Wie auch immer, ich begann mich also zu engagieren, ich wurde Mitglied bei ai und der Florida Support Group, und wenn mich auch persönliche Umstände mehrfach zwangen zu pausieren, so war ich im Prinzip doch immer irgendwie involviert.
Lange Zeit viel mir nicht auf, dass es Todestraktinsassen gibt, für die sich viele einsetzen, und andere, um die sich niemand kümmert. Dies fiel mir erst nach und nach auf, als Stanley „Tookie“ Williams hingerichtet wurde. Die Bilder sind mir in Erinnerung: Tausende demonstrierten in San Francisco für ihn, über mit Menschen übersäten Straßen fliegen Hubschrauber von Polizei und Fernsehsendern, der Bürgerrechtler Jesse Jackson setzte sich für ihn ein, die Schauspielerin Susan Sarandon, sogar der Rapper Snoop Dogg, der ansonsten sich, seinen Goldschmuck und Frauenkörper demonstriert, demonstrierte diesmal für Stanley Williams. Der Papst, die EU setzten sich ein, und wie wir wissen, verhielt sich Gouverneur Arnold Schwarzenegger entsprechend der allenthalben über ihn verbreiteten Meinung und ließ Williams hinrichten.
Bereits bei der Hinrichtung von Clarence Allen am 19.01.06 -“ ebenfalls in Kalifornien -“ gab es zwar internationale Proteste (Man musste den 76 Jahre alten, blinden Allen im Rollstuhl zur Hinrichtung bringen), aber die Zahl protestierenden vor San Quentin war schon beträchtlich kleiner.
Dass ich hier schreibe hat damit zu tun, dass ich in diesem Blog einen Kommentar auf einen Beitrag über Mumia Abu-Jamal hinterlassen habe. Sein Fall passt ins Klischee -“ ein Farbiger, politisch aktiv, wird wegen des Mordes an einem weißen Polizisten in einem umstrittenen Verfahren zum Tode verurteilt. Für ihn setzt man sich gerne ein. Gestern fand ich über Workers World einen Link Millions4Mumia. Ich habe aber noch keine Seite gefunden namens Millions4Thomas, die meinem Brieffreund Thomas Overton gewidmet ist -“ einem Doppelmörder. Oder Millions4Albert -“ für meinen Brieffreund Albert Holland, der im Kokainrausch versuchte eine Frau zu vergewaltigen und auf der Flucht einen Polizisten erschoss. Dies sind Fälle, da wird es schon schwieriger sich zu engagieren.
Natürlich sind „Gallionsfiguren“ wie Mumia Abu Jamal oder Stanley „Tookie“ Williams wichtig. Aber sie lenken nur für einen Moment den Blick auf das Thema „Todesstrafe“. Man geht dann zur Tagesordnung über. Auch im redblog (wo ich auch mal einen Kommentar hinterlassen hatte) habe ich bisher nur über Mumia Abu-Jamal gelesen, aber nie konkret über das komplette Problem des Systems der Todesstrafe. Warum? Passen die anderen über 3000 TodestraktinassInnen nicht ins politische Bild. Ist es für die Linke (so es denn DIE Linke überhaupt gibt) einfacher sich für diejenigen einzusetzen, die ins politische Bild passen?
Wenn dem so wäre, macht sie es sich zu einfach -“ sich und im übrigen auch den TodesstrafebefürworterInnen, die sich ohnehin dahingehend mokieren, dass ja eh alle „unschuldig“ im Todestrakt sitzen. Im Kampf gegen die Todesstrafe kann es aber nicht um politische Ansichten gehen oder um Schuld/Unschuld. Entweder man ist gegen die Todesstrafe, oder dafür. Ein „bisschen“ Todesstrafe für die „ganz Schlimmen“ kann und darf es nicht geben.
Alle Bilder: http://www.joachimkuebler.de
Kommentare
nun, nur das zu sehen was vorteilhaft ist und das schlechte zu "vergessen" ist meiner Meinung nach weder eine linke noch eine rechte, sondern eine menschliche Eigenschaft. Daher kann ich Dir nicht so ohne weiters zustimmen.
Es fällt mir aber einfach auf, dass eben viel für Mumia Abu Jamal demonstriert wird, für die anderen eben nicht. Dies bedeutet für mich in letzter Konsequenz dass ich mich fragen lassen muß, ob ich - in diesem konkreten Fall - gegen die Todesstrafe und für Mumia Abu Jamal oder eben "nur" für ihn demonstriere.
Joachim
zum abschluss noch ein literaturtip:
angela davis: eine gesellschaft ohne gefängnisse?. der gefängnisindustrielle komplex der usa, verlag schwarzerfreitag, berlin, isbn 3-937623-32-9
dass natürlich US-Justizsystem so ziemlich alles im argen liegt ist unbestritten - aber wie würdest jetzt DU zum Beispiel jemanden wie meinen Brieffreund Thomas Overton bestrafen: Er hat ein Ehepaar umgebracht, die Frau hat er vorher noch vergewaltigt, sie war im 8. Monat schwanger. Für das ungeborene Kind bekam er 15 Jahre, für die Eltern je einmal die Todesstrafe. (Ich schreibe das einfach auch deswegen so offen, weil man es über die Website des Florida Department of Corrections ohnehin herausfinden würde).
Wie würde jetzt - ich frage einfach aus Neugier - im Sinne deiner politischen Utopie(?) die richtige Strafe dafür aussehen?
Joachim
Karo Doernemann
Es stimmt schon, dass das Thema Todesstrafe bei den wenigsten in der deutschen "Linken" konsequent zu Ende gedacht wird.
Aber es gibt da neuere Ansätze, dass zu ändern, siehe z.B. den Demoaufruf für die FREE MUMIA Demo am 13.12.08 in Berlin:
"(...) Kein Staat hat das Recht, Gefangene umzubringen (...)" oder auch "Freiheit für Mumia Abu-Jamal! Abschaffung der Todesstrafe weltweit"
Quelle
Insofern sehen wir diesen Blog nicht als "Provokation", sondern eher als Denkanstoss.