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»Wir sind Maurer, Maler, Elektriker, wir brauchen den Staat nicht, für nichts.« Lucio Urtubia

Das leere Feld, der leere Tank oder: die Öl- und Nahrungsmittelkrise

Immer wenn ich etwas richtig Untergangsstimmungsvolles schreibe, etwas, das sehr nach „Der Himmel stürzt ein“ klingt, möchte ich denselben Vorbehalt anbringen: Ich will dir nicht erzählen, dass der Himmel einstürzt. Panikmache bringt Klicks, aber eine auf Klicks basierende Wirtschaft ist eine schreckliche Sache, und ich möchte nicht in einer solchen Gesellschaft leben, also möchte ich keine Panikmache betreiben.

Meeresoberflächentemperatur April bis Juni 2023. Ab Juni kann man deutlich El Niño sehen.
Meeresoberflächentemperatur April bis Juni 2023. Ab Juni kann man deutlich El Niño sehen.
Grafik: NOAA, gemeinfrei
Aber es gibt viele Krisen, die in den nächsten Monaten ihren Höhepunkt erreichen könnten. Wir könnten den schlimmsten El Niño seit 1877 (oder schlimmer) erleben, der die Wassertemperaturen um 3 Grad Celsius ansteigen lässt. Diese Hitzewelle tötete weltweit 50 Millionen Menschen. Das ist eine Zahl von Todesopfern, die größer ist als die von zwei Ersten Weltkriegen oder etwa zwei Drittel eines Zweiten Weltkriegs. Die durch diese Erwärmung verursachte Hungersnot tötete etwa 3 % der Weltbevölkerung, was sie möglicherweise zur schlimmsten Naturkatastrophe der Menschheitsgeschichte macht. Ein modernes Äquivalent wären etwa 250 Millionen Menschen.

Die globale Gesellschaft ist heute wesentlich widerstandsfähiger gegen Hungersnöte als im 19. Jahrhundert. Heutzutage haben wir Wettervorhersagen, was hilft. Und natürlich starben bei der Hungersnot so viele Menschen, weil im Grunde das Britische Empire so viele Menschen durch absichtliche Misswirtschaft in der Situation tötete.

Ich glaube nicht, dass ein El Niño diesen Sommer 250 Millionen Menschen das Leben kosten wird. Aber Katastrophen, insbesondere weltweite Katastrophen, sind Stresstests für die Systeme, die wir eingerichtet haben.

Und wie du sicher weißt, stecken unsere derzeitigen Systeme in Schwierigkeiten.

Es wurde vielfach berichtet, dass in den USA 70 % der Landwirte nicht damit rechnen, sich Dünger für die diesjährige Ernte leisten zu können. Die moderne industrialisierte Landwirtschaft (die den Großteil der Welt ernährt) ist auf petrochemischen Dünger angewiesen, dessen Versorgung durch die US-Invasion im Iran stark beeinträchtigt wurde.

Es besteht auch eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass die europäischen Ölreserven im Mai oder Juni zur Neige gehen (ich habe beides gelesen) und dass die der USA etwa am 4. Juli ausgehen könnten, pünktlich zum 250. Jahrestag des Landes. (Ich fange an zu denken/zu hoffen, dass all die Fanartikel mit der Aufschrift „America 1776–2026“ lediglich ein Todesdatum prophezeien.) Die Erschöpfung der Reserven bedeutet nicht, dass „es kein Benzin mehr gibt“, sondern dass die USA in eine Versorgungskrise geraten werden (wir fördern etwa 60 % unseres Öls selbst und 3/4 des Rests kommen aus Nordamerika, aber wir decken unseren eigenen Bedarf nicht).

Benzin für sieben Dollar ist natürlich eine enorme Belastung für das tägliche Leben der Amerikaner, da die meisten von uns auf benzinbetriebene Autos angewiesen sind, um zur Arbeit, zum Einkaufen und so weiter zu kommen. Aber es wird auch einfach so, so viel Öl in der Lebensmittelproduktion verbraucht, von Dünger über Traktoren bis hin zum Transport.

Also… könnte es schlimm werden.

Ich habe diese seltsame Angewohnheit, Dinge eher in Wahrscheinlichkeiten zu betrachten. Ich denke mir konkrete Zahlen für meine Risikoanalyse aus, aber das sind wirklich nur Zahlen, die ich mir ausdenke. Es gibt keinen Grund, warum du meine Zahlen verwenden solltest. Dahinter steckt keine Wissenschaft.

Die meiste Zeit meines Lebens lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein absolut dramatisches Ereignis so ziemlich alles in meinem Leben versaut (wie eine weltweite Hungersnot oder ein Weltkrieg oder ein zweiter amerikanischer Bürgerkrieg), bei etwa 1 %. Das ist eine Überlegung wert, aber kein Grund zur Sorge.

Als also 2024 die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs auf etwa 5 % anstieg, war das ein wirklich, wirklich großer Anstieg. Das war eine Verfünffachung. Das war es wert, darüber nachzudenken. Es war immer noch nicht wahrscheinlich. Ich war nicht überrascht, dass es nicht passiert ist. Dieses Jahr? Dieses Jahr fühlt es sich an wie, ich weiß nicht, 15 %. Ich glaube, es besteht eine 15-prozentige Chance, dass dieses Jahr alles komplett den Bach runtergeht. Aber nächstes Jahr? Nach einem verdammt heißen Sommer und den Kriegen in der Ukraine und im Iran, die sich hinziehen und die weltweite Nahrungsmittelversorgung zerstören? Ich weiß es nicht. 40 %?

Ich mache mir wirklich große Sorgen.

Ich will wirklich, wirklich kein „Der Himmel stürzt ein“-Typ sein, aber etwas fällt vom Himmel, und es fühlt sich an, als könnte es der Himmel selbst sein.

Aber du solltest meine erfundenen Zahlen ignorieren, denn erstens sind sie erfunden und zweitens gibt es fast nie einen konkreten, berechenbaren Moment, in dem „die Kacke am Dampfen ist“. Was mehr oder weniger sicher ist: Benzin und Lebensmittel werden teurer werden. Und dagegen solltest du versuchen, etwas zu unternehmen, wenn du kannst.

Ich hatte nicht vor, dieses Jahr im Garten anzulegen. Das ist mein schreckliches Geheimnis. Ich bin eine schlechte Prepperin. Ich wollte mir einfach nicht die Mühe machen. Ich habe bei weitem nicht alle Tomaten, Peperoni oder Basilikum gegessen, die ich letztes Jahr angebaut habe, und das meiste landete einfach wieder im Kompost. Ich koche nicht einmal besonders viel, wenn ich ehrlich bin. Ich bin eine schlechte Anarcho-Tradwife – ich verbringe die meiste Zeit mit Schreiben und Lesen. Also wollte ich keinen Garten anlegen.

Aber ich verfolge den Krieg und das Wetter schon eine Weile, und vor ein paar Tagen habe ich gerade ein paar Kartoffeln in Eimer gepflanzt, und ich werde mich wahrscheinlich dieses Wochenende um mein Nicht-Wurzelgemüse kümmern. Einer meiner Lieblings-Prepper, Eric Shonkwiler (du liest doch When-If, oder?), hat es so ausgedrückt:

Es ist noch nicht zu spät, mit deinem Garten anzufangen – wir hatten hier eine ungewöhnliche Kälteperiode, die mich bisher davon abgehalten hat, fast alles zu pflanzen, und der Super-El-Niño sorgt so gut wie sicher dafür, dass sich unsere Vegetationsperiode, wenn wir unsere Pflanzen bewässern können, bis in den Oktober oder sogar noch später verlängert. Das kannst du dir zunutze machen.

Ich hatte eigentlich nicht vor, im Garten zu arbeiten, aber jetzt werde ich es doch tun, und schon hat es Wunder für meine Stimmung bewirkt, einfach nur etwas Erde unter den Fingernägeln zu haben. Betrachtet diesen Frühling und Sommer als eure Monate der Lebensmittelvorbereitung. Worauf auch immer ihr euch konzentrieren wollt, es ist jetzt billiger, es zu tun, als es bald sein wird, da die Preise weiter steigen.

Ich würde auch die Vorratshaltung empfehlen. Betrachte Lebensmittel in drei Kategorien: Es gibt frische Lebensmittel, die auf deiner Arbeitsplatte oder im Kühlschrank liegen und Tage bis Wochen halten, dann gibt es Vorrats- und Tiefkühlkost, die Monate bis Jahre hält, und schließlich gibt es Langzeitvorräte, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte halten.

Um deine Vorratskammer aufzufüllen, kaufe zusätzliche Mengen an haltbaren Lebensmitteln (Konserven, Trockenprodukte, verpackte Lebensmittel), die du ohnehin isst, und verbrauche sie nach und nach. Die meisten selbstgemachten Konserven sind ebenfalls Vorratsnahrung: Die meisten getrockneten, geräucherten, eingelegten und eingemachten Lebensmittel halten Monate oder Jahre, aber keine Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Dennoch ist dies wahrscheinlich der wichtigste und nützlichste Teil deiner Lebensmittelvorsorge. Die meisten Krisen dauern nur Monate oder Jahre, und fast niemand rechnet damit, einen Vorrat anzulegen, von dem er tatsächlich den Rest seines Lebens überleben könnte.

Langzeitvorräte können gekauft (es gibt Spezialanbieter für Eimer mit Bohnen und Reis sowie Geschäfte, die gefriergetrocknete Konserven verkaufen) oder selbst hergestellt werden. Du kannst deine eigenen Bohnen, Reis, Haferflocken, Linsen und andere solche Lebensmittel (vor allem solche ohne viel Wasser oder Fett) in Mylar-Beuteln mit Sauerstoffabsorbern lagern. Du kannst Hartkekse backen, die nach nichts schmecken und vor dem Verzehr aufgeweicht werden müssen, aber in manchen Fällen jahrhundertelang haltbar sind. Du kannst auch ein paar Tausend Euro für einen Gefriertrockner ausgeben und fast jedes Lebensmittel konservieren, das du möchtest. (Gefriergetrocknete Lebensmittel halten insgesamt wesentlich länger als dehydrierte Lebensmittel). Das Letzte habe ich noch nicht ausprobiert, aber Gemeinschaften können sich zusammentun, um gemeinsam einen zu kaufen – was wichtig ist, da es sich um echte Schwerlastgeräte handelt, die Wartung und Ölwechsel erfordern.

Da die USA zudem plötzlich ihre Soft-Power-Strategie, Entwicklungsländer zu ernähren, eingestellt haben, gibt es auf dem Markt für Regierungsüberschüsse jede Menge „humanitäre Rationen“, die spottbillig zu haben sind. Was verdammt deprimierend ist. Ich habe etwa 10 Kisten davon in meinem Keller. Die meisten Quellen (sprich: YouTube-Videos von Leuten, die sehr alte MREs essen) scheinen darauf hinzudeuten, dass sie bei richtiger Lagerung nicht besonders schnell verderben, sondern nur schlechter schmecken und weniger Nährstoffe enthalten.

Die dramatische Krise, in der wir stecken, hat auch eine positive Seite. Gottes offenes Fenster, wenn man so will.

Immer mehr Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten. Wir haben eine echte Chance, eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft vorzuschlagen und darauf hinzuarbeiten. Was derzeit besteht, funktioniert nicht. Wir haben die Gelegenheit, alternative Lösungen anzubieten. In Krisenzeiten werden diejenigen am ehesten gehört, die als Erste einen Aktionsplan vorschlagen.

Wir können einen Plan vorschlagen. Zum Beispiel den Aufbau einer Bottom-up-Gesellschaft aus lokalen Entscheidungsgremien, die sich zusammenschließen, um größere Probleme in größerem Maßstab anzugehen. So wie die Zapatisten, die Rojavaner oder die Anarchosyndikalisten. Vielleicht haben wir diese Chance. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Es lohnt sich, darauf hinzuarbeiten.

Quelle: "The Empty Field, the Empty Gas Tank or: the oil and food crisis", 16. Mai 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


Berlin: Revolutionäre 1. Mai- Demonstration 2026

Fronttransparent der Demo mit dem Text "gegen die Gesamtscheiße - Die Zukunft gehört uns!" und einem Roten Stern mit Antifaflaggen auf der linken Seite getragen von verschiedenen Personen, dahinter eine Masse von Menschen am späten Abend.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Unter dem Motto „Gegen die Gesamtscheiße“ startete die diesjährige revolutionäre 1. Mai-Demonstration unter der Beteiligung mehrerer 10.000er Teilnehmer*innen vom Oranienplatz in Kreuzberg. Marxistische Jugendgruppen, Pali-Solidaritäts-Bewegung und ein großer Antifablock bildeten den Anfang. Ein sich schon am Mittag bildener „Menschenteppich“, durch verschiedenste angemeldete und auch nicht angemeldete Party- und Feierangebote in großen Teilen von Kreuzberg erschwerte den Start und einen geschlossenen Demozug. Stundenlange Verzögerungen waren die Folge. Ein Teil der Demo schaffte es die Route einzuhalten, der andere Teil blieb erstmal stecken. Ab dem Görlitzer Park wurde der Antifa-Block von einem dichtem Bullenspalier begleitet. Am Rande der Demo wurden Nazi-Influencer vertrieben, es gab zahlreiche Solidaritätsgrüße von Balkonen und der Bordsteinkante. Gegen 23.00 Uhr erreichte die Demonstration den Abschlußkundgebungsplatz am Südstern. Dort ließen es sich die Bullen nicht nehmen, Teile des Antifablocks anzugreifen, durch Geschlossenheit konnte dieses abgewiesen werden. Was bleibt von diesem Tag? 10.000de waren auf der Straße, organisiert und auch weniger organisiert, und ein Gefühl, das Mensch nicht allein ist mit der Gesamtscheiße um uns herum.

„Wir feiern das Leben, die Rebellion und die Befreiung. Weg damit: Wehrpflicht, Militarisierung und Kriegsregime. Feminizide, Männlichkeit und Patriarchat. Nationalismus, Faschismus und AfD. Wasserprivatisierung, Autobahnausbau und Klimakatastrophe. Regierende Bürgermeister, Zäune und nächtens geschlossene Parks. Autoritarismus, Dogmatismus und scheinbar einfache Wahrheiten. Angriffe auf Rojava, Krieg in der Ukraine und Genozid in Gaza. Racial Profiling, »kriminalitätsbelastete Orte« und neue Polizeigesetze. Finanzielle Kürzungen, Demontage des Sozialstaats und der restliche Monat am Ende des Geldes. Gefangennahme von Cilia Flores mit Ehemann, von Antifaschist*innen und unserer langjährigen Nachbarin Daniela Klette. Private Wohnungsunternehmen, steigende Energiekosten und hohe Mieten. Merz, Pistorius und alle anderen da oben. Alles Würg!

Wir finden das Leben viel zu interessant, um es für all das herzugeben. Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen, wie es einst Karl Marx formulierte, und dazu werden wir beitragen. Wir spielen nicht mit, wir rebellieren, wir widersetzen uns. Wir verweigern uns den auferlegten Pflichten. Wir desertieren aus diesen Verhältnissen. Wir brechen aus und nehmen uns am Ersten Mai die Straße. Denn wenn schon die Gegenwart verloren ist, so wollen wir doch die Zukunft erobern.Mit Zehntausenden werden wir am Abend des 1. Mai in Berlin zur jährlich größten Manifestation der radikalen Linken zusammenkommen. Uns eint unsere Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Widerspruch zum Herrschenden, das kein Versprechen mehr für uns hat. Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit.“

(aus: Aufruf des Antiautoritären Blocks)


Eine gute Übersicht mit Infos zur Demo und allen anderen Aufrufen findet ihr auf der Seite von erstermai.nostate.net/

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