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»Jeder Tag ist Abschied, aber die Nacht ein Lied der Wiederkehr.« Oskar Werner

Dämpfer und Trommel


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Geschmack ist der treueste Seismograph der historischen Erfahrung. Wie kaum ein anderes Vermögen ist er fähig, sogar das eigene Verhalten aufzuzeichnen. Er reagiert gegen sich selber und erkennt sich als geschmacklos.

Künstler, die abstoßen, schockieren, Sprecher der ungemilderten Grausamkeit lassen in ihrer Idiosynkrasie vom Geschmack sich leiten: das Genre Still und Fein jedoch, die Domäne der neuromantisch Nervösen, Sensiblen liegt selbst bei ihren Protagonisten als so derb und ahnungslos zutage wie der Rilkevers "Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen ..." Der zarte Schauder, das Pathos des Verschiedenseins sind nur noch genormte Masken im Kult der Unterdrückung. Gerade den ästhetisch avancierten Nerven ist das selbstgerecht Ästhetische unerträglich geworden. So durch und durch geschichtlich ist das Individuum, daß es mit dem feinen Gefädel seiner spätbürgerlichen Organisation gegen das feine Gefädel spätbürgerlicher Organisation zu rebellieren vermag. Im Widerwillen gegen allen künstlerischen Subjektivismus, gegen Ausdruck und Beseeltheit sträuben sich die Haare gegen den Mangel an historischem Takt, nicht anders als nur je der Subjektivismus selber vor den bürgerlichen Convenus zurückzuckte. Noch die Absage an die Mimesis, das Innerste Anliegen der neuen Sachlichkeit, ist mimetisch. Das Urteil über den subjektiven Ausdruck wird nicht von außen gefällt, in politisch-gesellschaftlicher Reflexion,

sondern in unmittelbaren Regungen, deren jegliche, im Angesicht der Kulturindustrie zur Scham gezwungen, ihr Antlitz abwendet von ihrem Spiegelbild. Obenan steht die Verfemung des erotischen Pathos, von der die Verschiebung der lyrischen Akzente nicht weniger Zeugnis ablegt, als die unter einem kollektiven Bann stehende Sexualität in den Dichtungen Kafkas. In der Kunst seit dem Expressionismus ist die Hure zur Schlüsselfigur geworden, während sie in der Realität ausstirbt, weil einzig an der Schamlosen das Geschlecht ohne ästhetische Beschämung noch gestaltet werden kann. Solche Verschiebungen der tiefsten Reaktionsweise haben es dahin gebracht, daß Kunst in ihrer individualistischen Gestalt verfiel, ohne daß sie als kollektive möglich wäre. Es steht nicht bei der Treue und Unabhängigkeit des einzelnen Künstlers, unbeirrt an der Sphäre des Expressiven festzuhalten und dem brutalen Zwang der Kollektivierung sich entgegenzusetzen, sondern er muß diesen Zwang noch in den geheimsten Zellen seiner Isoliertheit, und wäre es gegen seinen Willen, verspüren, wenn er nicht durch anachronistische Humanität hinterm Inhumanen unwahr und hilflos zurückbleiben will. Selbst der intransigente literarische Expressionismus, die Lyrik Stramms, die Dramen Kokoschkas zeigen als Kehrseite ihres echten Radikalismus einen naiven, liberal-vertrauensvollen Aspekt.

Der Fortschritt über sie hinaus aber ist nicht weniger fragwürdig. Kunstwerke, die wissend die Harmlosigkeit der absoluten Subjektivität beseitigen wollen, erheben damit den Anspruch einer positiven Gemeinsamkeit, die nicht in ihnen selbst gegenwärtig, sondern willkürlich zitiert ist. Das macht sie zum bloßen Sprachrohr des Verhängnisses und zur Beute der letzten Naivetät, die sie aufhebt, der, überhaupt noch Kunst zu sein. Die Aporie der verantwortlichen Arbeit kommt der unverantwortlichen zugute. Gelingt es einmal, die Nerven ganz abzuschaffen, so ist gegen die Renaissance des Liederfrühlings kein Kraut gewachsen, und der Volksfront vom barbarischen Futurismus bis zur Ideologie des Films steht nichts mehr im Wege.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia

Abweichung



Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Für den Verfall der Arbeiterbewegung spricht der offizielle Optimismus ihrer Anhänger. Er scheint mit der eisernen Konsolidierung der kapitalistischen Welt anzuwachsen. Die Inauguratoren haben niemals das Gelingen für garantiert gehalten und darum den Arbeiterorganisationen ihr Leben lang Unannehmlichkeiten gesagt. Heute, da die Position des Gegners und seine Verfügung übers Bewußtsein der Massen unendlich verstärkt sind, gilt der Versuch, durch Kündigung des Einverständnisses dies Bewußtsein jäh zu verändern, für reaktionär. Jeder macht sich verdächtig, der mit der Kritik am Kapitalismus die am Proletariat verbindet, das mehr und mehr die kapitalistischen Entwicklungstendenzen selber bloß reflektiert. Über die Klassengrenzen hinweg ist das negative Element des Gedankens verpönt. Die Weisheit des Kaisers Wilhelm, "Schwarzseher dulde ich nicht", ist in die Reihen derer eingedrungen, die er zerschmettern wollte. Wer etwa auf das Ausbleiben eines jeglichen spontanen Widerstands der deutschen Arbeiter hinwies, dem ward entgegengehalten, alles sei derart im Fluß, daß kein Urteil möglich sei; wer nicht an Ort und Stelle, unter den armen deutschen Opfern des Luftkriegs sich befinde, der doch diesen ganz gut gefiel, solange es gegen die andern ging, habe überhaupt den Mund zu halten, und außerdem stünden Agrarreformen in Rumänien und Jugoslawien unmittelbar bevor. Je weiter jedoch die rationale Erwartung entschwindet, daß das Verhängnis der Gesellschaft wirklich gewendet werde, um so ehrfürchtiger beten sie dafür die alten Namen: Masse, Solidarität, Partei, Klassenkampf her. Während kein Gedanke aus der Kritik der politischen Ökonomie bei den Anhängern der linken Plattform mehr feststeht; während ihre Zeitungen ahnungslos täglich Thesen ausposaunen, die allen Revisionismus übertrumpfen, aber gar nichts bedeuten und morgen auf Abruf durch die umgekehrten ersetzt werden können, zeigen die Ohren der Linientreuen musikalische Schärfe, sobald es sich um die leiseste Respektlosigkeit gegen die der Theorie entäußerten Parolen handelt. Zum Hurra-Optimismus schickt sich der internationale Patriotismus. Der Loyale muß zu einem Volk sich bekennen, gleichgültig welchem. Im dogmatischen Begriff des Volkes aber, der Anerkennung des vorgeblichen Schicksalszusammenhangs zwischen Menschen als der Instanz fürs Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint. Selbst der Hurra-Optimismus ist die Perversion eines Motivs, das einmal andere Tage sah: dessen, daß nicht gewartet werden könne. Im Vertrauen auf den Stand der Technik wurde die Veränderung als unmittelbar bevorstehend, als nächste Möglichkeit gedacht. Konzeptionen, welche sich an lange Zeiträume, Kautelen, umständliche bevölkerungspädagogische Maßnahmen banden, waren verdächtig, das Ziel preiszugeben, zu dem sie sich bekannten. Damals hatte im Optimismus, der der Todesverachtung gleichkam, der autonome Wille sich ausgedrückt. Übriggeblieben ist nur die Hülle davon, der Glaube an Macht und Größe der Organisation an sich, ohne Bereitschaft zum eigenen Tun, ja durchtränkt mit der destruktiven Überzeugung, Spontaneität sei zwar nicht mehr möglich, aber am Ende gewinne doch die rote Armee. Die beharrliche Kontrolle darüber, daß jeder zugibt, es werde schon gut werden, verdächtigt den Unnachgiebigen als Defaitisten und Abtrünnigen. Im Märchen waren die Unken, die aus der Tiefe kamen, Boten des großen Glücks. Heute, da die Preisgabe der Utopie deren Verwirklichung so ähnlich sieht wie der Antichrist dem Parakleten, ist Unke zum Schimpfwort unter denen geworden, die selber drunten sind. Der linke Optimismus wiederholt den tückischen bürgerlichen Aberglauben, man solle den Teufel nicht an die Wand malen, sondern sich ans Positive halten. " Dem Herrn gefällt die Welt nicht? Dann muß er sich eine bessere suchen" - das ist die Umgangssprache des sozialistischen Realismus.

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