In zwölf EU-Ländern können Frauen mit Behinderung noch immer ohne ihre Zustimmung sterilisiert werden. Die Autistin Sara Rocha kämpft in Portugal für ein gesetzliches Verbot dieser Praxis – und vernetzt sich mit Betroffenen aus ganz Europa, um das Tabuthema sichtbar zu machen. Ein Wohnprojekt in Berlin zeigt, wie Elternschaft mit Behinderung gelingen kann.
Zwangssterilisation ist eine Praxis, die in Europa eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. Denn in der sogenannten Istanbul-Konvention haben sich die meisten EU-Länder verpflichtet, Frauen vor Gewalt zu schützen. Und doch ist es in zwölf Ländern nach wie vor legal, Frauen mit Behinderung ohne deren Einwilligung unfruchtbar zu machen. Für Sara Rocha ist das ein Riesenskandal: „Niemand hat das Recht zu entscheiden, ob jemand eine gute Mutter sein kann.“ Die autistische Aktivistin kämpft in Portugal für ein gesetzliches Verbot und vernetzt sich europaweit mit Betroffenen. Als schwangere Frau mit mehrfacher Behinderung ist ihr Engagement auch ein persönlicher Kampf.
Eine der Frauen, die mit Sara sprechen, ist Natacha. Mit 24 Jahren wurde die Belgierin gegen ihren Willen sterilisiert. Ihre Mutter traute ihr nicht zu, eigene Kinder großzuziehen. Erst heute findet Natacha Worte für ihren Schmerz und ihre Wut über das, was ihr widerfahren ist. Wie vielen anderen wurde ihr lange eingeredet, der Eingriff sei nur zu ihrem Besten. Heute bricht sie das Schweigen – gemeinsam mit anderen Betroffenen.
In Berlin lebt Sunny Stemmler mit ihrem dreijährigen Sohn Matteo in einer betreuten Wohngemeinschaft für Eltern mit Behinderung. Die 34-Jährige mit Lernschwierigkeiten hat lange gegen Vorurteile und Widerstände gekämpft. Heute zeigt ihr Beispiel: Elternschaft mit Behinderung ist möglich – wenn man sie zulässt und richtig unterstützt.
„Wir feiern das Leben, die Rebellion und die Befreiung. Weg damit: Wehrpflicht, Militarisierung und Kriegsregime. Feminizide, Männlichkeit und Patriarchat. Nationalismus, Faschismus und AfD. Wasserprivatisierung, Autobahnausbau und Klimakatastrophe. Regierende Bürgermeister, Zäune und nächtens geschlossene Parks. Autoritarismus, Dogmatismus und scheinbar einfache Wahrheiten. Angriffe auf Rojava, Krieg in der Ukraine und Genozid in Gaza. Racial Profiling, »kriminalitätsbelastete Orte« und neue Polizeigesetze. Finanzielle Kürzungen, Demontage des Sozialstaats und der restliche Monat am Ende des Geldes. Gefangennahme von Cilia Flores mit Ehemann, von Antifaschist*innen und unserer langjährigen Nachbarin Daniela Klette. Private Wohnungsunternehmen, steigende Energiekosten und hohe Mieten. Merz, Pistorius und alle anderen da oben. Alles Würg!
Wir finden das Leben viel zu interessant, um es für all das herzugeben. Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen, wie es einst Karl Marx formulierte, und dazu werden wir beitragen. Wir spielen nicht mit, wir rebellieren, wir widersetzen uns. Wir verweigern uns den auferlegten Pflichten. Wir desertieren aus diesen Verhältnissen. Wir brechen aus und nehmen uns am Ersten Mai die Straße. Denn wenn schon die Gegenwart verloren ist, so wollen wir doch die Zukunft erobern.Mit Zehntausenden werden wir am Abend des 1. Mai in Berlin zur jährlich größten Manifestation der radikalen Linken zusammenkommen. Uns eint unsere Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Widerspruch zum Herrschenden, das kein Versprechen mehr für uns hat. Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit.“
Zum 38. Mal stehen wir am 8. Mai an den Gräbern der im Wuppertaler Osten ermordeten sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiter:innen.
Wir trauern.
Aber wir mahnen auch.
Das Berufsinformationszentrum BIZ Wuppertal lädt die Bundeswehr in drei Tagen, am 11. Mai 2023, ein, um mit harmloser Sprache junge Menschen für den Dienst in der deutschen Armee zu gewinnen. Die Bundeswehr ist eine der wenige Armeen, die Minderjährige anwirbt. Die Friedensbewegung stellt die Parole „Kein Werben fürs Sterben“ dagegen. Auch die VVN-BdA Wuppertal lehnt die Anwerbung 17-Jähriger Menschen für den direkten und indirekten Kriegseinsatz ab!
Für welche Armee würden sich die jungen Menschen zum Töten und Sterben verpflichten?
Die Bundeswehr trägt mit unverhohlenem Stolz das sogenannte Eiserne Kreuz als Hoheitszeichen. Einige der zentralen Erzählungen des deutschnationalen Weltbildes werden durch diesen Orden symbolisiert.
Der offene Bezug auf die Traditionen des preussischen und wilhelminischen Militarismus finden sich 2023 nicht nur im sogenannten Eisernen Kreuz.
Das Wachbatallion der Bundeswehr ist der bekannteste Truppenteil der Bundeswehr. Diese Soldat:innen sind prominent, weil sie bei allen Staatsempfängen repräsentieren, bei Gelöbnissen auftreten und auch die sogenannten Zapfenstreiche durchführen. Der unmittelbare Schutz der Bundesregierung ist ihre zentrale militärische Aufgabe.
Das Wachbatallion bezieht sich in vielen Dingen auf die Zeit vor dem 8. Mai 1945. So wird bei den Vorführungen das berüchtigte deutsche Gewehr benutzt, das sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war. Beim Zapfenstreich werden dunkle Stahlhelme, Mäntel und Stiefel in Art der Wehrmacht getragen. Fackeln gehören zur Inszenierung, die altbekannten Befehle wie „Helm ab zum Gebet!“ gellen über die Plätze. Das Wachbatallion ist schon lange zu hören bevor es erscheint, denn sie treten mit der alten Marschmusik auf.
Nicht nur das Auftreten und die Ausrüstung, auch das Abzeichen kommt aus der Vergangenheit. Es ist der Buchstabe W in gotischer Schreibweise. Und die Ahnenreihe, in der sich das Wachbatallion der Bundeswehr sieht, geht auf das preussische Militär zu Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Als Truppenteil zum Schutz der preussischen Könige eingesetzt, gilt das sogenannte 1. Garde-Regiment zu Fuß als Vorläufer. Alle preussischen Prinzen wurden hier ab dem Alter von 10 Jahren zu Soldaten gedrillt, auch weil die sogenannte Garde immer direkt neben dem Herrscherhaus stationiert war. Das Wachbatallion sieht sich sogar in der bis 1675 zurückführenden Linie des preussischen Militärs, der sogenanten „Langen Kerls“. Seitdem wird das Motto „Semper talis“ verwendet, bis heute.
Wir wissen, wofür die preussische Armee, das kaiserliche Heer, für 12 Jahre Reichswehr und dann ab 1935 Wehrmacht steht:
für eine autitäre und obrigkeitshörige Gesellschaft, für Militarismus; Aufrüstung und dann natürlich auch für Aggression und Krieg. Das Feldgrau der deutschen Armee bis 1945 steht gegen Demokratie und Zukuft. Im Feldgrau lebt die schlechte deutsche Vergangenheit.
Wir bitten, die Video-Beiträge auf den beiden Accounts auf Instagramm mit den Namen „Bundeswehr“ und „Bundeswehr Exkusive“ anzuschauen. Im Internet kann Jede/r sehen, wie die Bundeswehr ist.
Kurt Tucholsky: Drei Minuten Gehör (1922)
Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet -!
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Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
von euch, die ihr die Feder führt,
von euch, die ihr die Kessel schürt,
von euch, die mit den treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden –
von euch, den Jungen und den Alten -:
Ihr sollt drei Minuten innehalten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen uns einmal erinnern.
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Die erste Minute gehört dem Mann.
Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?
Zu Hause die Kinder – zu Hause weint Mutter …
Ihr: feldgraues Kanonenfutter -!
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
Da saht ihr keinen Fürstenknaben:
der soff sich einen in der Etappe
und ging mit den Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
Wart ihr noch Gottes Ebenbild?
In der Kaserne – im Schilderhaus
wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
Der Offizier war eine Perle,
aber ihr wart nur „Kerle“!
Ein elender Schieß- und Grüßautomat.
„Sie Schwein! Hände an die Hosennaht -!“
Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
kam ein Prinz, dann hattet ihr stramm zu liegen.
Und noch im Massengrab wart ihr die Schweine:
Die Offiziere lagen alleine!
Ihr wart des Todes billige Ware …
so ging das vier lange blutige Jahre.
Erinnert ihr euch?
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Die zweite Minute gehöre der Frau.
Wem wurden zu Haus die Haare grau?
Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
der anstatt in langen Polonaisen,
indessen Prinzessinnen und ihre Gatten,
alles, alles, alles hatten – – ?
Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
daß wieder einer in Flandern schlief?
Dazu ein Formular mit zwei Zetteln …
wer mußte hier um die Rente betteln?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,
euch in die Arme zurück als Krüppel.
So sah sie aus, die wunderbare
große Zeit – vier lange Jahre …
Erinnert ihr euch -?
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Die dritte Minute gehört den Jungen!
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
Ihr wart noch frei, Ihr seid heute frei!
Sorgt dafür, daß es immer so sei!
An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun
Von Millionen deutschen Männern und Fraun.
I h r sollt nicht stramm stehn. I h r sollt nicht dienen!
Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen -:
Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
K e i n e Wehrpflicht! K e i n e Soldaten!
K e i n e Monokel-Potentaten!
K e i n e Orden! K e i n e Spaliere!
K e i n e Reserveoffiziere!
Ihr seid die Zukunft!
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Euer das Land!
Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg -!
Nie wieder Krieg !
Aus: Gedichte gegen den Krieg, herausgegeben von Kurt Faßmann, München 1961, Seite 122 ff.
Quelle: Rede des damaligen Kreissprechers und ehemaligen Mitgliedes der VVN-BdA, Sebastian Schröder via VVN-BdA Wuppertal
„Lasst uns zurückschlagen gegen den zunehmenden imperialistischen Autoritarismus und Militarismus in der Gesellschaft: gegen die rassistische und patriarchale Polizeigewalt in unserer Stadt, gegen Pink Lists, die darauf abzielen, trans- und queere Menschen zu überwachen. Gegen Wehrpflicht, KI-Überwachung und Zäune in unseren Kiezen, gegen die Kriminalisierung von Sexarbeit, gegen Nazi-Angriffe auf uns, wenn wir nachts nach Hause gehen, gegen brutale Razzien und gegen die falsche Schuldzuweisung an Migrant*innen-Gemeinschaften. Wir sagen: ABOLISH FRONTEX, ABOLISH ICE, ABOLISH GEAS! (…)
Wir werden niemals schweigen, wenn es um unsere toten und inhaftierten Geschwister geht. Unser gemeinsamer Kampf lässt sich nicht durch Gefängnismauern aufhalten!
In diesem Jahr widmen wir diese Demo Devran, einer Genossin, die ihr ganzes Leben lang Teil unserer gemeinsamen Kämpfe war. Sie war Teil der Antifa Genclik, kämpfte für die Freedom of movement Bewegung rund um den Oranienplatz und nahm jedes Jahr an der „Take Back the Night“-Demo teil. Wir haben sie letzten November im Kampf gegen die Dämonen verloren, die die Systeme der Unterdrückung in unsere Köpfe und Seelen pflanzen – Einsamkeit und Entfremdung. Aber wie Rio Reiser sagte: Die letzte Schlacht gewinnen wir.“
Zur Feier des Tages werde ich dieses Wochenende zweimal in Cleveland auftreten. Am Freitag, dem 1. Mai, veranstaltet das Rhizome House (2174 Lee Road, Cleveland Heights) einen ganzen Tag mit einsteigerfreundlichen Workshops, und ich werde während des Abendessens gegen 18 Uhr über die Geschichte des Maifeiertags sprechen. (Aber kommt auch wegen dem Rest vorbei! Ich denke, diese Veranstaltung ist ideal für Leute, die so etwas noch nie erlebt haben.)
Am Samstag, dem 2. Mai, bin ich in der Buchhandlung Mac’s Backs zu Gast und unterhalte mich mit dem Debütautor (und Freund) Carter Keane über ihr queeres Folk-Horror-Buch „Morsel“ (das ihr vor Ort bei der Veranstaltung kaufen oder bei Firestorm Books mit 10 % Rabatt über meinen Empfehlungscode bestellen könnt).
Ich schwöre, dass ich irgendwann auch Veranstaltungen in anderen Städten machen werde.
Und zur Erinnerung: Der Cool Zone Media Bookclub ist diese Woche interaktiver als sonst. Ihr seid eingeladen, zwei Kurzgeschichten von Ursula K. Le Guin zu lesen: „Die, die aus Omelas fortgehen“ und „Der Tag vor der Revolution“ (hier in einem Zine zusammengefasst, das ihr online lesen könnt) und sie dann auf dem Reddit-Forum „It Could Happen Here“ zu diskutieren. Morgen werden einige von uns die Geschichten anhand eurer Kommentare besprechen, und der Beitrag erscheint diesen Sonntag.
Wild Roving
Walt Whitman (etwa 1869)
„Jetzt sehe ich das Geheimnis, wie man die besten Menschen hervorbringt: Es besteht darin, an der frischen Luft aufzuwachsen und mit der Erde zu essen und zu schlafen.“
Letzte Nacht bin ich über meine Schlafenszeit hinaus aufgeblieben (ja, ich habe eine Schlafenszeit. Ich bin in meinen 40ern. Ich wünschte, ich würde mich mehr daran halten.) und habe A Knight of the Seven Kingdoms geschaut. Ich habe es noch nicht zu Ende gesehen und habe nicht vor, euch die Spannung zu nehmen, aber der Protagonist dieser Serie ist ein Heckenritter. Ein Obdachloser mit einem Schwert und einem Pferd und kaum einem Kupferpfennig in der Tasche.
Ich habe das Gefühl, das Ganze sei als Geschenk für mich geschrieben worden. All die Schwerter und Rüstungen und die Produktionsqualität von Game of Thrones, nur mit etwas weniger Adel und (bisher) ganz ohne Vergewaltigungen. Vielleicht schau ich mir die Serie zu Ende an und ändere meine Meinung, aber bisher gefällt sie mir so gut, dass ich, wie gesagt, länger aufgeblieben bin, als ich eigentlich sollte.
Es gibt eine Szene ganz am Anfang, in der sich unser Held Dunk mit seinem Meister Ser Arlan von Pennytree, dem Heckenritter, der ihn zum Knappen nahm, unter einem Baum zusammenkauert. Sie teilen sich ein einfaches Mahl, während der Regen heftig niederprasselt, und Bäume sind schlechte Unterstände, weil sie undicht sind.
Das kenne ich. Ich bin nicht mehr dort, aber ein Teil von mir wird es immer vermissen.
Als ich mit etwa dreißig Jahren schon ein alter Hase war, fuhr ich zu einer Konferenz für Organisatoren von Earth First! in den Bergen, und wir sprachen darüber, was alles dazugehört, wenn man versucht, den einzigen Planeten zu retten, von dem wir wissen, dass er Leben ermöglicht. Eine Delegation indigener Organisator*innen kam aus Solidarität zu uns (oder um uns zu helfen, Solidarität mit ihnen zu zeigen), und eine Frau hielt eines Abends beim Abendessen einen Vortrag darüber, wie wir als Kolonisator*innen eine bessere Verbindung zu diesem Land herstellen könnten, auf dem wir lebten und das wir pflegten.
Ich wünschte, ich würde mich an ihren Namen erinnern, aber damals war mir nicht bewusst, dass ich einen dieser Momente erlebte, die einem für immer im Gedächtnis bleiben.
Sie sprach darüber, wie schwierig es für Nicht-Indigene sei, wirklich verwurzelt und mit dem Land verbunden zu sein, für das sie kämpften – aber dass es für die Arbeit unerlässlich sei. Es fiel mir schwer, das zu hören. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon seit über einem Jahrzehnt ständig auf Reisen und ging davon aus, dass ich das mein ganzes Leben lang tun würde. Die Trägheit hatte mich fest im Griff, und ich wusste nicht, ob ich mich befreien könnte, selbst wenn ich es wollte.
Nach dem Vortrag ging ich schüchtern zur Referentin, um mich vorzustellen, und wir unterhielten uns eine Weile. Ich erzählte ihr, dass ich ein Wanderer sei. Dass ich nirgendwo ein Zuhause gefunden hätte, zumindest nicht für längere Zeit, und es mir daher schwerfiel, mir eine Verbindung zu einem bestimmten Stück Land vorzustellen.
Sie lachte und verstand meine Nervosität. „Oh, das ist in Ordnung“, sagte sie zu mir. „Manche Menschen sind einfach so.“ Sie erzählte mir Geschichten von einem Mann, einem ihrer Liebhaber, der nie ein Zuhause gefunden hatte und mit seiner Gitarre umherwanderte.
Manche Menschen sind einfach so.
Foto: Rémi Orts QuelleDie meisten meiner Freunde, vor allem die älteren Anarchisten, die ich kannte (meine Ältesten, würde ich sagen), verbrachten ihre Zeit damit, mich dazu zu bringen, an einem Ort zu bleiben. Mein „Frenemy“ Aragorn! (Das Ausrufezeichen war Teil seines Namens, und er ist der Grund, warum ich das Wort „Frenemy“ kenne. Er hat einmal buchstäblich einen Text mit dem Titel „Gegen die Freundschaft“ geschrieben.) traf mich auf einer anarchistischen Buchmesse in Kanada und sagte mir unverblümt, dass ich meine Zeit mit Reisen verschwendete, obwohl ich schreiben sollte. Dass ich so viel mehr für den Anarchismus erreichen könnte. Er und ich haben uns vor seinem Tod immer über Politik gestritten und gezankt, aber er hat meine Vision, trashige anarchistische Pulp-Fiction zu schreiben, immer unterstützt, und er hat mir einmal einen Synthesizer geliehen, damit ich einen Auftritt spielen konnte, als ich mir keinen eigenen leisten konnte.
Aragorn! war einer der ersten großen Theoretiker indigener anarchistischer Ideen, also kann ich nicht einfach sagen „Oh, ein indigener Mensch hat mir gesagt, ich darf reisen, also ist es okay“ und es dabei belassen, weil mir ein anderer indigener Mensch gesagt hat, ich solle verdammt noch mal stillsitzen. Aber Aragorn! würde mir niemals verzeihen, dass ich mich überhaupt auf solche vereinfachten Identitätsargumente berufe.
Ein anderer Freund, der noch am Leben ist und daher ungenannt bleibt, sagte mir: „Wenn du an den Strand gehst, wirst du die Geisterkrabben nicht sehen, es sei denn, du stehst lange genug still, damit sie dir vertrauen und aus dem Sand kommen.“
Ein vierter Ältester, der sich nach dem Fall der UdSSR in Bulgarien im Straßenkampf gegen Faschisten seine Sporen verdient hatte, sagte mir, es sei in Ordnung zu wandern, das sei einfach das, was manche Leute tun.
Meine Ratgeber waren also fifty-fifty gespalten, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und ich wanderte weiter. Etwa fünfzehn Jahre lang verbrachte ich selten mehr als ein paar Wochen an einem Ort. Gelegentlich schaffte ich es auf ein paar Monate. Einmal, mitten in all dem, blieb ich aus Liebe zwei Jahre lang in Portland, Oregon, obwohl ich es trotzdem schaffte, alle paar Monate von einem Punkhaus in ein Zelt im Garten und wieder zurück in ein Punkhaus zu ziehen.
Letztendlich war es eine Verletzung, die mich bremste.
Vor etwa zehn Jahren habe ich meinen viel zu schweren Rucksack falsch aufgesetzt und mir den Brustknorpel gerissen. Du wirst schockiert sein zu erfahren, dass die Gesundheitsversorgung für Nomaden in den Vereinigten Staaten alles andere als erstklassig ist, und ich hatte jahrelang Probleme, wieder gesund zu werden, und konnte kaum etwas tragen. Das Leben im Van war unhaltbar. Ich zog nach Asheville, dann in ein Punkhaus auf dem Land, dann in eine Scheune auf dem Land, dann in eine Hütte auf dem Land, dann weiter nach Norden in die Appalachen, und es geht dich nichts an, wo ich jetzt wohne, aber ich bin ganz sicher ein Stubenhocker.
Ich habe meine Brust vor Jahren durch eine Kombination aus Zeit und selbst durchgeführter Physiotherapie geheilt, aber Trägheit ist nun mal Trägheit. Wenn ich ein Objekt in Bewegung war, blieb ich in Bewegung. Wenn ich ein Objekt in Ruhe bin, bleibe ich in Ruhe. Manchmal habe ich nachts das Gefühl, etwas verloren zu haben.
Aragorn! hatte Unrecht. Ich bin an einem Ort nicht von Natur aus produktiver, als ich es unterwegs war.
Aber mein Hund mag die Buchtour im Van viel weniger, als er es mag, im Garten Flugzeuge anzubellen, und es war schön zu sehen, wie die sprichwörtlichen Geisterkrabben hervorkamen. Es war schön, einen einzigen Ort durch die Jahreszeiten zu beobachten, zu sehen, welche Wildblumen jedes Jahr sprießen und wann sich die Truthähne versammeln. Man hat nicht die Chance, zu sehen, wie sich andere Menschen und Orte verändern, wenn man selbst derjenige ist, der sich ständig verändert. Und es ist schön, sich gemeinsam mit anderen Menschen zu verändern, Hand in Hand.
Als ich jung war, brachte mich das Leben auf der Straße den Menschen näher. Ich war immer in dieser oder jener Punk-Clique unterwegs, sprang auf Züge auf oder trampte, schlief im Park oder in jemandes Garten oder in einem Wald, den wir zu retten versuchten. Als ich meinen Van bekam, quetschte ich regelmäßig fünf oder sechs Leute hinein, während ich durchs Land fuhr. Aber mit Mitte dreißig reiste ich meist allein. Vollzeit zu reisen, während man pleite ist, ist für die meisten Menschen keine nachhaltige Lebensweise, und die Leute um mich herum starben entweder oder gaben ihr Leben als Aussteiger auf.
Ich versuche einfach, sowohl für die Zeit, die ich mit Umherziehen verbracht habe, als auch für die Zeit, die ich an einem Ort verbracht habe, dankbar zu sein, und meistens gelingt mir das auch. Aber es vergeht keine Woche, in der ich nicht darüber nachdenke, alles, was ich besitze, wegzugeben und wieder in meinen Van zu ziehen.
Der Grund, warum ich es am Ende wahrscheinlich nicht tun werde, ist, dass ich mich, als ich ein mittelloser Aktivist war, ziemlich stark auf andere Menschen verlassen habe. Ich will nicht sagen, dass ich mich „zu sehr“ auf sie verlassen habe, denn ich finde es gut, Teil eines Netzwerks der gegenseitigen Abhängigkeit und der gegenseitigen Hilfe zu sein. Aber ich habe auf Sofas und in Gästezimmern übernachtet und mindestens genauso oft Essen gegessen, das andere Leute gekauft haben, wie ich meine Mahlzeiten gestohlen oder aus dem Müll gefischt habe. Ich habe beigetragen, so gut ich konnte, meist indem ich bei jeder Demo dabei war und meine Freizeit für die Organisation genutzt habe.
Aber jetzt bin ich auf der anderen Seite dieser Gleichung. Ich nehme Anhalter mit. Ich beherberge Freunde, die es brauchen, ich nehme Besucher auf. Ich versuche, genauso großzügig zu anderen zu sein, wie andere es mir gegenüber waren. Das ist eine hohe Messlatte, und vielleicht schaffe ich es nicht. Ich möchte jetzt jemand sein, der Ressourcen bereitstellt. Das scheint nur fair zu sein, und es ist zutiefst befriedigend.
Das Umherziehen fühlt sich jetzt wie ein Notfallplan an. Es hilft mir sehr gegen meine Ängste, zu wissen, dass ich ohne festen Wohnsitz überleben kann. All diese „Prepper“-Überlebenskünstler, die mit Beilen Unterkünfte bauen und Eichhörnchen töten können, wissen wahrscheinlich nicht, wie man die kostenlosen Bagels im Müll findet oder wie man auf das Dach einer Domino’s-Pizzeria klettert, um dort zu schlafen. Ich vermute, Straßenkinder werden die Apokalypse mindestens genauso gut meistern wie die christlichen Nationalisten aus der Mittelschicht, die sich für Alpha-Männer halten, denn Straßenkinder ziehen in Gruppen umher und kennen die Städte.
Aber wenn ich wieder auf Wanderschaft gehe, sind es nicht die Städte, die mich rufen. Es ist die Straße und es ist die Wildnis (was davon übrig ist). Es ist schön, unter Menschen zu sein, aber vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein halber Einsiedler. Vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein Wanderer.
Hätte ich nur die Hälfte des Geldes, das ich dir anvertraut habe Könnte ich mir zehn Morgen Land kaufen und meine Familie versorgen Könnte ich mir ein strohgedecktes Häuschen bauen, könnte ich mir eine Scheune errichten Könnte ich mir einen Pelzmantel kaufen, um meinen Rücken warm zu halten
Das wilde Umherziehen werde ich aufgeben Das wilde Umherziehen, ich gebe es auf Und ich werde nie wieder Der wilde Wanderer genannt werden
(Wird meist als traditionelles irisches Lied angesehen, ist aber wahrscheinlich englischen Ursprungs, was schwer zu schlucken ist, aber wohl notwendig, denn eigentlich ist Nationalismus Unsinn und die Arbeiterklasse kennt kein Land, und Volkstraditionen haben sich seit Urzeiten zwischen diesen beiden Inseln bewegt, und das Problem sind die Regierung und die Machtsysteme.)
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