierten Erich Kästner zur Gegenwart ist, hatte ich ja schon hier vermerkt: "Wie die Faust aufs Auge von Pegida & Co." Heute sein Gedicht "Warnung vor Selbstschüssen".

Warnung vor Selbstschüssen

Diesen Rat will ich dir geben:
Wenn du zur Pistole greiftst
und den Kopf hinhältst und kneifst,
kannst du was von mir erleben.

Weißt wohl wieder mal geläufig,
was die Professoren lehren?
Daß die Guten selten wären
und die Schweinehunde häufig?

Ist die Walze wieder dran,
daß es Arme gibt und Reiche?
Mensch, ich böte deiner Leiche
noch im Sarge Prügel an!

Laß doch deine Neuigkeiten!
Laß doch diesen alten Mist!
Daß die Welt zum Schießen ist,
Wird kein Konfirmand bestreiten.

Man ist da. Und man bleibt hier!
Möchtest wohl mit Püppchen spielen?
Hast Du wirklich Lust zum Zielen,
ziele bitte nicht nach Dir!

War dein Plan nicht: irgendwie
alle Menschen gut zu machen?
Morgen wirst du drüber lachen.
Aber, bessern kann man sie.

Ja die Bösen und Beschränkten
sind die Meisten und die Stärkern.
Aber spiel nicht den Gekränkten.
Bleib am Leben, sie zu ärgern!

Erich Kästner, aus "Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt" S. 174/175, oder antiquarisch, z.B. beim Zentralarchiv antiquarischer Bücher

Charles Spencer Chaplin jr.: Die Schlussrede

Aus Anlass des heutigen Todestages von Charles Spencer Chaplin jr. sei hier nochmals an die bewegende Schlussrede aus seinem Film "Der große Diktator" erinnert. In Zeiten wie diesen kann das nicht oft genug gesehen werden.

nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick

ARGENTINIEN
Eine Woche nach dem Amtsantritt des konservativen argentinischen Präsidenten Mauricio Macri haben Zehntausende Menschen in Buenos Aires gegen dessen Politik protestiert.

BOLIVIEN
Mehr als 40.000 Menschen haben am Sonnabend in Cochabamba für eine Wiederwahl des bolivianischen Präsidenten Evo Morales bei der nächsten Wahl 2019 demonstriert.

Der bolivianische Vizepräsident, Álvaro García Linera, hat in einem Interview die Ökonomie als Schlüsselfrage für die weltweite Linke bezeichnet. Auf der politischen Bühne in Lateinamerika befänden die revolutionären Bewegungen sich „in Turbulenzen“, so García Linera. Um das zeitweise Wiedererstarken der neoliberalen Konzepte zu überwinden, müssten die linken Kräfte in den kommenden Jahren ihre langfristige Kompetenz beweisen, eine nachhaltige Ökonomie entwickeln zu können.

HONDURAS
Der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof hat den honduranischen Staat wegen Rechtsverstößen gegen afroindigene Dörfer an der Karibikküste für schuldig befunden.

KUBA
Angesichts der Verhandlungen zwischen den Regierungen Kubas und der USA um Entschädigungen für Betroffene von Verstaatlichungen nach der Revolution im Jahr 1959 haben nun auch Nachkommen bekannter Mafia-Größen Ansprüche angemeldet.

VENEZUELA
Das venezolanische Oppositionsbündnis „Tisch der demokratischen Einheit“ (MUD) hat der Öffentlichkeit ein Programm für die künftige parlamentarische Arbeit vorgestellt. Marktkontrollen, Steuern und Zölle sollen abgeschafft, Verstaatlichungen rückgängig gemacht und „politische Gefangene“ amnestiert werden.

Luis Britto García, Historiker, Autor und Dramaturg aus Venezuela, gibt im Interview mit „Cubadebate“ seine erste Einschätzung des Wahlergebnisses vom 6. Dezember.

Führende Mitglieder der Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) haben nach eigenen Angaben Belege für den Versuch des Stimmenkaufs durch die Opposition.

Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 25. Dezember 2015

Dreizehn Jahre ohne Joe Strummer: "The Future is unwritten"

Heute vor dreizehn Jahren starb Joe Strummer, Mitbegründer, Sänger und Gitarrist der britischen Punk-Band The Clash nach einem Nachmittagsspaziergang an einem angeborenen Herzfehler. Strummer, der nur 50 Jahre alt wurde war alles andere als ein auf drei Akkorde beschränkter Gitarrenschrammler und setzte auch mit seinen politischen Texten Maßstäbe. Aus Anlass seines heutigen Todestages zeigen wir den 2013 bei arte ausgestrahlten Film "Joe Strummer: The Future Is Unwritten" von Julien Temple in der französischen Fassung.


"Der Film "Joe Strummer: The Future Is Unwritten" zeigt das Leben der Punk-Legende von Kindheitstagen an beleuchtet und viele neue Bilder, Aufnahmen und Konzertausschnitte aus dem Leben des CLASH-Frontmanns. Der Regisseur ist JULIEN TEMPLE, der u.a. für musikalische Werke wie "The Great RocknRoll Swindle" oder auch "Absolute Beginners" verantwortlich war.

Vier Jahre nach Strummers Tod hat Temple, der die Punkbewegung schon 1976 gefilmt hat, seine eigenen Aufnahmen aus dieser Zeit mit Archivmaterial von Strummers Kindheit bis hin zu seiner Zeit mit den Mescaleros kombiniert. Schulfreunde erzählen von der Verwandlung des kleinen charismatischen John Mellor in den Punkleader Joe Strummer. Die Clash-Mitglieder Nicky "Topper" Headon, Mick Jones und Terry Chimes, der Manager Bernie Rhodes und der Sex Pistol Steve Jones treten als Zeugen der ersten Stunde auf, während Bono von U2, Johnny Depp, John Cusack und Jim Jarmusch über Strummers Einfluss auf ihr musikalisches Schaffen sprechen. Der politisch engagierte Leader ist immer noch ein Idol für viele Bands unterschiedlichster Musikstile, die sich noch heute von seiner Persönlichkeit und seinem Engagement beeinflussen lassen. Diese Beziehungen werden mit bislang teilweise unveröffentlichtem Archivmaterial der Hippie- und Punkbewegung gemischt, deren Musik, Kultur und Kämpfe Strummers Persönlichkeit gebildet haben." (Filmbeschreibung)

Kurt Tucholsky: 80. Todestag

Kurt Tucholsky in Paris, 1928 (Foto: Sonja Thomassen / WikiMedia)

Heute ist der 80. Todestag des von mir sehr verehrten Journalisten und Schriftstellers, Satirikers, Kabarettautoren, Liedtexters, Romanautoren, Lyrikers und Kritikers Kurt Tucholsky.

Er wurde 1890 in Berlin geboren, veröffentlichte 1907 erste Texte, war nach seinem Jura-Studium 1915-1918 Soldat im I. Weltkrieg. Lebte dann von 1919-1924 in Berlin, war Mitherausgeber der "Weltbühne", von 1924-29 in Paris als deren Korrespondent. 1933 wurde er von den Faschisten aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, seine Bücher wurden - für die Nazis nicht ohne Grund - verbrannt. Er verstand sich zeitlebens als "linker Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten -“ vor allem in Politik, Militär und Justiz -“ und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus." (Quelle)

Am 21. Dezember 1935 starb er, vermutlich an einer versehentlichen Überdosierung von Medikamenten im schwedischen Göteborg, wo er bereits seit 1930 lebte.

Mein erster bewußter Kontakt zu Tucholsky war sein Gedicht "Drei Minuten Gehör!" aus dem Jahr 1922, das er unter dem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlichte (Im Ergebnis besorgte ich mir erst einmal die Gesammelten Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt, Reinbek 1975, ISBN 3-499-29011-1, heute leider nur noch antiquarisch erhältlich). Zu Tucholsky siehe auch den Beitrag von Fritz Güde: Tucholsky - zur Feigheit begnadigt. Im Protest

Drei Minuten Gehör!

Drei Minuten Gehör will ich

von euch, die ihr arbeitet -“!

Von euch, die ihr den Hammer schwingt,

von euch, die ihr auf Krücken hinkt,

von euch, die ihr die Feder führt,

von euch, die ihr die Kessel schürt,

von euch, die mit den treuen Händen

dem Manne ihre Liebe spenden -“

von euch, den Jungen und den Alten -“:

Ihr sollt drei Minuten inne halten.

Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.

Wir wollen uns einmal erinnern.

Die erste Minute gehöre dem Mann.

Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?

Zu Hause die Kinder -“ zu Hause weint Mutter ...

Ihr: feldgraues Kanonenfutter -“!

Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.

Da saht ihr keinen Fürstenknaben:

der soff sich einen in der Etappe

und ging mit den Damen in die Klappe.

Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.

Wart ihr noch Gottes Ebenbild?

In der Kaserne -“ im Schilderhaus

wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.

Der Offizier war eine Perle,

aber ihr wart nur -ºKerle-¹!

Ein elender Schieß- und Grüßautomat.

"Sie Schwein! Hände an die Hosennaht -“!"

Verwundete mochten sich krümmen und biegen:

kam ein Prinz, dann hattet ihr stramm zu liegen.

Und noch im Massengrab wart ihr die Schweine:

Die Offiziere lagen alleine!

Ihr wart des Todes billige Ware ...

So ging das vier lange blutige Jahre.

Erinnert ihr euch -“?

Die zweite Minute gehöre der Frau.

Wem wurden zu Haus die Haare grau?

Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,

in den Nächten auf mit einem Schrei?

Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,

der anstand in langen Polonaisen,

indessen Prinzessinnen und ihre Gatten

alles, alles, alles hatten -“ -“?

Wem schrieben sie einen kurzen Brief,

dass wieder einer in Flandern schlief?

Dazu ein Formular mit zwei Zetteln ...

wer mußte hier um die Renten betteln?

Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.

Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.

Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,

euch in die Arme zurück als Krüppel.

So sah sie aus, die wunderbare

große Zeit -“ vier lange Jahre ...

Erinnert ihr euch -“?

Die dritte Minute gehört den Jungen!

Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!

Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!

Sorgt dafür, dass es immer so sei!

An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun

von Millionen deutschen Männern und Fraun.

Ihr sollt nicht strammstehn. Ihr sollt nicht dienen!

Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!

Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen -“:

Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!

Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!

Keine Monokel-Potentaten!

Keine Orden! Keine Spaliere!

Keine Reserveoffiziere!

Ihr seid die Zukunft!

Euer das Land!

Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!

Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!

Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!

Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!

-“ Nie wieder Krieg -“!

Theobald Tiger, Republikanische Presse, 29.07.1922, Nr. 6,

Der Zweck und die Mittel (oder Religion als Politik und Politik als Religion)

Erich Kästner 1961
Foto: von Basch
Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

Die Zeitlosigkeit der Gedichte des heute leider meist als Kinderbuchautoren wahrgenommenen Erich Kästner ist unglaublich. Wir hatten darauf ja schon in "Das Führerproblem, genetisch betrachtet" und anderen Texten Kästners hingewiesen. Heute nun ein weiteres aktuelle Gedicht:

Der Zweck und die Mittel

(oder Religion als Politik und Politik als Religion)

Der Zweck, sagt ihr, heiligt die Mittel?
Das Dogma heiligt den Büttel?
Den Galgen? Den Kerkerkittel?
O schwarzumflortes Kapitel!
Fest steht trotz Schrecken und Schreck:
Die Mittel entheiligen den Zweck!

Erich Kästner, aus "Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt"
Via Horizontverschmelzung

nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick

LATEINAMERIKA
Demonstrationen in Chile, ein hartes Gerichtsurteil in Kolumbien und Erschütterung in El Salvador: Die katholische Kirche in Lateinamerika kämpft um ihre Glaubwürdigkeit.

ARGENTINIEN
Argentiniens neuer Präsident Mauricio Macri plant eine größere Umgestaltung im Bereich der staatlichen Medien, die nach der zwölfjährigen Ära unter Cristina Fernández de Kirchner und ihrem 2010 verstorbenen Ehemann Néstor Kirchner die geltenden Grundwerte des öffentlichen Fernsehens, Radios und Nachrichtenwesens verletzen würden.

BRASILIEN
Für den morgigen Mittwoch haben soziale Bewegungen, Gewerkschaften und linksgerichtete politische Parteien in Brasilien zu einem landesweiten Aktionstag gegen das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff aufgerufen. An diesem Tag wird der Oberste Gerichtshof über den Ablauf des Verfahrens entscheiden.

KOLUMBIEN
In Havanna sind die Friedensverhandlungen zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung in die entscheidende Phase eingetreten. Am Dienstag unterzeichneten die Delegationen der beiden Seiten in der kubanischen Hauptstadt das vierte von fünf angestrebten Teilabkommen, durch die ein Ende des jahrzehntelangen Bürgerkriegs in dem südamerikanischen Land erreicht werden soll.

KUBA
Vor einem Jahr sind die "Cuban Five" nach langer US-Haft in ihre Heimat ­zurückgekehrt. Havannas Aufklärer informieren über Washingtons Contra-Aktivitäten.
Am 9. Januar 2016 wird Gerardo Hernández auf der XXI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin begrüßt.

Vertreter der kubanischen Regierung und von 14 Gläubigerstaaten des Pariser Clubs haben sich am Samstag in der französischen Hauptstadt auf eine Regelung zu Kubas Auslandsschulden geeinigt. Der Pariser Club ist ein informelles ­Gremium, in dem Schuldner- und Gläubigerländer über eine Umschuldungen oder einen Schuldschnitt beraten.

MEXIKO
Jahresrückblick zu Mexiko: Zehntausende gehen gegen Regierung und für "verschwundene" Studenten auf die Straße. Politischer Wandel nicht in Sicht

In einer Schlucht in Mexiko sind 19 Leichen entdeckt worden. Die Toten wurden im selben Bundesstaat gefunden, in dem vor mehr als einem Jahr 43 Studenten verschwanden.

VENEZUELA
Das Vorhaben der venezolanischen Opposition, mit der neu errungenen Parlamentsmehrheit ein Amnestiegesetz für inhaftierte Politiker zu erlassen, stößt auf Widerstand. Nun haben sich rund 40 Menschenrechtsgruppen aus Venezuela gegen das Vorhaben ausgesprochen. Bei einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Nationalen Menschenrechtsrates, Larry Devoe, kündigten die Aktivisten an, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Wie weiter nach der Wahlniederlage? Die Bolivarische Republik Venezuela will sich von Washington und IWF nicht in die Knie zwingen lassen. Ein Gespräch mit Präsident Nicolás Maduro

Weder Hugo Chávez noch Nicolás Maduro hat die grundlegenden Strukturen der venezolanischen Gesellschaft angetastet. Das macht einen Politikwechsel der Linken nach ihrer jetzigen Wahlniederlage umso schwerer. Von Raul Zelik

Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 18. Dezember 2015

Voltairine de Cleyre - Anarchismus (1901)

Voltairine de Cleyre (1866 - 1912), amerikanische Autorin und Anarchistin
"Die Vorstellung, Menschen könnten nicht zusammenarbeiten, wenn sie keinen Antreiber haben, (...) widerspricht sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch den beobachtbaren Tatsachen. In der Regel machen die Bosse die Verwirrung nur noch schlimmer, wenn sie sich in ein Problem einmischen, das bei der Arbeit auftaucht, wovon jeder Handwerker den praktischen Nachweis schon einmal erlebt hat." (Aus: Anarchismus, 1901)
Zweierlei Geist ist in der Welt wirksam - der Geist der Vorsicht und der Geist des Wagemuts, der Geist der Selbstbescheidung und der Geist der Unruhe; der Geist der Unbeweglichkeit und der Geist der Veränderung; der Geist des Halte-fest-was-du-hast und der Geist des Lass-los-und-fliege-zu-dem-was-du-nicht-hast; der Geist des langsamen und stetigen Bauens, der die Kräfte spart, sich ungern von Erreichtem trennt, der behalten will und unfähig ist, das Haltenswerte von dem Wegzuwerfenden zu unterscheiden, und der Geist visionären Zerstörens, voll fruchtbarer schöpferischer Einfälle, impulsiv, die Kräfte sorglos verausgabend, schnell bereit, das Gute zugleich mit dem Schlechten zu verwerfen.

Die Gesellschaft ist ein vibrierendes Gleichgewicht zwischen diesen beiden Kräften, die sie immer aufs Neue erschüttern. Wer wie die Anarchisten den Menschen als ein Glied in der Kette der Evolution betrachtet, sieht in diesen beiden Tendenzen die Summe der Bestrebungen der einzelnen Menschen, die genau wie die Tendenzen allen organischen Lebens das Ergebnis der Wirkung und Gegenwirkung von Vererbung und Anpassung sind. Der Vererbung, die beständig das Frühere zu wiederholen sucht, lange nachdem es entstanden ist; der Anpassung, die beständig die Formen zu zerbrechen sucht. Unter anderen Bezeichnungen werden dieselben Tendenzen auch in der anorganischen Welt beobachtet, und jeder, der von der modernen wissenschaftlichen Manie des Monismus ergriffen ist, kann leicht diesen Gedankengang bis zu den Grenzen des menschlichen Wissens ausdehnen.

Eben dies zu tun, gab es tatsächlich eine starke Neigung unter den gebildeteren Anarchisten, die zuerst Arbeiter waren, aus instinktiven Hass auf den Boss Anarchisten wurden, später wissenschaftliche Studien betrieben und von unverdauten Kenntnissen fortgerissen zu dem Schluss kamen, ihr Anarchismus müsse unbedingt mit den Offenbarungen des Mikroskops in Einklang gebracht werden, sonst könne man ihn gleich ganz aufgeben. Ich erinnere mich mit besonderer Erheiterung an eine hitzige Diskussion vor fünf oder sechs Jahren, wo ein Arzt und ein Embryologe versuchten, den Anarchismus aus der Entwicklung der Amöbe zu rechtfertigen, während ein frischgebackener Ingenieur die Begründung in mathematischen Formeln suchte.

Ich selbst habe einmal tapfer behauptet, niemand könne Anarchist sein und gleichzeitig an Gott glauben. Andere behaupten ebenso tapfer, niemand könne die spiritualistische Philosophie akzeptieren und Anarchist sein.

Heute glaube ich ebenso wie C. L. James (1), der kenntnisreichste aller amerikanischen Anarchisten, dass das metaphysische System, dem einer anhängt, sehr wenig mit der Sache zu tun hat. Der Argumentationskette, die ich früher so überzeugend fand, dass der Anarchismus als Ablehnung jeder Autorität über das Individuum nicht mit dem Glauben an einen Höchsten Herrscher des Universums zusammen bestehen könne, widerspricht der Fall Leo Tolstois (2), der gerade aufgrund seines Glaubens an Gott zu dem Schluss kommt, niemand habe das Recht, über andere zu herrschen, gerade weil er glaubt, dass wir alle gleichberechtigte Kinder des einen Vaters sind und daher niemand das Recht habe, über den anderen zu herrschen. Ich spreche von ihm, weil er eine bekannte und anerkannte Persönlichkeit ist, aber es gibt viele Beispiele, wo derselbe Gedanke von einer ganzen Gruppe von Gläubigen entwickelt worden ist, vor allem in den frühen (und hart verfolgten) Stadien ihrer Entwicklung.

Deshalb erscheint es mir nicht länger notwendig, dass jemand seinen Anarchismus auf einer besonderen Weltsicht aufbaut; er ist eine Theorie über die den Menschen angemessenen Beziehungen und bietet sich als Lösung jener gesellschaftlichen Probleme an, die sich aus den beiden geschilderten Tendenzen ergeben. Was immer für die Ursache dieser Tendenzen gehalten wird, so erkennen doch alle gleichermaßen, dass sie existieren; wie interessant die Spekulation sein mag, wie faszinierend es sein mag, auf den molekularen Sturmwirbel zurückzugehen, in dem die Gestalt des Menschen nur als eine dichtere, kraftvollere Gruppe erscheint, die sich zwischen anderen bewegt, sich auf andere auswirkt, ohne davon getrennt zu sein, ohne jemals frei von denselben Notwendigkeiten zu sein, die auf alle anderen Kraftzentren einwirkt,- ist das alles doch keineswegs notwendig, um sich vom Anarchismus zu überzeugen.

Eine gute Beobachtungsgabe und ein hinlänglich nachdenkendes Gehirn reichen aus, um sich, ob man gebildet ist oder nicht, von der Wünschbarkeit des Anarchismus zu überzeugen. Das heißt nicht, dass sich die Anwendung dieses grundlegenden Konzepts nicht durch wachsendes Wissen besser bestätigen und weiter ausdehnen ließe; (es ist die Schönheit des Wahren, dass uns jede neu entdeckte Tatsache erkennen lässt, um wieviel weiter und tiefer sie ist, als wir zunächst dachten). Sondern es heißt, dass sich der Anarchismus in erster Linie mit den bestehenden Verhältnissen beschäftigt und mit den einfachen Leuten; und überhaupt keine komplexe oder diffizile Angelegenheit ist.

Für sich genommen, also abgesehen von jedem Vorschlag zu einer Umgestaltung der Wirtschaft, ist der Anarchismus einfach die jüngste in der langen Reihe von Antworten, die auf die Herausforderung durch jenen wagemutigen, sich losreißenden, impulsiven, verändernden, nie zufriedengestellten Geist gegeben wurden. Die Gesellschaft, der wir angehören, erlegt uns bestimmte Zwänge auf, -Zwänge, die aus eben jenen Veränderungen herrühren, die jener Geist bewirkte, zusammen mit den eingefahrenen Geleisen alter Gewohnheiten, die sich lange vor den Veränderungen herausgebildet und verfestigt hatten. Die Technik, welche die Industrie revolutionierte, wie unsere sozialistischen Genossen unaufhörlich betonen, ist die Schöpfung jenes wagenden Geistes; sie wurde gegen alte Bräuche, Privilegien und Feigheit schrittweise durchgesetzt, wie die Geschichte jeder Erfindung zeigen würde, wenn sie durch all ihre Wandlungen bis zu ihren Anfängen zurückverfolgt würde. Und was ist das Resultat davon? Dass ein Wirtschaftssystem, das für Handarbeit vollständig ausreichend war und keine große Unterdrückung erzeugte, solange die Industrie in diesem Zustand blieb, bis zum Zerreißen gedehnt und gespannt wurde um für Massenproduktion geeignet zu werden: und daher muss der wagemutige Geist wieder aufleben und neue Freiheiten fordern, da die alten von den gegenwärtigen Produktionsweisen null und nichtig gemacht sind.

Im einzelnen: in den alten Zeiten von Herr und Mensch, die nicht so lange her sind, als dass sich nicht viele ältere Arbeiter an die damaligen Bedingungen erinnern könnten, war die Werkstatt ein ziemlich großzügiger Ort, wo der Chef und seine Angestellten gemeinsam arbeiteten, keine Gefühle der Klassenzugehörigkeit kannten, nach der Arbeit gute Kumpel waren, in der Regel nicht unter Zeitdruck standen, und wenn doch, Überstunden leisteten, indem sie sich auf den Grundsatz des gemeinsamen Interesses und der Freundschaft (und nicht auf die Macht eines Sklavenhalters) verließen. Der anteilige Profit, den ein Chef aus der Arbeit jedes Einzelnen ziehen konnte, war im Allgemeinen vielleicht sogar höher als heute, aber die Gesamtsumme, die er herausholen konnte, war vergleichsweise so gering, dass keine großartige Vermögensanhäufung möglich gewesen ist. Ein Unternehmer zu sein, bedeutete weder die Macht, über das Einkommen und Ausgaben eines anderen Menschen zu bestimmen, noch über seine Äußerungen bei der Arbeit, noch die Macht, ihn über die Belastungsgrenze zu treiben, noch die Macht, ihn zu Abgaben und Tributen für unerwünschte Dinge zwingen wie etwa Eiswasser, schmutzige Spucknäpfe, untrinkbaren Tee und dergleichen; und auch nicht zu den unaussprechlichen Unanständigkeiten der großen Fabrik. Die Persönlichkeit des Arbeiters war eine Größe, die einfach respektiert wurde: sein Leben gehörte ihm; er konnte nicht eingesperrt werden oder wie ein Straßenwagenpferd zu Tode getrieben werden um des allgemeinen Nutzen und der überragenden Bedeutung der Gesellschaft willen.

Mit der Anwendung der Dampfkraft und der Entwicklung der maschinellen Produktion ergaben sich jene großen Gruppierungen von Arbeitern und jene feine Unterteilung der Arbeit, durch die sich der Unternehmer von seinen Arbeitern getrennt hat und ein Mensch wurde, dessen Interessen jenen der Arbeiter feindlich gegenüberstehen, der gänzlich in einem anderen Kreis lebt, für den die Arbeiter nur so und so viel Einheiten von Arbeitsleistung bedeuten, mit denen er wie mit seinen Maschinen rechnet, die er größtenteils verachtet und im besten Fall als Abhängige ansieht, für die er in gewisser Weise zu sorgen hat, so wie einer aus Menschlichkeit für ein altes nutzloses Pferd sorgt. Das ist seine Beziehung zu den Arbeitern; während er für die Öffentlichkeit einfach ein riesiger Tintenfisch ist, dessen Tentakel überall hinreichen, -wobei jeder winzige profitschlürfende Saugnapf für sich gesehen nur sehr wenig Wirkung erzielt, während sie alle zusammen eine derartige Masse von Reichtum zusammenziehen, dass jede Erklärung über Gleichheit und Freiheit zwischen ihm und den Arbeitern eine Lächerlichkeit darstellt.

Daher ist die Zeit gekommen, dass der Geist des Wagemuts in jeder Fabrik und jeder Werkstatt laut nach einer Veränderung der Beziehungen zwischen Herr und einfachem Mensch ruft. Es muss eine Regelung möglich sein, die Vorzüge der neuen Produktionsweise zu bewahren und zugleich die Würde des Arbeiters wiederherzustellen, -ihm die stolze Unabhängigkeit des alten Handwerksmeisters zurückzugeben, zusammen mit neuen Freiheiten, die ihm als sein persönlicher Vorteil aus der materiellen Entwicklung der Gesellschaft zustehen.

Dieses ist die Botschaft des Anarchismus speziell an die Arbeiter. Er ist kein ökonomisches System; er kommt nicht mit detaillierten Plänen zu euch, die euch sagen, wie ihr, die Arbeiter, die Industrie zu leiten habt; auch nicht mit systematischen Methoden des Austauschs; noch mit ausgearbeiteten Papier-Organisationen zur die Verwaltung der Dinge. Er ruft einfach den Geist der Individualität auf, sich aus seiner Erniedrigung zu erheben, und sich an die erste Stelle zu setzen, gleich, was sich für eine ökonomische Reorganisation ergeben mag. Seid vor allem Menschen, lasst euch nicht von den Dingen versklaven, die ihr herstellt; eure Predigt sei: "Die Dinge sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Dinge."

Der Sozialismus ist ökonomisch gesehen ein direkter Vorschlag für eine solche Reorganisation. Er ist im wesentlichen ein Versuch, nach jenem großen materiellen Zuwachs zu greifen, der sich in den letzten vierzig, fünfzig Jahren ergeben hat. Es geht ihm weniger um die Wiedergewinnung und Bekräftigung der Persönlichkeit des Arbeiters als vielmehr um die gerechte Verteilung der Produkte.

Weil sich die Anarchie fast ausschließlich mit den menschlichen Beziehungen in ihren Gedanken und Gefühlen beschäftigt und nicht mit einer bestimmten Organisation der Produktion und Verteilung, ist es völlig klar, dass ein Anarchist seinen Anarchismus mit ökonomischen Anschauungen ergänzen muss, um sich und anderen diese Möglichkeit eines unabhängigen menschlichen Daseins in praktischen Formen vor Augen zu führen. Das Maß, in dem die Individualität garantiert wird, ist sein Kriterium bei der Wahl solcher Anschauungen. Es reicht ihm nicht, wenn ein komfortabler Wohlstand und eine angenehme und wohlgeordnete Routine gewährleistet wird; sondern freies Spiel für den Geist der Veränderung! - das ist seine erste Forderung.

Jeder Anarchist stimmt mit jedem anderen darin überein, dass das ökonomische System diesem Ziel untergeordnet ist; kein System empfiehlt sich ihm durch die bloße Schönheit und Reibungslosigkeit seines Funktionierens; besorgt über die Beeinträchtigung des Lebens durch die Maschine betrachtet er mit scharfem Misstrauen eine Arithmetik, die Menschen als Recheneinheit benutzt. Über eine Gesellschaft aus Passungen und Verfügungen, die mit einer Präzision funktioniert, die all jene wunderschön finden, für die die Ordnungsliebe an der ersten Stelle steht, rümpft er nur die Nase: "Pfh! Riecht nach Maschinenöl."

Dementsprechend gibt es mehrere ökonomische Schulen innerhalb des Anarchismus. Es gibt anarchistische Individualisten, Mutualisten, Kommunisten und Sozialisten. Früher haben sich diese verschiedenen Schulen bitter bekämpft und sich sogar geweigert, einander als Anarchisten anzuerkennen. Die Engstirnigeren tun dies immer noch; selbstverständlich sehen sie dies nicht als Engstirnigkeit an, sondern einfach als solides Festhalten an der Wahrheit, die keine Toleranz gegenüber dem Irrtum erlaubt. Das ist zu allen Zeiten die Haltung der Frömmler gewesen, und der Anarchismus ist ebensowenig wie jede andere neue Bewegung von Frömmlern verschont geblieben. Jeder dieser fanatischen Anhänger sei es des Kollektivismus oder der Individualismus glaubt daran, dass kein Anarchismus möglich sei ohne das jeweilige ökonomische System als seine Grundlage, und ist selbstverständlich vom eigenen Standpunkt aus auch völlig gerechtfertigt. Doch mit der Verbreitung dessen, was Genosse Brown den Neuen Geist nennt, verliert diese alte Engherzigkeit Boden gegenüber der weitherzigeren, freundlicheren und wesentlich vernünftigeren Idee, dass man mit all diesen ökonomischen Konzepten experimentieren kann und an keiner von ihnen etwas Unanarchistisches ist, solange nicht das Element des Zwangs hinzutritt und Personen in Gemeinschaften festhält, deren ökonomische Regeln sie ablehnen. (Wenn ich sage: "ablehnen", dann meine ich damit nicht, dass es bloß nicht nach ihrem Geschmack ist, oder dass sie glauben, es sollte eigentlich zugunsten einer besseren Lösung geändert werden, doch mit der sie sich gleichwohl ohne Schwierigkeiten abfinden können, so wie zwei Personen die im selben Haus leben und verschiedenen Geschmack über die Dekoration haben, sich mit einer bestimmten Farbe der Jalousie oder einem Stück Nippes zufrieden geben, die der eine nicht mag, sich aber freudig damit abfindet um des Vergnügens willen, mit dem anderen zusammen zu sein. Ich meine vielmehr ernsthafte Differenzen, die nach Meinung der Beteiligten ihre wesentlichen Freiheitsrechte gefährden. Ich mache diese Bemerkung über Kleinigkeiten, weil die Einwände, die gegen die Lehre, Menschen könnten in einer Gesellschaft frei zusammen leben, erhoben werden, fast immer zu Trivialitäten degenerieren, -wie etwa: "was würdet ihr machen, wenn zwei Damen denselben Hut haben wollen?" usw. Wir treten nicht für die Abschaffung des gesunden Menschenverstandes ein, und jede vernünftige Person ist bereit, gelegentlich zurückzustecken, wenn sie nicht um jeden Preis dazu gezwungen wird.)

Daher sage ich, dass jede in der Gesellschaft frei handelnde Gruppe von Personen jedes der vorgeschlagenen Systeme wählen kann und dabei ebenso gründlich Anarchisten sind wie jene, die ein anderes wählen. Wird dieser Standpunkt akzeptiert, dann sind wir die empörenden Exkommunikationen los, die besser zur römischen Kirche passen, und die keinem anderen Ziel dienen als uns die berechtigte Verachtung der Außenstehenden zuzuziehen.

Außerdem glaube ich, nachdem man dies aus rein theoretischen Gründen akzeptiert hat, ist man in einer Position, die es erlaubt, gewisse ursächliche Faktoren in dem Problem wahrzunehmen, die für die Unterschiede der vorgeschlagenen Systeme ursächlich sind, und die sogar diese Unterschiede notwendig machen, solange die Produktionsweise auf dem heutigen Stand bleibt.

Ich werde mich nun kurz bei diesen verschiedenen Vorschlägen aufhalten und dabei erklären, worin die materiellen Faktoren bestehen, die ich eben erwähnte. Nehmen wir das letztgenannte zuerst, den anarchistischen Sozialismus: sein ökonomisches Programm ist dasselbe wie das des politischen Sozialismus im vollen Umfang des Wortes -das heißt, bevor die Wirkung der praktischen Politik das sozialistische Programm zu einer Liste von Regierungswohltaten degenerieren ließ. Die anarchistischen Sozialisten glauben, dass der Staat, die zentralisierte Regierung stets der Geschäftsführer der besitzenden Klasse war und immer sein wird; dass er lediglich der Ausdruck bestimmter materieller Bedingungen ist, und dass er mit dem Verschwinden dieser Bedingungen ebenfalls verschwinden muss; dass der Sozialismus, das heißt die vollständige Übernahme aller Formen des Eigentums aus den Händen von Menschen in den unteilbaren Besitz der Menschheit, als logische und unvermeidliche Folge die Auflösung des Staates mit sich bringt. Sie glauben, wenn jeder Einzelne das gleiche Anrecht auf die gesellschaftliche Produktion besitzt, und der Anreiz, Güter an sich zu reißen und zu behalten verschwunden wäre, dass dann auch die Verbrechen verschwinden (die in fast allen Fällen die instinktive Antwort auf eine vorangegangene Vorenthaltung dieses Anrechts auf den gleichen Anteil sind), und mit ihnen die letzte Entschuldigung für die Existenz des Staates. In der Regel sehen sie keine Veränderung der Gesellschaft in materieller Hinsicht vor, wie manche anderen von uns. In London sagte mir jemand, nach der Verwirklichung des Anarchismus würde die Stadt weiter wachsen, das Hin und Her von Menschen aller Nationen in seinen gewundenen Straßen würde bleiben, die hunderttausend Busse würden ebenfalls weiter durch die Gegend fahren, der ganze ungeheuerliche, faszinierende und erschreckende Verkehr würde weiter wie eine große Flut aufsteigen und herabsinken, aufsteigen und herabsinken, den Gezeiten gleich, alles genau wie heute. Dieser Londoner, es war John Turner (3), erklärte bei derselben Gelegenheit, er sei zutiefst von der Ökonomie des Sozialismus überzeugt.

Diese Richtung des Anarchismus entsprang der alten Sozialistischen Partei und stellte ursprünglich deren revolutionären Zweig dar, im Gegensatz zu jenen, die den Begriff Politik machen aufgegriffen haben. Ich glaube, der materielle Grund, der ursächlich dafür ist, dass sie dieses besondere System akzeptieren, liegt darin, (das gilt natürlich für alle europäische Sozialisten) dass die sozialen Gegensätze in Europa eine sehr lange Geschichte haben. Seit fast unausdenklichen Zeiten lässt sich ein Klassenkampf feststellen. Kein lebender Arbeiter, noch sein Vater, Großvater oder Urgroßvater hat erlebt, wie der Grund und Boden in Europa in riesigen Stücken aus dem öffentlichen Besitz in die Hände gewöhnlicher Leute wie er selbst fiel, die weder einen Titel noch ein anderes Unterscheidungszeichen trugen, das sie über ihn erhob, wie wir das hier in Amerika erlebt haben. Der Grund und Boden und der Grundbesitzer waren für ihn stets unerreichbare Größen, eine bekannte Ursache der Unterdrückung, der Klassenspaltung, des Klassenbesitzes.

Zudem hat die industrielle Entwicklung in den Städten - zunächst ein Mittel der Befreiung von feudaler Unterdrückung, die jedoch ihre eigene Unterdrückung mit sich brachte, die ebenfalls auf einer langen Geschichte von Kämpfen beruhte - dazu beigetragen, die einfachen Leute in den Industriestädten an das Gefühl der Klassenlehnspflicht zu binden; so dass sie, blind, dumm, kirchenfromm wie sie ohne Zweifel sind, dennoch ein vages, dumpfes, aber sehr gewiss existierendes Gefühl da ist, Hilfe nur von ihrem Zusammenschluss erwarten zu können und jeden Vorschlag, ihnen zu helfen, indem ihren Arbeitgebern geholfen wird, mit Misstrauen oder Gleichgültigkeit zu betrachten. Darüber hinaus ist der Sozialismus ein immer wiederkehrender Traum in der langen Geschichte der Revolten in Europa gewesen; die Anarchisten werden, wie die anderen, in ihn hineingeboren. Erst wenn sie das Meer überqueren und mit anderen Lebensbedingungen Kontakt bekommen, die Atmosphäre anderer Gedanken atmen, können sie auch andere Möglichkeiten sehen.

Wenn ich an dieser Stelle etwas Kritik an dieser Position der anarchistischen Sozialisten wagen kann, würde ich sagen, dass die große Schwäche ihrer Vorstellung darin liegt, einen einfachen Ursprung des Staates anzunehmen; der Staat ist nicht nur das Werkzeug der herrschenden Klassen; er hat seine Wurzeln tief in der religiösen Entwicklung des menschlichen Geistes; und er wird nicht einfach durch die Abschaffung der Klassen und des Eigentums auseinanderfallen. Andere Arbeit muss dazu getan werden. Das ökonomische Programm werde ich zusammen mit den anderen Positionen kritisieren, wenn ich nachher alle vier Positionen zusammenfasse.

Der anarchistische Kommunismus ist eher eine Abwandlung als eine Weitentwicklung des anarchistischen Sozialismus. Die meisten anarchistischen Kommunisten, glaube ich, erwarten von der Verwirklichung des Anarchismus große Veränderungen in der Bevölkerungsverteilung auf der Erdoberfläche. Die meisten von ihnen stimmen darin überein, dass die Öffnung des Grundbesitzes zusammen mit der freien Nutzung aller Werkzeuge diese riesigen, "Städte" genannten Gemeinschaften aufbrechen würde und sich kleinere Gruppen oder Kommunen bilden würden, die allein durch die freie Anerkennung der gemeinsamen Interessen zusammengehalten werden.

Während der Sozialismus eine weitere Ausdehnung des modernen Triumphes des Handels erstrebt - der darin besteht, dass er die Produkte der ganzen Welt an deine Türschwelle bringt- betrachtet der freie Kommunismus dieses fieberhafte Exportieren und Importieren als ungesunde Entwicklung, und erwartet eher eine Entwicklung, bei der sich die Menschen mehr auf heimatliche Ressourcen stützen, wobei der gewaltige Kontrollaufwand der für den Welthandel nötig ist entfiele. Er spricht den Alltagsverstand der Arbeiter an, indem er ihnen, die sich heute als hilflos Abhängige von der Fähigkeit des Chefs erleben, ihnen Arbeit zu verschaffen, vorschlägt, sich als unabhängige Produktionsgruppen zu konstituieren, sich das Material zu nehmen, zu arbeiten (was sie auch heute tun), die Produkte in Lagerhäusern zu speichern, sich zu nehmen, was sie brauchen und andere für Ausgleich sorgen zu lassen. Dafür sind weder Regierung, noch Arbeitgeber, noch ein Geldsystem erforderlich. Man braucht nur eine angemessene Rücksichtnahme auf das eigene und die Bedürfnisse der anderen. Es ist unwahrscheinlich und in der Tat ist sehr zu hoffen, dass keine so großen Ansammlungen von Menschen durch gegenseitiges Bedürfnis zusammenkommen werden, wie das heute täglich in den Fabriken geschieht. (Eine Fabrik ist eine Brutstätte für alles, was am Menschen lasterhaft ist, und das liegt im wesentlichen an der Massenhaftigkeit der Zusammenkunft.)

Die Vorstellung, Menschen könnten nicht zusammenarbeiten, wenn sie keinen Antreiber haben, der ihnen einen bestimmten Prozentanteil ihrer Erzeugnisse wegnimmt, widerspricht sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch den beobachtbaren Tatsachen. In der Regel machen die Bosse die Verwirrung nur noch schlimmer, wenn sie sich in ein Problem einmischen, das bei der Arbeit auftaucht, wovon jeder Handwerker den praktischen Nachweis schon einmal erlebt hat. Und was die gemeinsame Bemühung betrifft, nun, Menschen arbeiteten schon gemeinsam, als sie noch Affen waren; falls ihr das nicht glaubt, geht hin und seht euch die Affen an. Auch sie geben dabei ihre individuelle Freiheit nicht auf.

Kurz gesagt, werden die tatsächlich Arbeitenden ihre eigenen Regelungen treffen und selbst entscheiden, wann, wo und wie etwas getan wird. Es ist unnötig, dass Pläneschmiede der anarchistisch-kommunistischen Gemeinschaft bestimmen, auf welche Weise die verschiedenen Industriellen Zweige geführt werden, und sie stellen sich dies auch nicht vor. Der Anarchist beschwört den Geist des Wagemuts und der Tätigkeit im einfachsten Arbeiter - und sagt ihnen: "Ihr seid, die wissen, wie man eine Mine gräbt, wie man schürft, wie man schneidet; ihr werdet wissen, wie ihr eure Arbeit ohne einen Diktator organisieren könnt; wir können euch das nicht sagen, aber wir sind voll Zuversicht, dass ihr den Weg selber finden werdet. Ihr werdet erst freie Menschen sein, wenn ihr dasselbe Vertrauen in eure Fähigkeiten setzt wie wir."

Das Problem des exakten Austauschs von gleichwertigen Gütern, das die Reformer anderer Schulen so beunruhigt, existiert für ihn nicht. Es ist genug da, wen kümmert's also? Die Quellen des Wohlstands bleiben für immer unteilbar; wenn alle genug haben, wen kümmert's, wenn einer etwas weniger oder etwas mehr hat? Wen kümmert's, wenn etwas verschwendet wird? Dann ist es eben verschwendet. Der faulende Apfel düngt den Boden ebenso, als wenn er zunächst dem Stoffwechsel eines Tieres gedient hätte. Und in der Tat, ihr, die ihr soviel Aufhebens macht über das System und die Ordnung und die Ausgleichung von Konsumption und Produktion, ihr verschwendet mehr menschliche Energie bei euren Berechnungen als die kostbare Rechnung selbst wert ist. Also wird das Geld mitsamt seinem Gefolge von Komplikationen und Schwindeleien abgeschafft.

Kleine, unabhängige, auf eigene Ressourcen gestützte, frei kooperierende Gemeinschaften - das ist das ökonomische Ideal, das die meisten Anarchisten der Alten Welt heute akzeptieren.

Der ursächliche Faktor, der zur Entwicklung dieses Ideals bei den Europäern beitrug ist die Erinnerung an die mittelalterlichen Dorfgemeinde (4), von der sogar immer noch Überreste existieren - jene Oasen in der großen Sahara der menschlichen Entwürdigung, die sich in der mittelalterlichen Geschichte zeigt, als die katholische Kirche triumphierend über dem Menschen stand, der im Staub lag. Dies ist das Ideal, zauberhaft geschmückt mit dem toten Gold einer untergegangenen Sonne, welches durch die Schriften von Morris (5) und Kropotkin leuchtet. Wir in Amerika haben diese Gemeinde nie gekannt. Die Zivilisation der Weißen brach über unsere Küsten wie eine breite Gezeitenflut herein und überschwemmte das ganze Land; bei uns gab es nie die kleine Gemeinde, die sich unabhängig von anderen aus einem Zustand der Barbarei heraufarbeitete, von Grundstoffindustrien her, und sich durch sich selbst erhielt. Es gab keinen schrittweisen Wandel der Lebensweise von jener der Ureinwohner zu unser eigenen; es gab die Auslöschung der einen und die vollständige Einpflanzung der neuesten Form der europäischen Zivilisation. Die Idee der kleinen Gemeinschaft, kommt daher aus dem Instinkt der europäischen Anarchisten, besonders der auf dem Kontinent; für sie ist es nur die bewusste Entfaltung eines unterdrückten Instinkts. Für Amerikaner ist es eine Importware.

Ich glaube, dass die meisten anarchistischen Kommunisten den Fehler der Sozialisten vermeiden, den Staat lediglich als Ergebnis materieller Bedingungen anzusehen, obgleich sie ihn mit großem Nachdruck als Werkzeug des Eigentums bezeichnen, und behaupten, dass er in der einen oder anderen Form solange bestehen wird, wie es überhaupt Eigentum gibt.

Ich gehe zu den extremen Individualisten über, zu jenen, die in der Tradition der politischen Ökonomie stehen und die von der Vorstellung überzeugt sind, dass das System von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, von Kauf und Verkauf, des Bankenwesens und all der anderen Einrichtungen des Kommerzialismus, deren Zentrum das Privateigentum ist, für sich gesehen gut ist und schädlich erst durch die Einmischung des Staates wird. Ihre hauptsächlichen ökonomischen Vorstellungen sind: Grundstücke sollen von Einzelnen und Gemeinschaften nur in dem Zeitraum und der Zuteilung besessen werden, in der sie sie nutzen; Neuverteilung soll so oft stattfinden, wie die Mitglieder der Gemeinschaft dies beschließen; die Art des Gebrauchs soll durch jede Gemeinschaft entschieden werden, vorzugsweise durch städtische Versammlungen; Streitigkeiten sollen von sogenannten Freien Schiedsstellen geregelt werden, die durch Losentscheid aus der gesamten Gemeinschaft ausgewählt werden; Mitglieder, die sich den Entscheidungen der Gruppe nicht fügen wollen, sollen sich zu außerhalb liegendem ungenutztem Land begeben, ohne daran von irgendwem gehindert zu werden.

Alle Ausgangsmaterialien sollen durch Geld repräsentiert werden, das durch jeden ausgegeben werden kann, der dies wünscht; auf natürliche Weise wird es zu Individuen kommen, die ihre Sicherheiten bei Banken deponieren und im Gegenzug Banknoten akzeptieren; der Tauschverkehr würde sich frei entfalten, da diese Banknoten der Arbeit entsprechen, die in der Produktion geleistet wurde und in ausreichender Menge ausgegeben werden, (weil es nämlich keine Gewerbebeschränkungen gibt, würde es mehr Banken geben, sobald die Zinsen steigen und so würde der Zinssatz ständig durch den Wettbewerb begrenzt werden), Güter würden zirkulieren, Geschäfte aller Art würden angeregt werden und, da die staatliche Privilegierung von Erfindungen entfiele, würden ständig neue Industrien entstehen, die Bosse würden nach Leuten suchen statt die Leute nach Bossen, die Löhne würden auf das Maß der individuellen Produktion steigen und dort immer bleiben. Endlich würde es Eigentum geben, echtes Eigentum, das heute nicht existiert, weil niemand den Gegenwert seiner Erzeugnisse erhält.

Der Reiz dieses Programms liegt darin, dass es keine durchgreifende Änderung unserer täglichen Gewohnheiten vorschlägt; es verwirrt uns nicht so wie die eher revolutionären Vorschläge. Seine Heilmittel wirken von selbst; sie beruhen nicht auf der bewussten Anstrengung von Einzelnen, Gerechtigkeit herbeizuführen und harmonische Verhältnisse aufzubauen; Wettstreit in Freiheit ist das große automatische Ventil, das sich öffnet oder schließt je nachdem, ob die Nachfrage steigt oder sinkt, und es ist nichts weiter erforderlich, als es möglichst für sich alleine wirken zu lassen und nicht zu versuchen, ihm nachzuhelfen.

Sicherlich werden neun von zehn Amerikanern, die noch von keinem der vorgestellten Programme je etwas gehört haben, diesem mit weit größerem Interesse und größerer Zustimmung lauschen als den anderen. Der materielle Grund für diese Geisteshaltung ist offensichtlich. Abgesehen von der Negerfrage haben wir in diesem Land niemals eine überkommene Klassenspaltung gehabt; jetzt gerade sind wir dabei, eine einzuführen; wir haben nie die Notwendigkeit der Vereinigung der Arbeiter empfunden, weil es in unserer Gesellschaft stets das Individuum war, das aktiv wurde; wer heute Arbeiter war, wurde morgen Unternehmer; ungeheure Möglichkeiten in dem unentwickelten Land vor sich sehend, schulterte er sein Werkzeug und machte sich alleine auf den Weg. Sogar heute noch, wo der Kampf immer härter und der Arbeiter immer mehr in die Ecke gedrängt wird, wird die Linie, die die Klassen trennt, ständig durchbrochen und das Hauptmotto des Amerikaners lautet nach wie vor "hilf dir selbst, dann hilft dir Gott". Folglich spricht ein ökonomisches Programm, dessen Grundton "mischt euch nicht ein" lautet, sehr stark die traditionellen Sympathien und Lebensgewohnheiten eines Volkes an, das ständig erlebt, wie jemand eine fast grenzenlose Herrschaft aufrichtet, wie ein Spieler, der seine Einsätze aufhäuft, mit dem man auf der Schule gespielt hat oder mit dem man im selben Betrieb ein Jahr oder zehn Jahre zuvor gearbeitet hat.

Dieser Zweig des Anarchismus akzeptiert nicht die Position der Kommunisten, dass die Regierung eine Folge des Eigentums ist; im Gegenteil, er glaubt die Regierung sei verantwortlich dafür, dass es kein echtes Eigentumsrecht gibt (nämlich den ausschließlichen Besitz des Produktes durch den, der es herstellt). Sie betonen mehr den metaphysischen Ursprung des Staates in der auroritätsschaffenden Furcht des Menschen. Sie greifen die Idee der Autorität direkt an; die materiellen Defizite scheinen eine Folge des geistigen Irrtums zu sein (wenn ich dieses Wort ohne Furcht vor Missverständnis verwenden kann), also genau umgekehrt, wie dies die Sozialisten sehen.

Die Wahrheit liegt indessen nicht "in der Mitte", sondern in einer Synthese beider Meinungen.

Der anarchistische Mutualismus ist eine Abwandlung des individualistischen Programms, die mehr Nachdruck auf die Organisation, die Kooperation und die freie Föderation der Arbeiter legt. Für die Mutualisten ist die Gewerkschaft der Kern der frei kooperierenden Gruppe, welche die Notwendigkeit eines Arbeitgebers beseitigen wird, die Zeitgutscheine an ihre Mitglieder ausgibt, sich um das fertige Produkt kümmert, mittels der zentralen Föderation den Tauschverkehr mit anderen Gruppen zum gegenseitigen Nutzen organisiert, ihren Mitglieder Kredit eröffnet und sie gegen Verluste versichert. Die mutualistische Position in der Bodenfrage ist dieselbe wie die der Individualisten, ebenso ihre Verständnis vom Staat.

Der materielle Faktor, der zu diesen Unterschieden zwischen Individualisten und Mutualisten geführt hat, liegt glaube ich in der Tatsache begründet, das der Individualismus dem Gehirn von Leuten entsprungen ist, die von sogenannter selbstständiger Tätigkeit lebten, sei es als Arbeiter, sei es als Gewerbetreibende. Josiah Warren (6), obgleich er arm war, lebte auf individualistische Weise und machte seine sozialen Experimente des freien Lebens in kleinen Landsiedlungen, weit entfernt von den großen organisierten Industriegebieten. Auch Tucker, obwohl ein Städter, hatte mit solchen Industrien keinerlei Verbindung. Die Unterdrückung in den großen Fabriken haben sie nie gekannt, noch haben sie sich unter Arbeiterorganisationen gemischt. Die Mutualisten haben das; folglich neigten sie mehr dem Kommunismus zu. Dyer D. Lum (7) verbrachte die größte Zeit seines Lebens mit dem Aufbau von Gewerkschaften, er selbst war Handwerker, Buchbinder von Beruf.

Ich habe nun vier verschiedene ökonomische Modelle, die von Anarchisten vertreten werden in groben Zügen präsentiert. Erinnern wir uns, dass sie alle in einem Punkt übereinstimmen: kein Zwang. Jene, die eine der Methoden bevorzugen haben nicht die Absicht, sie jenen aufzuzwingen, die eine andere Methode mehr schätzen, so lange sie selbst die gleiche Toleranz genießen. Erinnern wir uns auch, dass keines dieser Modelle Selbstzweck ist, sondern dass sie vorgeschlagen werden, weil ihre Urheber glauben, so ließe sich die Freiheit am besten gewährleisten. Jeder Anarchist würde als Anarchist sein eigenes Modell freiwillig aufgeben, wenn er sieht, dass ein anderes in dieser Hinsicht erfolgreicher ist.

Ich glaube, dass diese und viele andere an verschiedenen Orten durchaus mit Erfolg erprobt werden können; ich möchte, dass sich die Instinkte und Lebensgewohnheiten der Menschen in jeder Gemeinschaft in freier Auswahl ausdrücken können; und ich bin mir sicher, dass verschiedene Umgebungen unterschiedliche Lösungen verlangen.

Obwohl ich anerkenne, dass die Freiheit unter jedem dieser ökonomischen Modelle außerordentlich vergrößert werden würde, gestehe ich offen, dass mich keines davon befriedigt.

Sozialismus und Kommunismus verlangen ein Maß an gemeinsamer Anstrengung und Verwaltung, die mehr Regulierung mit sich bringt, als es mit dem idealen Anarchismus vereinbar ist; Individualismus und Mutualismus erfordern die Einrichtung einer privaten Polizei, da sie auf dem Eigentum beruhen, was sich mit meinen Vorstellungen von Freiheit überhaupt nicht verträgt.

Mein Ideal wäre eine Situation, in der alle natürlichen Ressourcen für immer frei für alle zugänglich sind, und der Arbeiter, wenn er mag, alles zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse individuell herstellen kann, so dass er Arbeit und Muße nicht an den Zeiten der anderen ausrichten muss. Ich glaube, eine solche Zeit wird kommen, aber nur durch die Entwicklung neuer Produktionsweisen und eines anderen Geschmacks der Menschen. Einstweilen rufen wir alle mit einer Stimme nach der Freiheit des Versuchens.

Sind dies alle Ziele des Anarchismus? Sie sind nur der Anfang. Sie zeigen im Umriss, was für die Produzenten von Gütern erforderlich ist. Wenn du als Arbeiter nicht weiter denkst als daran, dich von der schrecklichen Fesselung durch den Kapitalismus zu befreien, dann ist das für dich das Richtmaß des Anarchismus. Aber dann bist du es, der die Grenze dort zieht. Unmessbar tiefer taucht die Seele ein, unmessbar höher schwingt sie sich auf, wenn sie das Gefängnis der Gewohnheit und der Feigheit verlässt.

Ah, einmal unerschütterlich am Rand dieses dunklen Abgrunds der Leidenschaften und Begierden zu stehen, endlich einmal einen kühnen unverwandten Blick in den Vulkan des Ich hinabzuwerfen, einmal, in diesem einen Mal und in dem einen Mal für immer, den inneren Befehl abzuwerfen, dieses Wissen um den Abgrund vor sich zu verbergen und vor ihm zu fliehen, -sondern, zu wagen, es fauchen und sieden zu lassen, wie es will und uns zitternd und windend seiner Gewalt zu überlassen! Ein für allemal zu erkennen, dass man nicht ein Bündel wohlgeordneter kleiner Verstandesgründe im Vorderstübchen des Gehirns ist, das Predigten braucht und mit Schulbuchweisheiten in Ordnung gehalten werden muss oder durch Spitzfindigkeiten in Bewegung gesetzt und angehalten, sondern eine bodenlose Tiefe voll fremdartiger Empfindungen, ein aufgewühltes Meer des Fühlens, wo unaufhörlich Stürme unerklärlicher Wut und unerklärlichen Hasses toben, unsichtbare Verkrümmungen der Enttäuschung, Niedrigwasser der Gemeinheit, unkontrollierbare Erschütterungen der Liebe, ein Sehnen, Stöhnen, Schluchzen die das innere Ohr quälen, das sich zum ersten Mal herabbeugt um zu lauschen: als würde sich alle Traurigkeit des Meeres mit dem Wehklagen der großen Pinienwälder des Nordens vereinen, um gemeinsam in jener Stille Tränen zu vergießen, die du allein hören kannst. Dort hinunter zu sehen, die Dunkelheit zu kennen, die Mitternacht, die tote Zeit im Innern, den Urwald und die Bestie drinnen zu fühlen, - und den Sumpf und den Morast, die trostlose Wüste der Verzweiflung des Herzens - dies zu sehen, zu wissen, zu fühlen aufs Äußerste,- und dann einen Blick auf den Mitmenschen werfen, wie er einem in der Straßenbahn gegenüber sitzt, so schicklich, so aufgeputzt, so nett gekämmt, gebürstet und gekremt, und sich fragen, was unter dieser gewöhnlichen Oberfläche liegt,- sich die Höhle in seinem Innern vorzustellen, die irgendwo in der Tiefe einen engen Durchgang zu deiner eigenen hat - sich den Schmerz vorzustellen, der ihn womöglich bis in die Fingerspitzen hinein foltert, während er diese gesetzte Eisenpanzer-Miene zur Schau trägt - sich auszumalen, wie auch er innerlich zittert, sich windet und vor jener Lava des Herzens flieht und in seinem Gefängnis leidet und nicht wagt, sich selbst zu sehen - sich respektvoll von der Eingangspforte des einfachsten und wenig versprechenden Wesens zurückzuziehen, selbst des unwürdigsten Verbrechers, weil man die Nichtigkeit und den Verbrecher in einem selbst kennt - auf jede Ablehnung zu verzichten (umso mehr auf Prozess und Verurteilung), weil man weiß, aus welchem Stoff der Mensch gemacht ist und vor nichts zurückweicht, weil alles auch in einem selbst ist, - das kann Anarchismus für dich bedeuten. Für mich bedeutet er das.

Und dann den Blick zu den Wolken heben, zu den Sternen, zum Himmel, und sich von Träumen überströmen zu lassen - nicht länger von irgendwelchen äußeren Mächten in Furcht gehalten werden - nichts Höheres über sich selbst anerkennen - sich endlos Bilder ausmalen, ungehörte Sinfonien schaffen, die dir allein ihre Traumlieder singen, in weiträumigem Mitgefühl die verrohten Dummköpfe als Gleiche, als Brüder umfangen, die Blumen liebkosen wie in der Kinderzeit, frei über die Grenzen dessen zu schreiten, was Furcht und Gewohnheit das Mögliche nennen, - auch das kann Anarchismus für dich bedeuten, wenn du das Wort in dieser Weise zu verwenden wagst. Und wenn du es eines Tages tust, - wenn du dann auf deiner Werkbank sitzend eine überwältigende Vision hast, ein Bild von jenem goldenen Zeitalter siehst, wo es keine Gefängnisse mehr auf der Erde gibt, keinen Hunger, keine Obdachlosigkeit, keine Beschuldigung, keine Verurteilung, wo die Herzen wie offene Bücher daliegen, ebenso strahlend wie furchtlos, wenn du dann zu deinem unbedarften Kollegen hinübersiehst, der bei seiner Arbeit schwitzt, riecht und flucht, - erinnere dich daran, dass du seine Höhen ebensowenig kennst wie seine Abgründe. Auch er träumt vielleicht davon, wie das Joch der Gewohnheit, des Gesetzes und des Dogmas über ihm zerbrochen wird. Du weißt nicht, welches geflügelte Wesen sich gerade in der lichtlosen, gebundenen, starren Puppe heranbildet.

Anarchismus heißt Freiheit der Seele ebenso wie des Körpers, - in jedem Streben, in jedem Wachsen.

Ein paar Worte zu den Methoden. Früher haben sich die Anarchisten auch aus diesem Grund entzweit; Revolutionäre nannten die Friedfertigen verachtungsvoll Quäker; brutale Kommunisten lautete umgekehrt der Bannfluch dieser Quäker.

Auch das ist im Verschwinden begriffen. Ich sage: die Wahl der Methoden ist der persönlichen Fähigkeit und Entscheidung überlassen.

Da ist Tolstoi, - ein Christ, dem Bösen nicht widerstehend, ein Künstler. Seine Methode besteht darin, Bilder von der Gesellschaft zu zeichnen, wie sie ist, die Brutalität und die Nutzlosigkeit der Gewalt zu zeigen; das Ende des Staates durch Zurückweisung jeder militärischen Gewalt zu predigen. Sehr gut! Ich akzeptiere es vollständig. Es entspricht seiner Persönlichkeit, es entspricht seiner Fähigkeit. Seien wir froh, dass er auf diese Weise arbeitet.

Da ist John Most - alt, abgearbeitet, beladen mit Gefängnisjahren, - und doch bitterer, erbitterter in seinen Anklagen gegen die herrschende Klasse als ein Dutzend Jüngerer - er weckt immer noch in seinen Mitmenschen das Bewusstsein für das was falsch ist, während er die letzten Hügel seines Lebens heruntergeht. Sehr gut! Dieses Bewusstsein muss geweckt werden. Möge diese feurige Zunge noch lange sprechen.

Da ist Benjamin Tucker - kühl, verschlossen, kritisch, - der seine scharfen Pfeile auf Freund wie Feind mit eisiger Unparteilichkeit abschießt, schnell zuschlägt und scharf schneidet, - und stets bereit ist, Verräter an der Sache festzunageln. Er baut auf passiven Widerstand als die effektivste Methode, ist jederzeit bereit, sie zu ändern, wenn es weise erscheint. Das entspricht ihm; auf seinem Gebiet ist er einzig - unersetzbar.

Und da ist Peter Kropotkin, der zu den Jungen spricht, mit milden warmen wachen Augen auf jede zivilisierende Bemühung blickt, mit kindlichem Enthusiasmus die Erhebungen der Arbeiter feiert und mit ganzer Seele an die Revolution glaubt. Auch ihm schulden wir Dank.

Und da ist George Brown, der für friedliche Enteignung durch vereinigte Arbeitergewerkschaften eintritt; und das ist sehr gut. Das ist sein bester Platz, da ist er zu Hause, auf diesem Gebiet kann er am meisten erreichen.

Und drüben in Italien, in seinem Zellenloch, liegt der Mann dessen Methode darin bestand, einen König zu töten und die Nationen plötzlich in das Bewusstsein von der Hohlheit ihres Gesetzes und ihrer Ordnung zu stoßen. Auch ihn, ihn und seine Tat, akzeptiere ich vorbehaltlos, und verbeuge mich schweigend vor der Stärke dieses Mannes.

Denn es gibt einige deren Natur es ist, nachzudenken und eine Sache zu erörtern, nachzugeben und doch wieder auf den Punkt zurückzukommen, und so eine Gasse in den Geist ihrer Mitmenschen zu schlagen; und es gibt andere, die ernst und ruhig sind, entschlossen, unversöhnlich, so wie sich die Juden Gott vorstellen; - und diese schlagen zu, schlagen ein einziges Mal zu und sind und haben das Ihre getan; doch der Schlag hallt auf der ganzen Welt wider. Und wie in einer sturmverhangenen Nacht plötzlich ein greller Blitz aufzuckt und jeder Gegenstand scharf beleuchtet dasteht, so sah die Welt im Blitzlicht des Schusses aus Brescis Pistole in einem Augenblick die Tragödie des italienischen Volks, hungernd, verkümmert, verkrüppelt, am Boden kauernd, entwürdigt, gemordet; und in demselben Augenblick, in dem ihre Zähne vor Furcht klapperten, kamen sie an und fragten die Anarchisten nach ihren Gründen. Und hundertausende Menschen lasen in diesen wenigen Tagen mehr über die Idee als jemals zuvor.

Ihr fragt nach einer Methode? Fragt ihr den Frühling nach seiner Methode? Was ist notwendiger, Sonnenschein oder Regen? Sie schließen einander aus - richtig; sie vernichten einander - richtig, doch aus dieser Vernichtung wachsen die Blumen. Jeder wähle die Methode, die seine Eigenheit am besten ausdrückt und niemand verurteile einen anderen, weil er sein Selbst auf andere Weise ausdrückt.

Fußnoten:

(1) Charles Leigh James, 1846-1911, Autor der Free Society. Voltairine de Cleyre lernte ihn 1893 auf einer Konferenz in Chicago kennen, bei der versucht wurde, zwischen den verschiedenen anarchistischen Strömungen zu vermitteln. John Most und Benjamin Tucker waren eingeladen, weigerten sich aber zu kommen.

(2) Leo Tolstoi, 1828-1910, zuerst als Schriftsteller erfolgreich, wandte er sich seit Ende der 70er Jahre sozialen Fragen zu und wurde Begründer eines christlich-pazifistischen Anarchismus. "Die Verbreitung von Tolstois 'Krieg und Frieden' und 'Die Sklaverei unseres Zeitalters'", schreibt Voltairine de Cleyre, "ebenso wie das Anwachsen zahlreicher Tolstoi-Vereinigungen, die sich die Verbreitung der Literatur des Nichtwiderstehens zum Ziel gesetzt haben, ist ein Zeichen dafür, dass viele den Gedanken akzeptieren, dass Krieg am leichtesten durch Frieden überwunden wird. Ich bin eine von diesen. Ich sehe kein Ende des Zurückschlagens, bis jemand aufhört, zurückzuschlagen. Doch niemand soll dies als servile Unterwerfung oder lammfromme Selbstverleugnung missverstehen; ich werde für mein Recht um jeden Preis eintreten, und niemand wird es ohne meinen Protest beschneiden." (Selected Works, S. 163)

(3) John Turner, Londoner Anarchist, geb. 1864, Gastgeber von Voltairine de Cleyre während ihres Aufenthalts in London 1897, hielt sich 1903 in den USA auf und wurde so der erste ausländische Anarchist, der aufgrund des anti-anarchistischen Gesetzes von 1903 nach McKinleys Ermordung aus den USA deportiert wurde (1904). (Avrich, S. 106, 190)

(4) Gemeint sind die Gemeinden mit Stadtrecht.

(5) William Morris, 1834-1896, englischer Künstler, Schriftsteller und libertärer Sozialist. Morris' Vision eines freiheitlichen Lebens im Mittelalter findet sich in seiner Schrift "Der Traum von John Ball" (1888).

(6) Josiah Warren, 1798-1874, aus Boston, 1825 Mitglied der demokratisch organisierten Siedlung "New Harmony", wurde durch die Erfahrung ihres Scheiterns zum Individualisten, lebte danach in Cincinnati, gründete dort 1827 einen "Time Store", bei dem der Handelsaufschlag aus dem Zeitverbrauch berechnet wurde. 1833 gab er die Zeitschrift "The Peaceful Revolutionist" (Der friedliche Revolutionär) heraus, nach Nettlau "die erste anarchistische Zeitschrift, die je erschien" (Max Nettlau, Geschichte der Anarchie, Band 1, S. 109), 1846 erschien sein Hauptwerk "Equitable Commerce" (Handel nach Billigkeit). Lebte seit 1850 in New York, weiterhin mit Gemeinschafts- und Ladengründungen beschäftigt.

(7) Dyer D. Lum, 15.2.1839-6.4.1893 (Selbstmord). Von 1888 bis 1893 eng befreundet mit Voltairine de Cleyre, war er ihr wichtigster Lehrer. Im Bürgerkrieg diente er als Offizier der Nordstaatenarmee, versuchte sich glücklos als Politiker (er setzte sich u.a. für den Achtstundentag ein), und wandte sich Mitte der 80er Jahre dem Anarchismus zu.

Dem Aufsatz Anarchismus von Voltairine de Cleyre (1866-1912) lag wie meist bei ihr ein Vortragsmanuskript zugrunde. Erstmals wurde er bei einer öffentlichen Veranstaltung in Philadelphia im April 1901 vorgelesen (Nettlau, Geschichte der Anarchie, Bd. 4, S. 453). Gedruckt erschien er am 13.10.1901 in Free Society (Chicago).


Via anarchismus.at

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