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»Vielleicht interessierst du dich nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich für dich.« Lew Dawidowitsch Bronstein aka Leo Trotzki

Die Waldbrände werden kommen: Ein Interview mit Toby Shone

Der ehemalige politische Gefangene redet über seinen Anarchismus, das 325-Projekt und den Widerstand gegen die physischen und mentalen Gefängnisse, die uns alle umgeben.

Eine Person sitzt auf einer mit Stacheldraht bewehrten Mauer und schaut auf eine Stadt, die in der Dämmerung liegt. Dunkel Wolken am HImmel, am Horizont geht die Sonne auf.
Grafik: Thomas Trueten
Du hast kürzlich über die Wichtigkeit von Solidarität und Verbindungen zwischen Gefangenen und ihren Unterstützern draußen gesprochen. Kannst du uns Beispiele für diese Art der gegenseitigen oder kollektiven Stärkung im Kampf gegen die ständige Unterdrückung durch das Gefängnis nennen?

Kurz bevor ich 2024 freigelassen wurde, gab es im C-Flügel des HMP Garth in Leyland, wo ich festgehalten wurde, gewaltsame Zellendurchsuchungen durch eine Spezialeinheit der Gefängniswärter, die als National Search Team bekannt ist. Das NST übernahm den Trakt mit Hunden und Schutzausrüstung. Die Razzia fand Zelle für Zelle statt, begleitet von sinnloser Brutalität. Wir wurden zu zweit mit Handschellen gefesselt und in einen verschlossenen Nassraum gebracht. Einige Gefangene wurden geschlagen, misshandelt und viele unserer Sachen wurden zerstört. Einige der Jungs wehrten sich, überschwemmten ihre Zellen, schlugen gegen ihre Türen oder spielten aus Protest laut Musik. Am nächsten Tag weigerte sich der ganze Trakt, nach der morgendlichen Freistunde in die Zellen zurückzukehren. Als lautstarker und unkontrollierter Mob forderten wir die sofortige Rückgabe der beschlagnahmten Sachen, den Ersatz der beschädigten Sachen und verurteilten die Gewalt. Das führte dazu, dass die Wärter zurückwichen. In diesem Moment konnten die Wärter nichts machen, weil wir alle zusammen und ohne Anführer handelten. Am Ende der Mittagspause war der Streik vorbei.

Ähnliches erlebte ich, als einer der Gefangenen aus Depressionen oder Hoffnungslosigkeit heraus ums Leben kam. Demonstrationen vor den Gefängnissen, in denen ich festsaß, waren ebenfalls ein starkes Erlebnis, das sowohl die Wärter als auch uns beeindruckte. Vor allem, wenn Feuerwerkskörper den Nachthimmel erhellten und die Genossen draußen kämpferisch waren. Ich fand, dass sich die anderen Gefangenen in diesem weitgehend systemfeindlichen und kriminellen Umfeld im Allgemeinen gegenseitig unterstützten. Immer wenn ich verlegt oder in eine andere Zelle gebracht wurde, kamen die Jungs aus der Zelle, um zu sehen, ob es mir gut ging und ob ich etwas brauchte. Ich half anderen bei ihren Gerichtsverfahren oder bei der Gefängnisverwaltung und versuchte, gemeinsame Interessen und Subversives zu finden. Wir versuchten, uns gegenseitig zu unterstützen, und wenn ich ein Problem hatte, brachten die Jungs auch ihre Forderungen vor. In den meisten Gefängnissen des Landes gibt es jeden Tag Verweigerungen und Proteste gegen die Bedingungen und die Behandlung. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich während meiner Haft von Verweigerungen der Gefängnisarbeit und Streiks gehört habe. Das ist sehr verbreitet, ebenso wie das Klettern auf die Netze, die die Treppenabsätze trennen, um gegen die Behandlung und die schlechten Bedingungen zu protestieren.

Als ich hörte, dass Genossen draußen revolutionäre Solidarität leisteten, spürte ich unsere Kraft innerhalb des Gefängnisses, das kann ich sagen. Von den Berichten über die direkten Aktionen im Fall Adream in Chile, Frankreich, Italien, Indonesien und auf der ganzen Welt bis hin zu den Telefonaktionen, die ich aus dem Gefängnis heraus zu Treffen von Genossen draußen durchführen konnte, spürte ich die Wärme der Genossen. Auch das Wissen um die zensierten Briefe und Bücher, die Solidaritätsfonds und Benefizveranstaltungen war großartig.

Für Leser, die 325 nicht kennen: Was kannst du uns über das Projekt und seinen Inhalt sagen?

325 ist ein anarchistisches Netzwerk für Gegeninformation und direkte Aktion. Im November 2020 hat die niederländische Anti-Terror-Polizei auf Anfrage ihrer deutschen und englischen Kollegen den Server nostate.net geschlossen, auf dem die Website von 325 gehostet wurde. Die Website war eine langjährige Informationsplattform für allgemeine Nachrichten, Berichte, Kommuniqués, Publikationen, Veranstaltungshinweise usw. Die Website deckte hauptsächlich Europa, Lateinamerika und Südostasien ab. 325 ist auch ein Printmagazin, das unregelmäßig erscheint, und das Kollektiv hat Dutzende von Publikationen herausgebracht, darunter den Newsletter Dark Nights, der eine eigene Website hat.

Im Laufe der Jahre hat sich 325 an einem sich entwickelnden partizipativen internationalen Netzwerk beteiligt, das auf direkter Aktion und der Unterstützung von Gefangenen basiert und Raum für verschiedene Strömungen anarchistischer, antikapitalistischer und zivilisationskritischer Gruppen bietet. In den letzten Ausgaben des Magazins hat sich der Schwerpunkt der Analyse etwas auf die tiefgreifenden neuen industriellen Veränderungen in Produktion und Technologie verlagert, wie künstliche Intelligenz, Biowissenschaften und Automatisierung. Das Archiv der 325-Website ist ein wichtiges Dokument des sozialen und bewaffneten revolutionären Kampfes über mehrere Jahre hinweg in Europa und international. Das Projekt begann 2003 und wird fortgesetzt.

Ich hab den Begriff „Anti-Psychiatrie“ zum ersten Mal in 325 gesehen. Es gibt viel zu sagen über die Schnittpunkte dieser Agenda mit dem Anarchismus, aber du könntest uns auch einfach erzählen, warum ihr es damals für wichtig gehalten habt, das Thema anzusprechen.

Das war eine gemeinsame Entscheidung, die aus verschiedenen Einflüssen auf die frühe Gruppe in Brighton entstanden ist. Ich kann unsere Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen und dem Zusammenbruch auferlegter sozialer Konditionierung erwähnen. Einige aus unserer ursprünglichen Gruppe hatten Erfahrungen mit psychiatrischer/psychologischer Kontrolle und geschlossenen Einrichtungen, und wir alle interessierten uns für den Einsatz der Psychoanalyse zur politischen Unterdrückung, für die Arbeit von Wilhelm Reich, R. D. Laing, das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) und die anarchistische Analyse der Beziehung des Individuums zur postindustriellen Gesellschaft.

Unser Genosse aus der Schweiz, der in den 2000er Jahren an einem frühen Anti-Zivilisations-Netzwerk in Europa beteiligt war, verfasste das Anti-Psychiatrie-Manifest „Reclaim Your Mind: An Urgent Message for all those who have or are in danger of being labelled mentally ill“ (Befreit euren Geist: Eine dringende Botschaft an alle, die als psychisch krank eingestuft wurden oder davon bedroht sind), das in der ersten Ausgabe des Magazins „325“ veröffentlicht wurde. Obwohl es im Kollektiv im Laufe der Jahre unterschiedliche Perspektiven zu diesem Manifest gab, ist die allgemeine Position, dass die Gesellschaft Pathologie fördert und dass Medikalisierung letztendlich schädlich ist, ebenso wie Inhaftierung. Bei der Anti-Repressions-Versammlung, die im März letzten Jahres vom Anarchist Black Cross im Cowley Club in Brighton organisiert wurde, hat ein Genosse aus Schweden beschrieben, wie Genossen von den Behörden statt ins Gefängnis in psychiatrische Einrichtungen gesteckt werden, um ihre Fälle aus der Öffentlichkeit zu nehmen und sie wegen ihrer anarchistischen Ideen zu einer medizinischen „Behandlung“ zu zwingen.

Das war eine Taktik, die das National Security Team und die Anti-Terror-Polizei während meiner Inhaftierung und nach meiner Freilassung unter Auflagen gegen mich angewandt haben. Es ist sehr wichtig, das anzusprechen, weil solche Kontrollen von diesen Behörden routinemäßig eingesetzt werden und sie versuchen werden, sie wo immer möglich gegen Anarchist*innen und die radikale Linke anzuwenden.

Die Gesetzgebung schränkt den Spielraum für gewaltfreie Ausdrucksformen von Unzufriedenheit immer weiter ein, mit härteren Strafen für Störungen durch Massen oder sogar kleine Gruppen und mit polizeilichen Befugnissen zur Auflösung gewaltfreier Menschenansammlungen. Während die Organisatoren des Climate Camps präventiv durchsucht wurden, konnten die rechtsextremen Angriffe im letzten Sommer nicht verhindert werden. Wie kommt es, dass der britische Staat mitten in einer globalen faschistischen Machtübernahme so besessen von den Krümeln des Widerstands von unten ist?

Nun, wir dürfen den kleinsten Ausdruck von Dissens und Rebellion niemals unterschätzen, denn sie alle haben Macht. Wenn das Regime die Funken nicht erstickt, wird es zu einem Flächenbrand kommen. Auch wenn ich mit den Positionen des bürokratischen Teils der meisten dieser Gruppen nicht übereinstimme, freue ich mich über ihre Erfolge und wünsche mir, dass sie sich zu einer revolutionären Bewegung entwickeln. Alle wirksamen Proteste werden auf Unterdrückung stoßen. Aus dem Gefängnis habe ich im Fernsehen die Eskalation der Sachbeschädigungen gegen Waffenfirmen, die mit Israel Geschäfte machen, während des andauernden Völkermords in Gaza, die Sperrung von Autobahnen und die Zerstörung von Barclays-Banken gesehen. Die radikale Linke, Ökologen und Anarchisten sind im Grunde die einzige Opposition in Großbritannien.

Seit sie am 18. Juni 1999, dem Globalen Aktionstag, von antikapitalistischen Ausschreitungen mit Schäden in Millionenhöhe überrascht wurde, hat sich der Staat zum Ziel gesetzt, die soziale Bewegung zu manipulieren und in eine Sackgasse zu führen. Die Frage nach der Taktik und Energie innerhalb der Bewegung, nach Aktionen kleiner Gruppen und Massenprotesten, die eine echte Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen könnten, indem sie Situationen schaffen, die außerhalb der Kontrolle aller liegen – das erfordert unsere Bereitschaft, uns zu organisieren und unsere Kämpfe zu vernetzen, das ist unsere Herausforderung. Wenn wir eine Revolution wollen, erfordert das kontinuierliche Subversion und Aufstände. Dieses System ist auf Krieg, Mord und Völkermord ausgerichtet, es wird nicht durch Wahlen oder Proteste allein gestoppt werden können. Der britische Staat war schon immer Teil der globalen faschistischen Machtübernahme, das Regime bereitet sich ständig auf städtische Unruhen, Terrorakte, individuelle und Massenaufstände vor. Die Genoss*innen, die oft Teil der Untergrundgruppen sind, kommen in der Regel aus der sozialen Bewegung, und deshalb investiert der Staat viel Zeit und Energie, um herauszufinden, wer Teil dieser Bewegungen ist und in welche Richtung sie sich entwickeln.

Die britische Linke scheint in internen Fragen so gespalten zu sein, was zu Burnout und weiterer Fragmentierung führt. Wie können wir deiner Meinung nach effektiv Solidarität aufbauen und uns gegenseitig unterstützen, innerhalb und außerhalb des kriminellen Strafvollzugssystems?

Ich sehe mich selbst nicht als Teil der britischen Linken, ebenso wenig wie die Genoss*innen in unserem Kreis. Der Linkismus ist Teil des Wahlzirkus und hat sich den Massenmedien und Konzernen, dem Militarismus, den Hochtechnologien, dem Transhumanismus, der Kernenergie und dem Etatismus ergeben. Aber ich glaube nicht, dass du davon sprichst. Unsere Gruppe hat sich 2011 aus der sozialen Bewegung zurückgezogen und eine nihilistische Position eingenommen. Wir sind nur noch in unseren Gruppen aktiv, nicht mehr in sozialen Zentren oder Aktivistenkampagnen.

Das ist ein anderes Thema, aber im Wesentlichen geht es darum: Hört auf, euch sinnlos über toxische Themen zu streiten und euch gegenseitig auszuschließen. Versteht, wie das System unseren Anarchismus ständig rekrutiert und infiltriert. Lernt, miteinander zu kommunizieren. Lernt aus euren Interaktionen miteinander. Lernt, eure Zeit und die anderer zu schätzen. Teilt Fähigkeiten, Zeit, Energie und Geld, wenn ihr könnt, mit echten Projekten, die Unterstützung brauchen. Lernt, Kritik zu geben und anzunehmen. Lernt, Verbindungen zu lösen und neue zu knüpfen. Wenn ihr nicht gut mit anderen zusammenarbeiten könnt, arbeitet alleine. Setzt eure Ideen in die Praxis um. Das wird unseren Raum stärken. Ob ihr Teil einer Gruppe seid oder nicht, ihr könnt Gefangenen schreiben, ihre Kampagnen unterstützen und euch für das Thema Anti-Gefängnis interessieren. Trefft euch persönlich und macht etwas auf der Straße, wenn ihr dazu in der Lage seid. Knüpft Kontakte in eurer Umgebung und wenn ihr euch für andere Themen engagiert, denkt an diejenigen, die hinter Gittern landen – das könntet ihr sein. Wenn ihr die Möglichkeiten habt, helft bei der Organisation von Demos, beim Kochen, bei der Unterbringung von Menschen, beim Plakatieren, bei Graffiti, beim Verteilen von Flugblättern, beim Erstellen von Zines und Stickern oder bei nächtlichen Aktionen. Verlasst euch nicht darauf, dass andere das für euch tun, macht es selbst.

Wenn du nichts davon tun kannst, lebe dein Leben so schön und frei wie möglich und gib deine Träume nicht auf. Lasst uns eine echte Kultur des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe aufbauen.

Was ist der effektivste Weg, um Solidarität zu zeigen und Menschen zu unterstützen, die im Gefängnis sind oder gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden? Was hat dir am meisten geholfen?

Revolutionäre Aktionen sind der wichtigste Weg, um Menschen im Gefängnis zu unterstützen. Das ist das oberste Prinzip. Die direkte Befreiung der Gefangenen und die Durchführung des antistaatlichen und antikapitalistischen Kampfes.

An zweiter Stelle stehen die materiellen Bedingungen der Inhaftierung. Es kostet Geld, Gerichtsverfahren zu führen, Essen und Vorräte zu bezahlen, Besuche zu bezahlen, zum Gefängnis zu fahren, das Leben außerhalb des Gefängnisses zu organisieren usw. Das kann der Gefangene überhaupt nicht leisten. Es braucht eine gemeinsame Anstrengung. Wenn Gefangene freikommen, brauchen sie weiterhin Unterstützung bei der Wohnungssuche, mit Geld, Reisen, Essen und so weiter. Polizei, Bewährungshilfe und die Bewährungskommission haben mehr Macht über eine Person, wenn sie keine Unterstützung von ihren Angehörigen oder der Bewegung hat. Nach meiner Freilassung haben mir meine Genossen sehr geholfen, indem sie mir Geld, ein Auto, eine Wohnung, Kleidung usw. zur Verfügung gestellt haben.

Drittens sind Solidaritätskampagnen und die Sensibilisierung einer großen Zahl von Menschen wichtig. Diese Kampagnen müssen auch sicherstellen, dass die Inhaftierten über die Geschehnisse außerhalb informiert sind, und Druck auf die Gefängnisverwaltung oder beteiligte private Unternehmen ausüben. Als ich eingesperrt war, konnte ich aufgrund der Zensur, der ich unterworfen war, nicht viele Nachrichten empfangen, aber wann immer ich von einer Demo oder einer Solidaritätsaktion hörte, gab mir das immer viel Kraft, und die Möglichkeit, mit den anderen darüber zu sprechen, ermöglichte es mir, praktisch zu zeigen, dass es Anarchisten gibt.

Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass noch mehr von uns ins Gefängnis kommen. Ich habe gelesen, dass es derzeit Dutzende von Gefangenen aus der sozialen Bewegung gibt – Klimawandel und palästinensische Solidarität. Sie sind denselben oder ähnlichen Bedingungen ausgesetzt wie ich, durch die Terrorismusbekämpfungsmaßnahmen und die Ermittlungen der Anti-Terror-Polizei. In meinem Fall wurde ich nicht einmal wegen Terrorismus verurteilt, aber ich wurde trotzdem unter einem Anti-Terror-Regime festgehalten, und weder die Anwälte noch die Bewegung konnten wirklich etwas dagegen tun. Diese Situation wird sich nicht verbessern, wenn wir nicht aktiv werden und eine stärkere Tendenz zum Kampf entwickeln. Derzeit ist die anarchistische Bewegung in Großbritannien nicht in der Lage, ihre Gefangenen angemessen zu unterstützen. Solidaritätsgruppen gibt es so gut wie gar nicht. Es müssen echte Anstrengungen unternommen werden, um die Kämpfe all derer zu verbinden, die vom Gefängnis- und Strafrechtssystem ins Visier genommen werden.

Du hast in deinem Vortrag über die Abschaffung der Gefängnisse und die schrecklichen Lebensbedingungen darin gesprochen. Glaubst du, dass dies einer der Hauptbereiche ist, auf den sich Anarchisten konzentrieren sollten? Was sind die wichtigen Kämpfe für unsere Bewegung in den nächsten Jahren?

Jeder wird andere Bereiche haben, auf die er sich konzentrieren will, aber ja, ich denke, dass das Thema Anti-Gefängnis ein wichtiger Zwischenschritt ist, der nicht nur der bürgerlichen Gesellschaft, der nationalen Sicherheit und dem Polizeistaat erheblichen Schaden zufügen kann, sondern auch Erfahrungen im Umgang mit sehr schwierigen Themen und bei der Suche nach Verbündeten in Arbeiter*innenvierteln sammelt. Das Gefängnis hat eine klare rassistische und klassenbasierte Grundlage, und da das Gefängnissystem gerade zusammenbricht, wird sich die Situation auch in nächster Zeit nicht lösen. Ein Anfang könnte der Kampf gegen Gefängnisarbeit und den Bau neuer Gefängnisse sein. Als Anarchisten wollen wir nicht einfach nur Gefängnisse abschaffen, sondern den Staat selbst zerstören, in diesem Fall ein altes, zerfallendes postimperiales Regime, das entschlossen ist, seine Macht niemals aufzugeben. Daher bin ich für alle Aktionen und Kampagnen der radikalen Linken und der Anarchisten, die dies zum Ziel haben.

Die soziale Bewegung ist seit Jahren weitgehend in denselben Themen aktiv, mit wenig Erfolg. Die meisten Kämpfe, denen wir uns heute stellen müssen, werden wir auch in Zukunft führen müssen, aber sie werden durch die neofaschistische Atmosphäre und die neuen Technologien noch verschärft. Die wichtigen sozialen Kämpfe, die ich kommen sehe, haben alle mit Armut und Ausbeutung zu tun und sind das Ergebnis des neuen asymmetrischen Kriegszustands, des technokratischen Kapitals, der zunehmenden künstlichen Intelligenz und des ökologischen Zusammenbruchs. Ich denke, dass nichts als selbstverständlich angesehen werden sollte. Wir leben in einer sich verändernden Welt, und ich setze auf das Wiederaufleben des internationalistischen Kampfes und die nächste Generation des sozialen Krieges.

Danke für deine Zeit.

Kraft für alle. Für eine schwarze Internationale.

Quelle: Wildfires will begin: An interview with Toby Shone von Elizabeth Vasileva erschienen bei freedomnews.org.uk am 1. Juni 2025

Übersetzung [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten


Stop arming financing excusing genocide!

Das Foto zeigt einen Ausschnitt der Kundgebung. Mehrere Teilnehmer:Innen mit Texttafeln stehen neben einem Transparent mit dem Text "Stop arming financing excusing genocide! "
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Hunderte sind dem Aufruf der Gruppe Israelis für Frieden am 27. Mai 2025 nachgekommen, um echten Druck gegen den Krieg Israels in Gaza zu fordern. Sie forderten ein Ende der Waffenlieferungen nach Israel und eine sofortige Aussetzung des Israel-EU-Assoziationsabkommens. In Berlin beteiligten sich rund 400 Menschen an einer Kundgebung vor dem Auswärtigen Amt.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Auflösung der PKK: Der lange Abschied vom Avantgardismus

Dieser Schritt spiegelt eine umfassendere strategische Vision wider, die Geschlechtergleichstellung, Pluralismus und lokale Demokratie umfasst.

Das Foto zeigt zwei ausgesteckte Arme, die Hände zeigen das Zeichen für Sieg. Im Hintergrund die Fahne von Rojava und die Kurdische Fahne.
Foto: Montecruz Foto
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die offizielle Ankündigung der Auflösung der PKK hat bei den Kurden in der Türkei und ihren internationalen Unterstützern gemischte Reaktionen ausgelöst. Allerdings hat sich dieser Schritt über Jahre hinweg abgezeichnet und kommt für langjährige Beobachter der kurdischen Bewegung und Leser der Theorie des demokratischen Konföderalismus von Abdullah Öcalan nicht überraschend. Die Wende hatte sich bereits vor Monaten angekündigt und bedeutet eine strategische Neuausrichtung, die einer umfassenderen Vision von Autonomie jenseits von Staat, Partei und bewaffnetem Kampf entspricht.

Die PKK wurde 1978 gegründet und begann 1984 einen bewaffneten Kampf für die Autonomie der Kurden. Die Türkei reagierte mit harter militärischer Unterdrückung, und beide Seiten verstrickten sich in einen blutigen Konflikt, der Jahrzehnte andauerte. Im Laufe dieses Krieges wurden zwischen 40.000 und 50.000 Menschen getötet, darunter Zivilisten, PKK-Kämpfer, türkische Soldaten, Polizisten und Dorfwächter. Die 1990er Jahre waren besonders brutal und geprägt von weit verbreiteten Dorfbränden, Zwangsumsiedlungen von bis zu 3 Millionen Menschen und systematischen Menschenrechtsverletzungen. Trotz mehrerer Versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen und Friedensgespräche aufzunehmen, eskalierte die Gewalt immer wieder – insbesondere nach dem Scheitern der Verhandlungen im Jahr 2015, als erneute städtische Kämpfe in Städten wie Cizre und Sur zahlreiche Opfer forderten.

Seit der Festnahme von Öcalan im Jahr 1999 hat sich die kurdische Freiheitsbewegung allmählich von traditionellen Modellen des bewaffneten Avantgardismus, des nationalistischen Statismus und der stalinistischen Rigidität abgewandt. Während die PKK ihre Streitkräfte – insbesondere in den Bergen des irakischen Kurdistans – aufrechterhielt, rückte in ihrer ideologischen Ausrichtung der soziale Wandel zunehmend vor die militärische Konfrontation.

Dieser Wandel fand seinen strukturellen Ausdruck in der Gründung der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) Anfang der 2000er Jahre: einem Dachverband von Organisationen mit dezentralem und horizontalem Charakter. Die KCK umfasst ein breites Spektrum von Gemeinschaften, politischen Parteien, Bürgerinitiativen, Komitees und Basisorganisationen in der Türkei, Syrien, Irak und Iran. Sie ist ein bewusster Schritt weg vom starren, zentralisierten Modell der Avantgardepartei hin zu einer vernetzten Struktur, die auf direkter Beteiligung und lokaler Autonomie basiert.

In der Türkei ist die KCK politisch aktiv und koordiniert kulturelle, soziale und kommunale Initiativen. Sie hat erfolgreich Kommunalwahlen gewonnen und Kandidaten in Bürgermeisterämter gebracht. Der türkische Staat hat darauf mit anhaltender Repression reagiert, darunter Massenverhaftungen von mutmaßlichen „KCK-Mitgliedern“ in den letzten zehn Jahren.

In dieser neuen Weltanschauung schrumpft der Raum für eine hierarchische Parteistruktur wie die PKK stetig. Öcalans Aufruf vom Februar 2025, die PKK offiziell aufzulösen, wurde von Vertretern der Kongra-Gel, dem gesetzgebenden Organ der KCK, unterstützt, die behaupteten, dieser Schritt markiere den Beginn einer breiteren Demokratiebewegung, die Frauen, Arbeiter und Umweltaktivisten einbeziehe und damit besser mit dem Rahmenkonzept der Demokratischen Modernität im Einklang stehe.

Der demokratische Konföderalismus wurde zuerst innerhalb der PKK formuliert und dann – am deutlichsten sichtbar – in Rojava umgesetzt. Wo die PKK einst zur ethnischen Polarisierung innerhalb der Türkei und sogar unter den Kurden beitrug, betont das Rojava-Modell nun den Übergang zu Pluralität, Feminismus und Dezentralisierung. Seit über einem Jahrzehnt widersteht die Region türkischen Invasionen, ISIS-Offensiven, der Feindseligkeit des Regimes und der internationalen Vernachlässigung und treibt gleichzeitig die soziale und politische Revolution voran. Wie die Zapatisten, deren Einfluss in der gesamten Bewegung deutlich zu spüren ist, haben kurdische Kader die Idee des bewaffneten Kampfes neu definiert und entmystifiziert. Im Zentrum dieses Paradigmas steht die „Jineologie“ – die „Wissenschaft der Frauen“ –, die die Befreiung der Frauen als Grundlage jedes sinnvollen revolutionären Prozesses betrachtet.

Wendepunkt

Die Entscheidung, den Kreislauf der bewaffneten Polarisierung mit dem türkischen Staat zu beenden, könnte eine Wende hin zu einem zeitgemäßeren revolutionären Horizont signalisieren – einem Horizont, der nicht auf der Ersetzung der Elite, sondern auf der Beteiligung der Massen basiert. Auch Rojava tritt in eine neue Phase ein. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben mit der syrischen Zentralregierung eine erste Vereinbarung unterzeichnet, um Verhandlungen über die formelle Anerkennung des autonomen Status der Region aufzunehmen – nicht als unabhängiger Nationalstaat, sondern als dezentraler Bestandteil eines neu gestalteten syrischen Staatswesens. Obwohl frühere Bemühungen unter Assad blockiert wurden, haben sich durch die veränderten Machtverhältnisse die Möglichkeiten für einen Dialog wieder eröffnet.

Die Ideen des Konföderalismus und der Geschlechterbefreiung könnten nun näher denn je an einer breiteren Verwirklichung und territorialen Verankerung sein. Trotz der großen Gefahren, die Verhandlungen mit dem dschihadistischen syrischen Regime mit sich bringen, treibt die kurdische Verwaltung ihre Bemühungen um Anerkennung als selbstverwaltete Einheit innerhalb einer zersplitterten und zentralisierten Region weiter voran. Diese Entwicklung fällt natürlich mit der Auflösung der PKK zusammen. In der Türkei könnten diese Entwicklungen die grundlegende Narrative des Regimes infrage stellen.

Seit Jahrzehnten nutzt Ankara die Einstufung der PKK als terroristische Organisation, um Militäroperationen, politische Unterdrückung und die Verfolgung kurdischer Organisationen, Journalisten und internationaler Verbündeter zu rechtfertigen. Es behauptet, dass alle kurdischen Strukturen – von der PYD über die YPG/YPJ bis hin zur SDF – Frontorganisationen der PKK seien. Mit der Auflösung der PKK ist die rechtliche Grundlage für diese Strategie geschwächt. Auch wenn der staatliche Diskurs weitergeht, könnte seine Glaubwürdigkeit – vor allem international – schwinden. Das könnte Erdoğan die Chance bieten, sich für einen politischen Ansatz zu entscheiden, der kurdische Autonomie im Austausch für innenpolitische Stabilität und verfassungsrechtlichen Einfluss anerkennt. Ankaras jüngste Zusagen finanzieller Unterstützung für kurdisch geprägte Regionen – die etwa 15 bis 20 % des türkischen Staatsgebiets ausmachen und schätzungsweise 12 bis 17 Millionen Menschen beheimaten – könnten Anzeichen für diesen Wandel sein.

Die große Frage ist, ob das autoritäre Regime in der Türkei einen solchen demokratischen Ansatz zulassen wird oder ob es die kurdische Bewegung zurück in den bewaffneten Aufstand treiben wird. In der Vergangenheit hat die PKK mehrmals versucht, ihre Kräfte aus der Türkei abzuziehen, doch jedes Mal wurde dieser Prozess vom türkischen Staat gestört.

Was als Nächstes kommt, ist ungewiss. Die Geschichte der Verrat ist lang, und die Risiken der Kooptierung oder erneuter Repression bleiben bestehen. Dennoch hat die kurdische Bewegung eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit bewiesen, die in gelebtem Widerstand und revolutionärer Vorstellungskraft verwurzelt ist. Wenn dies das Ende der Partei ist, könnte es durchaus den Beginn von etwas Tieferem markieren: einer staatenlosen Alternative, die inmitten der Trümmer des patriarchalischen Nationalstaates um ihr Überleben kämpft.

Quelle: PKK dissolution: The long goodbye to vanguardism by Blade Runner, via freedomnews.org.uk, 19. Mai 2025

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Bundesweite Demos für AFD-Verbot

Das Foto zeigt die Demo am Reichstag mit dem Hochtransparent: "Antifa bleibt Handarbeit - Gemeinsam dem Faschismus widersetzen!" sowie zahlreichen Demonstrant:*Innen
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv.
In mehr als 60 deutschen Städten haben am 11. Mai 2025 Demonstrationen für ein AfD-Verbot stattgefunden. In Berlin versammelten sich mehrere tausend Menschen zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor, die Veranstalter sprachen von 7500 Teilnehmer*innen. Aufgerufen hatten das Netzwerk „Zusammen gegen Rechts“ und die Initiative „Menschenwürde verteidigen – AfD-Verbot jetzt“.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Der Sinn von Erinnerungen oder: statt eines Tagebuchs

Ich ziehe mich langsam aus den sozialen Medien zurück, weil ich Meta, X, Google, Apple und die ganzen anderen großen Firmen loswerden will. Ich werde versuchen, euch hier auf dem Laufenden zu halten. Diese Woche gibt's allerdings nicht viel Neues. Ich plane gerade ein paar Tourtermine, aber die sind noch in weiter Ferne. Mein Buch „The Immortal Choir Holds Every Voice“ wird in ein paar Wochen erscheinen, und ihr könnt immer noch signierte Exemplare bei Firestorm Books vorbestellen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen persönlicheren Beitrag geschrieben habe, also hier ist er. Nächste Woche melde ich mich mit weiteren Gedanken dazu zurück, wie wir diese unsinnige Situation meistern können, mit der wir es gerade zu tun haben.

Der Zweck der Erinnerung


Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich nachts durch einen Wolkenkratzer in Seattle gelaufen bin, vorbei an leeren Büros, unsicher, ob ich am richtigen Ort war, mit meiner Akkordeon auf dem Rücken. Ich bog um eine Ecke und fand die Show. Alle Punks, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, hatten sich versammelt, um Protest- und Kriegslieder zu hören. Und plötzlich wusste ich, dass ich kein guter Musiker war, um mich der Band anzuschließen.

Das war keine falsche Bescheidenheit, keine Nervosität oder Lampenfieber. Ich war einfach nicht gut genug, um mich in den Lärm einzureihen. Ich lieh jemand anderem meine Ziehharmonika, aber bald legte er sie beiseite und spielte auf einer besseren, einer ohne undichte Balg.

Ich saß in der Ecke, die Kapuze über den Kopf gezogen, melancholisch, ohne traurig zu sein. Melancholie ohne Traurigkeit und Zufriedenheit ohne Freude sind meine ständigen Begleiter, egal ob ich wach bin oder träume. Alte Bekannte gingen an mir vorbei, ohne mich anzusprechen, dann kniete sich jemand, den ich entweder nicht kannte oder nicht mehr in Erinnerung hatte, neben mich, um nach mir zu sehen.

„Alles in Ordnung?“, fragten sie.

„Ja, alles in Ordnung“, antwortete ich. „Ich bin nur in Gedanken versunken.“

„Möchtest du etwas trinken?“

Ich wusste, dass ich ja sagen sollte, dass ich meine selbst auferlegte Isolation aufgeben und versuchen sollte, mich unter die Leute zu mischen, in deren Gesellschaft ich saß.

„Ich glaube, ich trinke nicht mehr“, sagte ich zu der Person, was auch stimmt, und sie ging.

Ich wachte auf und dachte an meine Ziehharmonika, die auf der Fensterbank in meinem Büro steht und selten gespielt wird.

Ich habe kein natürliches Talent für Musik. Ich bin ohne musikalisches Gehör und ohne Rhythmusgefühl geboren und aufgewachsen, und es hat intensives Lernen und Üben gekostet, um überhaupt etwas Musikalisches zu erreichen.

So wie ich es verstehe, ist Talent eine natürliche Begabung für etwas, aber Talent ist nicht erforderlich, um eine Fertigkeit zu erlernen. Ich kann Musik mit Schreiben vergleichen. Das Schreiben fällt mir leicht. Ich habe unglaublich viel geübt und gelernt, um das klarzustellen, aber diese Übung entspricht etwas Angeborenem und wird leichter belohnt.

Musik? Musikalische Erfolge liegen auf einem schlammigen Abhang, den ich mit purer Willenskraft erklommen habe, und trotzdem liegt der Abhang immer noch vor mir. Ich liebe die Musik, die ich gemacht habe. Jahrelang habe ich meinen kargen Lebensunterhalt damit verdient, auf der Straße Akkordeon zu spielen. Meine Bandkollegin Laura hat mir eine Testpressung unserer ersten Platte eingerahmt geschenkt, und vielleicht bin ich darauf stolzer als auf mein erstes Buch. Aber ich bin nicht einmal halb so guter Musiker, wie ich gerne wäre. Ich kann nicht einfach in eine Band einsteigen und wissen, was gespielt wird oder was ich dazu spielen soll. Ich kann Songs nur von Grund auf aufbauen – und das meist nur am Computer. Ich bin ein kompetenter Komponist und ein inkompetenter Performer.

Bei diesem Traum ging es aber letztendlich nicht um meine Unsicherheiten als Musikerin. Es ging darum, die Punks und Anarchisten zu finden, mit denen ich aufgewachsen bin, und darum, in Erinnerung zu bleiben und mich an Menschen zu erinnern.

Wisst ihr, ich habe in letzter Zeit sorgfältig versucht, Nostalgie zu vermeiden, mit mäßigem Erfolg. Aber jetzt, wo die Wände um die Antifaschisten in den USA immer näher rücken und unsere Zukunft unsicherer wird, denke ich darüber nach, wer ich bin, wer ich war und wer ich noch sein könnte. Nicht mit Traurigkeit, nicht mit Freude, sondern mit Melancholie und Zufriedenheit. Manchmal wurde mir gesagt, ich hätte wenig emotionale Affekte, und das mag stimmen, aber mein Gefühlsleben ist reich und nuanciert, auch wenn es nicht besonders dramatisch ist.

Ein alter Freund hat mich gestern wegen etwas kontaktiert, und ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Er erzählte mir von unseren gemeinsamen Zeiten in Denver und New York vor mehr als zwanzig Jahren und davon, wie ich ihn aufgemuntert habe, indem ich für ihn Akkordeon gespielt habe, nachdem er von einem gemeinsamen Freund versetzt worden war. Du weißt schon, der Typ mit dem Stick-and-Poke-Tattoo, auf dem „Never trust yuppie“ steht, und dem später noch ein „A“ hinzugefügt werden musste, damit es einen Sinn ergab.

Ein alter Freund hat mich kontaktiert und mir erzählt, wie wir in Jackson Heights schlechte Fernsehsendungen auf alten VHS-Kassetten geschaut haben, und die Geschichte kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Das Foto zeigt ein geöffnetes Tagebuch ohne Einträge, das auf einem grob gezimmerten Tisch liegt. Zwischen den aufgeschlagenen Seiten liegt ein Stift.
Foto: David Schwarzenberg, CC0, via Wikimedia Commons
Damals verstand ich noch nicht, wie Zeit und Erinnerung funktionieren. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es heute besser verstehe. Als ich anfing, per Anhalter zu fahren, auf Züge aufzuspringen und in besetzten Häusern zu leben, sagte mein Vater zu mir: „Führ ein Tagebuch, denn du wirst dich nicht an alles erinnern.“ Aber ich war 19 Jahre alt und ignorierte den Rat meines Vaters, als wäre es ein Vollzeitjob. Wie hätte ich mich nicht erinnern können?

Eines Tages, wahrscheinlich 2004, als ich allein in einem Baum in den Wäldern von Oregon saß, holte ich mein Notizbuch heraus und schrieb jede einzelne Mitfahrgelegenheit auf, die ich jemals beim Trampen bekommen hatte, weil ich mich an jede einzelne erinnern konnte. Man vergisst nicht die schwulen Fallschirmspringlehrer, die nicht wissen, dass sie schwul sind, die einen in Kansas City mitgenommen haben. Man vergisst nicht den Typen, der aussieht und klingt wie Jack Nicholson, aber wahrscheinlich nicht Jack Nicholson war. Man vergisst nicht die Lesben mit dem Pickup, die einen nicht vorne mitnehmen wollten, sondern einen wie Fracht die Pazifikküste entlang transportierten. Man vergisst das nicht, oder?

Ich schrieb die Liste auf und stellte fest, dass ich 99 Mitfahrgelegenheiten gehabt hatte. Als ich aus diesem Wald herauskam und von Eugene nach Portland fuhr, bekam ich meine 100. Mitfahrgelegenheit. Ein ziemlich unscheinbarer Mann (aber jede Mitfahrgelegenheit ist unvergesslich?), der mir, als ich ihm sagte, dass er meine 100. Mitfahrgelegenheit war, sagte, ich solle in einen Samtbeutel greifen und einen Preis herausholen.

Der Beutel war voller Kleinigkeiten, und ich zog einen kleinen Plastikstern heraus, der im Dunkeln leuchtet und vielleicht irgendwo in einer Kiste in meinem Keller liegt, aber wahrscheinlich nicht. Ich verbrachte fünfzehn Jahre auf einer wilden Suche, um zu sehen, wie oft ich von diesem Ort zu jenem Ort wandern konnte, um zu sehen, wie schnell ich mein Herz brechen konnte, um so zu tun, als würde ich keine Herzen brechen. Ich rannte von Protest zu Protest und von Stadt zu Stadt, überzeugt davon, dass jede Erinnerung allein dadurch, dass sie interessant war, in meinem Gehirn eingebrannt war. Aber heute hat sich ein alter Freund bei mir gemeldet, und ich erinnerte mich an das beschissene Tattoo seines Partners, aber ich erinnerte mich nicht an ihn.

Ich erinnerte mich an das Haus in Jackson Heights, wo wir rumhingen, weil ich mich daran erinnerte, dass ich auf einer Couch schlief, auf der irgendein Popstar gevögelt hatte (Kanye?), weil die Mutter eines der Punks für ein Tonstudio arbeitete und das Studio die Couch wegwerfen wollte, aber Punks sind verdammt eklig, also nahmen sie die Couch, und ich war eklig, also schlief ich darauf.

Meine Erinnerung ist ein Flickenteppich, und ich weiß, dass die Hälfte davon falsch ist, und alles ist ein Meer aus seltsamen kurzen Erinnerungen, und mein Vater hatte recht: Ich hätte besser aufschreiben sollen.

Die Sache ist jedoch, dass der Zweck der Erinnerung nicht darin besteht, Ereignisse in chronologischer Reihenfolge festzuhalten. Wir sind keine Computer. Wir bestehen aus Fleisch und Sternenstaub, und unsere Erinnerungen existieren, um uns als Wesen zu dienen, die aus diesen Dingen bestehen.

Wenn ich wach bin, kann ich Nostalgie gut in Schach halten. Ich lebe kein Leben voller rücksichtsloser Abenteuer mehr, in dem ich versuche, jeden Tag ein bisschen Adrenalin und Ruhm herauszuholen, aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben langweilig ist. Selbst wenn ich mir ein langweiliges Leben wünschen würde, würden die Klimakatastrophe und der Aufstieg des Faschismus dafür sorgen, dass „Langeweile“ nicht ganz oben auf meiner Liste potenzieller Beschwerden stehen würde. Wenn ich wach bin, lebe ich glücklich in der Gegenwart. Mein mieses Gedächtnis hilft mir dabei vielleicht sogar, denn der Nebel des Krieges verhüllt sowohl meine Vergangenheit als auch meine Zukunft.

Wenn ich aber träume, holt mich die Nostalgie regelmäßig ein. Ich habe diesen Traum, vielleicht einmal im Monat, in dem ich zurück nach Denver ziehe und versuche, meine alten Freunde zu finden. Ich gehe oft zu Häusern, die früher voller Punks, Sozialwohnungen, Müll, Fahrrädern, Gärten und noch mehr Müll waren. Manchmal sind die Häuser leer. Manchmal sind alte Freunde da, und vielleicht erkennen sie mich, vielleicht auch nicht, aber immer habe ich das Gefühl, dass etwas vorbei ist. Diese Leute, an die ich mich geklammert habe, während die Polizei mit Gummigeschossen schoss, diese Leute, mit denen ich gegen das Gesetz verstoßen habe, mit denen ich getrunken und geschlafen habe und mit denen ich Pläne geschmiedet habe, um die kapitalistische Regierung zu stürzen, sind verstreut. In diesen Träumen sind diese Leute weitergezogen, oder sie sind gestorben, oder sie haben sich nach einer Jugend voller lauter Verzweiflung in ein Leben in stiller Verzweiflung gefügt.

Es ist also irgendwie ironisch, dass ich im echten Leben andere Leute genauso vergessen habe, wie sie mich vielleicht vergessen haben.

Im echten Leben kenne ich immer noch viele von denen, die überlebt haben. Aus Denver und von überall her. Vielleicht sind die meisten von uns nicht mehr an vorderster Front (obwohl einige es immer noch sind), aber die meisten von uns arbeiten hinter den Kulissen.

Juristen und Mediziner, Historiker und Autoren, Musiker und Organisatoren – wir sind alle noch da. Meine Träume von Denver handeln nicht wirklich davon, Menschen als Individuen zu verlieren, glaube ich. Es sind einfach Träume vom Älterwerden, vom Wandel. Davon, dass man nie wirklich in eine Stadt zurückkehren kann, in der man gelebt hat, weil die Stadt, in der man gelebt hat, verschwunden ist und an ihrer Stelle eine neue Stadt entstanden ist.

Das sollte uns nicht traurig machen, sondern froh – es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Selbst wenn man an einem Ort bleibt, lebt man jeden Tag an einem neuen Ort.

Unsere Erinnerungen sind nicht „schlecht“ oder „fehlerhaft“, wenn sie keine vollständige und objektive Aufzeichnung von Ereignissen liefern. Der Zweck der Erinnerung ist es, uns Erinnerungen zu schenken.

Besondere Momente, Orte, Menschen, an die wir zurückdenken können, um die Gegenwart zu verstehen und einen Weg in die Zukunft zu finden. Erinnerungen sind wie eine neblige Landschaft voller Schrecken und Trost, ein Ort, an den wir gehen können, um zu kämpfen oder Zuflucht zu suchen – ähnlich wie Träume. Wenn du dich an alles erinnern willst, musst du es bewusst in Tagebüchern oder anderen Aufzeichnungen festhalten.

Das bedeutet natürlich, dass mein Vater Recht hatte. Er hat in vielen Dingen Recht, vielleicht sogar in den meisten. Er verbringt seinen Ruhestand in seiner Werkstatt im Keller und schnitzt abstrakte Formen aus Holzstücken.

Ich weiß, dass ich über Erinnerung nachgedacht habe, und ich weiß, dass ich in Erinnerungen lebe, um mich nicht auf die Schrecken der Gegenwart zu fixieren, und das stört mich nicht. Draußen regnet es, und mein Hund schläft mit seinem Kinn auf meinem Fuß. Die Zukunft fühlt sich ungewiss an, die Vergangenheit fühlt sich ungewiss an. Ungewissheit bedeutet Möglichkeiten, muss ich mir sagen. Alles könnte passieren. Und je mehr ich über Geschichte lese und je mehr ich von alten Freunden höre, an die ich mich nicht mehr erinnere, desto mehr wird mir klar, dass alles schon passiert sein könnte. So vieles ist noch ungeschrieben.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Purpose of Memory or: instead of a journal,  14. Mai 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


„Take back the night“: Walpurgisnacht in Berlin

Das Foto von © Björn Obmann zeigt die Demo mit dem Fronttranspi "In Solidarity we fight - take back the Night" und den dahinter laufenden schwarzen Block, gefolgt von vielen anderen Menschen.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Über 3.500 FLINTA* zogen unter dem Motto „Take back the night“ am Vorabend des 1. Mai 2025 von Berlin-Kreuzberg nach Friedrichshain, um gegen Patriarchat, Staat und Kapital zu protestieren. Mit einem schwarzen Block an der Spitze nahmen sich die Teilnehmenden lautstark und begleitet von Pyrotechnik die Nacht zurück. Polizei trat martialisch auf. Teilweise versuchten Streamer und Außenstehende zu provozieren. Die Demonstration löste sich am Boxhagener Platz selbstbestimmt auf und zerstreute sich im Kiez.

„Weltweit kämpfen Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinäre, Trans* & Agender (FLINTA*) Menschen für ihre Freiheit. Von Sudan, Iran, Palästina über Kongo bis nach Kurdistan und darüber hinaus. Kämpfe müssen in ihrer Verbundenheit gesehen und intersektional gedacht werden. Denn die Verwobenheit von Kapitalismus, Kolonialismus & Patriarchat schafft die Bedingungen, um FLINTAS* weltweit zu unterdrücken, zu domestizieren und zu ermorden. Wir stehen in Solidarität mit allen Unterdrückten überall“. (aus dem Aufruf)
Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


Weitere Ereignisse zu diesem Thema
Links

Alles raus zum 1. Mai!

Als Motiv von Il Quarto Stato wird eine aus der Dunkelheit ins Licht hervorschreitende Masse von Landarbeitern abgebildet; ein Demonstrationszug von Menschen beiderlei Geschlechts und fast jeden Lebensalters, der dem Betrachter frontal (auch konfrontativ), fordernd und selbstbewusst entgegenzumarschieren scheint (sinnbildlich „aus dem Schatten der Vergangenheit und der Geschichte in die erleuchtete Gegenwart“). Dessen vorderste Linien nehmen die gesamte Breite des Gemäldes ein. Ein Ende des Menschenstroms, der sich bis zum in der Dunkelheit angedeuteten Horizont zu erstrecken scheint, ist nicht auszumachen.  Im Zentrum und Vordergrund sind drei auf dem Originalgemälde lebensgroß dargestellte Personen (zwei entschlossen wirkende Männer und eine in klagender Mimik seitlich herbeitretende, vom Hochrenaissance-Maler Raffael inspirierte madonnenhaft erscheinende Frau mit männlichem Kleinkind auf dem Arm) als hervorstechende bzw. anführende Einzelpersonen mit individuellen Zügen zu erkennen; wohingegen die einzelnen Menschen der unmittelbar dahinter folgenden Menge oft nur schemenhaft erscheinen – sozusagen noch in der Anonymität der Masse verborgen und mit ihr verschmelzend.
Der vierte Stand“ (1901) von Giuseppe Pellizza da Volpedo zählt zu den bekanntesten Darstellungen des modernen Proletariats.

Berlin: Que(e)rstellen gegen rechten Aufmarsch

Das Foto von © Björn Obmann zeigt 2 behelmte Polizeibeamte die auf protestierende Menschen schauen. Diese halten ein Transparent mit dem Text: "80 Jahre Befreiung - Antifa bleibt ..."
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
In einem neuen Bündnis „Gemeinsam für Deutschland“ gingen am 26. April 2025 bundesweit Querdenker mit gewaltbereiten Neonazis auf die Straße. In Berlin war die Demo mit ca. 300 Teilnehmer*innen dominiert von jungen Neonazis. Eine Distanzierung durch die Querdenker und „Friedensdemonstrant*innen“ fand nicht statt. Unter dem Motto „Que(e)rstellen“ protestierten rund 500 Menschen gegen den Aufmarsch.

Trotz weiträumiger Absperrungen mit Gittern gelang es Antifaschist*innen, die Strecke an mehreren Stellen zu blockieren. Die Polizei räumte die Sitzblockaden mit Gewalt und setzte dabei auch Pfefferspray und Hunde ein. Dennoch wurde der Naziaufmarsch die gesamte Zeit lautstark von Antifaschist*innen begleitet. Am Potsdamer Platz löste sich die Nazidemo auf, ohne wie geplant wieder zum Startpunkt zurück zu laufen.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


Für einen gerechten Frieden in Palästina

Mit Entsetzen und Empörung schauen auch die Studierenden der Bergischen Universität Wuppertal nach Palästina – Israel!

Die Gruppe Students for Palestine Wuppertal an der Bergischen Universität

Von Sebastian Schröder

Veranstaltungsflyer mit den im Text erwähnten Vorträgen und FilmenIm Frühjahr 2024 haben sich Studierende in Wuppertal zusammengeschlossen, mit der Forderung nach Gerechtigkeit!
Gegen das Schweigen und die Doppelmoral beim Großteil der Studierenden und Lehrenden in Wuppertal erheben sie mutig ihre Stimme in der Öffentlichkeit, bereits im dritten Semester.

Als Teil der internationalen Welle studentischer Proteste sind sie verbunden mit unzähligen Menschen überall auf der Welt.

Sie kritisieren die Kriegsverbrechen und die Besatzung, und die Zusammenarbeit der BUW mit der Ben-Gurion-Universität des Negev (BGU) in Beer Sheva:

„Die BUW pflegt eine Kooperation mit der BGU, die Hand in Hand mit der israelischen Armee (IDF) arbeitet. Die IDF baut beispielsweise ein Forschungs- und Enwicklungszentrum direkt am Campus und gemeinsam Programme wie „Lightening“ und „Thunder“ sollen zukünftigen Rekruten beste akademische Voraussetzungen in Bereichen wie z. B. Maschinenbau und Elektrotechnik bieten. Studierende, die sich für diese von der IDF und BGU finanzierten Programme bewerben müssen sich vorher einer IDF Musterun unterziehen und von der israelischen Armee akzeptiert werden.“

Dagegen haben Students for Palestine Wuppertal eine Petition initiert: Forderung der Beendigung der Kooperation der BUW mit der Ben-Gurion-Universität des Negev

Für das Sommersemester 2025 sind viele Veranstaltungen geplant:

Filmvorführung von No other land am 24. April, 18 Uhr, Hörsaal 11, Gebäude L, (L.09.31)

Bereits im November hat die Gruppe zum gemeinsamen Kinobesuch von No other land im Cinema Wuppertal aufgerufen als Teil des Programms im Wintersemester.

Vortrag: Die Nakba und ihre Auswirkung, 15. Mai, 18 Uhr, Hörsaal 11, Gebäude L, (L.09.31)

Gastvortrag: The journey of unlearning zionism vión YuvalGal Cohen (Jüdisch-Israelischer Dissens), 28. Mai, 18 Uhr, Hörsaal 13, Gebäude L, (L.09.21)

Vortrag und Doku: Jenin – eine Stadt im Widerstand, 5. Juni, 18 Uhr, Hörsaal 11, Gebäude L, (L.09.31)

weitere Veranstaltungen in Vorbereitung

Bisher gab fünf Kundgebungen im zentralen Bereich des Campus, das mehrtägige Palästina-Protest Camp, öffentliche Vorführungen der Filme Tantura, Die Siedler der Westbank, Israelism, Vom Giessen des Zitronenbaums, eine Buchvorstellung „Israels Irrweg“ von Rolf Verleger, den Themenabend Hebron

Die bewegendste Veranstaltung war der Abend mit den Berichten von Nuha und Abdallatif. Die Gäste konnten teilhaben Kindheit und Jugend in Gaza und Libanon, an den Geschichten der Familien. Vertreibung, Gewalt, Exil über Generationen bis heute wurden ganz konkret, auch über Fotos der Vorfahren und der Orte.

Studierende, geht weiter auf dem Weg von Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit!

Mehr Informationen

Warum fehlen die Toten vom Februar 1919?

Die Vorderseite der Broschüre zeigt in der oberen Hälfte das Gebäude der ehemaligen Bundesbahndirektion am Döppersberg vom Treppenbegin gesehen und in der unteren Bildhälfte das Gebäude aus der Luft gesehen.
Die Broschüre der Stadt Wuppertal (Screenshot)
Die neue Broschüre über die Eisenbahndirektion Wuppertal ist unvollständig - von Sebastian Schröder, Diplom-Soziologe

Zur Geschichte des Gebäudes der Eisenbahndirektion am Döppersberg ist eine neue Broschüre von Dr. Michael Okroy erschienen, herausgegeben von der Stadt Wuppertal mit Unterstützung der Landeszentrale für Politische Bildung NRW: „Die Bundesbahndirektion Wuppertal – Von der Preußischen Staatsbehörde zum neuen Stadthaus“.

Die gerade erschienene Broschüre wird für die kommenden Jahrzehnte die offizielle Darstellung der Geschichte der Eisenbahndirektion sein. Das Gebäude soll Wuppertals Prestigeobjekt werden, das „neue Stadthaus“.

Okroy präsentiert die Historie des Ortes seit den preußischen 1840er Jahren über das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Faschismus bis in die BRD.

Die Eisenbahn war im jungen deutschen Nationalstaat das wichtigste Verkehrsmittel, die Eisenbahn war zugleich Motor und Symbol der Industrialisierung. Der stetige Ausbau des Streckennetzes und des Verkehrs machte die Vergrösserung der Verwaltung notwendig. In Elberfeld wurde die Eisenbahndirektion in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof gebaut.

Architektonisch ist das gigantische Verwaltungsgebäude von 1875 im Stil des Klassizismus errichtet; innen herrschte der Geist des autoritären Kaiserreiches.

Ab 1914 war das Wuppertal eines der großen Drehkreuze des Aufmarsches zur Westfront. Der Erste Weltkrieg konnte nur mit dem modernen Transportmittel Eisenbahn geführt werden.

Wichtig sind Okroys Schilderungen der konkreten Verbrechen, die nach dem Ende des Kaiserreiches aus dem Gebäude heraus verübt wurden und die er etwas schief als „kontaminierte Geschichte“ bezeichnet.

So hatten 1922/23 die Freikorps während des sogenannten Ruhrkampfes dort ihr Hauptquartier, in enger Verbindung mit der Eisenbahnbürokratie und den Stahlbaronen: „Ruhrindustrielle wie Krupp und Stinnes, aber auch die Reichsbahn selbst, zielten anfänglich auf die wirksame Störung des Eisenbahnverkehrs durch Sprengstoffanschläge auf Schienenwege und Brücken.“. Die faschistischen Terroristen der „Organisation Heinz“ haben aus der Eisenbahndirektion Sabotage gegen die französischen Truppen im Ruhrgebiet geplant und koordiniert. Der berüchtigte Schlageter-Kult der Rechten hat in Elberfeld seinen Anfang.

Im Faschismus war die Eisenbahndirektion Schaltstelle der regionalen Deportationen der jüdischen Menschen und der Sinti und Roma in die Vernichtungslager.

Die Reichsbahn im Wuppertal hat sich während des Zweiten Weltkriegs auch des massiven Einsatzes von Zwangsarbeiter:innen schuldig gemacht.

Julius Dorpmüller, Wilhelm Kleinmann und Ludwig Röbe sind zentrale Täter des Naziregimes, die den Eisenbahnverkehr im faschistischen Deuschland und später in den besetzten Gebieten organisiert haben, und die unmittelbar mit der Eisenbahndirektion Elberfeld verbunden sind.

Aber ein Ereignis fehlt in Dr. Okroys Dokumentation:

„Der 17. März 1920 [Kapp-Putsch , wie der 18. und 19. Februar, sind die Tage der Wuppertaler Stadtgeschichte, an denen außerhalb von Kriegszeiten die meisten Todesopfer durch gewaltsame Auseinandersetzungen zu verzeichnen sind.“ Reiner Rhefus: Empor aus Nacht zum Licht – Die Revolution von 1918-1919 im Wuppertal, Essen 2018, Seite 209

(dazu auch kurz bei Wittmütz, Volkmar: Kleine Wuppertaler Stadtgeschichte, Regensburg 2013, Seite 127)

Herr Dr. Okroy: Wieso fehlen die toten Arbeiter:innen des Februar 1919?

Rhefus schildert in insgesamt vier Kapiteln die Geschehnisse vom 18. und 19. Februar 1919.

Die Revolution vom 9. November 1918 beendete den Krieg, verjagte den Kaiser und wollte ein wirklich demokratisches Deutschland schaffen. Überall bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, auch im Wuppertal, hier sogar schon am 8. November!

Aus der am 19. Januar gewählte Nationalversammlung ging am 13. Februar die SPD-Regierung (Kabinett Scheidemann) mit Bluthund Noske als Reichswehrminister hervor. Sofort wurden von der neuen Regierung die faschistischen Freikorps gegen die Arbeiter- und Soldatenräte in Bewegung gesetzt und der Angriff gegen die Linke intensivierte sich. „In weiten Teilen des Ruhrgebiets herrschte Bürgerkrieg. Anfang Februar war die Bremer Räterepublik mit militärischer Gewalt zerschlagen worden. Ein ähnliches Auftreten der Regierungssoldaten hatten in den Tagen die Ruhrgebietsstädte Hagen, Buer, Bottrop, Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg-Hamborn und Dorsten erlebt“ (Rhefus: 207)

Zur Rettung der Räte und der Ziele der Revolution wurde am 18. Februar in Essen für Westdeutschland der Generalstreik für den kommenden Tag beschlossen.

In Elberfeld wurde am 18. Februar 1919 beobachtet, dass am Bahnhofsgebäude das Plakat der KPD zum Generalstreik von einem Bahnangestellten entfernt wurde.

„Die höheren Bahnbeamten der Eisenbahndirektion standen (.) in Verdacht, mit den Freikorps und den gegenrevolutionären Kräften zu paktieren. Es war bekannt, dass sich in der Eisenbahndirektion und im Bahnhof Waffenlager befanden“ (ebd.: 197).

Vom Elberfelder Rathaus aus zog eine aufgebrachte Menschenmenge zum Bahnhof und forderte Aufklärung von den Verantwortlichen. Während des Disputes um das abgehängte Plakat wurde bekannt, dass im Waffenlager der Eisenbahndirektion auch zwei Maschinengewehre lagern könnten.

„Die Eisenbahndirektion Elberfeld war während des Krieges, wie alle Eisenbahndirektionen, als kriegswichtige Institution eng in die militärische Verwaltung eingebunden. Die „Liniencommandantur“ in der Eisenbahndirektion war neben dem Bezirkskommando die wichtigste militärische Leitstelle der Stadt“ (ebd.: 197)

Deshalb gab es nach der Novemberrevolution immer noch eine bewaffnete „Sicherheitswehr“ im Gebäude, die formal dem Arbeiter- und Soldatenrat Elberfeld unterstellt war. Natürlich haben diese Bahnbeamten zu keinem Zeitpunkt im Sinne des Arbeiter- und Soldatenrates gehandelt, sondern genau im Gegenteil!

Und anstatt am 18. Februar den Protestierenden die berechtigte Möglichkeit zur Überprüfung der Vorwürfe zu geben, wurde der Einlass verwehrt und mit einem ausgelösten Schuss begannen die Soldaten der Sicherheitswehr, vom Gebäude aus die Menschenmenge auf dem Vorplatz zu schiessen. „Eisenbahnobersekretär Fliegenschmidt soll Anweisung gegeben haben: „Gebt kein Pardon, schiesst die Hunde über den Haufen!“ (ebd.: 200).

Vier Menschen wurden getötet: Anna Maria Eller, 26 Jahre alt; Elfriede Rossbach, 41 Jahre alt; Walter Kanzler, 36 Jahre alt; Josef Schäfer, 31 Jahre alt. Es wurden mindestens 16 Menschen verletzt.

Schliesslich konnte die Bevölkerung das Gebäude stürmen und die verantwortlichen Eisenbahner und Soldaten – ohne dass diese zu Schaden kamen – ins Elberfelder Rathaus bringen. Dort wurden sie nach einer Befragung durch den Arbeiter- und Soldatenrat entlassen.

Und es wurde noch schlimmer: In der Nacht des 18. Februar gelangen mindestens 180 Soldaten des Freikorps Niederrhein auf Veranlassung der Eisenbahnverwaltung unbemerkt in die Eisenbahndirektion und beginnen in der Nacht den Angriff auf die Elberfelder Innenstadt. In dieser Nacht lässt der Arbeiter- und Soldatenrat in Barmen die Glocken der Antoniuskirche und der Gemarker Kirche Sturm läuten, um vor der drohenden Gefahr zu warnen. Bewaffnete Arbeiter des Arbeiter- und Soldatenrates treten den rechten Söldnern entgegen und der Kampf geht am 19. Februar über Poststraße, Kolk, Kerstenplatz, Neumarktstraße bis zur Gathe, zum Neuenteich und Hombüchel.

Nach Verhandlungen wird im Laufe des Tages in Elberfeld ein Waffenstillstand vereinbart und die allgemeine Steikleitung findet für Westdeutschland den Kompromiß: „Rückzug der Soldaten und Ende des Generalstreiks“ für den 21. Februar (ebd.: 207).

Zu den vier Getöteten vom 18. Februar kommen Neun weitere hinzu: Willi Borgmann, 19 Jahre alt; Julius Kaps, 18 Jahre alt; Gustav-Walter Diedrich, 25 Jahre alt; Ernst Simon, 14 Jahre alt; Van der Velde, ohne Angabe; Karl Born, 66 Jahre alt; Lückenhaus, 20 Jahre alt; Albert von Berg, ohne Angabe; Schwalferberg, 32 Jahre alt . Insgesamt werden 66 Menschen verletzt, davon 21 schwer (ebd.: 207 f.)

Diese Verbrechen bleiben ungesühnt, ebenso wie die Ermordung der vier Bürger.innen tags zuvor.

Im grossen Gerichtsprozess im Mai 1919 vor dem Elberfelder Landgericht zur Auseinandersetzung vom 18. Februar waren nämlich nur drei der Protestierenden wegen Landfriedensbruch angeklagt, von denen einer verurteilt wurde. Die Bahnbeamten wurden dagegen von der Klassenjustiz geschützt: „Die auf Seiten der Eisenbahnbehörden Beteiligten wurden lediglich als Zeugen geladen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Beamten in Notwehr gehandelt hatten“ (ebd.: 202).

Reiner Rhefus betont: „Die Verantwortung der Wachmannschaft, die über ein Arsenal von Gewehren verfügte, wurde vor Gericht nicht verhandelt. Obwohl bei der Zeugenvernehmung deutlich wurde, dass die Sicherheitswehr ohne Befehl blindlings in die Menge, auf Fliehende, auf Personen, die Verwundten helfen wollten und auf Personen, die eine weiße Fahne hielten, geschossen hatten.“ (ebd.: 314)

Lüge, Gewalt und Unterdrückung oder Brot, Arbeit und Frieden; darum ging der Kampf im Frühjahr 1919. Die Zerstörung der Räte durch die SPD und die Bürgerlichen ebnete den Weg zum 30. Januar 1933…

Erstveröffentlichung 21. April 2025
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