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»Unsere Gesellschaft scheint nicht mehr verstehen zu können, dass es möglich ist, anders als unter der Herrschaft des Gesetzes zu existieren, das von einer repräsentativen Regierung ausgearbeitet und von einer Handvoll Herrschern verwaltet wird.« Pjotr Alexejewitsch Kropotkin

Abgesagte Stationierung von US-Raketen: Kampagne sieht große Chance für Rüstungskontrolle

Das Logo der Kampagne zeigt eine weiße Friedenstaube, die vor einer zerbrochenen Rakete fliegt.

Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ begrüßt die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren. Nach Einschätzung des Bündnisses bietet sich jetzt die Chance für neue Fortschritte in der Rüstungskontrolle. Die Bundesregierung müsse diese nutzen.

Die Pläne zur Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Deutschland waren vor rund zwei Jahren bekannt geworden und hatten bundesweit Proteste ausgelöst. Mit seiner Ankündigung, einen Teil der US-Truppen aus Deutschland abzuziehen, hat Trump nun am vergangenen Wochenende auch die Stationierung der Waffen in Deutschland abgesagt.

Bestärkt durch diese Entwicklung ruft die Kampagne für den 30. Mai 2026 gemeinsam mit einem breiten Bündnis zu Protesten unter dem Motto „Keine Mittelstreckenwaffen – nirgends!“ in Wiesbaden und Grafenwöhr auf, um Druck für neue Abrüstungsinitiativen zu machen.

Absage der Stationierung ist eine gute Nachricht
„Die Absage der Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland ist eine gute Nachricht für die Sicherheit in Europa!“, sagt Simon Bödecker, Referent von Ohne Rüstung Leben und Sprecher der Kampagne. „Landgestützte Mittelstreckenwaffen sind darauf ausgelegt, strategische Ziele in sehr kurzer Zeit anzugreifen. Sie wirken destabilisierend, führen zu einem Klima der ständigen Unsicherheit und hätten Deutschland zu einem potenziellen Ziel russischer Präventivschläge gemacht.“

Sehr kritisch bewertet die Kampagne die ersten Reaktionen aus der deutschen Politik. Forderungen nach der Entwicklung oder Beschaffung eigener Mittelstreckenwaffen würden die bestehenden Risiken eher verschärfen als reduzieren.

„In der aktuellen Weltlage ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und kluge, weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Der Verzicht der USA auf die Stationierung weitreichender Angriffswaffen in Deutschland bietet dafür jetzt eine große Chance“, erklärt Simon Bödecker. „Reflexartige Rufe nach dem Kauf eigener Marschflugkörper und der Entwicklung europäischer Mittelstreckenwaffen bringen uns aber nicht weiter. Auch die vielbeschworene ‚Fähigkeitslücke‘ ist längst widerlegt!“

Rüstungskontrolle und Abrüstungsinitiativen jetzt nötig!
Wir fordern die Bundesregierung auf, neue Initiativen für internationale Rüstungskontrolle auf den Weg zu bringen. Der INF-Vertrag hat in den 1980er-Jahren gezeigt, dass das Verbot von Mittelstreckenwaffen einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Eskalationsrisiken leistet und Grundlage eines weiterführenden Dialogs sein kann. Damals war der Vertrag ein wichtiger Schritt zum Ende des Kalten Krieges. Solche Impulse brauchen wir heute wieder!“ fügt Simon Bödecker hinzu.

Protest gegen Mittelstreckenwaffen in Ost und West am 30. Mai
Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig“ mobilisiert daher für den 30. Mai 2026 zu Demonstrationen in Grafenwöhr und Wiesbaden. „Mit den großen Demonstrationen wenden wir uns gegen alle Mittelstreckenwaffen in Ost und West. Und wir protestieren gegen die Pläne zum Kauf und zur Entwicklung europäischer Marschflugkörper. Gerade jetzt ist es wichtig, dass tausende Menschen mit uns Verhandlungen über Rüstungskontrolle fordern,“ erläutert Marvin Mendyka, Mitglied im Kampagnenrat und im Vorbereitungskreis der Demo. „Daher rufen wir bundesweit zur Teilnahme an den beiden großen Demonstrationen am 30. Mai auf. Unsere Botschaft ist klar: Keine Mittelstreckenwaffen – nirgends!“

Über die Kampagne
Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ ist ein Zusammenschluss von mehr als 55 Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Die Kampagne protestiert gegen die Rückkehr der Raketen und Marschflugkörper nach Europa, klärt über ihre Risiken und Gefahren auf und fordert ein internationales Abkommen zur Begrenzung landgestützter Mittelstreckenwaffen.

Quelle: Pressemitteilung, 4. Mai 2026. Weitere Informationen zur Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ finden sich unter: friedensfaehig.de.

USA - Zwangssterilisation hinter Gittern

In Kaliforniens größtem Frauengefängnis werden Frauen jahrelang ohne ihre Zustimmung sterilisiert. Besonders oft betroffen: Women of Color. Eine Betroffene und eine Anwältin brechen das Schweigen, sammeln Beweise und konfrontieren die Verantwortlichen. Der Film zeigt, wie hartnäckig sich eugenische Denkmuster bis heute halten, und begleitet die Frauen bei ihrem mühsamen Kampf für Gerechtigkeit.

Wild Roving oder: Das Lied der offenen Straße

Einen schönen Maifeiertag euch allen!

Zur Feier des Tages werde ich dieses Wochenende zweimal in Cleveland auftreten. Am Freitag, dem 1. Mai, veranstaltet das Rhizome House (2174 Lee Road, Cleveland Heights) einen ganzen Tag mit einsteigerfreundlichen Workshops, und ich werde während des Abendessens gegen 18 Uhr über die Geschichte des Maifeiertags sprechen. (Aber kommt auch wegen dem Rest vorbei! Ich denke, diese Veranstaltung ist ideal für Leute, die so etwas noch nie erlebt haben.)

Am Samstag, dem 2. Mai, bin ich in der Buchhandlung Mac’s Backs zu Gast und unterhalte mich mit dem Debütautor (und Freund) Carter Keane über ihr queeres Folk-Horror-Buch „Morsel“ (das ihr vor Ort bei der Veranstaltung kaufen oder bei Firestorm Books mit 10 % Rabatt über meinen Empfehlungscode bestellen könnt).

Ich schwöre, dass ich irgendwann auch Veranstaltungen in anderen Städten machen werde.

Und zur Erinnerung: Der Cool Zone Media Bookclub ist diese Woche interaktiver als sonst. Ihr seid eingeladen, zwei Kurzgeschichten von Ursula K. Le Guin zu lesen: „Die, die aus Omelas fortgehen“ und „Der Tag vor der Revolution“ (hier in einem Zine zusammengefasst, das ihr online lesen könnt) und sie dann auf dem Reddit-Forum „It Could Happen Here“ zu diskutieren. Morgen werden einige von uns die Geschichten anhand eurer Kommentare besprechen, und der Beitrag erscheint diesen Sonntag.

Wild Roving


Das Foto von Walt Whitman aus dem Jahr 1869 zeigt ihn mit nachdenklichem Blick auf den Fotografen, das Kinn auf eine Hand gestützt, mit langem Haar und Vollbart
Walt Whitman (etwa 1869)

„Jetzt sehe ich das Geheimnis, wie man die besten Menschen hervorbringt:
Es besteht darin, an der frischen Luft aufzuwachsen und mit der Erde zu essen und zu schlafen.“

Walt Whitman, Song of the Open Road 6

Letzte Nacht bin ich über meine Schlafenszeit hinaus aufgeblieben (ja, ich habe eine Schlafenszeit. Ich bin in meinen 40ern. Ich wünschte, ich würde mich mehr daran halten.) und habe A Knight of the Seven Kingdoms geschaut. Ich habe es noch nicht zu Ende gesehen und habe nicht vor, euch die Spannung zu nehmen, aber der Protagonist dieser Serie ist ein Heckenritter. Ein Obdachloser mit einem Schwert und einem Pferd und kaum einem Kupferpfennig in der Tasche.

Ich habe das Gefühl, das Ganze sei als Geschenk für mich geschrieben worden. All die Schwerter und Rüstungen und die Produktionsqualität von Game of Thrones, nur mit etwas weniger Adel und (bisher) ganz ohne Vergewaltigungen. Vielleicht schau ich mir die Serie zu Ende an und ändere meine Meinung, aber bisher gefällt sie mir so gut, dass ich, wie gesagt, länger aufgeblieben bin, als ich eigentlich sollte.

Es gibt eine Szene ganz am Anfang, in der sich unser Held Dunk mit seinem Meister Ser Arlan von Pennytree, dem Heckenritter, der ihn zum Knappen nahm, unter einem Baum zusammenkauert. Sie teilen sich ein einfaches Mahl, während der Regen heftig niederprasselt, und Bäume sind schlechte Unterstände, weil sie undicht sind.

Das kenne ich. Ich bin nicht mehr dort, aber ein Teil von mir wird es immer vermissen.

Als ich mit etwa dreißig Jahren schon ein alter Hase war, fuhr ich zu einer Konferenz für Organisatoren von Earth First! in den Bergen, und wir sprachen darüber, was alles dazugehört, wenn man versucht, den einzigen Planeten zu retten, von dem wir wissen, dass er Leben ermöglicht. Eine Delegation indigener Organisator*innen kam aus Solidarität zu uns (oder um uns zu helfen, Solidarität mit ihnen zu zeigen), und eine Frau hielt eines Abends beim Abendessen einen Vortrag darüber, wie wir als Kolonisator*innen eine bessere Verbindung zu diesem Land herstellen könnten, auf dem wir lebten und das wir pflegten.

Ich wünschte, ich würde mich an ihren Namen erinnern, aber damals war mir nicht bewusst, dass ich einen dieser Momente erlebte, die einem für immer im Gedächtnis bleiben.

Sie sprach darüber, wie schwierig es für Nicht-Indigene sei, wirklich verwurzelt und mit dem Land verbunden zu sein, für das sie kämpften – aber dass es für die Arbeit unerlässlich sei. Es fiel mir schwer, das zu hören. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon seit über einem Jahrzehnt ständig auf Reisen und ging davon aus, dass ich das mein ganzes Leben lang tun würde. Die Trägheit hatte mich fest im Griff, und ich wusste nicht, ob ich mich befreien könnte, selbst wenn ich es wollte.

Nach dem Vortrag ging ich schüchtern zur Referentin, um mich vorzustellen, und wir unterhielten uns eine Weile. Ich erzählte ihr, dass ich ein Wanderer sei. Dass ich nirgendwo ein Zuhause gefunden hätte, zumindest nicht für längere Zeit, und es mir daher schwerfiel, mir eine Verbindung zu einem bestimmten Stück Land vorzustellen.

Sie lachte und verstand meine Nervosität. „Oh, das ist in Ordnung“, sagte sie zu mir. „Manche Menschen sind einfach so.“ Sie erzählte mir Geschichten von einem Mann, einem ihrer Liebhaber, der nie ein Zuhause gefunden hatte und mit seiner Gitarre umherwanderte.

Manche Menschen sind einfach so.

Das Foto von Rémi Orts zeigt eine schnurgerade Straße in der Prärie, aufgenommen vom Mittelstreifen aus, mit Bergen im Hintergrund.
Foto: Rémi Orts
Quelle
Die meisten meiner Freunde, vor allem die älteren Anarchisten, die ich kannte (meine Ältesten, würde ich sagen), verbrachten ihre Zeit damit, mich dazu zu bringen, an einem Ort zu bleiben. Mein „Frenemy“ Aragorn! (Das Ausrufezeichen war Teil seines Namens, und er ist der Grund, warum ich das Wort „Frenemy“ kenne. Er hat einmal buchstäblich einen Text mit dem Titel „Gegen die Freundschaft“ geschrieben.) traf mich auf einer anarchistischen Buchmesse in Kanada und sagte mir unverblümt, dass ich meine Zeit mit Reisen verschwendete, obwohl ich schreiben sollte. Dass ich so viel mehr für den Anarchismus erreichen könnte. Er und ich haben uns vor seinem Tod immer über Politik gestritten und gezankt, aber er hat meine Vision, trashige anarchistische Pulp-Fiction zu schreiben, immer unterstützt, und er hat mir einmal einen Synthesizer geliehen, damit ich einen Auftritt spielen konnte, als ich mir keinen eigenen leisten konnte.

Aragorn! war einer der ersten großen Theoretiker indigener anarchistischer Ideen, also kann ich nicht einfach sagen „Oh, ein indigener Mensch hat mir gesagt, ich darf reisen, also ist es okay“ und es dabei belassen, weil mir ein anderer indigener Mensch gesagt hat, ich solle verdammt noch mal stillsitzen. Aber Aragorn! würde mir niemals verzeihen, dass ich mich überhaupt auf solche vereinfachten Identitätsargumente berufe.

Ein anderer Freund, der noch am Leben ist und daher ungenannt bleibt, sagte mir: „Wenn du an den Strand gehst, wirst du die Geisterkrabben nicht sehen, es sei denn, du stehst lange genug still, damit sie dir vertrauen und aus dem Sand kommen.“

Ein vierter Ältester, der sich nach dem Fall der UdSSR in Bulgarien im Straßenkampf gegen Faschisten seine Sporen verdient hatte, sagte mir, es sei in Ordnung zu wandern, das sei einfach das, was manche Leute tun.

Meine Ratgeber waren also fifty-fifty gespalten, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und ich wanderte weiter. Etwa fünfzehn Jahre lang verbrachte ich selten mehr als ein paar Wochen an einem Ort. Gelegentlich schaffte ich es auf ein paar Monate. Einmal, mitten in all dem, blieb ich aus Liebe zwei Jahre lang in Portland, Oregon, obwohl ich es trotzdem schaffte, alle paar Monate von einem Punkhaus in ein Zelt im Garten und wieder zurück in ein Punkhaus zu ziehen.

Letztendlich war es eine Verletzung, die mich bremste.

Vor etwa zehn Jahren habe ich meinen viel zu schweren Rucksack falsch aufgesetzt und mir den Brustknorpel gerissen. Du wirst schockiert sein zu erfahren, dass die Gesundheitsversorgung für Nomaden in den Vereinigten Staaten alles andere als erstklassig ist, und ich hatte jahrelang Probleme, wieder gesund zu werden, und konnte kaum etwas tragen. Das Leben im Van war unhaltbar. Ich zog nach Asheville, dann in ein Punkhaus auf dem Land, dann in eine Scheune auf dem Land, dann in eine Hütte auf dem Land, dann weiter nach Norden in die Appalachen, und es geht dich nichts an, wo ich jetzt wohne, aber ich bin ganz sicher ein Stubenhocker.

Ich habe meine Brust vor Jahren durch eine Kombination aus Zeit und selbst durchgeführter Physiotherapie geheilt, aber Trägheit ist nun mal Trägheit. Wenn ich ein Objekt in Bewegung war, blieb ich in Bewegung. Wenn ich ein Objekt in Ruhe bin, bleibe ich in Ruhe. Manchmal habe ich nachts das Gefühl, etwas verloren zu haben.

Aragorn! hatte Unrecht. Ich bin an einem Ort nicht von Natur aus produktiver, als ich es unterwegs war.

Aber mein Hund mag die Buchtour im Van viel weniger, als er es mag, im Garten Flugzeuge anzubellen, und es war schön zu sehen, wie die sprichwörtlichen Geisterkrabben hervorkamen. Es war schön, einen einzigen Ort durch die Jahreszeiten zu beobachten, zu sehen, welche Wildblumen jedes Jahr sprießen und wann sich die Truthähne versammeln. Man hat nicht die Chance, zu sehen, wie sich andere Menschen und Orte verändern, wenn man selbst derjenige ist, der sich ständig verändert. Und es ist schön, sich gemeinsam mit anderen Menschen zu verändern, Hand in Hand.

Als ich jung war, brachte mich das Leben auf der Straße den Menschen näher. Ich war immer in dieser oder jener Punk-Clique unterwegs, sprang auf Züge auf oder trampte, schlief im Park oder in jemandes Garten oder in einem Wald, den wir zu retten versuchten. Als ich meinen Van bekam, quetschte ich regelmäßig fünf oder sechs Leute hinein, während ich durchs Land fuhr. Aber mit Mitte dreißig reiste ich meist allein. Vollzeit zu reisen, während man pleite ist, ist für die meisten Menschen keine nachhaltige Lebensweise, und die Leute um mich herum starben entweder oder gaben ihr Leben als Aussteiger auf.

Ich versuche einfach, sowohl für die Zeit, die ich mit Umherziehen verbracht habe, als auch für die Zeit, die ich an einem Ort verbracht habe, dankbar zu sein, und meistens gelingt mir das auch. Aber es vergeht keine Woche, in der ich nicht darüber nachdenke, alles, was ich besitze, wegzugeben und wieder in meinen Van zu ziehen.

Der Grund, warum ich es am Ende wahrscheinlich nicht tun werde, ist, dass ich mich, als ich ein mittelloser Aktivist war, ziemlich stark auf andere Menschen verlassen habe. Ich will nicht sagen, dass ich mich „zu sehr“ auf sie verlassen habe, denn ich finde es gut, Teil eines Netzwerks der gegenseitigen Abhängigkeit und der gegenseitigen Hilfe zu sein. Aber ich habe auf Sofas und in Gästezimmern übernachtet und mindestens genauso oft Essen gegessen, das andere Leute gekauft haben, wie ich meine Mahlzeiten gestohlen oder aus dem Müll gefischt habe. Ich habe beigetragen, so gut ich konnte, meist indem ich bei jeder Demo dabei war und meine Freizeit für die Organisation genutzt habe.

Aber jetzt bin ich auf der anderen Seite dieser Gleichung. Ich nehme Anhalter mit. Ich beherberge Freunde, die es brauchen, ich nehme Besucher auf. Ich versuche, genauso großzügig zu anderen zu sein, wie andere es mir gegenüber waren. Das ist eine hohe Messlatte, und vielleicht schaffe ich es nicht. Ich möchte jetzt jemand sein, der Ressourcen bereitstellt. Das scheint nur fair zu sein, und es ist zutiefst befriedigend.

Das Umherziehen fühlt sich jetzt wie ein Notfallplan an. Es hilft mir sehr gegen meine Ängste, zu wissen, dass ich ohne festen Wohnsitz überleben kann. All diese „Prepper“-Überlebenskünstler, die mit Beilen Unterkünfte bauen und Eichhörnchen töten können, wissen wahrscheinlich nicht, wie man die kostenlosen Bagels im Müll findet oder wie man auf das Dach einer Domino’s-Pizzeria klettert, um dort zu schlafen. Ich vermute, Straßenkinder werden die Apokalypse mindestens genauso gut meistern wie die christlichen Nationalisten aus der Mittelschicht, die sich für Alpha-Männer halten, denn Straßenkinder ziehen in Gruppen umher und kennen die Städte.

Aber wenn ich wieder auf Wanderschaft gehe, sind es nicht die Städte, die mich rufen. Es ist die Straße und es ist die Wildnis (was davon übrig ist). Es ist schön, unter Menschen zu sein, aber vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein halber Einsiedler. Vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein Wanderer.

Hätte ich nur die Hälfte des Geldes, das ich dir anvertraut habe
Könnte ich mir zehn Morgen Land kaufen und meine Familie versorgen
Könnte ich mir ein strohgedecktes Häuschen bauen, könnte ich mir eine Scheune errichten
Könnte ich mir einen Pelzmantel kaufen, um meinen Rücken warm zu halten

Das wilde Umherziehen werde ich aufgeben
Das wilde Umherziehen, ich gebe es auf
Und ich werde nie wieder
Der wilde Wanderer genannt werden

- The Wild Rover

(Wird meist als traditionelles irisches Lied angesehen, ist aber wahrscheinlich englischen Ursprungs, was schwer zu schlucken ist, aber wohl notwendig, denn eigentlich ist Nationalismus Unsinn und die Arbeiterklasse kennt kein Land, und Volkstraditionen haben sich seit Urzeiten zwischen diesen beiden Inseln bewegt, und das Problem sind die Regierung und die Machtsysteme.)

Quelle: "Wild Roving or: the song of the open road", 29. April 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Vor 90 Jahren: Volksfront in Frankreich: Einheit gegen Faschismus - für Brot, Frieden und Freiheit!

Durch den Sieg der Faschisten in Deutschland übermütig geworden, unternahmen am 6. Februar 1934 die verschiedenen faschistischen Gruppen – die „Action francaise“ mit ihren „Camelots du roi“, einer Art SA sowie die „Feuerkreuzler“ des ehemaligen Oberstleutnant de La Roque – in Paris einen Putsch mit dem Ziel, die bestehende, durch Korruptionsskandale zahlreicher ihrer Minister rettungslos kompromittierte Regierung zu stürzen und an ihrer Stelle eine faschistische Regierung einzusetzen.

6. Februar 1934:

30.000 Anhänger faschistischer Organisationen und reaktionärer Veteranenverbände haben sich auf der Place de la Concorde zusammengerottet. Gegen Abend versuchen sie über die Seine-Brücken zur Nationalversammlung, die im Palais Bourbon tagt, vorzudringen. Sie beginnen die Polizei, die die Seine-Brücken besetzt hält, zu beschiessen. Die erwidert das Feuer.
Die Erstürmung des Parlaments mißlingt .

Der Putschversuch vom 6. Februar ist ein Weckruf, er alarmiert das französische Proletariat. Gewarnt durch das Wüten des faschistischen Terrors in Deutschland und entschlossen, dem Faschismus in Frankreich den Weg zu verlegen, wächst der Wunsch nach einheitlichem Handeln vor allem bei der Mitgliedschaft der Arbeiterparteien.

12. Februar 1934:

Gegen die faschistischen Umtriebe ruft die CGT zum Generalstreik „gegen die Bedrohung durch den Faschismus und die Verteidigung politischer Freiheiten“ auf. Der Erfolg des Streiks übertrifft die optimistischsten Erwartungen: Landesweit beteiligen sich viereinhalb Millionen Streikende, allein im Raum Paris eine Million. Die drei Citroen-Werke werden ab Nachmittag zu 100% bestreikt, es erscheinen keine Zeitungen, Bus, Bahn und Metro stellen ihren Betrieb ein, die Baustellen liegen verlassen da, am Abend fallen sämtliche Theatervorstellungen aus.

Nachmittags, Place de la Nation:
Die riesigen Säulen auf dem Place de la Nation ragen mit den Statuen ihrer toten Könige an der Spitze in den trüben Februarhimmel. Der sonst so belebte Platz liegt still da, nur von Ferne hört man Musikfetzen, Bruchstücke skandierter Sprechchöre.
Das historische Foto zeigt die Szenerie auf dem Place de la Nation
Foto: Rue des Archives
Es sind die Teilnehmer der Demonstration der sozialistischen Partei, die sich an der Porte de Vincennes aufstellen. Oder sind es die Teilnehmer der kommunistischen Demonstration, die sich in der Rue des Pyrénées bereit machen? Beide Demonstrationszüge setzen sich in Bewegung, sie kommen nur langsam voran, so viele sind es, Zehntausende, dichtgedrängt  Kopf an Kopf schieben sie sich durch die Straßen. An der Kreuzung Cours de Vincennes/Rue des Pyrénées treffen die beiden Demonstrationen aufeinander, auf der rechten Straßenseite des Cours des Vincennes die Kommunisten, auf der linken Straßenseite die Sozialisten. Sie umrunden den Place de la Nation: die einen rechtsherum , die anderen linksherum.

Dann, als die Demo-Züge sich am Platzausgang begegnen, hallt ein einziger tausendstimmiger Ruf von den Häuserwänden wider: „Unité, Unité !“ (Einheit, Einheit!). Ausgestreckte Hände werden geschüttelt, es gibt Umarmungen, man hakt sich unter und die Massen marschieren nun vereint über die ganze Breite des Cours de Vincennes, die „Internationale“ singend.

Am nächsten Tag wird „Le Populaire“ schreiben: „Gestern haben die Pariser Arbeiter den faschistischen Provokateuren geantwortet“ und fügt hinzu: „Wir waren 150.000.“

27. Juli 1934:
In diesen Februartagen wird die Einheitsfrontbewegung geboren, die zu einem offiziellen Abkommen der beiden Arbeiterparteien führt. Dieses Abkommen wird im kleinen Saal des Restaurants Bonvalet am Boulevard du Temple unterzeichnet – einem wahrhaft geschichtsträchtigen Ort. Hier verschwor sich schon 1851 Victor Hugo mit anderen zu einem – erfolglosen – Staatsstreich. 20 Jahre später versuchte der Wirt Bonvalet eine Verständigung zwischen der Nationalversammlung, die nach Versailles getürmt war, mit dem Zentralkomitee der Nationalgarde herbeizuführen. Versailles lehnte ab und am 18. März 1871 übernahm Alfons Assi, Metallarbeiter, Revolutionär und Mitglied der 1. Internationale, zeitweilig Vorsitzender des Zentralkomitees der Nationalgarde, die Verwaltung des Stadthauses von Paris.

Der Inhalt dieses Abkommens ist:
  • Die SFIO (Sozialistische Partei) und die KPF verpflichten sich, gemeinsam zu kämpfen:
  • gegen die faschistischen Verbände, für ihre Entwaffnung und ihre Auflösung
  • für die Verteidigung der demokratischen Freiheiten
  • für ein Verhältniswahlrecht und die Auflösung des Parlaments
  • gegen die Kriegsvorbereitungen
  • gegen die Notverordnungen
  • gegen den faschistischen Terror in Deutschland und Österreich
  • für die Befreiung aller inhaftierten Antifaschisten

Die Mittel:
Die Kampagne wird mittels gemeinsamer Treffen, Massendemonstrationen und Gegendemonstrationen geführt werden.Die Mitglieder beider Organisationen leisten einander Hilfe und Beistand. Die Selbstverteidigung der Treffen und Demonstrationen wird gemeinsam organisiert. Gemeinsame Demonstrationen dürfen nicht in Streitigkeiten ausarten. Im Verlauf der Aktion darf keine Kritik gegenüber Mitgliedern und Organisationen, die daran loyal teilnehmen, geäußert werden; ansonsten behält jede der beiden Parteien die Freiheit, ihre Propaganda ohne Beleidigungen oder Beschimpfungen gegenüber der  anderen Partei zu entfalten und ihre eigene Mitgliederwerbung durchzuführen. Ein Koordinationskomitee legt den Gesamtplan und die Gestaltung der gemeinsamen Demonstrationen fest. Es wird sich auch mit möglichen Problemen befassen.

26. April / 3. Mai 1936:
Am 26. April und am 3. Mai 1936 finden die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Im ersten Wahlgang erhalten die Arbeiterparteien mehr als dreieinhalb Millionen Stimmen, schließlich erhält die Sozialistische Partei 146 Sitze (vorher 97) und die KPF 72 (vorher 16). Insgesamt verfügt die Volksfront mit mehr als 100 Sitzen Vorsprung über eine sichere Mehrheit.
Das historische Foto zeigt die Szenerie einer Demonstration mit einem getragenen Transparent mit dem Text "Seine 32 elus"
Foto: David Seymour
Sobald am Abend des 3. Mai die Ergebnisse bekannt werden, finden spontane Demonstrationen statt; in den Arbeitervierteln von Paris und am Stadtrand formieren sich Siegeszüge, vor den Rathäusern und auf den Plätzen kommt die Menge freudig erregt zusammen. Dort wird weiter debattiert, und jeder meint, dass sich nun alles ändern werde. Gruppen von Jugendlichen fangen an zu singen „Der Zukunft entgegen“, und fallen beim Refrain der „Internationale“ mit ein, die man bis spät in die Nacht hinein hört.
In Paris haben sich die Faschisten verkrochen; in Bordeaux, Marseille, Menton werden ihre Versuche, Gegendemonstrationen zu organisieren, nach kurzen Schlägereien, bei denen sich die Polizei bereits auf „die richtige Seite“ stellt, rasch beendet.

24. Mai 1936:
Am 24. Mai findet die traditionelle Demonstration zum Gedenken an die Toten der Pariser Commune von 1871 statt, zu der ein gemeinsames Komitee von Sozialisten und Kommunisten sowie die CGT die Pariser Bevölkerung aufgerufen haben.
Seit 13 Uhr sind die Boulevards de Charonne und Menilmontant schwarz vor Menschen. Die erste Gruppe setzt sich um halb zwei in Richtung Friedhof Père Lachaise in Bewegung. Es ist ein fröhliches Gedenken, keine Friedhofsruhe, die gepflasterten Wege zwischen den Grabmausoleen können die Menschenmassen nicht mehr fassen.
Die Szene zeigt ein kleines Mädchen, das auf der Schulter ihres in die Kamera lächelnden Vaters sitzt und die geballte Faust hebt
Foto: David Seymour
Viele tragen gemalte Portraits „der Menschen, die den Geist des modernen Frankreichs geschaffen haben von Voltaire bis Jaurès, von Diderot bis Zola.“ 

An der Spitze gehen die Führer der Front populaire, Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter der CGT.

Es gibt Beifall für Maurice Thorez, Leon Jouhaux und Leon Blum. Letzterem, der für das Amt des Premierministers vorgesehen ist, wird oft zugerufen: „Blum, sei tatkräftig!“ oder „Auf, an die Arbeit, Blum!“.

Dahinter folgt die ganze Vielfalt der Mitglieder der Front populaire – man hört die Internationale und andere revolutionäre Lieder genauso wie die Weisen der Blaskapelle der Vereinigung der Volksmusik – unzählige Arbeiter, besonders von der Metro, vom Bau, von den Gas- und Elektrizitätswerken; junge Mädchen, Pariser Arbeiterinnen, die ihren eigenen Zug bilden, linke Christen, die hinter einem Transparent marschieren, auf dem das Kreuz und Hammer und Sichel abgebildet sind; Athleten der Arbeitersportvereine, die rufen „Keinen Mann für Berlin!“ (wo die Sommerolympiade 1936 stattfindet); Veteranen und Kriegsversehrte des 1. Weltkriegs, Intellektuelle, die sich hinter einem Banner des Comité de vigilance des intéllectuels antifascistes versammeln, unter ihnen Louis Aragon, Paul Nizan, Le Corbusier oder auch der zukünftige Minister Jean Zay.

Aber am meisten bejubelt werden die früheren Kommunarden, alte Männer, die gestützt auf ihre Krücken, vorbeiziehen. An der Mur des Fédérés (Mauer der Föderierten) „Aux morts de la Commune 21.- 28. Mai 1871" (Den Toten der Commune) lautet die Inschrift – wird es still, die Fahnen werden gesenkt in Gedenken an die letzte Schlacht, die die Kommunarden auf dem Père Lachaise geschlagen haben, bevor sie füsiliert wurden.

Die letzte Gruppe erreicht den Friedhof im Schein von Fackeln und roten Lampions und es sind immer noch nicht alle bei der Mur des Fédérés angekommen. Da die Tore des Pére Lachaise an diesem 24. Mai 1936 gegen 22.30 Uhr schliessen, müssen viele  Demonstranten darauf verzichten, die Kommunarden zu ehren. Niemals zuvor war die Beteiligung an dieser Demonstration so gewaltig: Mehr als 600.000 zogen bis in die Nacht hinein an der Mur des Fédérés vorüber.
Das historische Foto zeigt die Menschenmassen vor dem Friedhof mit den Portraits verschiedener Persönlichkeiten der französischen Arbeiter- und Volksbewegung wie Voltaire, Emile Zola, Jules Vallès, Paul Signac
Foto: David Seymour
Diese hohe Beteiligung war Ausdruck einer Ungeduld in der Arbeiterklasse, die feststellen mußte, „dass in den drei Wochen nach dem Sieg der Volksfront noch nichts geschehen ist. Deshalb ist es notwendig, sofort und ohne weitere Verzögerung die im gemeinsamen Programm vorgesehenen Maßnahmen in Angriff zu nehmen.“ (L'Humanité 26.5.1936)

Mehrere Streikwellen rollen durch das Land , am 11.Juni sind fast zwei Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter im Streik, an die 9000 Betriebe sind besetzt. Es wird in allen Branchen gestreikt bis zu den Zeitungsverkäufern und in allen Regionen Frankreichs, sogar an der Gironde.  Ein Generalstreik, zu dem niemand aufgerufen hatte!

28. Mai 1936:
Es ist sieben Uhr abends, auf dem Place National in Boulogne-Billancourt warten vor dem Haupttor von Renault 200 Menschen: Arbeitslose, Aktivisten, Frauen, die gekommen sind, um ihre Männer kurz zu sehen. Am Nebentor werden die Eintretenden von den Delegierten des Werks sorgfältig überprüft. Man muss Werksangehöriger sein oder einen Ausweis der Gewerkschaft vorweisen, damit man hinein darf. Und wenn man einmal drinnen ist, kommt man nicht mehr so schnell wieder heraus.
Das historische Foto zeigt Aktivisten des Streiks unter einem Banner des Zentralkomitees mit Hammer und Sichel, der Kommunardenkappe und der 3 nach unten gerichteten Pfeile, ähnlich derjenigen der Eisernen Front in Deutschland Anfang der 1930er Jahre
Foto: David Seymour
Im Inneren des Werks liegt die Macht in den Händen des Streikkomitees, das in Kommissionen unterteilt ist mit jeweils einem Verantwortlichen. In der Regel sind die Namen der Verantwortlichen im Betrieb plakatiert.

Die wichtigsten Aufgaben des Streikkomitees sind folgende: die Disziplin im Betrieb, wozu auch die Ausgabe von Passierscheinen gehört, die Überwachung der strengen Vorschriften bezüglich Alkohol – und Weinverbot und einer strengen Moral, die Organisierung von Streikposten, Sicherheit und Instandhaltung, z.B. die Organisierung eines Überwachungsdienstes zur Verhinderung von Bränden, die Kontrolle der Gruppen zur Säuberung der Räumlichkeiten und der Instandhaltung der Maschinen, die Nahrungsmittelversorgung und die Verbindung mit den lokalen Komitees der Volksfront, die meistens die notwendigen Lebensmittel besorgen, die Freizeitgestaltung, darunter die Organisierung von Tanzveranstaltungen und täglichen Vergnügungen, schließlich die Verwaltung der Streikkasse.

Jeden Tag findet eine Betriebsversammlung statt, auf der die Verantwortlichen über die Entwicklung der Verhandlungen mit den Unternehmern berichten, dabei werden dann auch die Richtlinien für die Organisierung der Besetzung ausgegeben.
Das historische Foto zeigt ein von Streikenden besetztes Werkstor
Foto: Unterrichtsmappe „La troisieme Republic“
Die Entscheidungen über Zustimmung oder Zurückweisung von Abkommen werden in Abstimmungen gefällt, solche Betriebsversammlungen haben schon mehrmals die Vorschläge der Delegierten zurückgewiesen.

In den Großbetrieben werden Wandzeitungen angebracht, um die Streikenden über alle Fragen von Bedeutung zu informieren.

Elf Uhr abends, immer noch derselbe Menschenauflauf und immer noch kommen Lastwagen mit Verpflegung an. Es gibt schon kein Brot mehr in den Bäckereien im Wohnviertel. Das meiste wurde ergattert, um die Streikenden zu versorgen.
Das historische Foto zeigt eine Essensausgabem bei der die Streikenden unter anderem Baguettes und eine Dose Fisch erhalten
Foto: David Seymour
… Gesprächsfetzen sind zu hören: „6 Franc Stundenlohn nach 10 Arbeitsjahren … das Fließband, das Fließband …. der Tarifvertrag – den werden wir bekommen und die 40 Stunden auch. Dieses Mal sind wir auf dem richtigen Weg. Es gibt nichts nachzugeben ….“

...Ein Uhr morgens, die Akkordeone, die Kornette, die Flöten sind verstummt

Es wird nicht mehr getanzt. Die Zeit dehnt sich, die Stunden werden lang. Selbst die Belote-Spiele ziehen sich in die Länge.

Ein Arbeiter singt noch „Sous les roses“. Aber eine Gruppe von Schlafenden – zusammengerollt in einer Ecke – bringt ihn zum Schweigen.
Das historische Fote zeigt Streikende bei der Nachtruhe
Foto: Robert Capa
Die Forderungen der Streikenden decken sich großteils mit den Plänen der Volksfront für eine umfassende Sozialgesetzgebung:
  • 40-Stundenwoche
  • Lohnerhöhungen und Mindestlöhne
  • Anerkennung von Kollektivverträgen (Tarifverträge)
  • Bezahlter Urlaub
  • Anerkennung der Gewerkschaften  und der gewerkschaftlichen Repräsentanz im Betrieb (Betriebsräte) durch die Unternehmer etc.

Die Streikwelle sollte bewirken und tat es dann auch, dass unabhängig oder parallel zum parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren in den Betrieben Tatsachen geschaffen wurden, hinter die die Volksfrontregierung nicht mehr zurückgehen konnte.

Bei Renault wuchs die Sektion der CGT von Mai bis Dezember von 700 auf 25.000 Mitglieder an, bei 35.000 Beschäftigten insgesamt. Die Zahl der Kommunisten bei Renault wuchs im selben Zeitraum von 120 auf 6000 an.

Die entsprechenden Zahlen für ganz Frankreich (Zeitraum Mai – Oktober 1936): Anstieg von 163.000 KPF-Mitgliedern auf 380.000, der kommunistischen Jugend von 38.000 auf 100.000.

250.000 neue Mitglieder in der CGT von März bis Mai 1936.

(unter Verwendung von Motiven aus den Arbeiten von Jacques Danos/Marcel Gibelin, Georgette Elgey, Andre Wurmser,Nicolas Chevassus-au-Louis, Alain Rustenholz, Maurice Thorez, Kurt Gossweiler)


Stuttgart: 1. Mai Straßenfest im Stadtteilzentrum Gasparitsch

Das SharePic zeigt die Eckdaten zum 1. Mai Fest mit den Angaben aus dem Textbeitrag

Programmübersicht für das 1. Mai Fest im und am Stadtteilzentrum Gasparitsch:

Ablauf
ab 14 Uhr: Festbeginn
  • Kaffee & Kuchen, Fingerfood
  • Popcorn
  • Quiz
  • Info- und Aktionsstände
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Quelle und mehr Informationen

Vergiss die Verschwörungstheorien oder: Der Reichstagsbrand war kein Insider-Job

Jemand hat vielleicht gestern Abend versucht, den Präsidenten zu töten.

Gestern Abend beim Dinner der White-House-Korrespondenten hat jemand versucht, mit Schusswaffen die Sicherheitsvorkehrungen zu durchbrechen, und wahrscheinlich einen Polizisten in die Schutzweste geschossen. Heute früh nannten die Medien einen 31-jährigen Verdächtigen, der sich in Gewahrsam befindet: Cole Tomas Allen. Cole ist ein schwarzer Lehrer aus Kalifornien mit einem Master-Abschluss in Informatik.

Ich bin nicht hier, um dir von ihm zu erzählen. Ich bin kein investigativer Reporter.

Die Grafik zeigt die Silhouette eines Aluhutträgers
Eine Verschwörung zur Umsetzung eines üblen Plans vermuten, wie das Verbergen der Wahrheit oder das Weitergeben von Falschinformationen. Die verlinkte Grafik zeigt, wo die Technik in der Taxonomie eingeordnet ist.

Grafik: SkepticalScience - Eigenes Werk
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Ich bin heute Morgen aufgewacht, um auf Bluesky nachzuschauen (das ist wohl mein erstes Problem), und sah einen Verschwörungsbeitrag nach dem anderen. „Da stimmt etwas nicht“, behaupten sie. „Die Sicherheitsvorkehrungen können unmöglich so lax gewesen sein“, behaupten sie.

Vielleicht lebst du in einem anderen Informationsökosystem / einer anderen Echokammer als ich, und wenn ja, bin ich ein bisschen neidisch. Denn sich vorschnell auf eine Verschwörungstheorie zu stürzen, ist peinlich, und diejenigen, die das öffentlich auf großen Plattformen tun, sollten sich schämen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher, dass jemand Menschen (oder einen bestimmten Mann) erschießen wollte, als dass das Ganze einer dieser gefürchteten und in Anführungszeichen zu setzenden „False-Flag-Angriffe“ war.

In den 1970er Jahren führte das FBI eine Art Krieg gegen Linke in den Vereinigten Staaten. Der Name ihres verdeckten Programms lautete COINTELPRO, und wir wissen davon, weil einige Aktivisten, die mit der katholischen Antikriegsbewegung in Verbindung standen (obwohl sie selbst größtenteils jüdisch waren – ich liebe einen guten multikulturellen Widerstand), in ein FBI-Büro einbrachen und die Beweise stahlen. (Ja, ich habe darüber in meiner Sendung berichtet, Teil eins und Teil zwei.)

COINTELPRO war ein meisterhaftes Werk der Bewegungszerstörung, und ein Teil ihres Spielbuchs war die Infiltration. Aber ein expliziter Teil des Sinns dieser Infiltration bestand darin, unter den Aktivisten Paranoia zu schüren. Die Angst vor der Infiltration war bei der Zerschlagung unserer Bewegungen wirksamer als die Infiltration selbst. Die Angst brachte uns dazu, ihre Arbeit für sie zu erledigen: Wir säten unser eigenes Misstrauen und wandten uns gegeneinander.

So ist es auch mit Verschwörungstheorien. Wenn jede Aktion als „False Flag“ angesehen wird (ich werde nicht aufhören, Anführungszeichen zu setzen, tut mir leid), dann macht es überhaupt keinen Sinn, irgendetwas zu unternehmen. Verschwörungstheorien lehren die Menschen, dass Menschen keine Handlungsmacht haben, sondern nur der Staat.

Gibt es echte Verschwörungen? Auf jeden Fall. Die meisten Verschwörungen kommen irgendwann ans Licht. Wie der riesige Ring von Pädophilen, der einen Großteil der Welt beherrscht.

Der brennende Reichstag am 27./28. Februar 1933
Der brennende Reichstag am 27./28. Februar 1933
Lizenz: Public domain, via Wikimedia Commons

Ist es möglich, dass diese oder jene bestimmte Aktion eine Verschwörung oder ein False-Flag-Angriff war? Auf jeden Fall. Das ist schon früher passiert. Es wird wieder passieren. In den meisten Situationen ist das bei weitem das Unwahrscheinlichere, und wir müssen den Impuls verstehen, voreilig Verschwörungsannahmen anzunehmen. Ich habe schon früher darüber geschrieben, aber die meisten Aktionen, denen vorgeworfen wird, False-Flag-Angriffe zu sein, sind es nicht. Der berühmteste „False-Flag-Angriff“ der Geschichte war der Reichstagsbrand, der Brand des deutschen Parlamentsgebäudes, im Jahr 1933. Diese Aktion wurde von den Nazis als Vorwand genutzt, um ihre Macht zu festigen, aber sie wurde nicht von ihnen geplant oder ausgeführt. Ein junger niederländischer Rätkommunist namens Marinus van der Lubbe legte das Feuer, in der Hoffnung, die deutschen Arbeiter zum Aufstand gegen die Faschisten anzustacheln. (Podcast Teil eins und Teil zwei)

Die Geschichte hat ihn schlecht behandelt und ihn als alles Mögliche dargestellt – vom Sündenbock bis zum nützlichen Idioten –, statt als das, was er war: einer der wenigen Menschen in Deutschland, die die Bedrohung durch die Nazis ernst nahmen. Hätte es 1933 noch hunderttausend Menschen wie ihn gegeben, hätte es vielleicht nicht die rund 75 Millionen alliierten Soldaten zehn Jahre später gebraucht.

Marinus wurde von der Geschichte schlecht behandelt, aber die Nazis hätten ihre Macht ohnehin gefestigt. Jeder spielt mit den Karten, die ihm ausgeteilt wurden, also versucht jeder, Angriffe gegen sich zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Nazis suchten nach einer Rechtfertigung, um das Kriegsrecht zu verhängen, und sie nutzten sie. Sie hätten so oder so irgendeinen Vorwand gefunden.

Wir lieben es, den Menschen die Schuld zu geben, die radikale Taten begehen, denn indem wir sie verurteilen, vergeben wir uns selbst unsere relative Untätigkeit. Verschwörungsdenken ist in diesen Fällen eine Art, sich der moralischen Verantwortung zu entziehen. Verschwörungstheoretiker vergeben sich nicht nur, dass sie nichts unternommen haben, sie vergeben sich auch, dass sie zu feige waren, zu sagen: „Wer kann es dem Kerl verübeln?“, wenn jemand einen verzweifelten Versuch wie Brandstiftung (oder ein Attentat) unternimmt.

Wir müssen Handlungen nur nach zwei Kriterien beurteilen: War es moralisch vertretbar und war es strategisch sinnvoll? Wenn eine Handlung moralisch gerechtfertigt ist, sollten wir sie nicht verurteilen. Wenn sie moralisch gerechtfertigt, aber nicht strategisch war, sollten wir sie weder verurteilen noch feiern. (Und man kann den strategischen Wert einer Sache nicht daran messen, ob sie erfolgreich war oder nicht, sondern daran, ob sie die beste verfügbare Chance war.)

Aber wir können nicht auf andere schauen (und du kannst nicht auf mich schauen), um Fragen der Moral oder Strategie für dich zu beantworten.

Es ist ein schmaler Grat zwischen „Fedposting“ (öffentliches Lob für diejenigen zu posten, die schwere Vergehen begehen, und zwar so, dass du unerwünschte Aufmerksamkeit seitens der Regierung auf dich ziehst) und der Frage: „Nun, was hast du denn erwartet, als sich herausstellte, dass der mächtigste Mann der Welt ein Pädophiler ist, der gerade dabei ist, die Weltwirtschaft zu zerstören, und keine rechtlichen Institutionen effektiv daran arbeiten, ihn aufzuhalten?“ Persönlich sehe ich solche Handlungen so: als Konsequenz. Natürlich musste das passieren. Es wird weiterhin passieren. Ob „gut“ oder „schlecht“ ist dabei eher nebensächlich.

Es ist schwer zu wissen, was man in Momenten wie diesen sagen soll. Es ist schwer zu wissen, was man sicher sagen kann, oder wie sicher im Vergleich zu mutig wir wirklich versuchen sollten zu sein. Angst ist ein wichtiges Gefühl, und wir sollten die Gefahr berücksichtigen, wenn wir unsere Entscheidungen treffen. Angst kann unser Ratgeber sein, aber sie sollte niemals unser Herrscher sein. Nicht persönlich, nicht politisch. Aber ich sage dir: Der Teil von dir, der sich in Verschwörungstheorien stürzt, ist der Teil von dir, der ein Feigling ist.

Wir sollten daran arbeiten, Ruhe statt Angst zu verbreiten. Verschwörungstheorien verbreiten sich in den sozialen Medien, weil Angst ansteckend ist und die Algorithmen ansteckende Gedanken belohnen – deshalb bekommen Verschwörungstheorien die Klicks. Die nützlichsten und erfahrensten Aktivisten in der Menge bei einer Demonstration rufen „Geht!“, wenn die Leute in Panik zu rennen beginnen.

Entthront die Angst. Verbreitet Ruhe. Hört auf, alles als Verschwörung anzusehen.

Quelle: "Forget the Conspiracies or: the Reichstag Fire was not an inside job", 26. April 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Ein Jahr ohne Lorenz

Das Foto von M. Goldschmidt zeigt einen Ausschnitt der vorderen Reihe der Demo mit Fronttransparenten - eines mit einem Bild von Lorenz A. dem Text "No Justice - no Peace - Disarm the Police"
Foto: © M. Goldschmidt via Umbruch Bildarchiv
Am 19. April 2026 demonstrierten in Oldenburg rund 2000 Menschen in Gedenken an den 21-jährigen Lorenz A., der vor einem Jahr in Oldenburg von einem Polizisten erschossen wurde. Die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ erinnerte auch an weitere Opfer tödlicher Polizeigewalt, Qosay Khalaf, Ibrahima Barry und Mouhamed Lamine Dramé und forderten Aufklärung und Konsequenzen.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Obwohl die Anklage bereits am 5. November 2025 erfolgte, gibt es bis heute noch keinen Gerichtsprozeß gegen den Polizisten der Lorenz am 20. April 2025 mit mehreren Schüssen in den Rücken erschossen hatte. (mehr zur Vorgeschichte)

Die Begründung der Justiz: Überlastung. Für die Angehörigen und Freund*innen von Lorenz ist dieser Verzug unerträglich. In den Redebeiträgen wurde betont, dass die Verzögerung rassistische Kontinuitäten widerspiegle, ein schwarzes Leben scheint in der Priorisierung der Behörden weniger Gewicht zu haben. ​Während die Ermittlungen gegen das Opfer unzulässigerweise forciert wurden, bleibt die Hauptverhandlung gegen den Schützen aus.

– M. Goldschmidt –


"Was passiert ist, steht nicht für sich allein. Rassistische Polizeigewalt trifft immer wieder Schwarze, rassifizierte und geflüchtete Menschen und danach folgen Entmenschlichung, Schuldverschiebung und fehlende Konsequenzen."

Pena Ger e.V., Teil der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“


Weitere Ereignisse zu diesem Thema
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Update: Arbeitskampf Tübingen gewonnen, Kundgebung abgesagt

Am 22. April berichteten wir über einen ziemlich frechen Fall von Lohnraub in einem Tübinger Betrieb. Angesichts der für morgen angekündigten Protestkundgebung vor Ort lenkte der Betrieb nun ein, daher ist die Kundgebung abgesagt und durch ein kleines Fest ersetzt worden:

SharePic zum gewonnenen Arbeitskonflikt:  Monatelang warten auf Lohn, Arbeitszeugnis und Untlerfagen bei Biohof in Tiibingen, mit der Gewerkschaft ging es dann fix: Achtung Kundgebung abgesagt, Arbeitskampf gewonnen!  FAU Logo  Am 28.4. 18 Uhr Essen & Erfolg feiern in der SigwartstralRe 11 stuttgart fau.org/tuebingen

Was monatelang nicht möglich war, wurde schließlich sehr schnell möglich, nach dem die FAU Tübingen und die Initiative Grüne Gewerke (IGG) gewerkschaftlichen Protest vor Ort androhten: Binnen weniger Tage erhielt unser Mitglied ausstehenden Lohn, Arbeitszeugnis und fehlende Unterlagen. Gewerkschaft wirkt. Die Kundgebung ist abgesagt, wir feiern gemeinsam:

16:45 Uhr: Sektchen an der Haltestelle Eichhaldenstraße – wir stoßen an, sammeln uns und gehen gemeinsam weiter.

18:00 Uhr: Gemütliches Ausklingen in der „Küche für alle“ (veganes Essen gegen Spende) der Siggi 11 (Sigwartstraße 11, Tübingen) – mit Essen, Trinken und Raum für Austausch.

Kommt alle vorbei! Feiert mit uns diesen Erfolg und lasst uns gemeinsam weiterkämpfen – denn dieser Fall ist leider kein Einzelfall!

Quelle: FAU Stuttgart.

Stuttgart: 1. Mai - Internationalistisches Straßenfest im Linken Zentrum Lilo Herrmann

Neben einem Bild des "Lilo" und Wimpeln zeigt die Grafik das Logo des Hauses sowie die Angaben aus dem Textbeitrag

Gemeinsam möchten wir am 1. Mai mit euch feiern und laden euch zum Straßenfest ein. AB 15 Uhr

Euch erwarten leckeres Essen, Kaffee und Kuchen, Angebote für Groß und Klein, ein vielfältiges Programm mit Livemusik, Kunst und allerlei Infostände mit Büchern, Shirts und vielem mehr.

Kommt gerne vorbei, lernt das Linke Zentrum Lilo Herrmann kennen, bringt gern Freund:innen und Familie mit und lasst uns zusammen eine gute Zeit haben.

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