trueten.de

»Jeden Tag sorgen die Menschen dafür, dass die Haare ordentlich sitzen; warum tun sie das nicht auch mit ihrem Herzen?« Ernesto "Che" Guevara

AfD ist nachweislich verfassungswidrig – Gesellschaft für Freiheitsrechte stellt nach einem Jahr Arbeit umfassendes wissenschaftliches Gutachten vor

Das Foto zeigt zwei Personen von hinten betrachtet, die auf einem Notebook eine Netzwerkanalyse betrachten, die dei Verbindungen zwischen Alice Weidel und anderen innerhalb der AfD aufschlüsselt. Daneben auf dem geteilten Bildschirm ein Artikel der LTO zur Verfassungswidrigkeit der AfD.
Foto: © Bernhard Leitner | Gesellschaft für Freiheitsrechte
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hat heute in der Bundespressekonferenz das bislang umfangreichste und juristisch anspruchsvollste Gutachten zur „Alternative für Deutschland“ (AfD) vorgestellt. Es kommt zu dem Ergebnis: Die AfD ist verfassungswidrig nach dem Maßstab von Artikel 21 Absatz 2 Grundgesetz. Die Partei geht nach ihren Zielen und nach dem Verhalten ihrer Anhänger*innen darauf aus, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen, insbesondere das Demokratieprinzip und die Menschenwürdegarantie. Das bedeutet: Würde ein zulässiger Verbotsantrag gestellt, hätte dieser vor dem Bundesverfassungsgericht wahrscheinlich Erfolg.

Ein achtköpfiges Team aus Jurist*innen, Rechtsextremismus-Expert*innen und Datenanalyst*innen hat das 1.500-seitige Gutachten binnen 13 Monaten ergebnisoffen und nach wissenschaftlichen Standards erstellt. Die Ergebnisoffenheit der Untersuchung wurde durch die Staatsrechtler*innen Prof. Dr. Christoph Möllers und Prof. Dr. Sophie Schönberger bestätigt.

„Bislang gab es keine belastbare Antwort auf die Frage, ob die AfD verfassungswidrig ist und damit verboten werden könnte. Unser Gutachten schafft nun endlich Klarheit für Politik und Gesellschaft“, betont Dr. Bijan Moini, Legal Director der GFF und Projektleiter des Gutachtens.

Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass die AfD gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürde verstößt: Sie will politische Gegner*innen unterdrücken, indem sie insbesondere Politiker*innen anderer Parteien strafrechtlich verfolgt. Darin liegt die Verletzung des Demokratieprinzips. Außerdem plant sie unter anderem Muslim*innen, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft und Schutzsuchende in ihrer Menschenwürde zu verletzen. Ihre Anhänger*innen verletzen auch gegenwärtig schon die Menschenwürde von trans Personen und schüchtern politische Gegner*innen auf demokratiefeindliche Weise ein. Diese und andere Entwicklungen zeigen: Die radikalen Kräfte in der AfD haben sich durchgesetzt. Auffällig ist in der Gesamtschau auch die Ähnlichkeit der politischen Konzepte der AfD und der NPD, deren Verfassungsfeindlichkeit das Bundesverfassungsgericht zwei Mal festgestellt hatte. Das Gutachten zeigt außerdem, dass die Partei planvoll an die Macht strebt und – anders als die NPD – das Potenzial hat, ihre verfassungsfeindlichen Ziele zu erreichen.

In einigen Bereichen kommt das Gutachten zu dem Ergebnis, dass sich Äußerungen und Pläne der Partei (noch) nicht so verdichten, dass auch sie die Verfassungswidrigkeit der Partei begründen. Das betrifft z. B. die Aspekte Behindertenfeindlichkeit, Antisemitismus und die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie. Diese Teilbeurteilungen ändern jedoch nichts am Gesamtergebnis der Verfassungswidrigkeit der Partei.

Die Expert*innen sammelten, analysierten und bewerteten über drei Millionen Datenpunkte zur AfD. Dazu gehörten Wahlprogramme der Landesverbände und der Bundespartei, über 70.000 parlamentarische Drucksachen, über 50.000 Pressemitteilungen und 2,9 Millionen Social Media-Posts. Sie untersuchten alle Ebenen der Partei und stützen ihre Einschätzung auf mehr als 2.500 Belege. Das AfD-Gutachten ist die erste umfassende Untersuchung, die die Partei nach den Maßstäben untersucht, die auch das Bundesverfassungsgericht in einem Verbotsverfahren anlegen würde. Es füllt wichtige Lücken, die beispielsweise durch das Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz offenblieben.

“Mit diesem Gutachten müssen sich Politik und Gesellschaft jetzt auseinandersetzen. Denn, egal auf welcher Seite der Verbotsdebatte man steht: Das Argument, ein Verbotsantrag werde wahrscheinlich scheitern, ist nach unserer Einschätzung nicht mehr haltbar,” unterstrich GFF-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dana-Sophia Valentiner vor den Journalist*innen der Bundespresse.

Finanziert wurde das Gutachten durch private Spenden von über 20.000 Menschen in Höhe von insgesamt über einer Million Euro, die die GFF 2025 zu diesem Zweck gesammelt hatte. Für die Spendensammlung hat die GFF mit den Organisationen Demokratie-Stiftung Campact, Volksverpetzer, innn.it, Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV), Postmigrantischer Jurist*innenbund, Frag den Staat und Bleibt stabil zusammengearbeitet.

Eine interaktive Aufarbeitung der Ergebnisse und das Gutachten im Volltext findet sich hier.


Quelle: Pressemitteilung

Über die GFF:
Die GFF verteidigt seit 2015 die Grund- und Menschenrechte mit rechtlichen Mitteln. Als gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin nutzt sie strategische Gerichtsverfahren, wenn Staat oder Unternehmen gegen das Grundgesetz verstoßen. Seit 2015 hat die GFF mehr als 45 Verfassungsbeschwerden beim Bundesverfassungsgericht erhoben. In etwa 75 Prozent der bereits entschiedenen Verfassungsbeschwerden erzielte die GFF mindestens einen Teilerfolg.

Blogkino: "Komm und sieh" - Иди и смотри - Idi i smotri (1985)

Heute gedenken wir in unserer Reihe Blogkino des gestrigen, 85. Jahrestags des Überfalls des Hitlerfaschismus auf die Sowjetunion. Dieser Jahrestag war hierzulande kaum der Rede wert, was ist schon so ein Vernichtungsfeldzug mit 27 Millionen Toten. Ganz im Gegenteil inspizierte Kriegsminister Pistorius am Montag die Schlagkraft der deutschen Panzertruppe in Litauen. Wer noch nicht der völligen Geschichtsvergessenheit erlegen ist, dem sei der Film »Komm und sieh« (oder auch »Geh und sieh«) von 1985 empfohlen, ein Meisterwerk des Sowjetkinos und der Antikriegsfilme überhaupt. Es ist ein einziger Alptraum, den Regisseur Elem Klimow erzählt, die Geschichte des Jungen Fljora (Alexej Krawtschenko), der sich während der deutschen Besatzung in Belarus Partisanen anschließt. Dankenswerterweise hat die russische Filmgesellschaft Mosfilm den Streifen auf Youtube in ansprechender Qualität mit englischem Untertitel hochgeladen. Auf großer Leinwand ist er übrigens am Mittwoch nachmittag im Berliner Kino »Babylon« zu erleben. (jW)




Stop Geas - Bleiberecht für alle!

Das Foto zeigt eine Frau, die eine Papptafel mit dem Text "(Gemeinsames) Grausames Europäisches (Asylsystem) Asylverweigerungs System" hält. Einige Meter dahinter ist das Transparent mit dem Text "From Tegel to all Camps united we fight" zu sehen.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Seit dem 12. Juni gelten die menschenrechtsfeindlichen Regelungen des „Gemeinsamen Europäischen Asylsystems“ (GEAS). Gegen die massive Verschärfung des Asylrechts demonstrierten an diesem Tag mehrere hundert Menschen vor dem Roten Rathaus in Berlin.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Mit dem nationalen GEAS-Anpassungsgesetz hat die Bundesregierung sogar noch schlimmere Verschärfungen im Asylrecht beschlossen als von der EU vorgesehen. Der Zugang für geflüchtete Menschen zu Schutz ist damit massiv eingeschränkt. Ist die Anerkennungsquote aus einem Herkunftsstaat beispielsweise europaweit unter 20%, werden individuelle Asylgründe in einem beschleunigten Verfahren geprüft. Hinzu kommen Grenzverfahren, mehr gewollte Abschiebungen, ein massiv ausgerüsteter Polizei- und Grenzschutzapparat, mehr Überwachung, drastische Sozialleistungskürzungen, weitere Entrechtungen und Kriminalisierung von Schutzsuchenden.

Besonders deutlich werden die Verschärfungen durch die Ausweitung der Inhaftierungen von Schutzsuchenden: Menschen sollen daran gehindert werden Camps zu verlassen, es kann eine sogenannte „Asylverfahrenshaft“ eingeführt werden, die auch für Kinder gilt. Menschen im Dublinverfahren werden in gesonderen Zentren noch mehr isoliert. Gerade erst hat sich die EU zudem auf sogenannte „Return Hubs“ geeinigt, Abschiebezentren in Drittstaaten – eines der Prestigeprojekte des deutschen Innenministeriums.

Die Ausweitung von Inhaftierungen und Lagerinfrastrukturen bedeutet immer mehr Isolation und Verdrängung der Menschen aus der Gesellschaft. Damit ist GEAS und die deutsche Interpretation davon ein großer weiterer Eskalationsschritt einer menschenfeindlichen, rassistischen Politik.

Es gibt jedoch Spielräume für die Bundesländer, was die Anordnung von Haft und Bewegungsbeschränkungen und die Lagerisierung angeht. Wir wollen deshalb das Land Berlin hier nicht aus der Verantwortung entlassen und fordern daher:

– kein Lager für Menschen mit angeblicher schlechter Bleibeperspektive auf dem ehemaligen Flughafen Tegel und andernorts
– das eindeutige Recht auf Besuch, Präsenz von NGOs und Beratungsstrukturen in jeder Unterkunft und Einrichtung in Berlin
– die konsequente Umsetzung der Schutzansprüche von besonders schutzbedürftigen geflüchteten Menschen

Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Berlin ist eine Solidarity City und hat sich deshalb damit zur solidarischen Aufnahme geflüchteter Menschen verpflichtet – dieses Versprechen kann nicht auf Grund „der politischen WetterLage“ gebrochen werden.

Gemeinsam stehen wir auf für eine offene Gesellschaft für alle Menschen!
Deswegen wollen wir am 12.6. unseren Protest auf die Straße tragen.
Gerade jetzt bleiben wir laut: gegen alle Lager, gegen Inhaftierungen, gegen Abschiebungen und Frontex. Bleiberecht für alle! Stop GEAS!

(aus: Aufruf zur Kundgebung)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema


GEAS - Reform: "Ab dann werden viele Rechte für Schutzsuchende und Migrant*innen nicht mehr gelten."

Start der Demonstration vom Europaplatz Weil am Rhein. Es sind jede Menge verpixelte Menschen zu sehen, mehrere davon hinter dem Frottransparent mit dem Text "Solidarité sans frontière"
Dreiländerdemonstration 18. APRIL 2026 in Basel, weil am Rhein und Huningue
Heute am 12. Juni 2026 tritt die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft. Damit wird ein politischer Transformationsprozess fortgeführt, im Zuge dessen eine autoritäre, rassistische und undemokratische Politik in Europa implementiert wird. Ab dann werden viele Rechte für Schutzsuchende und Migrant*innen nicht mehr gelten. Konservative in Europa übernehmen nun Positionen von Rechtsextremisten.

Mit dem GEAS werden vor allem die Asyl- und Gerichtsverfahrensrechte von Geflüchteten und damit die Rechtsprechung, die Gerichte und letztlich die Rechtsstaatlichkeit selbst intensiv angegriffen. So wird der Zugang zu Gerichtsverfahren unmöglich gemacht, erschwert und Fristen werden verkürzt. Geflüchtete Menschen können nach dem GEAS schneller und länger inhaftiert werden.

Auf sozialer und rechtlicher Ebene wird eine feindliche Umgebung für Geflüchtete geschaffen. Dabei handelt es sich um eine Politik des „Aushungerns“, d. h. von Leistungskürzungen und Leistungsausschlüssen. Mit der Umsetzung von GEAS wird die Politik der feindlichen Umgebung für geflüchtete Menschen u. a. in Form von geschlossenen Lagern an den Außengrenzen sowie mit sogenannten Sekundärmigrationszentren weiterverfolgt.

Grenzen stellen stets einen Bruch mit der Verwirklichung der universellen Menschenrechte dar. Sie sind ein überholtes politisches Konstrukt des Nationalstaates. Zwar hat sich der Staat auf vielen Ebenen internationalisiert, jedoch kaum in der sozialen Frage. Der Nationalstaat ist heute selbst das größte Hindernis bei der Lösung umfassender weltweiter Probleme.

Dagegen positionieren wir uns als Aktion Bleiberecht im Dreiländernetzwerks „Solidarité sans frontière“ gemeinsam mit all den solidarischen Projekten und Initiativen. Wir rufen alle demokratischen Kräfte in der Dreiländerregion dazu auf, sich einzumischen, wo immer es möglich ist und sich unserem Protest anzuschließen.

Seit 2015 kommt es zu einer verstärkten Militarisierung der EU-Außengrenzen und zu einer Aufrüstung der Polizei. Mit einer Non-Arrival-Politik soll verhindert werden, dass Geflüchtete den europäischen Kontinent erreichen und ein Asylverfahren durchlaufen. Dazu dient auch die Kriminalisierung von Geflüchteten und der solidarischen Flüchtlingsarbeit. Seit 2018 beobachten wir eine Zunahme von Gewalt, Rechtsverstößen und rechtswidrigen Zurückweisungen an den Grenzen, sogar an den EU-Binnengrenzen. Allein an der französisch-italienischen und der französisch-spanischen Grenze sind seit 2015 mindestens 73 Geflüchtete gestorben. Mittlerweile befinden sich an 15,5 Prozent (2008 Kilometer) der europäischen Landesgrenzen Stacheldrahtzäune und Grenztechnologien. Bei der Jahrhundertwende waren es noch 1,7 %.

Im Jahr 2025 stellten, gemessen an der Gesamtbevölkerung in Europa 0,148 Prozent Menschen einen Asylerstantrag. Die sogenannten irregulären Einreisen („Fake Illegals“) lagen 2025 bei 0,02 Prozent der Gesamteinreisen nach Europa. Die Gesamtkosten für „Migrations- und Grenzmangement“ beliefen im Jahr 2025 rund 2,5 % des Gesamt EU-Haushalts. Für andere Zwecke wurden 97,5 Prozent ausgegeben. Trotz dieses Verhältnisses steht das Thema Migration immer wieder im Zentrum einer einseitig geführten autoritären politischen Debatte. Diese Debatten dienen nachweislich einem Ziel: dem Abbau der Demokratie in Europa. Dieser Prozess wird nicht bei Geflüchteten haltmachen.

Diese Politik hat die Diskussion im Bereich der Migration längst verlassen und erreicht nun auch andere sozial ausgegrenzte und diskriminierte Gruppen. Im Hinblick auf die zunehmende Obdachlosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und den europaweiten Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist außerdem zu beobachten, dass die Wohnsubstandards in Lagern für Geflüchtete Eingang in eine städtische Billigbauweise (Flüchtlingsbaurecht) finden. Selbst Kontrollmechanismen der Lager werden übernommen.

Obwohl in Europa noch nie so viel Reichtum angehäuft wurde, ist die Mehrheit der politischen Akteur*innen in den Parlamenten nicht willens, soziale Verantwortung für die Auswirkungen ihres politischen und wirtschaftlichen Handelns zu übernehmen. Ihre Politik verschärft Krisen, spaltet Gesellschaften und greift elementare soziale Rechte nicht nur von Geflüchteten an.

Anlässlich einer Veranstaltungsreihe zum Thema Grenzen in Freiburg hat sich im Januar 2026 erstmals das Dreiländer-Netzwerk „Solidarité sans frontière“ gebildet. Am 18. April mobilisierte das Netzwerk rund 600 Personen für eine trinationale Demonstration im Dreiländereck gegen die Reform des GEAS. Das Netzwerk ruft Gruppen und Organisationen in der Nordwestschweiz, dem Elsass und Baden dazu auf, sich für kommende gemeinsame Treffen, Aktionen und Demonstrationen anzuschließen.

Quelle: Aktion Bleiberecht Freiburg, aktiv im Dreiländernetzwerk „Solidarité sans frontière“ 12. Juni 2026


Buchvorstellung & Diskussion: »Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft«

Das Buchcover zeigt neben Angaben zum Titel und Autoren eine Erdkugel als Fußball

Ein Fest der Völkerfreundschaft, die Aussicht auf eine Welt von morgen: Die Verheißungen der Fußball-WM finden sich etwa in Uruguay 1930 oder Südafrika 2010. Mitunter spiegeln sie sich auch auf dem Rasen – etwa in Mexiko 1970 und ’86.

Doch schon oft wurde das Turnier auch zur Bühne weltpolitischer Zerwürfnisse: 1934 im Italien Mussolinis; 1938 im linksregierten Frankreich, als die „großdeutsche“ Elf mit Hitlergruß auflief; 1966 beim geschlossenen Boykott afrikanischer Mannschaften; oder 1978 im Argentinien einer Militärdiktatur.

Mit dem Ende des Kalten Krieges war auch die FIFA im Goldrausch. Bald mit von der Partie: Katar und Saudi-Arabien. Und die WMs in Nordamerika 1994 und 2026? US-geführte Kriege, ein dramatischer Rechtsrutsch: Bleibt die Friedensfrage beim „Völkerfest“ WM virulent? Ist die massive Ausweitung des Teilnehmerfelds, so sehr sie auch kommerziell getrieben ist, auch Ausdruck einer entstehenden multipolaren Weltordnung?

Buchvorstellung und Diskussion mit Co-Autor Carlos Gomes

Freitag 12. Juni um 20 Uhr

Buchladen Schwarze Risse
Gneisenaustr. 2a
2. Hinterhof
Metro-Station Mehringdamm
Eintritt: frei!

Buchladen Schwarze Risse

21. Juni 2026: Sommerfest und 16 Jahre Linkes Zentrum Lilo Herrmann!

Das Foto zeigt aufgebaute Pavillons anläßlich des 1. Mai 2026. Unter dem Pavillon sind Bierzeltgarnituren aneínander gereiht
Pavillons zum 1. Mai 2026 erwarten die Gäste
Ganze sechzehn Jahre sind vergangen, seitdem wir 2010 einen baufälligen Gebäudekomplex in der Böblinger Straße in Stuttgart-Heslach gekauft haben. Nach über zweijähriger intensiver Renovierung, das meiste davon in Eigenarbeit, haben wir 2012 das Linke Zentrum Lilo Herrmann eröffnet.

Unser Haus war schon in der Umbauphase ein Gegenpool zum kapitalistischen Wahnsinn. Ein Ort für Versammlungen, politischen Austausch, ein Ort für Debatte, Streit und Aktion, ein Ort der Gegenkultur.

Ein Ort für alle, die sich mit dem Unrecht dieser Welt nicht arrangieren, sondern für eine bessere Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen.

In den vergangenen 16 Jahren haben viele unterschiedliche Menschen das Lilo geprägt und unzählige Stunden in sein Bestehen investiert. Als Ort von der Bewegung für die Bewegung war und ist das Lilo Ort der Solidarität, Zuhause mehrerer junger Generationen, Dreh- und Angelpunkt für viele große Mobilisierungen und immer wieder auch im Fokus der Herrschenden und ihrer Schergen.

Viel Zeit ist seit der Eröffnung des Lilos vergangen. Die Welt hat sich verändert, und das nicht gerade zum Besten.
Wir wollen kein Trübsal blasen, denn immer dann, wenn die Verhältnisse zu tanzen beginnen, entwickeln sich Räume für widerständige Politik. Das Lilo wird auch in den nächsten 16 Jahren ein Raum für alle sein, die diese Räume mit progressiven Ideen & Praxis füllen wollen. Ein Ort im Widerspruch zum Zeitgeist.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Wir wollen 16 Jahre Linkes Zentrum feiern & möchten alle dazu herzlich einladen.

Am Sonntag, den 21. Juni 2026, organisieren wir ab 14 Uhr ein großes Straßenfest. Euch erwarten verschiedene Essensstände, ein politisches Programm, eine große Spielstation für Kinder, diverse Infotische, eine Plakatversteigerung, Hausführungen und vieles mehr. Wir freuen uns auf euer Kommen!

Mehr dazu beim Linken Zentrum Lilo Herrmann.

Das Ende, wie Sand (postapokalyptische Fiktion) oder: Wie ich mich den Muppet Babies im Krieg gegen die kannibalischen Nazis aus den Vororten anschloss

Ich habe in letzter Zeit damit gekämpft, einige meiner Ideen zur Vorsorge in Form von Sachliteratur niederzuschreiben, denn Sachliteratur war noch nie die Quelle, aus der ich meine großen Ideen darüber beziehe, was wir tun können und wie wir die Welt verbessern können. Diese Ideen habe ich von Freunden, die Geschichten erzählen, und ich habe sie durch das Lesen von Erzählungen wie Memoiren und Belletristik gewonnen.

Deshalb denke ich, dass ich eine Reihe von Kurzgeschichten über den Zusammenbruch schreiben werde. Ich weiß noch nicht, ob ich das in einen postapokalyptischen Roman einflechten, daraus Zines machen oder es hier in meinem Newsletter als eine Art Fortsetzungsgeschichte veröffentlichen werde, aber wir werden sehen.

Ich habe mich schon immer für didaktische Belletristik interessiert. Es ist aus der Mode gekommen, einfach zu sagen: „Diese Geschichte soll dir etwas beibringen“, aber einige meiner Lieblingsromane haben genau das ganz offen zum Ziel gehabt. Ich bin mit viel Heinlein und Le Guin aufgewachsen, zwei Meistern der didaktischen Fiktion, obwohl sie dabei im Grunde gegensätzliche Wege gehen und mehr oder weniger gegensätzliche politische Positionen vertreten (ich werde Heinleins Politik nicht verteidigen, aber ich gebe zu, dass ich als Kind viele seiner Bücher gelesen habe). In Starship Troopers hat Heinlein einfach ganze Kapitel, die Philosophieunterricht in der im Grunde faschistischen Militärakademie sind, die der Protagonist besucht. Le Guin baut romanlange, transparente Metaphern auf, Bücher mit Ideen wie „Was wäre, wenn Geschlecht fließend wäre?“ und „Was wäre, wenn Anarchie, aber auf dem Mond?“

Cory Doctorow, ein weiterer Lieblingsautor von mir, hat in seinen Büchern manchmal einfach lange Exkurse, in denen es heißt: „Und so benutzt man Verschlüsselung“ oder „So funktioniert der Kapitalismus.“

Einige meiner Bücher sind didaktischer als andere, aber ich vermute, dass diese „Wie man die Apokalypse überlebt“-Reihe zu meinen offensichtlichsten didaktischen Werken gehören wird. Ich hoffe, du verzeihst mir, ich hoffe, es gefällt dir. Ich hoffe, du musst niemals Puppen an deine Rüstung schnallen, eine pastellfarbene Flagge hissen und in einer zerfallenden Stadt im Rust Belt gegen kannibalische Nazis in den Krieg ziehen.

Ich werde am Sonntag eine Hörbuchversion davon im Cool Zone Media Book Club vorlesen.

Das Ende, wie Sand; oder: Wie ich mich den Muppet Babies im Krieg gegen die kannibalischen Nazis aus den Vororten anschloss

Dieser Text wurde von unserem geliebten Freund und Kameraden Christiano „Mud“ Alves verfasst, der während des Angriffs auf den Butcher Shop durch Splitter einer Splittergranate den Märtyrertod starb. Die Schlacht an jenem Tag ging verloren, doch acht Tage später setzten sich die Muppet Babies an diesem Ort durch und retteten unzählige Leben. Möge Mud für immer in unseren Herzen weiterleben.

Screenshot des Tweets von @perthshiremags mit dem Text: climate change will manifest as a series of disasters viewed through phones with footage that gets closer and closer to where you live until you’re the one filming it.”
Der Tweet von @perthshiremags
Der Zusammenbruch verlief langsam, bis er plötzlich schnell war. Natürlich war es so. Wir haben alle Parable of the Sower gelesen (von Butler, nicht die aus der Bibel. Ich glaube, die meisten Leute, die behaupten, sie hätten die Bibel gelesen, lügen). Wir wussten alle, dass es ein langsamer Zusammenbruch werden würde. Wir haben alle diesen Tweet gelesen, diesen berühmten. Selbst wenn du erst erwachsen wurdest, nachdem Twitter zu X wurde, und du daher nie Twitter hattest, hast du den Tweet von @perthshiremags gelesen. Der, der lautet: „Der Klimawandel wird sich als eine Reihe von Katastrophen manifestieren, die man über das Handy verfolgt, mit Aufnahmen, die immer näher an deinen Wohnort rücken, bis du selbst derjenige bist, der sie filmt.“

Nun stellt sich heraus – was niemanden überrascht – dass dies auf so ziemlich jede Art von Zusammenbruch zutrifft, nicht nur auf den Klimakollaps.

Noch ein Zitat für dich, dieses hier absichtlich umgeschrieben. William Gibson schrieb einmal: „Die Zukunft ist bereits da – sie ist nur nicht sehr gleichmäßig verteilt.“ Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass wir seit Jahren wissen: „Die Apokalypse ist da, sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt.“

Das bedeutet, ich kann dir nicht den genauen Tag nennen, an dem „die Gesellschaft zusammengebrochen ist“, denn das hängt davon ab, wohin du schaust. Syrien? Iran? Indien? Oder meinen wir die Vororte Amerikas? Ich habe das Gefühl, dass wir immer die Vororte Amerikas meinen, wenn wir über den Zusammenbruch sprechen, obwohl ich tief innerhalb der Grenzen meiner Stadt im Rust Belt geboren und aufgewachsen bin und das Einzige, wofür ich jemals in die Vororte gefahren bin, billiges Essen bei Trader Joe’s (RIP) war oder in jüngerer Zeit bei Ausflügen gegen die kannibalischen Nazis.

Als die Apokalypse nach Amerika kam, kam sie in Schüben und es ist schwer zu sagen, was den Anstoß gab. Begann sie mit der Wahl 2024? Dort sehen die meisten Leute den Anfang vom Ende. Aber wir hatten den Klimawandel zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrzehnten oder einem Jahrhundert oder so ignoriert.

Verdammt, die erste Apokalypse, die dort stattfand, wo ich lebe, ereignete sich vor Hunderten von Jahren, und zwar für das Volk der Erie, und ich sage dir: Einige der ersten Dominosteine, die uns bis heute geführt haben, wurden umgeworfen, als die Haudenosaunee von einem Haufen Protestanten aus England erobert wurden. Und weißt du was? Das Volk der Haudenosaunee gibt es immer noch. Die englischen Mistkerle (darunter, um ehrlich zu sein, auch ein paar der weniger sympathischen unter meinen Vorfahren) haben es nicht geschafft, sie alle zu töten.

Da ist noch dieses andere Zitat, diesmal von jemandem, der den Zusammenbruch der UdSSR überlebt hat, von dem ich hoffe, dass es auf uns zutrifft: „Die meisten Menschen überleben das Ende ihrer Lebensweise.“ Wenn die meisten von uns den aktuellen Zusammenbruch überleben, dann nur dank einer großzügigen Auslegung des Wortes „die meisten“. Ich habe die ersten sechsunddreißig Jahre meines Lebens überstanden, ohne mehr als drei Leichen gesehen zu haben, die nicht bereits in Särgen lagen, und im letzten Jahr habe ich ein paar Hundert gesehen und zwei eigene hergestellt.

Okay, noch ein Zitat für dich. Ich muss das alte Internet vermissen, denn ich denke immer noch in Memes und Screenshots. Für dieses hier kann ich dir die Quelle nicht nennen, aber es läuft im Grunde darauf hinaus: „Wenn es die Apokalypse ist, warum muss ich dann immer noch zur Arbeit gehen und Miete zahlen?“

Und dieses Zitat ist besonders wichtig, denn wenn du wissen willst, wann die Apokalypse begann – nun, für die meisten Menschen begann sie, als sie entlassen und aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Die Apokalypse sieht eher aus wie Sandkörner, die durch eine Sanduhr rieseln (wir sind die Sandkörner, falls meine Metapher zu subtil war). Die Menschen fielen einer nach dem anderen, zu zehnt, durch die Risse der Gesellschaft.

Wann begann meine Apokalypse?

Ich war nicht das erste Sandkorn, das fiel, und ich war nicht das letzte. Ich schätze, meine Apokalypse begann im letzten Frühjahr, als private Sicherheitskräfte auftauchten, um unser gesamtes Wohnhaus zu räumen. Unser gesichtsloser Vermieter, die Bank, klammerte sich verzweifelt an einen Anschein von Normalität und glaubte, dass Wörter wie „Miete“, „Mietvertrag“ und „Rechtsstreit“ noch immer Macht besaßen, und sie hatten ein paar Söldner mit Gewehren überredet, diese toten Wörter durchzusetzen.

Das heißt, dass vor etwa acht Monaten ein paar Typen versuchten, mich, meine Katzen und unsere Nachbarn aus unserem Haus zu zerren, obwohl die Gesellschaft ziemlich eindeutig zusammenbrach und fast keiner von uns Arbeit hatte. Die Handys hatten damals noch Empfang, meistens jedenfalls, aber die Hälfte der Apps war entweder tot oder standortsperriert für die Gated Communities, und ich war schon fast ein Jahr lang nicht mehr auf Instagram gewesen.

Vielleicht ist ein interessanterer Maßstab, um die Apokalypse zu messen, nicht „muss ich arbeiten und Miete zahlen“, sondern „bin ich immer noch süchtig nach Social Media oder wurde mir das unter den Füßen weggerissen?“

Als die Söldner kamen, wusste fast keiner von uns, was zu tun war, weil wir uns in diesem Gebäude nicht wirklich gut kannten. Wir waren größtenteils Millennials und Gen-Z, und unsere Gemeinschaften waren online oder bestanden aus Freunden, die über die ganze Stadt verstreut waren und unsere nischenhaften subkulturellen Interessen teilten. Ich habe mich meistens mit anderen Barkeepern aus meinem Job (damals, als ich ihn noch hatte) und ein paar Leuten getroffen, mit denen ich Vögel beobachtet habe. Die meisten meiner tatsächlichen, direkten Nachbarn kannte ich gar nicht.

Ich wollte nicht rausgeworfen werden. Ich habe drei Katzen, und alle waren früher Straßenkatzen, und ehrlich gesagt war ich als Teenager auch eine Zeit lang eine Straßenkatze, und keiner von uns vieren freute sich darauf, wieder draußen zu schlafen, und das Essen wurde so knapp, dass die Leute nicht mehr viel wegwarfen, also hätte ich mich nicht mehr von Bagels aus dem Müll ernähren können, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich dachte, diese Zwangsräumung könnte mein Ende sein.

Bis etwa dreißig „Muppet Babies“ die Straße hinaufmarschierten. So nannten sie sich selbst. Ein Haufen Verrückter mit AR-15s und Schutzausrüstung, die Hälfte von ihnen in Pastelltönen, die andere Hälfte ganz in Schwarz, und sie hatten jede Menge Fahnen dabei. Viel zu viele Fahnen. Einfach ein völlig unangemessenes Verhältnis von Fahnen zu Demonstranten. Man sollte höchstens eine Fahne pro zehn Leute haben. Die Hälfte dieser Arschlöcher trug Fahnen. Da war eine Regenbogenfahne und noch eine andere Art von Regenbogenfahne und eine palästinensische Flagge und eine Piratenflagge und eine anarchosyndikalistische Flagge, aber die meisten Flaggen waren diese peinlichen Boomer-Gartenfahnen. Du weißt schon, die, die man bei Walmart kaufen kann (oder heutzutage bei Walmart plündern), auf denen einfach nur „Frühling“ oder „Schneetag“ steht oder die eine Abbildung von einem Kürbis oder so haben? Die meisten Flaggen waren solche Flaggen.

Und wahrscheinlich die kleinste Person in der Menge, ein kleiner König (von dem ich inzwischen weiß, dass er es nicht mag, König genannt zu werden, weil er sich bei diesen „No Kings“-Protesten die Zähne geschärft hatte, die erst richtig heiß wurden, als klar war, dass faire Wahlen der Vergangenheit angehörten, also war „No Kings“ praktisch seine Identität, aber er war auch ein kleiner König)... Dieser Typ stand ganz vorne mit einem Megafon und rief: „Wollt ihr, dass wir diesen Pöbel vertreiben?“, aber er sprach zu uns, nicht zu den Söldnern, die die Bank angeheuert hatte. Und mein Nachbar Yousef, so ziemlich der Einzige im Haus, dessen Namen ich kannte, weil wir mal zusammen waren, aber das ist Jahre her und zu diesem Zeitpunkt waren wir „Freunde“ – in Anführungszeichen, weil wir nicht wirklich etwas zusammen unternahmen, sondern uns nur unbeholfen im Flur grüßten – stand auf seinem winzigen Balkon, legte die Hände um den Mund und sagte: „Ja, bitte!“

Die Söldner, nun ja, das waren wahrscheinlich nur ein Haufen Typen, die nicht wie Sand durch dieselbe Sanduhr fallen wollten, durch die alle anderen fielen, also hatten sie Jobs bei einer der wenigen Institutionen angenommen, die noch an „Business as usual“ glaubten und genug Geld zahlten, um sich über Wasser zu halten. Aber dumm waren sie nicht. Sie waren gekommen, um andere Leute wie Sand durch die Sanduhr zu schieben. Sie waren nicht darauf vorbereitet, es mit ein paar Dutzend Queers, Anarchisten und Piraten aufzunehmen, die sich nach einem alten Kinder-Cartoon benannt und mit Gewehren bewaffnet hatten, also verpissten sie sich kampflos.

Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt noch eine Sache, sie hatte nicht einfach aufgegeben und zugegeben, dass sie nur eine weitere Gang war, aber sie hatte sich in die Innenstadt und die wohlhabenderen Vororte zurückgezogen. Sie kamen nicht. Wenn die Polizei verfügbar gewesen wäre, um Mieter aus Gebäuden zu vertreiben, hätte die Bank sie als Erstes geschickt. Söldner sind teuer. Das Kapital wird immer versuchen, den Staat für kostenlose Dienste zu nutzen, bevor es darauf zurückgreift, selbst jemanden einzustellen. Genauso wie der Staat sich immer auf gemeinnützige Organisationen verlassen hat, um die Lücken bei den Sozialleistungen zu füllen, die eigentlich aus Steuergeldern hätten finanziert werden müssen. Ich habe früher für gemeinnützige Organisationen gearbeitet und bin immer noch ein bisschen verbittert.

Da die Polizei nicht kam, wussten wir, dass wir sicher waren, zumindest für eine Weile, und da begann meine Apokalypse, und ich konnte in dieser Wohnung weiterleben, bis sie im Sommer von einer Mörsergranate getroffen wurde. All meinen Katzen ging es gut. Ich wünschte, ich könnte dasselbe von all meinen Nachbarn sagen.

Aber an dem Tag, an dem meine Apokalypse begann, fiel kein einziger Schuss, niemand wurde getötet. Meine Wohnung wurde von den Muppet Babies gerettet, und jetzt bin ich auch ein Muppet Baby, und ich weiß nicht, ob wir eine Gang sind oder nicht. Wir nennen uns „MASS“, eine Gesellschaft für gegenseitige Hilfe und Solidarität. Ehrlich gesagt sind wir so eine Art dieser „Warlord-Gruppen“, vor denen uns all diese Apokalypse-Filme gewarnt haben, auch wenn wir nicht viel herumziehen. Und wir treffen unsere Entscheidungen demokratisch, und jeder kann jederzeit gehen – ein Detail, das ich in keinem dieser Filme gesehen habe. Wenn wir eine Bande sind, dann sind wir eine nette Bande. Oder eine meistens nette Bande. Ich war inzwischen in zu vielen Schießereien, um zu glauben, ich könnte mich auf moralische Überlegenheit berufen.

Tatsächlich sind zwei von den Typen, die aufgetaucht waren, um uns zu vertreiben – zwei Brüder namens Hammer und Henry –, jetzt auch bei uns. Wir zahlen niemandem etwas, verlangen aber auch nichts. Wir kümmern uns einfach umeinander. Wie eine Familie. Wie eine Gemeinschaft. Wie eine Sekte. Oder eine Solidaritätsgesellschaft.

Wir haben es uns allerdings zur Gewohnheit gemacht, Puppen an unsere Rüstung zu schnallen, wenn wir in den Kampf ziehen, was ehrlich gesagt irgendwie sektenhaft ist oder nach einer Kriegsherren-Gang aussieht. Aber wir haben keinen Kriegsherrn und wir haben keinen charismatischen Anführer, und ja, die meisten unter 40 unter uns sind polyamorös, aber wir sind keine Sekte.

Ich habe das Gefühl, dass viele der Vorwürfe, wir seien eine Sekte, bereits durch das „Wir sind keine Sekte“-Banner beantwortet sind, das Tracy kürzlich vor unserem Lagerhaus aufgehängt hat. Ich schätze das Engagement meiner Generation für Internet-Humor, auch wenn wir gar kein Internet mehr haben. Die meisten Gründer der Muppet Babies sind inzwischen tot, obwohl die Gruppe erst ein Jahr alt ist. Nur Sasha ist noch übrig, und wenn ich ehrlich bin, hat Sasha vor etwa einem halben Jahr ziemlich stark den Anschluss an die allgemeine Realität verloren und verbringt die meiste Zeit damit, den zweiten Stock des Muppet-Theaters (das Lagerhaus, in dem die meisten von uns leben) in ein Puppenhausdorf umzubauen, mit einem ausgeklügelten öffentlichen Nahverkehrssystem aus Modelleisenbahnen, die wir aus Garagen und Kellern in der ganzen Stadt zusammengetragen haben. Die Züge fahren in Makhnovia immer pünktlich, dem Dorf, das Sasha baut, und direkt neben der Treppe hängt eine Tafel mit dem Zugfahrplan. Wenn du versuchst, einen Witz über Mussolini und die pünktlichen Züge zu machen, hält Sasha dir etwa dreißig Minuten lang einen Vortrag über die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften im vorfaschistischen Italien, die dafür sorgten, dass die Züge pünktlich fuhren – eine Pünktlichkeit, die der faschistische Diktator übernommen hat. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder nicht, denn die Antwort steht nicht in unserem Wikipedia-Backup.

Sasha ist jetzt so etwas wie ein Seher. So nennt er sich selbst. Er ist bei jedem Treffen dabei, äußert aber nie direkt eine bestimmte Meinung. Er erzählt uns einfach Geschichten aus der Geschichte oder aus seiner Fantasie, und diese Geschichten stören gelegentlich den Ablauf des Treffens und sind gelegentlich bemerkenswert aufschlussreich. Sich mit unterschiedlichen Menschen zu organisieren bedeutet, den unterschiedlichen Arten, wie Menschen sich beteiligen, Rechnung zu tragen. Und ich liebe Sashas Geschichten.

Sasha war früher Organisator*in. Sie haben alles gemacht: politische Kampagnen, gemeinnützige Arbeit, direkten Umweltaktivismus. Sie haben geholfen, eine Reihe von Rechenzentren zu verhindern – durch gute, altmodische, ehrliche und legale Basisarbeit –, und sie standen im Fokus der Ermittlungen der Bundesregierung zu jener Serie von Rechenzentrumsbränden, die zunahm, sobald die Bundesbehörden eingriffen, um lokale Bauverbote außer Kraft zu setzen. Vielleicht erinnerst du dich nicht an genau diese Serie von Brandstiftungen, denn in den letzten zehn Jahren vor dem Zusammenbruch passierten jede Woche einmalige Ereignisse, aber diese Lagerhausbrände ereigneten sich etwa zur gleichen Zeit wie die Meuterei der Nationalgarde, die schließlich dazu führte, dass alles in Staatsgarden aufgespalten wurde – woran du dich wahrscheinlich doch erinnerst.

Sasha war früher Organisator*in und darin gut, und sie halfen bei der Gründung der Muppet Babies, obwohl sie gegen den Namen argumentiert hatten. Sie wollten die Organisation „Rust Belt Mutual Aid and Solidarity Society“ nennen, was sie zu RB-MASS abkürzen wollten, weil Organisator*innen von Abkürzungen besessen sind, und Sasha dachte, jede Region könnte nach dem gleichen Modell ihre eigene MASS gründen.

Aber Vivian und Hatchet und Oak und der Rest der Gründer bestanden darauf, dass es keine Schlagworte und keine Abkürzungen geben sollte, sondern dass sie stattdessen etwas so Lächerliches wählen sollten, dass niemand ihnen jemals vorwerfen könnte, sie würden sich selbst zu ernst nehmen, und Sasha machte mit, und etwa zehn von ihnen gründeten die Muppet Babies. Und es war, weißt du, eine „Mutual Aid and Solidarity Society“. Denn Schlagworte hin oder her, genau dafür war die Gruppe gedacht. Gelegentlich kommen Reisende durch die Stadt und erzählen uns von anderen MASS-Gruppen, von denen die meisten ebenfalls auf das Akronym verzichten und sich absurde Namen gegeben haben, und hoffentlich können wir bald einen viel größeren Verband mit allen MASS-Gruppen in Nordamerika auf die Beine stellen, damit wir endlich richtig was auf die Beine stellen können. Und wie wir uns kennen, werden wir am Ende so etwas wie „Rugrat Nation“ oder so heißen. Gott bewahre, dass wir einfach nur die „Federated Mutual Aid and Solidarity Societies“ werden.

Wie auch immer, die Muppet Babies, die Gründer, wussten, dass die Gesellschaft zusammenbricht, und zwar schnell. Sie waren eine Mischung aus Organisatoren, Preppern und Praktikern der Gemeinschaftsverteidigung, und sie ahnten, dass ihre Fähigkeiten bald gefragt sein würden, und sie predigten schon eine Weile gemeinschaftsorientierte Vorsorge.

Ich habe tatsächlich ihre alten Sitzungsnotizen, die ich verwenden soll, um eine Broschüre zum Thema „Wie man eine MASS aufbaut“ zusammenzubasteln, jetzt, wo wir ein paar alte Buchdruckpressen am Laufen haben, die von einem Wasserrad im Fluss angetrieben werden. Früher habe ich Förderanträge für gemeinnützige Organisationen geschrieben, also qualifiziert mich das irgendwie dazu, eine Anleitung zum Thema „Wie man die neue Welt in der Hülle der alten aufbaut“ zu verfassen. Es schien eine überwältigende Aufgabe zu sein, aber Sasha schlug vor, dass man, wenn die Arbeit zu ernst und zu unüberwindbar ist, sie einfach wie Spielzeit statt wie Arbeit behandeln sollte, und vielleicht könnte ich das Ganze zuerst in einer Art erzählerischer Form niederschreiben.

Vielleicht baut er deshalb ein Dorf aus Puppenhäusern. Wenn die Arbeit unüberwindbar ist, wende dich dem Spiel zu.

Wenn du diese Version der Geschichte liest, ist allerdings etwas furchtbar schiefgelaufen und jemand hat beschlossen, meine Erzählung zu veröffentlichen, anstatt meinen fertigen, ausgefeilten Sachbuch-Essay, der auf magische Weise jedem beibringen wird, wie man eine neue und bessere Welt aufbaut. Vielleicht habe ich diesen Essay nie fertiggestellt. Vielleicht habe ich diese bessere Welt nicht mehr erlebt. Vielleicht ist dies mein wichtigster schriftlicher Beitrag zu diesem Vorhaben. Gedanken an den Tod werden mir in Zeiten wie diesen nie fern sein.

Die Grundidee, die die ersten Muppet Babies hatten, war eine Rückkehr zu einer älteren Ära der Hilfsvereine. Anarchistische Arbeiter in Europa gründeten früher Hilfsvereine, bei denen man tatsächlich Mitglied sein musste, um alle Vorteile nutzen zu können. Einige der ersten Muppet Babies waren Prepper mit riesigen Vorräten an all den klassischen Dingen: getrocknete und gefriergetrocknete Lebensmittel, Waffen und Munition, Gasmasken, medizinische Vorräte, Schutzausrüstung, Saatgut, Radios, Sonnenkollektoren. Oak hatte tatsächlich einen Bunker unter ihrem Haus auf dem Land, obwohl wir den Kontakt zu ihr schon vor Monaten verloren haben und sie vermutlich tot ist – weshalb Bunker für die meisten apokalyptischen Szenarien nie der beste Plan waren. Nicht, um den Opfern die Schuld zu geben. Ich hoffe, wir werden die Proudest Boys aus dem Weg räumen, die sich in ihrer Gegend organisiert haben, und sie wohlbehalten in ihrem verdammten Bunker finden.

Aber ja, die Gründer, die hatten all dieses Zeug, und sie hatten sich schon seit ein paar Jahren zusammengetan, hatten Vorbereitungsworkshops veranstaltet, Vorräte verteilt und versucht, Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen von Leuten aufzubauen. Als sie sich bei einem ihrer Treffen zusammensetzten und merkten, dass das Ende nahe war, sagten sie so was wie: „Okay, wie sieht unser Plan aus, wenn die Kacke am Dampfen ist? Stellen wir uns einfach auf die Straße und verschenken unser Zeug? Verstecken wir uns und verteidigen, was uns gehört? Was machen wir?“

Sie beschlossen, dass sie das meiste, was sie hatten, innerhalb ihrer Gruppe behalten würden, aber dass die Gruppe selbst für jeden offen sein und von allen Mitgliedern demokratisch kontrolliert werden sollte. Wenn jemand Hunger hatte, konnte er ein Muppet Baby werden und genauso gut oder schlecht essen wie alle anderen und an den Entscheidungen mitwirken. Aber sie mussten sich verpflichten, sich in welcher Form auch immer für das gemeinsame Wohl einzusetzen.

Und das ist eine MASS. Wie soll ich denn eine ganze Broschüre über eine Idee schreiben, die ich in drei Sätzen erklären kann?

Um sicherzustellen, dass eine rasche Expansion die Natur der Gruppe nicht grundlegend verändern würde, einigten sie sich auf das, was sie das „Accord“ nannten – unveränderliche Vereinbarungen, die den Kern der Satzung der Gruppe bildeten. Die Satzung kann geändert, gestrichen oder ergänzt werden, aber das „Accord“ ist ewig. Wenn die Gruppe das „Accord“ jemals ändern wollte, müsste sie die Gruppe einfach auflösen und eine andere Gruppe gründen.


Das „Accord“ ist einfach:

Erstens: Unsere Gruppe arbeitet nach demokratischen Verfahren, bei denen alle Mitglieder das gleiche Mitspracherecht haben, unabhängig von Dienstalter, Beliebtheit oder Leistungsfähigkeit.

Zweitens: Unsere Gruppe schließt keine Mitglieder aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Rasse, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, nationaler Herkunft, Aufenthaltsstatus, früherer Inhaftierung, Grad der Behinderung oder Leistungsfähigkeit aus. Diese Liste ist nicht erschöpfend und ist im Sinne der Inklusion und nicht der Exklusion zu verstehen.

Drittens: Unsere Gruppe versorgt ihre Mitglieder entsprechend ihren Bedürfnissen, und jedes Mitglied bemüht sich, die Gruppe entsprechend seinen Fähigkeiten zu unterstützen. Mitglieder haben weiterhin das Recht, persönliches Eigentum zu behalten, wie zum Beispiel (aber nicht beschränkt auf) eine Wohnung, Waffen, Medien und kleine Vorratsvorräte.

Viertens: Die Mitgliedschaft in der Gruppe ist freiwillig.

Fünf: Unsere Gruppe zieht es vor, mehr Brücken zu bauen als zu verbrennen; unsere Gruppe zieht es vor, wann immer möglich Versöhnung anzustreben; unsere Gruppe betrachtet Menschen nicht als Wegwerfware; ebenso wenig ist unsere Gruppe eine pazifistische Organisation.


Es gibt alle möglichen Statuten, und sie ändern sich von Monat zu Monat, weil wir uns ständig darüber treffen, um zu besprechen, was funktioniert und was nicht, und weil die drei Dinge, auf denen Revolutionen basieren, Treffen, Drecksarbeit und furchterregende Aktionen sind – in absteigender Reihenfolge des Zeitaufwands. In den Statuten geht es um Dinge wie:

Wie man Mitglied wird (derzeit gibt es eine einmonatige vorläufige Mitgliedschaft).

Wie man Mitglieder ausschließt (derzeit mit einer Dreiviertelmehrheit, aber wir diskutieren darüber, den Ausschluss von Mitgliedern zu erschweren, da wir wachsen und einen größeren Teil der Gesellschaft ausmachen).

Wie Entscheidungen getroffen werden (derzeit mit einfacher Mehrheit bei Angelegenheiten mit geringen Auswirkungen, mit Dreiviertelmehrheit bei Angelegenheiten mit großen Auswirkungen und durch die Einrichtung von befristeten, abberufbaren und rechenschaftspflichtigen Führungspositionen für unmittelbare Krisen und militärische Situationen).

Wie wir strukturiert sind (wir sind derzeit in drei Bereiche gegliedert: Verwaltung, Produktion und Strategie, mit einzelnen Arbeitsgruppen innerhalb dieser Bereiche).

Wie wir mit anderen Gruppen interagieren (volle Zusammenarbeit mit allen Gruppen, die demokratisch sind, Vielfalt respektieren und politischen Pluralismus achten; begrenzte Zusammenarbeit mit Gruppen, die Vielfalt und politischen Pluralismus respektieren; situationsbezogene Zusammenarbeit gegen gemeinsame Feinde mit jeder Gruppe, die nicht tyrannisch oder anderweitig monströs ist [schau mal, es ist die Apokalypse, und da draußen gibt es Leute, die ziemlich verrückte Sachen machen]).

Sitzungsstruktur (Ich werde dich damit wirklich nicht langweilen. Stell dir die Sitzungskultur der Occupy-Ära vor, aber mit mehr Schwerpunkt auf Autonomie sowohl für Einzelpersonen als auch für Arbeitsgruppen).

Wie wir Lebensmittel verteilen (gleichmäßig) und wie wir Waffen verteilen (selektiv, durch einen Kriegsrat, obwohl Einzelpersonen oft ihre eigenen Waffen besitzen und warten).

Konfliktlösung (unsere umstrittensten Statuten, die wir wahrscheinlich nie wirklich perfektionieren werden).


Wir sind stark gewachsen, seit die Muppet Babies auf mein Wohnhaus marschierten und mich davor bewahrten, ein weiteres Sandkorn zu werden. Aber wir haben auch viele Leute verloren. Unser „Lasst uns aufeinander aufpassen, einander als Gleichberechtigte behandeln und gemeinsam Entscheidungen treffen“-Ding kam bei einigen anderen Fraktionen in der Stadt nicht besonders gut an, vor allem bei den kannibalistischen Nazis aus den Vororten.

Diese Nazis nennen sich die „Survivors“ und sind eine Art faschistische Oligarchie mit dem Anspruch auf Meritokratie. Die meisten ihrer Anführer sind ehemalige Polizisten (fairerweise muss man sagen, dass auch in unseren Reihen drei Ex-Polizisten sind, was eine umstrittene Entscheidung war, aber keiner unserer Ex-Polizisten ist aktiver Nazi). Die „Survivors“ nennen ihre Lehren „die harte Wahrheit“ und glauben, dass die neue Welt von den wahren Überlebenden aufgebaut wird, den Stärksten der Starken. Der Faschismus kam zuerst, der Kannibalismus kam später.

Sasha sagt gerne: „Wir hätten ‚keine Menschen essen‘ in das Abkommen aufgenommen, wenn wir damals gewusst hätten, was wir heute wissen, aber das ist die Art von Sache, von der man sich gerne vorstellt, dass sie unausgesprochen bleibt.“

Die Überlebenden herrschen durch Angst. Wir regieren uns selbst durch Liebe und Respekt. Wir gewinnen. Alles, was es braucht, um das Böse in dieser Welt zu besiegen, sind Liebe, Respekt und jede Menge 5,56x45-mm-Munition.

Ich nenne sie nicht gerne die Überlebenden, denn sie werden nicht überleben – nicht, wenn wir etwas dazu zu sagen haben. Ich nenne sie lieber die „Kannibalen-Nazis aus den Vororten“, weil das treffender ist und weil ich mich dann, wenn ich sie so nenne, fühle, als würde ich in einem schlechten 80er-Jahre-Film leben.

Trotz dieses Krieges – oder vielleicht gerade deswegen, da er uns anspornt, Brücken zu anderen Gemeinschaften in unserer Region zu bauen – wachsen wir. Schnell. Ich glaube, schon bald werden wir uns aufteilen, aber absichtlich, in lokale Räte.

Sasha nennt die geplanten Räte immer wieder „Sowjets“, aber ich glaube, er macht nur Spaß, denn ich habe ein Buch über Machnowia gelesen, nach dem er seine Puppenhausstadt benannt hat, und das war ein Land von Anarchisten, die mit aller Kraft gegen die Bolschewiken und die Gründung der UdSSR gekämpft haben. Obwohl „Sowjet“ im Grunde genommen einfach nur „Rat“ bedeutet, wie sich herausstellt. Wir werden Räte einrichten und wir werden sie nicht Sowjets nennen. Die Räte werden aus einzelnen Wohnhäusern und Stadtvierteln und Arbeitsgruppen und Schulen und Arbeitsstätten gebildet (wir haben bereits ein paar Fabriken übernommen) und diese Räte werden ihre eigenen lokalen Entscheidungen treffen, um sich dann in einer Basis-Föderation zusammenzuschließen und die größeren Themen wie Verteidigung und Lebensmittelverteilung zu besprechen.

Das heißt, wir werden wahrscheinlich nicht mehr lange „Muppet Babies“ heißen. Den meisten neuen Mitgliedern gefällt der Name sowieso nicht. Ich glaube, ein Kern von uns wird an dem Namen festhalten, aber für eine Einheit der Territorialverteidigung. Wir brauchen diese Territorialverteidigung. Es ist die Apokalypse. Menschen sterben. Wir versuchen, diese wilde, verzweifelte Utopie aufzubauen, aber bei der aktuellen Rate an Krankheiten, Hungersnöten, Katastrophen und Konflikten werden die meisten von uns nicht alt werden.

Und ich ziehe dieser Tage in den Kampf, etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es tun würde, aber es fühlt sich seltsam gut an, Puppen an meinen Schutzwesten zu schnallen und eine pastellfarbene Flagge mit dem Osterhasen darauf zu schwenken und zu singen: „Muppet Babies, wir lassen unsere Träume wahr werden / Muppet Babies, wir tun dasselbe für euch“, während ich gegen die kannibalischen Nazis in den Krieg ziehe, die aus den Vororten hereinströmen.

Quelle: „The End, Like Sand (post-apocalyptic fiction) or: How I Joined the Muppet Babies in the War Against the Cannibal Nazis From the Suburbs“ von Margaret Killjoy 29. Mai 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Anmerkung: "MASS" ließe sich auch mit "eine ganze Menge" übersetzen, ebenso wie "Accord" eine Vereinbarung, Übereinkunft, ein Agreement ist. Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit habe ich die Begriffe in ihrem Kontext unübersetzt gelassen.


Kreuzberg ist nicht Hongkong

Das Tor zu SO 36 - das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kotti mit Transparenten zur revolutionären Stadtpartnerschaft  Ayacucho - Kreuzberg
Das Tor zu SO 36 - das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kotti
Foto: © Olaf Ramcke
Kreuzberg. Sehnsuchtsort, Mythos, Alltag, Idylle, Absturz, Experimentierfeld, Traum und Versprechen auf die Zukunft, Geldmaschine und Existenzangst. Eindrücke der ersten Jahre nach dem Mauerfall in Bildern festgehalten. Die Hauptstadt zieht erst einmal vorbei. Kreuzberg auf der Warteliste der Spekulant*innen und Skrupellosen. Verschnaufpause für kurze Zeit, dann werfen sie ihre Schlaglichter in die Straßen und Höfe des Bezirks. Aber das ist eine andere Geschichte…

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.
„Ich hatte Anfang der neunziger Jahre das Gefühl, das alles um mich herum – ob Kreuzberg, Berlin, die Menschen, ich sag mal das Flair, die Tage zu verbringen, zu leben und zu überleben, in den kommenden Jahren auf den Prüfstand kommt – die Logik des Kapitals wird auch nicht an diesem Fleckchen Erde vorbei ziehen. Und so bin ich los in meiner Freizeit, von der ich damals noch reichlich hatte, und hab fotografiert.

Da gab es häufig Begegnungen, die dauerten nur ein paar Minu­ten. Man hat sich auf der Straße getroffen, weil man sowieso in der gleichen Ecke wohnte. Manchmal haben die Leute selbst mich angesprochen, weil sie die alte Mittelformat-Kamera gesehen haben. Die ist von der Optik her ein bisschen auffälliger als die übli­chen Digitalen heutzutage. So kam ein Gespräch zustande und dann die Bil­der. Die Kinder waren sowieso immer neugierig. Meistens haben die Leu­te, die ich fotografiert habe, dann Abzüge gekriegt, ein, zwei Wochen später. Sie haben sich gefreut, weil sie gesehen haben, das sie nicht nur abgeknipst wurden. Mit manchen hat sich daraus ein jahrelanger Austausch entwickelt. Für mich war der Alltag viel interessanter und aufregender als die politischen Highlights, die meistens am Wochenende stattfanden und die dann schnell vorbei waren. Mit der Demo-Fotografie musste ich mich erst anfreunden, da hatte ich länger das Gefühl, mit der Kamera zu weit abseits zu sein. Mit der Zeit hatte ich aber auch daran meine Freude.

So sind über die Jahre eine Vielzahl von Aufnahmen entstanden, die die Menschen, ihre Geschichte, die Stadt und die Veränderungen zeigen. Nur ein Bruchteil dessen, was mir aufgefallen ist, hab ich als Bild festgehalten – einen kleinen Teil der Bilder seht ihr hier.“

– Olaf Ramcke –


Der Fotograf Olaf Ramcke ist in Berlin aufgewachsen. Seit 1992 ist er beim Umbruch-Bildarchiv.

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

Der anarchistische Partisan Ruslan Sidiki braucht einen neuen Anwalt - sein Anwalt wurde verhaftet!

Ich hatte letztes Jahr kurz hier und da über anarchistischen Widerstand gegen die russische Kriegsmaschinerie berichtet. Vor allem der Fall von Ruslan Sidiki schlug international hohe Wellen. Nun gibt es eine neue Entwicklung: Sein Anwalt wird gerade mit Repressionen überzogen. Hier die kurze Übersetzung des Textes "Anarchist partisan Ruslan Sidiki needs a new lawyer – his lawyer was arrested!"  und die Bitte, nach Möglichkeit zu helfen und oder das Thema zu teilen:

Der Anwalt von Ruslan Sidiki, Igor Popovsky, in Handschellen in einem Käfig vor Gericht
Der Anwalt von Ruslan Sidiki, Igor Popovsky
Der Anwalt Igor Popovsky, der den Anarchisten Ruslan Sidiki vertrat und eine Untersuchung seiner Foltervorwürfe beantragt hatte, wurde wegen „Betrugs in besonders großem Umfang“ festgenommen. Das berichtete das Medienportal „The Insider“ unter Berufung auf den auf Enthüllungen spezialisierten Telegram-Kanal „112“.

Dem Kanal zufolge behaupten die Ermittler, Popovsky habe von seinem Mandanten 6 Millionen Rubel erhalten, nachdem er versprochen hatte, durch Einflussnahme auf das Gericht und die Staatsanwaltschaft zur Einstellung des Strafverfahrens beizutragen.

Die Festnahme erfolgte kurz nachdem Ruslan Sidikis Fall an das Militärberufungsgericht verwiesen worden war, obwohl Popovsky noch am 19. Mai Kontakt zu ihm hatte. Schließlich wurde Popovsky laut Mediazona unter Hausarrest gestellt.

Igor Popovsky gehörte zu den wenigen russischen Anwälten, die offen die Anerkennung von Angeklagten in Sabotagefällen als Kriegsgefangene gemäß der Genfer Konvention forderten. Im Jahr 2024 reichte er bei den Ermittlern einen Antrag ein, in dem er sich auf die Behauptung der Staatsanwaltschaft bezog, Sidiki habe angeblich im Interesse des ukrainischen Geheimdienstes gehandelt, was es laut der Verteidigung ermöglichte, ihn als Kombattanten anzusehen. Zudem gelang es Popovsky, medizinische Unterlagen zu beschaffen, die darauf hindeuten, dass Sidiki nach seiner Festnahme gefoltert worden war, und er bestand auf einer Untersuchung dieser Umstände.

Das Anarchist Black Cross Moskau betrachtet die Verfolgung von Igor Popovsky als Rache der russischen Sicherheitskräfte, weil er Dinge öffentlich gemacht hat, die sie nicht ans Licht kommen lassen wollten.

Nun wird gegen einen der wenigen mutigen, von den Sicherheitsdiensten unabhängigen Anwälte ermittelt, während der inhaftierte Anarchist Ruslan Sidiki vor seiner Berufung ohne Rechtsbeistand dasteht.

Jetzt müssen wir Geld für einen neuen Anwalt für Ruslan sammeln.

Das Foto zeigt Ruslan Sidiki im Käfig vor Gericht
Ruslan Sidiki im Käfig vor Gericht
In den letzten Monaten gab es fast keine öffentlichen Entwicklungen in seinem Fall: Der Termin für die Berufungsverhandlung steht immer noch nicht fest, die Verwaltung der Haftanstalt schränkt Ruslans Zugang zu Büchern und der Presse weiterhin ein, und statt seine Foltervorwürfe ordnungsgemäß zu untersuchen, findet ein bürokratisches Hin und Her zwischen dem Untersuchungsausschuss und der Staatsanwaltschaft statt. Entscheidungen, die die Einleitung eines Strafverfahrens ablehnen, wurden bereits dreimal aufgehoben, doch die Verantwortlichen wurden immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen.

Deshalb ist die regelmäßige Arbeit des Anwalts gerade jetzt besonders wichtig. Unter den Bedingungen in der Haftanstalt ist ein Verteidiger nicht nur jemand, der Beschwerden und Berufungen vorbereitet. Er ist die einzige Person, die Ruslan regelmäßig und ungehindert besuchen, vertraulich mit ihm sprechen, Informationen von ihm ohne Zensur durch die Haftanstalt erhalten und schnell reagieren kann, falls der Druck gegen ihn zunimmt.

Briefe können blockiert werden. Bücher werden vielleicht nicht zugestellt. Zeitungen können „verschwinden“. Aber der Besuch eines Anwalts kann nicht einfach durch eine Verwaltungsentscheidung unterbunden werden. Für einen Gefangenen, der bereits nach seiner Festnahme gefoltert und während der Haft bedroht wurde, ist diese Verbindung zur Außenwelt eine Frage der Sicherheit.

Aktuelle Nachrichten über die Folter von Azat Miftakhov in der Strafkolonie IK-18 in Kharp zeigen einmal mehr, wie gefährlich die Situation werden kann, wenn ein politischer Gefangener allein gegen das System steht. Öffentliche Aufmerksamkeit, Briefe, Unterstützung und regelmäßiger Zugang zu einem Anwalt verhindern die völlige Isolation. Das ist zwar keine Garantie gegen Gewalt, aber es ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, das Risiko von Misshandlungen zu verringern und schnell zu erfahren, wenn es dazu kommt.

Vor der Verhaftung von Popovsky waren 210.000 Rubel (ca. 2400 Euro) für drei Monate Anwaltskosten erforderlich, doch nun könnten die Kosten steigen.

Unterstütze Ruslan auf jede erdenkliche Weise. Selbst eine kleine Spende hilft dabei, eine regelmäßige Rechtsverteidigung und den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten.

Spenden in Rubel über die Plattform „Zaodno“

Für Überweisungen in anderen Währungen:

IBAN: LT36 3250 0986 4982 1011

BIC: REVOLT21

Karteninhaber: Anastasiia Bogdanova

PayPal: firesoffreedom@protonmail.com (mit dem Vermerk „für Sidiki“)

Kryptowährung:

Bitcoin: bc1qx63u6p0tlqd40hpcgeln7sksy2hgm0gekgpw8s

Ethereum: 0xE8A926f292272391707ed1A7b55Db1466F0c0993

Litecoin: LVxHRweSkkwkNHxY432U2swpEUAMWupsrP

USDT (ERC20): 0xE8A926f292272391707ed1A7b55Db1466F0c0993

Monero: 47AqYo1kkbWYeypvDTrNtcBAKPJaHXRNjQsdRhrBm6SNVffeRLfadrqXoQ2FHgPiud6T3vLB5VjS2QKJM9MnZVJJJ8cV9tw

Wenn du Kryptowährung spendest, um Ruslan Sidiki zu unterstützen, schreib uns bitte eine E-Mail an: firesoffreedom@protonmail.com

Das Soli T-Shirt, getragen von einer blonden Person
Soli T-Shirt
Eine weitere Möglichkeit, Ruslan zu unterstützen, ist die Bestellung eines T-Shirts mit einem Aufdruck, der auf seinen Kunstwerken basiert. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf der Merchandise-Artikel fließt in die Unterstützung des Gefangenen.

Der Versand der T-Shirts erfolgt aus Deutschland, und eine Lieferung ist fast überallhin auf der Welt möglich. Aus Sicherheitsgründen versenden wir T-Shirts mit diesem Aufdruck jedoch nicht nach Russland oder Weißrussland.

Über die T-Shirts:

▫️ Farben – rosa und weiß

▫️ Größen von XS bis 3XL

▫️ Material: 100 % Bio-Baumwolle. Die Produkte sind von PETA (vegan) zertifiziert, und der Hersteller ist Mitglied von Fair Wear.

▫️ Preis — 20 € + Versand

Möchtest du eine Bestellung aufgeben? Fülle das Formular aus, und wir melden uns innerhalb weniger Tage bei dir.

Adresse für Briefe:

391999, Region Rjasan, Rjashsk, Krasnaja-Straße 1a, SIZO-2

Sidiki Ruslan Kasemovich, geboren 1988

Briefe können auch über den Dienst PrisonMail.Online verschickt werden, Anleitung zum Ausfüllen des Formulars:

Region: Oblast Rjasan

Gefängnis: Untersuchungsgefängnis-2 Rjasschsk

Nachname des Gefangenen: Сидики

Vorname des Gefangenen: Руслан

Zweiter Vorname des Gefangenen: Касемович

Geburtsjahr des Gefangenen: 1988

Anarchist Black Cross Moskau

Die Kontaktadressen aller Gefangenen in Russland, die vom Anarchist Black Cross Moskau unterstützt werden, findest du hier. Wenn du für einen bestimmten Gefangenen oder Fall spenden möchtest, kontaktiere uns bitte vorher per E-Mail, um sicherzustellen, dass die Unterstützer des Gefangenen oder Falls derzeit Spenden sammeln; unsere E-Mail-Adresse ist dieselbe wie die des angegebenen PayPal-Kontos. Wir sind auf Telegram und Facebook vertreten, du kannst dich hier für unseren E-Mail-Newsletter anmelden.

Rage Against the Machine - Live At The Democratic National Convention 2000


cronjob