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»Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.« Erich Kästner

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 11: Rigoberto López Pérez vs. Anastasio Somoza García

Das Foto zeigt Rigoberto López Pérez
Rigoberto López Pérez 13. Mai 1929 in LeonNicaragua; † 21. September 1956 ebenda
Am 21. September 1956 fand der nicaraguanische Dichter Rigoberto Pérez Einlass zu einem Wahlkonvent in der Casa de Obrero in León, auf dem sich Anastasio Somoza García zur Wiederwahl aufstellen ließ. Er verkleidete sich als Kellner, konnte so in die unmittelbare Nähe des Präsidenten gelangen und ihn durch fünf Schüsse aus seiner Smith & Wesson .38 & .32 Double Action schwer verletzen. Die umstehenden Guardias Nacionales der Leibwache Somozas erschossen Lopéz Pérez unmittelbar darauf. Anastasio Somoza García wurde kurze Zeit später mit einem Militärflugzeug in die damals noch den USA unterstehende Panamakanal-Zone in das US-Militärkrankenhaus Hospital Gorgas gebracht, wo er 8 Tage später verstarb. Nach dem Tod von Anastasio Somoza García folgte ihm sein Sohn Luís Somoza Debayle als Präsident Nicaraguas.

“Yo estoy sufriendo.
Yo tengo el dolor de toda mi patria
y en mis venas anda un héroe buscando la libertad.
Las flores de mis días siempre estarán marchitas
si la sangre del tirano está en sus venas.
Yo estoy buscando al pez de la libertad
en la muerte del tirano”.

"Ich leide.
Ich trage den Schmerz meiner ganzen Heimat in mir,
und in meinen Adern fließt ein Held, der nach Freiheit strebt.
Die Blumen meiner Tage werden immer verwelkt sein,
wenn das Blut des Tyrannen in seinen Adern fließt.
Ich suche den Fisch der Freiheit
im Tod des Tyrannen."

Rigoberto López Pérez

Brief von Rigoberto an seine Mutter, San Salvador, 4. September 1956

Meine liebe Mutter:

Obwohl Sie es nie gewusst haben, habe ich mich stets an allen Bemühungen beteiligt, das verhängnisvolle Regime unseres Landes zu bekämpfen. Angesichts der Tatsache, dass alle Anstrengungen, Nicaragua wieder (oder zum ersten Mal) zu einem freien, uneingeschränkten und makellosen Land zu machen, erfolglos geblieben sind, habe ich mich entschlossen, auch wenn meine Mitstreiter dies nicht akzeptieren wollten, selbst den Anfang vom Ende dieser Tyrannei einzuleiten. Sollte Gott wollen, dass ich bei meinem Versuch scheitere, möchte ich, dass niemand dafür verantwortlich gemacht wird, denn alles war meine Entscheidung. (...)

Zwei Jahre nach dem Sieg der sandinistischen Revolution wurde Rigoberto López Pérez, der mit seinem Engagement und seiner Opferbereitschaft für die Freiheit Nicaraguas den Anfang vom Ende der Tyrannei Somoza markierte, durch das Dekret Nr. 536 zum Nationalhelden erklärt.


Danke an H. für den Hinweis und Informationen


45 Jahre Oktoberfestattentat

Der Flyer zeigt Elemente des Oktoberfestes: Riesenrad, Karusell und Achterbahn werden gesprengt. Im Hintergrund die Münchner Frauenkirche. Darüber der Text: "Oktoberfest Gedenken 26.09.2025 sowie das Logo der Münchner DGB Jugend und der VErweis auf die Webseite www.erinnernheisstkaempfen.de
Vorderseite des Einladungsflyers
Am 26.09.2025 jährt sich zum 45. Mal das Attentat auf das Oktoberfest von 1980 – der größte rechtsterroristische Anschlag der bundesdeutschen Geschichte.

Ein Attentat, bei dem nicht nur 12 Menschen ermordet und Hunderte verletzt wurden, von denen viele bis heute unter ihren Verletzungen leiden. Sondern auch ein Attentat, bei dem unzählige Angehörige, Familien und Freund*innen mit den Betroffenen mitgelitten haben und immer noch leiden.

Die diesjährige Gedenkveranstaltung soll sich daher mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Gedenkens beschäftigen.

Wir wollen einen Blick zurückwerfen und uns die Frage stellen, warum junge Menschen die Verantwortung für das Gedenken an die Opfer des rechten Terrors übernommen haben oder auch übernehmen mussten.

Wir wollen uns aber auch die Fragen stellen: Warum gedenken wir heute? Was wollen wir in Zukunft erreichen? Wo findet Gedenken noch zu wenig statt? Welche rechten Strukturen gibt es und wo gibt es Verbindungen zu anderen rechtsterroristischen Anschlägen?

Das jährliche Gedenken hat das Ziel, dass die Stadtgesellschaft die Überlebenden, ihre Angehörigen und die Opfer nicht vergisst. Es ist die Aufgabe der Jugend die Erinnerungen am Leben zu erhalten, damit wir nicht vergessen und uns erinnern.

Denn erinnern heißt kämpfen!

Wir laden ein zur Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung
Ort: Denkmal am Haupteingang zur Theresienwiese
Datum: Freitag, 26. September 2025, 09:30 Uhr

Wir freuen uns, dass auch in diesem Jahr wieder der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Dieter Reiter, ein Grußwort sprechen wird.

Die Veranstaltung wird in Kooperation und Beratung mit dem Kulturreferat München durchgeführt.

Quelle: Flyer DGB Jugend München (PDF)

17 Zitate von Charles James „Charlie" Kirk

17 Zitate, die man von dem rechten Aktivisten und Trump-Verbündeten, der am Mittwoch in Utah erschossen wurde, kennen sollte.

Trump links Kirk rechts im Bild
Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump und Charlie Kirk sprechen mit Teilnehmern der „Rally to Protect Our Elections” (Kundgebung zum Schutz unserer Wahlen), die von "Turning Point Action" im Arizona Federal Theatre in Phoenix, Arizona, am 24. Juli 2021 veranstaltet wurde.

Foto: Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America
Schwarze
  • „In den Städten Amerikas kommt es ständig vor, dass herumstreunende Schwarze zum Spaß weiße Menschen ins Visier nehmen, das ist eine Tatsache. Das passiert immer öfter.“ (Quelle)
Schwarze Piloten
  • „ Wenn ich einen schwarzen Piloten sehe, denke ich mir: ‚Mann, ich hoffe, er ist qualifiziert.‘“ (Quelle)
Schwarze Frauen
  • „Sie kommen heraus und sagen: ‚Ich bin nur wegen der Affirmative Action hier.‘ Ja, das wissen wir. Ihr habt nicht die geistige Kapazität, um wirklich ernst genommen zu werden. Ihr musstet einem Weißen den Platz wegnehmen, um einigermaßen ernst genommen zu werden. “ (Quelle)
Bürgerrechte
  • „Wir haben einen großen Fehler gemacht, als wir Mitte der 1960er Jahre das Bürgerrechtsgesetz verabschiedet haben.“ (Quelle)
Die Todesstrafe
  • „[Die Todesstrafe] sollte öffentlich sein, sollte schnell vollstreckt werden, sollte im Fernsehen übertragen werden ... Ich denke, ab einem bestimmten Alter ist es eine Initiation ... Ab welchem Alter sollte man öffentliche Hinrichtungen sehen dürfen?“ (Quelle)
Demokraten
  • „Die Demokratische Partei unterstützt alles, was Gott hasst.“ (Quelle)
Empathie
  • „Ich kann das Wort Empathie eigentlich nicht ausstehen. Ich denke, Empathie ist ein erfundener New-Age-Begriff, der viel Schaden anrichtet.“ (Quelle)
Feminismus
  • „Lehne den Feminismus ab. Unterwirf dich deinem Ehemann, Taylor. Du hast nicht das Sagen.“ (Quelle)
Homosexuelle
  • „Vielleicht solltest du mal deine Bibel aufschlagen. In einem weniger bekannten Teil derselben Schriftstelle, in Levitikus 18, steht: ‚Wer mit einem anderen Mann schläft, soll mit Steinen zu Tode gesteinigt werden.‘ Ich sag's nur! Also, Miss Rachel, du zitierst Levitikus 19... Das Kapitel davor bekräftigt Gottes perfektes Gesetz in Bezug auf sexuelle Angelegenheiten.“ (Quelle)
George Floyd
  • „Dieser Typ war ein Dreckskerl.“ (Quelle)
Theorie des großen Austauschs
  • „Es ist keine Theorie des großen Austauschs, es ist eine Realität des großen Austauschs. Allein in diesem Jahr werden 3,6 Millionen Ausländer in Amerika einreisen. Bis zum Ende der Amtszeit von Joe Biden werden es 10 bis 15 Millionen sein. Jeder von ihnen wird wahrscheinlich durchschnittlich 3 bis 5 Kinder haben, während gebürtige Amerikaner 1,5 Kinder pro Paar haben. Ihr werdet absichtlich ersetzt.“ (Quelle)
Waffen
  • „Es lohnt sich, leider jedes Jahr einige Todesfälle durch Schusswaffen in Kauf zu nehmen, damit wir die zweite Verfassungsänderung haben können.“ (Quelle)
Juden
  • „Jüdische Spender sind die wichtigste Finanzierungsquelle für radikale, neoliberale, quasi-marxistische Politik, kulturelle Einrichtungen und gemeinnützige Organisationen, die sich für offene Grenzen einsetzen. Das ist ein Ungeheuer, das von säkularen Juden geschaffen wurde, und jetzt kommt es auf die Juden zu, und sie fragen sich: ‚Was um alles in der Welt ist passiert?‘ Und es sind nicht nur die Hochschulen. Es sind die gemeinnützigen Organisationen, es sind die Filme, es ist Hollywood, es ist alles.“ (Quelle)
Martin Luther King Jr.
  • „MLK war schrecklich. Er ist kein guter Mensch. Er hat eine gute Sache gesagt, an die er eigentlich gar nicht geglaubt hat.“ (Quelle)
Muslime
  • „Sie verbergen ihre Absichten nicht einmal. Muslime planen, Europa durch demografischen Austausch zu erobern. Wird Europa rechtzeitig aufwachen?“ (Quelle)
Palästina
  • „Ich glaube nicht, dass dieser Ort existiert.“ (Quelle)
Transgender
  • „Ihr seid eine Abscheulichkeit vor Gott.“ (Quelle)

Quelle: Zeteo
Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Eine Replik auf die Bestürzung beim Jacobin Magazine (und anderen "Linken") zur Tötung von Charles James „Charlie" Kirk

Statuengruppe der Tyrannenmörder
Tyrannenmörder-Gruppe Harmodios und Aristogeiton, römische Kopie der griechischen frühklassischen Bronzeplastik, im Archäologisches Nationalmuseum Neapel.
Foto: Kritios - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Ich persönlich weine Charles James „Charlie" Kirk keine Träne nach. Vielmehr stellt sich mir die Frage, ob die Trump Administration überhaupt noch Gründe braucht, um ihren primitiven Antikommunismus herauszuposaunen. Dieser ist schon immer das Gegenstück zum "American Dream" gewesen und brauchte für MAGA, ICE, Einsatz der Nationalgarde in unbequemen Städten, rassistische Gewalt und Repression gegenüber BiPOC und anderen gar nicht mal so marginalen "Minderheiten" kaum eine Ausrede. Klar - das Attentat liefert den "Beweis" dafür, daß die radikale Linke der Quell allen Übels ist und den Vorwand für eine weitere Zerstörung verbliebener Bürgerrechte in den USA. Damit kann auch die deutsche Geschichte aufwarten, von Marinus van der Lubbe zum Celler Loch zu Schüssen an Baustellen von Flughafenstartbahnen bis hin zu unterbezahlten Steinewerfern / Agent Provocateurs bei linken Demos.

Auch das Für und Wider der (Selbst-)Ermächtigung Einzelner oder Gruppen, jemanden zu töten ist für mich durchaus ambivalent, wenngleich ich Tyrannenmord und bewaffnetem Massenwiderstand gegen Faschsimus durchauf unterstützenswert finde. Aber die Argumentation, Kirk sei immerhin nicht "persönlich" geworden und damit ein ernstzunehmender "Konservativer" halte ich angesichts der tagtäglichen Gewalt und Zumutungen, die er und seine Claqueure vollführen, zumindest für defensiv. Statt über die schlimme Lage - die es durchaus ist - zu jammern, sollte die amerikanische Linke lieber mal in die Puschen kommen, anstatt seit Generationen wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren.


Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 10: Gaetano Bresci vs. König Umberto von Italien

Das Attentat in einem Gemälde von Achille Beltrame: Der Moment nach der Entwaffnung und Verhaftung Brescis wird dargestellt
Das Attentat in einem Gemälde von Achille Beltrame: Der Moment nach der Entwaffnung und Verhaftung Brescis wird dargestellt

Heute vor 125 Jahren: Der italienische Anarchist Gaetano Bresci ermordet König Umberto von Italien. Er wollte damit die zahlreichen Arbeiter rächen, die die Armee während des Mailänder Aufstands von 1898, auch bekannt als das Massaker von Bava Beccaris, getötet hatte. Die Behörden verhafteten Bresci. Später, am 22. Mai 1901, wurde er in seiner Zelle im Gefängnis von Santo Stefano erdrosselt aufgefunden. Die Anarchisten betrachteten ihn als Märtyrer. Sein Königsmord inspirierte Leon Czolgosz zum Attentat auf Präsident McKinley.

Bresci wurde schon in jungen Jahren radikalisiert und zum Anarchismus hingezogen. Im Alter von 15 Jahren begann er in einer italienischen Textilfabrik zu arbeiten. Mit Anfang 20 wurde er wegen Beleidigung eines Polizeibeamten verhaftet und saß später wegen der Organisation eines Textilstreiks ein. 1897 wanderte er in die USA aus und bekam eine Stelle in einer Seidenfabrik in Patterson, New Jersey. Dort heiratete er eine irisch-amerikanische Frau und bekam zwei Kinder. Er schloss sich der Gruppe Recht auf Existenz an und war Mitbegründer und Redakteur der Zeitung La Questione Sociale. Er rettete Errico Malatesta das Leben, indem er einen Attentäter entwaffnete, der Malatesta bei einem der Treffen der Gruppe angeschossen hatte.

Quelle: Mike Dunn

Russland: Anarchistische Partisanen sabotieren die Kriegsmaschinerie

Der Prozess und die Verurteilung von Ruslan Sidiki haben sowohl den Terror eines autoritären Staates als auch die Macht heimlicher direkter Aktionen offenbart.


Ruslan Sidiki in einem Käfig vor Gericht
Ruslan Sidiki
Am 23. Mai hat Richter Oleg Shishov am Militärgericht der Garnison Rjasan Ruslan Sidiki wegen Bombenanschlägen auf Eisenbahnschienen, die zur Front führen, und wegen eines Drohnenangriffs auf eine Militärbasis zu 29 Jahren Haft verurteilt. Sidiki muss die ersten sieben Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis verbringen und danach in einer Hochsicherheitsstrafkolonie. Außerdem muss er rund 58 Millionen Rubel (etwa 640.000 Euro) an Geldstrafen und Schadensersatz zahlen.

Die Russische Eisenbahn meldete Schäden in Höhe von mehr als 17 Millionen Rubel und die Unterbrechung des Betriebs von 61 Zügen, die dieselbe Strecke befuhren. Das petrochemische Unternehmen Apatit gab an, dass 700 Tonnen Beton zerbröckelten und sich mit dem Boden vermischten, wodurch Schäden in Höhe von 38 Millionen Rubel entstanden seien. Bogdan Fedak, ein Vertreter des Verteidigungsministeriums, bestätigte, dass die Drohne auf dem Flugplatz Dyagilyevo nur minimalen Schaden angerichtet habe, aber „die Kampfbereitschaft der Militäreinheit“ gefährdet habe, obwohl er auf Nachfrage nicht sagen konnte, worin die Gefahr bestand.

„Natürlich kann jeder laute Knall und die Nachricht von einer Explosion jemanden erschrecken“, sagte Sidiki in seinem abschließenden Statement vor Gericht. „Genauso wie Raketen, die über Häuser fliegen, und der Beginn militärischer Operationen die Bevölkerung des Landes, gegen das diese Aktionen gerichtet sind, einschüchtern.“

Das Bild zeigt eine losgeschraubte Eisenbahnschiene
"Opfer" des BOAK Anschlags: Demontierte Schiene
Sabotageakte an Eisenbahnstrecken, über die militärische Ausrüstung durch Russland in die Ukraine transportiert wird, nahmen nach der Ankündigung des umfassenden Krieges im Jahr 2022 stark zu. Die gewaltsame Unterdrückung von Straßenprotesten und Antikriegsdemonstrationen hat keine andere Möglichkeit gelassen als heimliche direkte Aktionen.

„Am frühen Morgen des 24. Februar“
, schrieb Sidiki, „fuhr ich im Zug von Rjasan nach Moskau … Ich begann, die Nachrichten zu verfolgen und sah, dass eine groß angelegte Invasion begonnen hatte. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl (zu wissen), dass man nichts tun konnte. Ich sah, wie Züge mit militärischer Ausrüstung fuhren, und aus Verzweiflung wollte ich die Waffenlastwagen beschatten“.

Anfang März schrieb Sidiki an einen Kameraden in der Ukraine und fragte ihn, ob er in der Armee kämpfen würde. Der Kamerad antwortete: „Wir verbrennen ihre Ausrüstung zu Hunderten, und sie löschen unsere Städte von der Landkarte.“

„Vorsicht, Moskau“

In den ersten vier Monaten des Krieges sind laut Medienberichten, die The Insider gesehen hat, 63 Züge in Russland entgleist. Mehrere Untergrundgruppen haben sich dazu bekannt, Berichte in sozialen Medien gepostet und Rezepte für Sprengstoff geteilt. Die Russische Eisenbahn hat behauptet, dass die Hälfte dieser Entgleisungen auf technische Probleme zurückzuführen sei und nicht auf politische Sabotage – lieber wird man der fahrlässigen Tötung beschuldigt, als das Ausmaß der Aktionen zuzugeben.

Bereits 2020 waren die „Rail Guerrillas“ in Belarus im Rahmen des Aufstands gegen die Diktatur im Land aktiv an der Sabotage staatlicher Infrastruktur beteiligt. Im Jahr 2022 verlagerte sich der Schwerpunkt hauptsächlich auf die Sabotage der russischen Kriegsmaschinerie in Belarus. Im selben Jahr verabschiedete das belarussische Regime ein Gesetz, das die Todesstrafe für versuchte Sabotageakte vorsieht, und ging gewaltsam gegen die Bewegung im Land vor.

Im April 2022 gab der russische Sicherheitsdienst (FSB) bekannt, dass er zwei Russen festgenommen habe, die „Anhänger des ukrainischen Nazismus” seien und wegen Sabotage angeklagt würden. Als „Beweis“ für ihre Verbrechen wurde ein Video veröffentlicht, in dem ein Mann mit unkenntlich gemachtem Gesicht, der ein T-Shirt mit Union Jacks trug, in die Kamera sprach. Ihre Namen wurden nicht bekannt gegeben, aber selbst nach einer Untersuchung durch The Insider konnten keine Daten über Anklagen in der Region gefunden werden.

Die Ankündigung des FSB passte ein bisschen zu gut in die öffentliche Darstellung der „Entnazifizierung der Ukraine“, wie sie von der russischen Führung propagiert wurde. Hinter den Kulissen suchte der FSB nach den Anarchisten und anderen politischen Aktivisten. Im öffentlichen Chat „Beware, Moscow” warnte eine Nachricht, dass der Sicherheitsdienst nach einer „militanten Organisation von Anarchokommunisten” fahndete.

Den Ermittlern zufolge handelte es sich bei der Gruppe, die für mehrere Sabotageakte verantwortlich war, nicht um Anhänger des ukrainischen Faschismus, sondern um deren politische Gegenkraft: die Combat Organisation of Anarcho-Communists (BOAK). Die militante Untergrundgruppe hatte es geschafft, Militärgüterzüge aufzuhalten, indem sie acht Schrauben gelöst, eine Schienenverbindung gespalten und die Gleise teilweise verschoben hatte. „Als Anarchisten und Revolutionäre“, schrieb ein Mitglied der BOAK im Februar 2025, „war es für uns klar, dass wir die Gesellschaft verteidigen müssen, wenn sie mit faschistischer imperialistischer Aggression konfrontiert ist“.

„Die Niederlage der Ukraine wird den Triumph der reaktionärsten Kräfte in Russland bedeuten“, heißt es in einer weiteren Erklärung der BOAK, „und damit ihre Verwandlung in ein neostalinistisches Konzentrationslager mit unbegrenzter Macht in den Händen des FSB und einer totalitären orthodoxen imperialistischen Ideologie besiegeln“.

Mehrere BOAK-Genossen gingen in den Widerstand in der Ukraine, darunter einer der Gründer der Kampforganisation Dmitry Petrov. Vom ersten Tag der Invasion der Ukraine an arbeitete Petrov am Aufbau antiautoritärer und autonomer Militäreinheiten, darunter der Anti-Autoritäre Zug, der bis zum Sommer 2022 kämpfte.

„Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt in der Geschichte Osteuropas“, schrieb Petrow in „To be an independent force“. „Inmitten des Abgrunds der Ereignisse ist das kleine schwarze Segel der anarchistischen Bewegung deutlich zu sehen.“

Im folgenden Jahr wurde Dmitry Petrow zusammen mit Finbar Cafferly und Cooper Andrews getötet, als sie in der Nähe von Bachmut in der Ukraine kämpften.

Terrorstaat

Wie Sidiki vor Gericht sagte, musste er untertauchen, als „alle Möglichkeiten, die Situation friedlich zu beeinflussen“, abgeschnitten wurden. „Wer sich dem Krieg widersetzt, wird zum Verräter erklärt und unterdrückt ... Es ist nicht überraschend, dass manche lieber das Land verlassen und andere zu Sprengstoff greifen.“

Sidiki's Verteidiger hatte argumentiert, dass die Anklage wegen terroristischer Ausbildung fallen gelassen werden sollte, und verwies dabei sowohl auf die Vorkenntnisse des Angeklagten im Umgang mit Sprengstoff und Drohnen als auch auf die Anerkennung des Angeklagten als Kriegsgefangener durch das Gericht. Die Zerstörung von Eigentum des Militärs sei Sabotage, so Sidiki, während die gezielten Angriffe des russischen Militärs auf die Energieinfrastruktur der Ukraine der rechtlichen Definition von Terrorismus entsprächen – „die Verübung einer Explosion oder anderer Handlungen, die die Bevölkerung in Angst versetzen, um die Entscheidungsfindung der Behörden zu beeinflussen“. Der Zugang zu Wasser, Strom und Gas wurde stark eingeschränkt, um Druck auf die Führung der Ukraine auszuüben.

Wie Mediazona berichtet, sagte Sidiki zuvor aus dem Gefängnis: „Habe ich mich wie ein Guerillakämpfer gefühlt? Ich denke, man könnte mich so bezeichnen. Wenn im Zweiten Weltkrieg Menschen, die sich auf dem Territorium des Dritten Reiches gegen dieses Regime stellten, als Partisanen bezeichnet wurden, dann kann man mich auch dazu zählen ...“

„Mit Strom zu foltern und eine gefesselte Person zu schlagen, ist eine extrem niederträchtige Tat“, sagte Sidiki bei seiner letzten Anhörung. „Hier liegt die Verantwortung nicht nur bei denen, die diese Methoden angewandt haben, sondern auch bei denen, die davon wissen und nicht reagieren und helfen, sie zu vertuschen.“

In einem Käfig stehend, waren seine letzten Worte an das Gericht ein Auszug aus einem Gedicht von Nestor Machno:

Lasst sie uns jetzt begraben,
aber unser Wesen wird nicht
in Vergessenheit geraten.
Es wird zur richtigen Zeit wieder aufstehen
und siegen. Daran glaube ich.

Quelle: Josie Ó Súileabháin,  in freedomnews.org.uk: "Russia: Anarchist partisans sabotage the war machine", 9. Juni 2025
Fotos: Ebenda
Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 9: Johann-Dietrich Weiland vs. Kaiser Wilhelm II.

Das schwarz-weiß Foto zeigt Kaiser Wilhelm II. in Uniform mit Pickelhaube
Wilhelm II. in Armeeuniform, um 1915
Am 6. März 1901 wurde ein "Attentat" auf Kaiser Wilhelm II. verübt. Der Werftarbeiter Johann-Dietrich Weiland warf in Bremen infolge eines epileptischen Anfalls einen Gegenstand aus Eisen auf den Kaiser und verletzte ihn dabei.

Am 24. Juni 1901 erklärt ihn das Reichsgericht Leipzig für unzurechnungsfähig und überweist ihn in eine Heilanstalt für psychisch Kranke. Also den Attentäter, leider nicht den Kaiser. "Zunächst kommt Weiland ins St.-Jürgen-Asyl an der St.-Jürgen-Straße. 1904 wird er in Bremens neu errichtete "Irrenanstalt" in Ellen verlegt, das heutige Klinikum-Ost. 40 Jahre verbringt er dort – bis zu seinem Tod 1939."

Quellen: Weser-Kurier, Jay Loomings


Majestätsbeleidigung

Eine Toilettenbürste, bestehend aus einer Trump Figur und orangefarbenen Borsten
Jeder Mensch, und sei er noch so schlecht, ist für irgendetwas gut.

Die fünf Schwestern: Frauen gegen den Zaren

Wera Figner in den 1870er Jahren
Wera Figner in den 1870er Jahren
Vera Figner war eine russische Revolutionärin und Angehörige der Narodniki.


Wegen Planung und Durchführung von Attentaten auf den Zaren Alexander II., was im März 1881 in Sankt Petersburg am Gribojedow-Kanal, zum Erfolg führte, wurde Sie im Februar 1883 in Charkow als letztes Mitglied des Exekutivkomitees der Narodnaja Wolja verhaftet, ende 1884 zum Tode verurteilt, ihre Strafe später in lebenslänglich umgewandelt. Sie saß zwanzig Jahre in Schlüsselburg, auf der Insel der Toten.

Wera Sassulitsch (1849–1919)
Wera Sassulitsch (1849–1919)
Wera Iwanowna Sassulitsch war eine russische Narodniza, später marxistische Autorin und Berufsrevolutionärin. Am 24. Januar 1878 schoß sie mit einem Revolver auf den General und Stadthauptmann von Sankt Petersburg Fjodor Trepow, der vor allem durch seine Niederschlagung des polnischen Novemberaufstandes 1830 sowie des Januaraufstandes 1863 bekannt war. sie verwundete ihn schwer.

In einer viel beachteten Verhandlung wurde sie dennoch von den ihr zugeneigten Geschworenen am 11. April freigesprochen.
Sie wurde eine Heldin der Narodniki

Olga Liubatovich
Olga Liubatovich
Olga Spiridonovna Lyubatovich war eine russische Revolutionärin und Mitglied von Narodnaya Volya

Praskowja Semjonowna Iwanowskaja
Praskowja Semjonowna Iwanowskaja
Praskowja Semjonowna Iwanowskaja, (1853–1935), eine russische Revolutionärin - Mitglied der Narodnaja Wolja und der Sozialrevolutionären Partei. Sie wurde verhaftet und angeklagt, an dem Attentat auf Alexanders II. beteiligt gewesen zu sein, zum Tode verurteilt, was später in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt wurde. Nach 15 Jahre im Gefängnis, wurde sie freigelassen, nach Sibirien deportiert. 1903 gelang ihr die Flucht und sie tauchte unter. Sie trat der Sozialrevolutionären Partei bei und beteiligte sich an den Aktivitäten der Kampforganisation der Sozialrevolutionäre. 1904 war sie an der Liquidierung des Innenministers Wjatscheslaw Plehwe beteiligt

Elizaveta Kovalskaia
Elizaveta Kovalskaia
Elizaveta Kovalskaia war eine russische Revolutionärin , Volkstümlerin und Gründungsmitglied der Schwarzen Repartition, wegen Propagandaarbeit wurde sie 1881 verhaftet, der Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation für schuldig befunden, zu einer unbefristeten Zwangsarbeit verurteilt, 1882 in die Kara-Katorga überstellt . In den folgenden zwanzig Jahren durchlief sie mehrere Hungerstreiks , unternahm zwei erfolglose Fluchtversuche aus dem Gefängnis und erstach einen Gefängniswärter. 1903 wurde sie freigelassen, zog nach Genf und trat der Sozialrevolutionären Partei bei . Von 1903 bis 1917 lebte sie im Exil in der Schweiz und in Frankreich. 1918 wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Petrograder Historischen Revolutionsarchiv und Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Katorga und Exil.

Mehr Informationen: 

Vielen Dank an H. für die Hinweise und Links!

Bildquelle Olga Liubatovich: Firebirds - A woman's place is in the revolution

Die Zukunft als umkämpfter Raum oder: Wir tragen eine neue Welt in unseren Herzen und andere Klischees, an die ich von ganzem Herzen glaube

„Du bist verpflichtet, Respekt vor Menschen und Institutionen zu heucheln, die du für absurd hältst. Du lebst auf feige Weise an moralische und gesellschaftliche Konventionen gebunden, die du verachtest, verurteilst und von denen du weißt, dass sie jeglicher Grundlage entbehren. Es ist dieser permanente Widerspruch zwischen deinen Ideen und Wünschen und all den toten Formalitäten und eitlen Heucheleien deiner Zivilisation, der dich traurig, beunruhigt und unausgeglichen macht. In diesem unerträglichen Konflikt verlierst du jegliche Lebensfreude und jegliches Gefühl für deine Persönlichkeit, weil sie in jedem Moment das freie Spiel deiner Kräfte unterdrücken, einschränken und kontrollieren. Das ist die vergiftete und tödliche Wunde der zivilisierten Welt.“
- Octave Mirbeau

Das Bild zeigt das Gemälde von Tizian d. Ä., „Allegorie der Zeit“ – allegorische Darstellung des Verhältnisses von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der Lebensalter: Der Greis (Vergangenheit) blickt zurück, der Jüngling (die Zukunft) nach vorne; nur der Mann (die Gegenwart) hat sein Gesicht dem Betrachter zugewandt.
Tizian, „Allegorie der Zeit“ – allegorische Darstellung des Verhältnisses von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der Lebensalter: Der Greis (Vergangenheit) blickt zurück, der Jüngling (die Zukunft) nach vorne; nur der Mann (die Gegenwart) hat sein Gesicht dem Betrachter zugewandt.

Quelle: WikiPedia
Es wurde viel über die Ermordung eines Vorstandsvorsitzenden im Gesundheitswesen letzte Woche gesagt und geschrieben. Seitdem ein Verdächtiger verhaftet wurde, wurde viel darüber gesagt und geschrieben, was wir über den mutmaßlichen Täter annehmen. Die vielleicht beste Analyse, die ich gesehen habe, stammt von meinem Kollegen Robert Evans. Weitere Informationen werden bekannt gegeben und es wird noch mehr dazu gesagt werden.

Ich weiß nicht, ob ich zu dieser konkreten Aktion noch viel hinzufügen kann.

Letzte Woche ist das autoritäre Regime, das Syrien regiert hat, endlich gestürzt worden und Assad ist nach Russland geflohen. Die Zukunft Syriens ist äußerst ungewiss und instabil und schon jetzt sieht es düster und chaotisch aus. Sowohl Israel als auch die Türkei versuchen, aus der Schwächung des Landes Kapital zu schlagen, um ihre eigenen politischen Ziele in der Region zu erreichen.

Es ist also einfach, den Sturz von Baschar al-Assad als etwas Schlechtes zu betrachten, weil daraus vielleicht etwas Schlechtes entstehen könnte.

Das ist einfach, aber nicht richtig.

Alles unterliegt einem ständigen Auf und Ab, in der gesamten Geschichte. Jede unserer Handlungen hat Folgewirkungen, und die meisten dieser Auswirkungen sind nicht vorhersehbar (obwohl wir immer versuchen können und sollten, sie zu erraten). Manchmal rufen gute Dinge schlechte Reaktionen hervor ... eigentlich rufen alle guten Dinge schlechte Reaktionen hervor. Deshalb bezeichnen die meisten Linken rechte Kräfte als „reaktionär“. Der rechte Flügel ist in den meisten Fällen die Gruppe, die den Status quo verteidigt. Sie reagieren auf unser Handeln.

Wann immer jemand mutig handelt, gibt es Menschen, die darauf warten, dieser Person die Schuld für die Reaktion reaktionärer Kräfte zu geben. Es ist das „Verärgere Papa nicht“-Prinzip der politischen Welt: Stell dir zwei Geschwister mit einem gefährlichen, unberechenbaren Vater vor. Beide Geschwister haben Angst vor ihrem Vater, aber eines entscheidet sich dafür, sich zu wehren, zurückzuschreien oder zurückzuschlagen. Dies könnte dazu führen, dass der Vater auf beide Kinder losgeht. Die Sache ist die ... der Vater würde früher oder später sowieso auf sie losgehen. Man kann nicht behaupten, dass das Kind, das sich für den Kampf entschieden hat, unethisch gehandelt hat.

Ich möchte über den Unterschied zwischen der ethischen und der strategischen Beurteilung einer Handlung sprechen.

Anstatt die reaktionäre Kraft zu beschuldigen, beschuldigen die Menschen die Person, die versucht hat, die Dinge zu verbessern, oder die für sich selbst eingetreten ist oder sich gegen Unterdrückung gewehrt hat. Das ist, in Ermangelung eines besseren Wortes, Feigheit. Es ist Unterwerfung. Oder es ist strategisches Handeln.

Wir alle leben bis zu einem gewissen Grad in Unterwerfung, in Feigheit. Oder wir handeln strategisch. Wir alle entscheiden uns regelmäßig, jeden Moment eines jeden Tages, uns der Autorität zu unterwerfen, anstatt ihr zu trotzen. Das ist verständlich und vielleicht sogar die meiste Zeit über die beste Option. Wir hören auf unsere Chefs, weil wir das Geld brauchen, das uns der Job einbringt. Wir sagen „Ja, Sir“ zur Polizei, weil wir nicht erschossen werden wollen. Wir zahlen Miete, wir zahlen Versicherungen, wir zahlen Steuern, die einen Völkermord im Ausland finanzieren. Wir tun tausend kleine und große Dinge, um unsere Ehrerbietung gegenüber den Machtstrukturen zu zeigen, die uns regieren, weil wir in unseren Köpfen denken, dass es die bessere Option ist, diese tausend kleinen und großen Dinge zu tun.

Wir haben wahrscheinlich, in der Regel, recht. Es ist wahrscheinlich strategischer, Polizisten gegenüber respektvoll zu sein, es ist wahrscheinlich strategischer, Steuern zu zahlen. Aber wir gewöhnen uns auch so sehr an diese Ehrerbietung, dass sie zur Gewohnheit wird. Wir sind uns so sicher, dass wir strategisch die richtige Entscheidung treffen, dass wir anfangen zu glauben, dass es auch ethisch die richtige Entscheidung ist. Wenn Menschen also ausrasten, wenn sie sich auf eine Weise verhalten, die wir nicht als strategisch betrachten, behaupten wir manchmal, dass diese Handlungen nicht nur unstrategisch, sondern auch unethisch sind.

Wir sollten diese Dinge nicht verwechseln.

Ehrlich gesagt werden wir oft wütend, weil wir eifersüchtig sind. Jeder von uns trägt die Last von tausend Heucheleien, und wir sind eifersüchtig auf die Menschen, die sich weigern, auch nur für einen Moment in Angst, Unterwerfung und Heuchelei zu leben. Die meisten von uns (ich eingeschlossen) sehnen sich nach einer Zeit, in der genug von uns gemeinsam handeln, um auf diese Heuchelei verzichten zu können. Die meisten von uns (ich eingeschlossen) sehnen sich danach, mutig zu sein. Wir wollen nur, dass es auch strategisch ist.

Wenn jemand auf eine Weise handelt, die ich für unethisch halte, versuche ich vielleicht, ihn davon abzuhalten oder diese Handlungen zu verurteilen. Radikale, Revolutionäre, Linke und sogar Anarchisten haben im Laufe der Geschichte hier und da unethisch gehandelt, und wir sollten uns zu Recht gegen diese Handlungen aussprechen. Wir sollten uns dafür einsetzen, diese Handlungen nicht zu wiederholen. Für mich persönlich wäre das einfachste Beispiel, wie gut wir politische Gewalt ins Visier nehmen.

Der Anarchist Malatesta schrieb einmal: „Wir müssen handeln wie ein Chirurg, der schneidet, wenn es sein muss, aber unnötiges Leiden vermeidet: Mit einem Wort, wir müssen uns von der Liebe zu den Menschen, zu allen Menschen, leiten lassen.“ Das glaube ich.

Bei meinen Recherchen bin ich auf mindestens drei anarchistische Attentäter und Möchtegern-Attentäter gestoßen, die lieber ihr Leben gaben, als das Risiko einzugehen, Unschuldige zu töten. Zwei verschiedene italienische Männer warteten wochenlang mit Bomben auf eine Gelegenheit, Mussolini zu töten, ohne jemand anderem Schaden zuzufügen, wurden aber verhaftet, bevor sie die Chance hatten, den Diktator anzugreifen ... denn schließlich gibt es einfach keine „autoritärere“ Handlung als das Töten einer unschuldigen Person.

Andere Menschen waren nicht so umsichtig. In einer der verabscheuungswürdigsten Taten, die jemals im Namen des Anarchismus begangen wurden, zündete jemand (wahrscheinlich ein späterer faschistischer Informant namens Mario Buda) 1920 an der Wall Street die vielleicht erste Autobombe der Welt, eine von Pferden gezogene Kutsche mit hundert Pfund Dynamit und 500 Pfund Metallgewichten als Schrapnell. Dabei wurden Kinder und einfache Angestellte getötet und verletzt, aber kein einziger CEO kam zu Schaden.

Ich halte es nicht für einen Zufall, dass Mario Buda nach seiner Rückkehr nach Italien schließlich begann, die faschistische Regierung über die anarchistische Bewegung zu informieren, um seinen eigenen Arsch zu retten – und einmal ein Komplott gegen Mussolinis Leben vereitelte. Jemand, der keine Skrupel vor „Kollateralschäden“ hat, wird natürlich vom Faschismus angezogen.

Wenn jemand unethisch handelt, müssen wir diese Handlung natürlich verurteilen.

Wenn jemand hingegen unstrategisch handelt, können wir die Handlung kritisieren und versuchen, es selbst besser zu machen und andere zu ermutigen, es in Zukunft besser zu machen, aber wir können die Handlung nicht ethisch verurteilen.

Jede Handlung hat unbeabsichtigte Folgen. Insbesondere gewalttätige Handlungen neigen dazu, unbeabsichtigte Folgen zu haben. Das macht sie nicht unethisch.

Es war nicht unethisch, dass Menschen das unterdrückerische Regime von Baschar al-Assad stürzten, komme was wolle. Und offen gesagt glauben nur sehr wenige Menschen, dass es unethisch war, dass jemand einen CEO im Gesundheitswesen erschoss, der von der systematischen Ermordung von Kranken profitiert.

Wenn uns die Nachrichten der vergangenen Woche eines gezeigt haben, dann, dass die Zukunft ein umkämpfter Raum ist. Bestimmte Dinge, die sich unmöglich anfühlten, fühlen sich jetzt möglich an. Wir sind, um eine überstrapazierte Metapher zu riskieren, losgemacht. Das Schiff der Politik hat den Anker gelichtet. Alles ist möglich. Es ist gefährlich und beängstigend, bei Sturm auf dem Meer ohne Anker zu treiben. Der Wind bläst aus allen Richtungen und es liegt an uns, herauszufinden, wie wir die Segel setzen oder was auch immer. Ich weiß nicht viel über das Segeln. Wir müssen das Boot nur in eine gute Richtung bringen, und das ist jetzt tatsächlich möglich, anders als früher.

Krisen sind Chancen.

Der Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs ermöglichte es der Region, die am häufigsten als Rojava bezeichnet wird, sich für den demokratischen Konföderalismus auszurufen und am Aufbau einer unvollkommenen, pluralistischen und feministischen Gesellschaft von unten nach oben zu arbeiten. Es ist eines der spannendsten sozialen Experimente der Geschichte. Ohne die Krise des Krieges hätten sie diese Chance nicht gehabt.

Doch das prekäre Gleichgewicht, das sie gefunden haben, ist jetzt in Gefahr, weil ausländische Kräfte den Zusammenbruch des Regimes in Syrien ausnutzen. Das Chaos ermöglichte es ihnen, sich zu formieren, und jetzt bedroht das Chaos sie. Das ist die Wirkung von Chaos.

Wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich zu einem politischen Thema im Ausland stehen soll, schaue ich mir die Anarchisten vor Ort an und folge ihrem Beispiel. Diese Methode ist vielleicht nicht perfekt, aber sie hat mir im Allgemeinen gute Dienste geleistet. Têkoşîna Anarşîst (anarchist struggle) ist eine anarchistische Einheit, die in der SDF kämpft, der militärischen Streitmacht, die die Region verteidigt, die wir normalerweise Rojava nennen. Und ihre Erklärung von vor einer Woche ist vorsichtig und nervös, aber nicht pessimistisch. Und sie trägt den Titel „Wir haben keine Angst vor Ruinen“.

Dieser Titel ist ein Auszug aus einem Zitat, das regelmäßig dem anarchistischen General Buenaventura Durruti während des Spanischen Bürgerkriegs zugeschrieben wird. Es besteht eine gute Chance, dass das Zitat unecht ist, dass es stattdessen von einem wohlgesonnenen Journalisten geschrieben wurde. Aber das Schöne daran, Anarchist zu sein, ist, dass ich dem Zitat nie eine besondere Bedeutung beigemessen habe, nur weil es von einem „wichtigen“ Mann stammt. Das vollständige Zitat lautet:

„Wir haben immer in Slums und Löchern in der Wand gelebt. Wir werden wissen, wie wir uns für eine Weile einrichten können. Denn ihr dürft nicht vergessen, dass wir auch bauen können. Wir haben diese Paläste und Städte hier in Spanien und Amerika und überall gebaut. Wir, die Arbeiter. Wir können andere bauen, um ihren Platz einzunehmen. Und bessere. Wir haben nicht die geringste Angst vor Ruinen. Wir werden die Erde erben; daran besteht nicht der geringste Zweifel. Die Bourgeoisie mag ihre eigene Welt in die Luft sprengen und ruinieren, bevor sie die Bühne der Geschichte verlässt. Wir tragen eine neue Welt in unseren Herzen. Diese Welt wächst in dieser Minute."
Die Zukunft, unsere Zukunft, ist noch nicht geschrieben, aber wir wissen, wie man schreibt. Wir werden diese Zukunft gemeinsam schreiben. Wenn wir alle an Bord dieses Schiffes sind, das von den Winden hin- und hergeworfen wird, wissen wir, wie man die Segel setzt oder die Ruder bedient oder was auch immer (ich bin kein Seemann). Wir segeln durch den Sturm, indem wir das tun, was wir am besten können: Wir kümmern uns umeinander. Wir bauen und stärken Strukturen der gegenseitigen Hilfe. Wir weigern uns, zu verzweifeln. Wir betrachten hartnäckig die Situationen um uns herum und entscheiden, wie wir am besten handeln können, gemeinsam oder einzeln, um das Schiff in die richtige Richtung zu lenken.

Wir erinnern uns daran, dass „Solidarität“ nur zwischen Menschen mit Unterschieden bestehen kann. Es ist keine „Solidarität“, der eigenen unmittelbaren Gemeinschaft zu helfen, sondern Menschen zu helfen, mit denen man vielleicht nicht einer Meinung ist oder die man sogar nicht mag.

Wir arbeiten daran, Klassenbewusstsein zu schaffen, um Menschen aus allen Gesellschaftsschichten klarzumachen, dass die Mittelschicht mehr mit den Armen gemeinsam hat als mit den Reichen. Dass Landarbeiter und Stadtarbeiter mehr miteinander gemeinsam haben als mit den Reichen. Dass einige Menschen Dinge besitzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und andere Menschen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und den Menschen, die Dinge besitzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, darf nicht erlaubt werden, weiterhin Dinge zu besitzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Wir arbeiten daran, die Menschen daran zu erinnern, dass ihre Entscheidungsfreiheit nicht an der Wahlurne beginnt oder endet.

Wir haben das Glück, in unsicheren Zeiten zu leben, in denen alles möglich ist. Schreckliche Dinge sind möglich, das ist sicher. Aber auch schöne Dinge. Wenn ihr mich fragt, vermute ich, dass beides eintreten wird.

Quelle: © Margaret Killjoy: The Future as a Contested Space or: we carry a new world in our hearts and other cliches I believe wholeheartedly, 11. Dezember 2024

Autorisierte Übersetzung: © Thomas Trueten
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