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»Jeder Tag ist Abschied, aber die Nacht ein Lied der Wiederkehr.« Oskar Werner

Berlin: Revolutionäre 1. Mai- Demonstration 2026

Fronttransparent der Demo mit dem Text "gegen die Gesamtscheiße - Die Zukunft gehört uns!" und einem Roten Stern mit Antifaflaggen auf der linken Seite getragen von verschiedenen Personen, dahinter eine Masse von Menschen am späten Abend.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Unter dem Motto „Gegen die Gesamtscheiße“ startete die diesjährige revolutionäre 1. Mai-Demonstration unter der Beteiligung mehrerer 10.000er Teilnehmer*innen vom Oranienplatz in Kreuzberg. Marxistische Jugendgruppen, Pali-Solidaritäts-Bewegung und ein großer Antifablock bildeten den Anfang. Ein sich schon am Mittag bildener „Menschenteppich“, durch verschiedenste angemeldete und auch nicht angemeldete Party- und Feierangebote in großen Teilen von Kreuzberg erschwerte den Start und einen geschlossenen Demozug. Stundenlange Verzögerungen waren die Folge. Ein Teil der Demo schaffte es die Route einzuhalten, der andere Teil blieb erstmal stecken. Ab dem Görlitzer Park wurde der Antifa-Block von einem dichtem Bullenspalier begleitet. Am Rande der Demo wurden Nazi-Influencer vertrieben, es gab zahlreiche Solidaritätsgrüße von Balkonen und der Bordsteinkante. Gegen 23.00 Uhr erreichte die Demonstration den Abschlußkundgebungsplatz am Südstern. Dort ließen es sich die Bullen nicht nehmen, Teile des Antifablocks anzugreifen, durch Geschlossenheit konnte dieses abgewiesen werden. Was bleibt von diesem Tag? 10.000de waren auf der Straße, organisiert und auch weniger organisiert, und ein Gefühl, das Mensch nicht allein ist mit der Gesamtscheiße um uns herum.

„Wir feiern das Leben, die Rebellion und die Befreiung. Weg damit: Wehrpflicht, Militarisierung und Kriegsregime. Feminizide, Männlichkeit und Patriarchat. Nationalismus, Faschismus und AfD. Wasserprivatisierung, Autobahnausbau und Klimakatastrophe. Regierende Bürgermeister, Zäune und nächtens geschlossene Parks. Autoritarismus, Dogmatismus und scheinbar einfache Wahrheiten. Angriffe auf Rojava, Krieg in der Ukraine und Genozid in Gaza. Racial Profiling, »kriminalitätsbelastete Orte« und neue Polizeigesetze. Finanzielle Kürzungen, Demontage des Sozialstaats und der restliche Monat am Ende des Geldes. Gefangennahme von Cilia Flores mit Ehemann, von Antifaschist*innen und unserer langjährigen Nachbarin Daniela Klette. Private Wohnungsunternehmen, steigende Energiekosten und hohe Mieten. Merz, Pistorius und alle anderen da oben. Alles Würg!

Wir finden das Leben viel zu interessant, um es für all das herzugeben. Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen, wie es einst Karl Marx formulierte, und dazu werden wir beitragen. Wir spielen nicht mit, wir rebellieren, wir widersetzen uns. Wir verweigern uns den auferlegten Pflichten. Wir desertieren aus diesen Verhältnissen. Wir brechen aus und nehmen uns am Ersten Mai die Straße. Denn wenn schon die Gegenwart verloren ist, so wollen wir doch die Zukunft erobern.Mit Zehntausenden werden wir am Abend des 1. Mai in Berlin zur jährlich größten Manifestation der radikalen Linken zusammenkommen. Uns eint unsere Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Widerspruch zum Herrschenden, das kein Versprechen mehr für uns hat. Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit.“

(aus: Aufruf des Antiautoritären Blocks)


Eine gute Übersicht mit Infos zur Demo und allen anderen Aufrufen findet ihr auf der Seite von erstermai.nostate.net/

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Brick Pride oder: Ich bin froh, so zu sein, wie ich bin

Das Foto von Andrew Lister zeigt einen Hohlziegel mit 3 Löchern auf einem Holzfußboden
Ein Ziegel allein...
Jeder hasst einen Ziegelstein – bis es darum geht, ein Haus zu bauen oder Polizisten damit zu bewerfen. In der Sub-Subkultur, in der ich als trans-anarchistischer Punk lebe, gibt es ein Wort, das oft verwendet wird, um Transfrauen zu beschreiben, die nicht besonders gut als Frauen durchgehen. „Brick.“

Es stammt aus der Ballroom-Kultur, soweit ich das beurteilen kann, aus den 70er- und 80er-Jahren in New York City, von den Street Queens, die eine Tanzkultur aufgebaut haben, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Es ist ein so seltener Slangbegriff, dass er noch nicht einmal im Urban Dictionary auftaucht, aber in meinem Leben ist er durchaus geläufig.

Ein Brick ist „clocky“. Wir können entlarvt werden. Die Leute sehen uns an und wissen, dass wir bei der Geburt als männlich zugewiesen wurden. Vielleicht haben wir breite Schultern, vielleicht sind wir groß. Vielleicht haben wir keine Stimmbildung gemacht. Vielleicht können wir uns keine Elektrolyse leisten. Vielleicht nehmen wir keine Hormone. Vielleicht haben wir alles getan und sind trotzdem noch „clocky“. Vielleicht sind wir einfach dumm wie ein Ziegelstein.

Es ist kein nettes Wort, zumindest ursprünglich nicht. Es ist kein Wort, das man aus Höflichkeit sagt. Ich habe noch keine Aufkleber oder T-Shirts gesehen, auf denen „Bewaffnet die Ziegelsteine“ oder „Schützt die Ziegelsteine“ steht. (Wir sind bereits bewaffnet und wir schützen uns selbst.)

Vielleicht will ich keine Dichotomie zwischen den Puppen (die als Frauen durchgehen oder dem nahekommen) und den Ziegelsteinen (die das nicht tun und es vielleicht nie tun werden) aufstellen. Vielleicht dürfen wir alle auch „Puppen“ sein. Ich weiß es nicht. Aber in dieser winzigen, winzigen Szene, in der ich mich befinde, ist die Zweiteilung bereits vorhanden. Niemand hat mich jemals eine Puppe genannt.

Und weißt du was? Das ist in Ordnung.

Ich bin ein Ziegelstein. Ich bin aus Erde gemacht. Ich bin schwer, selten verziert, stark und nützlich.

Das Foto von  Kim Traynor zeigt eine Mauer aus Ziegelsteinen
... kommt selten allein

Quelle: Bricks in Buccleuch Street, Edinburgh by Kim Traynor
Lizenz: CC BY-SA 2.0

Mit Ziegelsteinen kann man eine Mauer bauen und alles schützen, was man liebt. Mit Ziegelsteinen kann man ein Haus bauen, das Jahrhunderten von Wind und Regen standhält. Der moderne LGBT-Stolz begann, als die Polizei das Stonewall Inn in New York City stürmte und (die Details sind hier wahrscheinlich apokryph) eine Transfrau den ersten Ziegelstein auf die Polizisten warf.

Die beiden am häufigsten genannten Anwärterinnen für „warf den ersten Ziegelstein“ sind Marsha P. Johnson, eine schwarze Frau, und Slyvia Rivera, die aus Puerto Rico stammte. Ich möchte nicht in die Vergangenheit reisen und unsere modernen Slang-Begriffe auf sie anwenden. Ich möchte sie nicht in die eine oder andere Schublade stecken. Aber der moderne Pride begann, als jemand einen Ziegelstein auf die Polizisten warf. Wie könnte ich „Ziegelstein“ denn als Beleidigung auffassen?

Die Schönheitsideale für Frauen tun niemandem gut, weder Cis- noch Trans-Personen. Egal, welche Figur du hast, welche Größe du hast, du wirst es nie richtig machen.

Ich habe das Glück, aus einer Linie von Punk-Mädchen und -Frauen zu stammen, die sich sowohl an Schönheitsidealen ergötzten als auch gegen sie rebellierten. Von Menschen, die sich nie rasierten. Von Leuten, die abgeschnittene Jeans trugen, die ihre Dehnungsstreifen und Bäuche zeigten. Von Rebellen, die sowohl Make-up trugen als auch nicht, die aber mit den Besten von ihnen ins Mikrofon schrien und Flaschen auf Nazis warfen.

Erinnerungstafel an die Riots am Stonewall Inn
Foto: Grace Mahony
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Die ersten Transfrauen, die ich kannte, waren schlaksig und groß und nicht passend und wunderschön. Tattoos schienen genauso Teil ihrer Transition zu sein wie alle Operationen, die sie hatten oder nicht hatten, oder Hormone, die sie nahmen oder nicht nahmen. Sie waren Anarchistinnen, reisten per Anhalter und Güterzug durch das Land, lebten im Freien, organisierten, protestierten, randalierten, klauten in Läden, feierten und führten wilde queere Leben. Sie nannten sich selbst Trannies, und niemand sonst darf sie so nennen, aber sie durften und dürfen sich verdammt noch mal selbst so nennen.

Sie sangen mit lauten Stimmen. Sie schrien die Polizei mit lauten Stimmen nieder. Sie machten sich nicht klein. Genauso wenig wie die Cis-Frauen in unserer Szene (einer Szene, die das Wort „cis“ noch gar nicht kannte). Ob Femme oder Butch (eine Dichotomie, die sich noch nicht in uns durchgesetzt hatte) – die anarchistischen Punk-Frauen, die ich kannte und kenne, machten sich nicht klein. Sie traten in nichts in den Hintergrund.

Sie waren und sind wunderschön. Jeder wusste das und weiß es.

Ich könnte dir nicht sagen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, aber ich kann dir sagen, dass es nicht bedeutet, sich in irgendeine Schachtel, irgendeinen Käfig zu zwängen, der für uns gebaut wurde. Ich hatte schon immer Angst davor, eine Transfrau zu werden, schon seit ich ein Kind war. Ich hatte schreckliche Angst vor meiner eigenen Weiblichkeit und ich hatte schreckliche Angst davor, als eine dieser traurigen Frauen in den Freakshow-Dokumentationen der 90er zu enden. Keine der Frauen in diesen Sendungen kam auch nur ansatzweise durch, und sie waren Objekte des Spottes. Sie wurden nicht als Frauen gezeigt, sondern als Männer, die sich als Frauen verkleidet hatten. Sie wurden als hässlich dargestellt. Die Spielfilme waren noch schlimmer: Wir waren nicht nur hässlich, wir waren monströs.

Wenn ich eine Transfrau würde, würde ich hässlich werden. Vielleicht sogar monströs.

Die Leute sagten mir das ganz offen. Ein Freund, der dachte, er täte mir einen Gefallen, sagte mir: „Du solltest dich nicht outen, denn du bist ein heißer Typ, aber du würdest eine hässliche Frau abgeben.“

Ich habe mich trotzdem geoutet, nach dem Ghost-Ship-Brand in Oakland, bei dem eine Transfrau namens Feral zusammen mit 35 anderen Menschen ums Leben kam. Ich war am anderen Ende des Landes, aber das war meine Szene. Ich hätte in diesem Feuer sein können, und ich hätte als Mann sterben können. Ich würde lieber als Monster in Erinnerung bleiben als als Mann.

Ich habe mich trotzdem geoutet und mir gesagt, dass ich nicht einmal versuchen würde, mich als Mann auszugeben, und daran habe ich festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon seit fünfzehn Jahren Punk, und auf keinen Fall würde ich anfangen, mich nur um meiner Sicherheit willen zu verstecken. Es ist keine Schande, als Transfrau „entlarvt“ zu werden, denn das ist es, was ich bin. Wenn die Leute mich hässlich finden, ist das ihre Schuld, ihr Problem.

Ich verdanke den Frauen viel, die sich in diesen Dokumentarfilmen gezeigt haben, die so unverschämt waren, dass sie sich von der ganzen Welt auslachen ließen. Sie waren wunderschön, und es ist mir peinlich, dass ich so lange gebraucht habe, das zu erkennen. Lasst uns alle so ehrlich und ohne Scham leben. Ich fürchte, ich verfestige hier eine Dichotomie zwischen „Bricks“ und „Dolls“, zwischen „Butch“ und „Femme“. Das ist nicht meine Absicht. Wir alle bewegen uns durch die Welt mit unseren eigenen Geschlechtererfahrungen, unseren eigenen Körpern, unseren Wegen, sicher zu bleiben und (wenn wir wollen) die schönste Version von uns selbst zu werden, die wir sein können.

Es gibt hier eigentlich keine Trennlinie. Es gibt nicht nur einen Weg, trans-femme zu sein. Brick-Pride ist keine Brick-Vorherrschaft, und es sollte verdammt noch mal besser keine Femmephobie sein.

Aber die Gesellschaft sagt mir, ich solle mich schämen, so zu sein, wie ich bin, und das tue ich nicht. Ich bin ein Brick. Ob aufgedonnert oder leger gekleidet, ich bin immer noch ein Brick.

Ich gebe mich dem dieser Tage hin. Gewichte zu stemmen fühlt sich genauso geschlechtsbejahend an wie ein Kleid und ein Schal. Wenn ich ein bauchfreies Top trage, sehe ich eher aus wie ein schwuler Mann aus den 1980ern als wie ein Raver-Girl aus den 1990ern, und das ist okay. Ich weiß, wer ich bin. Wenn es ein passenderes Etikett für mich gibt (und ich bin skeptisch), dann ist es „langhaarige Butch“. Ich mag meinen Truck. Ich repariere gerne Sachen. Ich sorge gerne für die Sicherheit anderer. Ich mag auch meine langen Haare.

Ich muss niemandem etwas beweisen.

An die Ziegelsteine, die vor mir kamen, an die Ziegelsteine, die nach mir kommen, sage ich: Lasst uns gemeinsam eine Mauer bauen. Lasst uns ein Haus bauen. Außerdem können unsere Bewunderer behaupten, in der Maurergewerkschaft zu sein, und das ist auch cool.

Quelle: "Brick Pride or: I'm happy to be what I am", 06. Mai 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

USA - Zwangssterilisation hinter Gittern

In Kaliforniens größtem Frauengefängnis werden Frauen jahrelang ohne ihre Zustimmung sterilisiert. Besonders oft betroffen: Women of Color. Eine Betroffene und eine Anwältin brechen das Schweigen, sammeln Beweise und konfrontieren die Verantwortlichen. Der Film zeigt, wie hartnäckig sich eugenische Denkmuster bis heute halten, und begleitet die Frauen bei ihrem mühsamen Kampf für Gerechtigkeit.

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