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»The boundaries which divide Life from Death are at best shadowy and vague. Who shall say where the one ends, and where the other begins?« Edgar Allan Poe

OVG kippt Campverbot - Antimilitaristisches Bündnis freut sich auf kämpferische Camp- und Aktionswoche

Die Grafik zeigt demonstrierende Personen vor dem Kölner Dom. Im Vordergrund eine brennende Bundeswehrkopfbedeckung. Die Grafik ist mit dem Text "Mach, was wirklich zählt: Kriegstüchtigkeit stoppen!" sowie den Eckdaten zu Camp und Aktionstagfen 26. bis 31. August 2025 in Köln und dem Logo "Rheinmetall entwaffnen!" illustriert.
Plakat: "Rheinmetall entwaffnen!"
Das antimilitaristische Bündnis „Rheinmetall Entwaffnen“ gibt an, ab jetzt mit dem Aufbau für das in der nächsten Woche stattfindende Antikriegscamp zu beginnen. Dieses war zuletzt durch eine Verfügung der Kölner Polizei verboten worden, erst heute hatte das Oberverwaltungsgericht Münster das Verbot wieder aufgehoben. „Das Camp ist ein wichtiger Teil unseres antimilitaristischen Protests und dieser politisch motivierte Verbotsversuch war eine Frechheit“, so Luca Hirsch vom Rheinmetall-Entwaffnen-Bündnis. Die Aufhebung des Verbots sei eine große Erleichterung für alle Beteiligten, so Hirsch. „Im Endeffekt hat der Verbotsversuch vor allem zu einer breiten gesellschaftlichen Solidarisierung und einer deutlich gesteigerten Aufmerksamkeit geführt.

Wir gehen gestärkt daraus hervor und rechnen damit, dass nun deutlich mehr Menschen sich an unserem Protest beteiligen werden, als sie es sonst getan hätten.“
Man gehe aber von weiteren Angriffen durch staatliche Behörden aus, so Hirsch. Doch auf diese sei man gut vorbereitet.

Das Bündnis ruft heute zu einer Protestdemonstration gegen den Verbotsversuch auf, bei dem es ebenfalls mit starker Beteiligung rechnet. Gestartet wird um 16:00 beim Breslauer Platz, die Demonstration wird auf der Campfläche am Colonius enden, woraufhin alle Beteiligten ihre Zelte aufschlagen werden. Dies ist für das Bündnis ein gelungener Start in die Camp – und Aktionswoche.

Quelle: Pressemitteilung, 23. August 2025

Χρόνια πολλά για τα 100ά γενέθλιά σου, Μίκι Θεοδωράκη!

Heute hätte der vor vier Jahren verstorbene Mikis Theodorakis seinen 100. Geburtstag gefeiert. Vor 55 Jahren konnte eine internationale Solidaritätsbewegung die Freilassung des von der griechischen Militärjunta inhaftierten und gefolterten Komponisten, Schriftsteller und Politikers erkämpfen.

"Am 21. April 1967 kam es zum Putsch der faschistischen Obristen in Griechenland. Theodorakis ging sofort in den Untergrund und veröffentlichte schon zwei Tage später einen ersten Aufruf zum Widerstand. Seine Musik wurde verboten, der Besitz seiner Platten, sogar das Singen und Hören seiner Lieder wurden mit Gefängnisstrafe geahndet. Am 21. August wurde er verhaftet und im Hauptquartier der Sicherheitspolizei physisch und seelisch gefoltert.

Eine internationale Solidaritätsbewegung, angeführt unter anderem von Dmitri Schostakowitsch, Leonard Bernstein, Arthur Miller und Harry Belafonte, setzte sich für seine Freilassung ein. Am 13. April 1970 gelang es dann, den Junta-Chef Georgios Papadopoulos zu überzeugen, Theodorakis ins Exil nach Frankreich zu entlassen." (Wikipedia)

Einige Ausschnitte aus dem Konzert, das Mikis Theodorakis am 10. Oktober 1974 im Karaiskakis Stadion in Athen gab, ergänzt durch Interviews.







Berlin: CSD 2025

Unter dem Motto „Nie wieder still!“ zogen am 26. Juli 2025 Hunderttausende beim diesjährigen CSD laut und bunt durch Berlin.
Das Foto von © Björn Obmann zeigt einen Ausschnitt aus der Parade mit massenhaft verschiedenen Menschen mit bunten Fahnen und verschiedenen Texttafeln.
Foto © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Viele Plakate forderten Gleichberechtigung und den Schutz von queeren Menschen. Sehr deutlich wurden die queerfeindlichen Äußerungen und Taten der CDU kritisiert, wie z.B. Merz, der queere Menschen mit einem Zirkus verglich oder Klöckner, die die Pride-Fahne am Bundestag verhindert hat.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Abseits des CSD versuchte eine Handvoll Neonazis mit einer Kundgebung Aufmerksamkeit zu erregen. Hier kam es zu mindestens 2 Festnahmen. Die Teilnehmenden des CSDs übertönten den rechten Protest oder bekamen von der kleinen Gruppe gar nichts mit. Die Stimmung blieb bis zum Abend vor dem Brandenburger Tor ausgelassen und feierlich.

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

Berlin: Pride Parade 2025

Das Foto von © Björn Obmann zeigt das Fronttransparent mit der Aufschrift "Behindert & verrückt - Feien bis zum Umfallen!" Dahinter fährt ein Lautsprecherwagen. Drumherum viele Menschen unter anderem einige in Rollis.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Unter dem Motto „behindert und verrückt — feiern bis zum Auffallen!“ zogen am 5. Juli 2025 über 800 Menschen in einer PRIDE PARADE durch Neukölln und Kreuzberg. Sie protestierten damit gegen die mehrfache Diskriminierung sowie die Behinderung und Ausgrenzung von queeren Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

"Wir nennen uns „behindert und verrückt“, um uns diese Begriffe zurückzuerobern.
Dafür gehen wir auf die Straße:
Wir wollen keine Scham mehr. Keine Anpassung. Keine stillen Ecken für uns.
Wir nehmen den Raum, den wir brauchen.
Wir stören. Wir feiern. Wir kämpfen.
Mit Rollstuhl, Krücke, Chaos und Glitzer.
Mit Wut, Freude und Musik.

Wir protestieren dagegen, dass Menschen diskriminiert werden.
Wir protestieren dagegen, dass andere Menschen über behinderte und verrückte Menschen bestimmen.
Wir protestieren dagegen, dass in unserer kapitalistischen Gesellschaft Menschen nur etwas wert sind, wenn sie arbeiten können.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der niemand als „krank“, „gestört“ und „nicht normal“ benachteiligt oder ausgeschlossen wird.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle Menschen gut leben können und nicht ein paar Menschen sehr reich sind und viele Menschen arm sind."

(aus dem Aufruf zur Parade)

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

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20 Jahre AABS

Wir feiern 20 Jahre antifaschistische Arbeit, Solidarität & Widerstand — und laden euch alle herzlich ein! Kommt vorbei, bringt eure Freund:innen und Genoss:innen mit und lasst uns gemeinsam diesen Tag begehen.
Sharepic zur 20Jahr Feier mit den Angaben aus dem Text und einer geballten Faust
🗓️ 5. Juli • ab 15.00 Uhr
📍 Linkes Zentrum Lilo Herrmann

✨ Tagsüber erwartet euch ein vielfältiges Rahmenprogramm - lasst euch überraschen!
☕️ Kaffee & Kuchen
🍻 Kaltgetränke & Essen
🎶 Am Abend: ab 22 Uhr Party

Kommt rum - feiern, vernetzen, solidarisch sein!

Mehr Informationen zum und beim Antifaschistischen Aktionsbündnis Stuttgart & Region (AABS)

Häuserrennen der Wohnprojekte, Wagenplätze und Menschen, die Wohnen wollen

Das Foto von © Sabine Scheffer zeigt einen Ausschnitt der Demo. Im Vordergrund sitzen Menschen auf einem fahrbaren Sofa unter einem Sonnenschirm,
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
Mehrere 100 Menschen, mit selbstgebauten Seifenkisten, demonstrierten am 1. Juni 2025 durch Friedrichshain mit einer Wasserschlacht, Tomatenschlacht, Seifenblasen, Karaoke und einem Wettrennen der fahrenden Kisten gegen Gentrifizierung, einer Stadt nur für Reiche und einem Verlust von Wohnmöglichkeiten und Freiräumen. Die rollende Rebellion gegen Mietenwahnsinn und kapitalistische Stadtplanung.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

„Sie bauen Luxuslofts – wir bauen Seifenkistenautos. Sie räumen Wohnwagenparks – wir ziehen wieder ein! ️ Die Stadt gehört nicht den Investoren – sie gehört uns allen. Aber während die Spekulanten ihre Gewinne zählen, verlieren immer mehr Menschen ihr Zuhause. Wir haben die Nase voll vom Zuschauen.
WHEELS ON FIRE ist unsere rollende Rebellion gegen Gentrifizierung, Mietenwahnsinn und kapitalistische Stadtplanung. Mit wilden Seifenkisten, rollenden Häusern, Lärm, Farbe und Widerstand machen wir es laut und deutlich:

- Wohnen ist keine Ware.
- Unsere Stadt ist kein Spielplatz für die Reichen.
- Wir sind laut, wir sind viele - und wir passen in keine Kiste.

Wheels on Fire – Grand Prix against gentrification!”

(aus dem Aufruf zum Häuserrennen)

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The Kids Are, As They Say, Alright. Oder: An die Absolventen des Jahrgangs 2025

Gestern habe ich zum ersten Mal bei einer Abschlussfeier gesprochen, der Lavender Graduation (für LGBT+-Studierende) am Warren Wilson College im Westen von North Carolina. Ich war noch nie eingeladen worden, bei einer Abschlussfeier zu sprechen, und ich war mir auch nicht sicher, ob ich jemals eingeladen werden würde. Ich bin ... nicht schüchtern, wenn es darum geht, zu sagen, wer ich bin.

Aber einige Studierende haben mich gebeten, die Festrede bei ihrer Abschlussfeier zu halten, also habe ich meinen Van gepackt und bin nach Asheville gefahren, wo ich seit dem Hurrikan im letzten Herbst zum ersten Mal wieder war. Rintrah (mein Hund) hat brav im Van auf dem Parkplatz gewartet (der Van ist klimatisiert und ich bekomme eine Benachrichtigung, wenn die Temperatur zu stark schwankt) und ich bin zum Pavillon gelaufen. Ich habe mich rundum willkommen gefühlt.

Es ist lange her, dass ich etwas erlebt habe, das mich so tief daran erinnert hat, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass Queers sich mittlerweile geoutet haben, dass es einfach zu viele von uns gibt und dass wir uns zu sehr umeinander kümmern, als dass die Faschisten uns brechen könnten.

Ich habe meine Rede in einer Raststätte auf dem Weg nach Asheville geschrieben, nachdem ich wochenlang über die Themen nachgedacht hatte, die ich ansprechen wollte. Früher habe ich keine Reden geschrieben, sondern nur Stichpunkte auf Papier gebracht. Aber dank meines Podcasts gewöhne ich mich immer mehr daran, von Skripten abzulesen und dann zu improvisieren, also habe ich diese Rede aufgeschrieben.

Ich war mir nicht sicher, wie die Leute meine Rede aufnehmen würden. Sie hatten einen anarchistischen Geschichtsnerd eingeladen, der während des Aufstiegs des Totalitarismus zu ihnen sprach, zu einer Menge, die nicht von Natur aus politisch ist. Es gibt keinen Grund, warum wir politisch radikal sein müssen, um queer zu sein.

Aber es schien gut zu laufen. Nicht alle waren begeistert davon, wie viel ich fluche, aber die Leute sind sich der Krise, in der wir alle leben, durchaus bewusst. Es ist momentan nicht besonders einnfach, den Kopf in den Sand zu stecken ... vielleicht ist das ein Silberstreif am Horizont.

Wie auch immer, hier ist, was ich ihnen gesagt habe.

An die Abschlussklasse von 2025


Hallo! Zuerst mal vielen Dank, dass ich hier sein darf. Es ist mir eine echte Ehre, hier zu stehen und zu euch zu sprechen, und ich fühle mich geehrt, dass ihr mich ausgewählt habt, um euch eine inspirierende Rede zu halten. Es wird ein Vortrag über schwere Zeiten werden. Wenn ihr eine rein positive Rede hören wolltet, hättet ihr nicht jemanden namens Killjoy engagieren sollen.

Die Sache ist die: Die Rede, die ich euch vor einem Jahr gehalten hätte, unterscheidet sich völlig von der Rede, die ich euch heute halten werde.

Die Rede, die ich euch gehalten hätte, hätte von dem Sturm am Horizont gehandelt, einem Sturm, der vielleicht kommen wird oder auch nicht, und davon, wie wir uns alle darauf vorbereiten, falls er kommt.

Stattdessen sage ich euch, dass der Sturm bereits da ist. Ich muss euch die Nachrichten nicht erzählen. Aber autoritäre Kräfte sind an der Macht und haben beschlossen, dass Transmenschen im Speziellen und queere Menschen im Allgemeinen neben Migranten das Gesicht des Bösen sind. Das sind wir natürlich nicht, und wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feinde uns definieren. Wir müssen uns weiterhin selbst definieren.

Ihr seid also in eine Welt eingetreten, die völlig anders ist als die Welt, in der ihr aufgewachsen seid. Wir stecken alle in Schwierigkeiten. Wir müssen uns alle damit auseinandersetzen, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Wir sind dazu in der Lage, und wir werden gewinnen, und es wird nicht einfach sein, aber es wird passieren. Auch weil wir „Gewinnen“ auf eine komplexe Art und Weise verstehen werden.

Ich möchte mit einer Geschichte beginnen, weil ich einen Geschichtspodcast mache und die Geschichten, die ich dabei lerne, in mir weiterleben und viel zu oft in zwanglosen Gesprächen auftauchen. Aber ich bin im Grunde auch ein Geschichtenerzähler, daher erinnere ich mich eher an die Geschichte als an die Details und werde euch heute nicht alles genau erzählen können.

Es ist eine Geschichte über schwule Künstler in Amsterdam während der Nazi-Besatzung. Der niederländische Widerstand war nicht der leidenschaftlichste Widerstand gegen den Faschismus, aber soweit ich das beurteilen kann, war er von allen von den Nazis besetzten Gebieten derjenige mit dem höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung. Ich glaube nicht, dass unsere aktuelle Situation eins zu eins mit der der Nazis vergleichbar ist (eher mit Putins Russland), aber ich denke, dass wir trotzdem einiges daraus lernen können. Vor allem, weil Westeuropa in den 1920er- und 1930er-Jahren einer der ersten Orte in der westlichen Welt war, an dem schwule Menschen wirklich begannen, sich zu outen.

Was diese Lehren angeht – da war zum Beispiel dieser Redakteur einer schwulen Zeitung. Ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber ich weiß noch, was er gemacht hat. Als die deutschen Truppen an die Grenze rückten, hat er die Namen seiner Abonnenten auswendig gelernt, Hunderte von Namen, und dann hat er die Liste gegessen. Nach dem Sturz des Nazi-Regimes hat er alles wieder aufgeschrieben, und so konnten sich die Überlebenden wiederfinden.

Die Lektion daraus ist meiner Meinung nach, dass es jetzt nicht der richtige Moment ist, sich auf Listen setzen zu lassen. Jetzt ist ein Moment für Sicherheitskultur. Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren, aber wir müssen uns vielleicht an die Umstände anpassen.

Okay, die andere Lektion ... Da war diese Gruppe schwuler Künstler. Theaterleute, Bildhauer, Modedesigner und so weiter. Und sie haben erkannt, dass dies der Moment war, ihre Fähigkeiten außerhalb ihres gewohnten Umfelds einzusetzen. Mit ihren Fähigkeiten als Drucker und Künstler fingen sie an, Ausweispapiere für Juden und andere Menschen zu fälschen, die von den Faschisten bedroht waren. Mit ihren Fähigkeiten als Schauspieler und Modedesigner haben sie ... nun ja, ein paar von ihnen haben Nazi-Uniformen genäht, sind dann zu einem Nazi-Plattenlager gegangen und haben gesagt: „Wie geht's, Nazi-Kollegen?“ Dann sind sie reingegangen und haben den Laden in Brand gesteckt und Tausende von Platten verbrannt.

Willem Johan Cornelis Arondéus
Willem Johan Cornelis Arondéus
Schließlich wurden einige von ihnen gefasst und hingerichtet. Ein Mann, Willem Arondeus, hinterließ seiner Anwältin, die selbst lesbisch war, während er auf seine Erschießung wartete, eine letzte Botschaft. Er sagte ihr: „Lasst es alle wissen, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“

Ich denke fast jeden Tag an diese Scheiße, wenn ich ehrlich bin.

Wir sind keine Feiglinge. Wir stammen nicht von ängstlichen Menschen ab. Unsere queeren Vorfahren haben gegen unglaubliche Widrigkeiten gekämpft und allein durch ihren Kampf gesiegt. Denn Faschisten wollen uns nicht nur töten, sondern uns unterwerfen. Stattdessen haben wir ihren Scheiß verbrannt. Wir haben im ganzen Land und auf der ganzen Welt randaliert, überall dort, wo es für uns illegal war, einander zu lieben.

Die Schwulenrechtler in den 60er und 70er Jahren hatten einen Slogan, der sich auf die schwulen Stoßtruppens der alten Griechen vor Tausenden von Jahren bezog: Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren. Wir werden Seite an Seite kämpfen und wir lieben uns verdammt noch mal, also werden wir gemeinsam kämpfen. Und wir sind keine Feiglinge.

Um es klar zu sagen: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist Widerstandsfähigkeit angesichts der Angst. Man muss buchstäblich Angst haben, um mutig zu sein.

Die lesbische Anwältin und andere schafften es schließlich, über die Berge in die Schweiz zu fliehen, und nahmen die Erinnerungen an Menschen wie Willem Arondeus mit sich.

Das Foto zeigt 2 Paare beim Tanzen, darunter Willem Arondeus.
Willem Arondeus (links) in Aerdenhout, 1931
Weitere Lehren, die ich aus dem Widerstand der Schwulen in Amsterdam ziehe, sind: Ja, lasst euch verdammt noch mal keine Akten über uns anlegen. Wir alle geben seit Jahren und Jahrzehnten Daten über unser Leben an Unternehmen weiter, was in Friedenszeiten fast harmlos ist (zielgerichtete Werbung ist ein bisschen nervig), aber jetzt bedeutet, dass der repressive Staat Zugang zu unglaublichen Mengen an Informationen über uns hat. Wir müssen anfangen, ihre Aufzeichnungen zu vereiteln, ohne aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden.

Eine weitere Lektion, die ich aus ihrem Kampf gelernt habe, ist, dass es unabhängig von den eigenen Fähigkeiten immer Möglichkeiten gibt, diese für die Zerstörung des Totalitarismus einzusetzen.

Die letzte Lektion, die ich aus dieser Geschichte ziehe? Wir werden uns an Willem Arondeus erinnern, aber wir werden uns an ihn wegen einer Lesbe erinnern, die zu Fuß die Alpen überquert hat. Wir sind einander verpflichtet, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um diese Bastarde zu überleben. Wir dürfen uns nicht selbst zerstören, denn wir können nicht die Arbeit der Faschisten für sie erledigen.

Ich erzähle euch diesen Scheiß, weil es gerade wieder schlecht läuft, aber es war schon einmal schlecht. Es gibt immer Höhen und Tiefen, und der Trick besteht darin, diese Höhen und Tiefen zu schätzen. Es gibt keine Siegessicherheit, wirklich nicht. Es gibt keinen statischen Zustand namens Utopie, in dem nie wieder etwas Schlimmes passiert. Um es klar zu sagen: Die Lage kann viel besser sein, und wir können sie viel besser machen. Ich möchte in meinem Bett sterben, 97 Jahre alt, nachdem ich den größten Teil meines Lebens in einer Gesellschaft ohne Gefängnisse, Polizei, Kapitalismus, Patriarchat oder anderen verdammten Mist verbracht habe. Dafür kämpfe ich. Ich werde es wahrscheinlich nicht schaffen.

Aber genauso wie es keinen automatischen Sieg gibt, gibt es auch keine Niederlage. Sie können uns einfach nicht auslöschen. Es gab schon immer queere Menschen und es wird immer queere Menschen geben. Wir sind verdammt noch mal unsterblich.

Wir können also nicht gewinnen und wir können nicht verlieren, aber wir können verdammt noch mal kämpfen und wir können die Schönheit in diesem Kampf finden, und das müssen wir auch, denn Romantisierung ist ein mächtiges Werkzeug, um komplizierte Situationen zu akzeptieren. Wir müssen verstehen, dass sowohl der Anwalt, der den Krieg überlebt hat, als auch der schwule Brandstifter, der es nicht geschafft hat, ein erfülltes Leben voller Schönheit und Sinn geführt haben.

Ich habe meinem Partner vorhin erzählt, dass ich den ganzen Slogan „Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren“ zitieren wollte, und er hat mir erzählt, dass er in einem lesbischen Archiv einen Anstecker gefunden hat, die lesbische Antwort auf diesen Slogan. „Eine Armee von Ex-Liebenden kann nicht verlieren.“

Wenn wir wollen, dass dieser Slogan wahr wird, wenn wir eine unaufhaltsame Kraft werden wollen, dann müssen wir uns gegenseitig den Rücken stärken. Wir müssen freundlicher zueinander werden. Wir müssen unseren Feinden gegenüber entschlossen auftreten und allen anderen gegenüber freundlicher sein. Wir müssen lernen, Konflikte zu deeskalieren. Es gibt Menschen, die unsere Feinde sind – Menschen, die versuchen, uns zu zerstören. Wir müssen vermeiden, uns in der Zwischenzeit gegenseitig zu Feinden zu machen.

Wir müssen nicht miteinander auskommen, uns nicht einig sein oder uns mögen, aber wir müssen lernen, unsere Probleme zu besprechen – oder einfach nur lernen, wie wir miteinander umgehen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir alle Fehler haben, große Fehler, und dass wir alle Versager sind.

Es ist eine gute Idee, zu versuchen, kein Versager zu sein, aber... erwartet nicht, dass ihr Erfolg habt. Noch einmal: Es gibt keinen sicheren Sieg. Es gibt kein „perfekt werden“. Wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben und andere zu ermutigen, ihr Bestes zu geben, aber wir lernen, einander zu vergeben, während wir uns als fehlerhafte Menschen in dieser fehlerhaften Welt zurechtfinden.

Es liegt in unserer Verantwortung, die Welt besser zu machen, aber es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt im Arsch ist. Vielleicht sollten Schuld und Verantwortung Hand in Hand gehen, aber das tun sie nicht. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir gerade im Zentrum eines Kulturkrieges stehen. Es ist nicht unsere Schuld, dass unsere Rechte angegriffen werden. Aber es liegt in unserer Verantwortung, damit umzugehen. Denn es ist unser Problem. Wir können nicht auf andere warten, die uns retten. Uns selbst zu retten ist eine Aufgabe, die wir schon einmal bewältigt haben und die wir wieder bewältigen werden. Und ich sage hier „wir“ und nicht „ihr“, denn wenn Leute, die älter sind als ihr, euch sagen wollen, dass „es an eurer Generation liegt, diese Probleme zu lösen“, dann ist das nur eine weitere Abgabe von Verantwortung. Es liegt an uns allen, gemeinsam als Gleichberechtigte zu arbeiten, um den Faschismus zu stoppen, den Klimawandel aufzuhalten und eine Welt zu schaffen, die auf Solidarität und gegenseitiger Hilfe basiert.

Als ich ein kleines Kind war, herrschte noch der Kalte Krieg, ein Kalter Krieg zwischen dem oligarchischen Kapitalismus hier im Westen und dem autoritären Sozialismus im Sowjetblock. Dieser Kalte Krieg hat alles kaputt gemacht – am direktesten natürlich alle Menschen, die dabei ums Leben kamen, aber er hat uns auch philosophisch kaputt gemacht. Er hat die Menschen davon überzeugt, dass es eine riesige Kluft zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft gibt. Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden ... entweder ist man ein Individuum und liebt den Kapitalismus, oder man liebt die Gemeinschaft und muss Totalitarismus und den Verzicht auf individuelle Freiheit akzeptieren.

Das ist Quatsch. Das ist einer der gefährlichsten Quatsch, den wir je geschluckt haben. Anstatt zu suchen, wo der Einzelne und die Gemeinschaft im Widerspruch stehen, sollten wir suchen, wo sie sich überschneiden. Wir sollten uns auf die vielen, vielen Dinge konzentrieren, die beiden helfen. Als Einzelner bin ich freier, wenn ich in einer Gesellschaft mit einem starken sozialen Netz lebe. Ich kann meinen individuellen Willen in einer Gesellschaft besser ausüben als allein im Wald. Gemeinschaften wiederum sind am stärksten, wenn sie heterogen sind und viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Ideen beherbergen, die frei sind, ihren Leidenschaften nachzugehen und diese Leidenschaften dann für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen.

Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, wenn man einen großen Schritt zurücktritt und das Ganze betrachtet. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wofür wir uns begeistern können, und zu lernen, wie wir diese Begeisterung einsetzen können, um allen zu helfen, auch uns selbst. Auf diese Weise können wir Beziehungen der Freiheit aufbauen (denn um es klar zu sagen: Freiheit ist eine Beziehung zwischen Menschen, kein statischer Zustand). Auf diese Weise können wir ein erfülltes Leben führen, egal ob dieses Leben kurz oder lang ist – möge es lang sein.

Wenn man jedoch etwas näher heranzoomt, wird die Aufgabe, die vor uns liegt, etwas konkreter: Wir müssen den Totalitarismus zerstören, bevor er sich festsetzt und uns alle vernichtet. Wir müssen überleben, wenn möglich, und wenn nötig, kämpfen bis zum bitteren Ende. Wir müssen dafür sorgen, dass für immer festgeschrieben wird, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind – ein Grundsatz, an dem niemand mehr zweifeln wird.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Kids Are, As They Say, Alright or: to the graduating class of 2025,  08. Mai 2025
Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

1. Mai 2025 im Grunewald: Musk, Milei und Merz zum Mars!

Das Foto von © heba zeigt das startende Mars Shuttle vor dem Publikum das dazu vor dem Emblem der "Grunewald Space Agency"  tanzt.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
„Musk, Milei, Merz zum Mars!“ forderten einige Tausend Menschen bei der Demonstration zum Ersten Mai im #Grunewald, der in Cape Gruneval umbenannt wurde. Vom Raumbahnhof wurden die ersten #Millionäre mit dem Antinationalen Space Shuttle „myASS“ auf den Mars geschossen. Das zurückgebliebene Vermögen sollte umverteilt werden. Rund um die zentrale Kundgebung am Johannaplatz fanden zahlreiche weitere Satelliten-Kundgebungen statt. Zum Abschluss fuhren viele Teilnehmende mit dem Fahrrad über die #A100 zurück nach #Berlin.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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„Take back the night“: Walpurgisnacht in Berlin

Das Foto von © Björn Obmann zeigt die Demo mit dem Fronttranspi "In Solidarity we fight - take back the Night" und den dahinter laufenden schwarzen Block, gefolgt von vielen anderen Menschen.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Über 3.500 FLINTA* zogen unter dem Motto „Take back the night“ am Vorabend des 1. Mai 2025 von Berlin-Kreuzberg nach Friedrichshain, um gegen Patriarchat, Staat und Kapital zu protestieren. Mit einem schwarzen Block an der Spitze nahmen sich die Teilnehmenden lautstark und begleitet von Pyrotechnik die Nacht zurück. Polizei trat martialisch auf. Teilweise versuchten Streamer und Außenstehende zu provozieren. Die Demonstration löste sich am Boxhagener Platz selbstbestimmt auf und zerstreute sich im Kiez.

„Weltweit kämpfen Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinäre, Trans* & Agender (FLINTA*) Menschen für ihre Freiheit. Von Sudan, Iran, Palästina über Kongo bis nach Kurdistan und darüber hinaus. Kämpfe müssen in ihrer Verbundenheit gesehen und intersektional gedacht werden. Denn die Verwobenheit von Kapitalismus, Kolonialismus & Patriarchat schafft die Bedingungen, um FLINTAS* weltweit zu unterdrücken, zu domestizieren und zu ermorden. Wir stehen in Solidarität mit allen Unterdrückten überall“. (aus dem Aufruf)
Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


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Alles raus zum 1. Mai!

Als Motiv von Il Quarto Stato wird eine aus der Dunkelheit ins Licht hervorschreitende Masse von Landarbeitern abgebildet; ein Demonstrationszug von Menschen beiderlei Geschlechts und fast jeden Lebensalters, der dem Betrachter frontal (auch konfrontativ), fordernd und selbstbewusst entgegenzumarschieren scheint (sinnbildlich „aus dem Schatten der Vergangenheit und der Geschichte in die erleuchtete Gegenwart“). Dessen vorderste Linien nehmen die gesamte Breite des Gemäldes ein. Ein Ende des Menschenstroms, der sich bis zum in der Dunkelheit angedeuteten Horizont zu erstrecken scheint, ist nicht auszumachen.  Im Zentrum und Vordergrund sind drei auf dem Originalgemälde lebensgroß dargestellte Personen (zwei entschlossen wirkende Männer und eine in klagender Mimik seitlich herbeitretende, vom Hochrenaissance-Maler Raffael inspirierte madonnenhaft erscheinende Frau mit männlichem Kleinkind auf dem Arm) als hervorstechende bzw. anführende Einzelpersonen mit individuellen Zügen zu erkennen; wohingegen die einzelnen Menschen der unmittelbar dahinter folgenden Menge oft nur schemenhaft erscheinen – sozusagen noch in der Anonymität der Masse verborgen und mit ihr verschmelzend.
Der vierte Stand“ (1901) von Giuseppe Pellizza da Volpedo zählt zu den bekanntesten Darstellungen des modernen Proletariats.
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